Berlinale-Preisverleihung - Frieren für den Film: "Da müssen Sie jetzt durch"

Berlinale Preisträger 2021 (Quelle: dpa/Axel Schmidt)
Bild: Audio: Inforadio | 14.06.2021 | Nadine Kreuzahler

Die Bären der Berlinale stehen schon seit März fest. Jetzt konnten sie endlich feierlich verliehen werden. Nadine Kreuzahler war im Freiiuftkino auf der Museumsinsel dabei - und musste lange frieren.

Wer glaubt, nur weil die Entscheidung für Preise schon längst feststehen, wäre die Luft raus und die Anspannung weg, der wurde bei der Berlinale-Preisverleihung am Sonntagabend eines Besseren belehrt. "Ich bin super aufgeregt", sagt Maren Eggert. "Selten in meinem Leben war ich so aufgeregt und ich stehe schon seit Tagen neben mir eigentlich", gibt sie am Roten Teppich zu.

Sie strahlt in einer silberweiß glitzernden, bodenlangen, aber luftigen Abendrobe vor der historischen Kulisse der Museumsinsel. Als sie dann auf der Bühne des Freiluftkinos den Silbernen Bären für die "beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle" entgegennimmt, zittert ihre Stimme.

Die Schauspielerin spielt in Maria Schraders Wettbewerbsfilm "Ich bin dein Mensch" eine Wissenschaftlerin am Pergamonmuseum, die sich in einen Roboter verliebt. Am Abend zuvor konnte der Film im Freiluftkino Friedrichshain zum ersten Mal vor Publikum gezeigt werden. Maren Eggert stand vorher noch im Deutschen Theater auf der Bühne, wo sie festes Ensemblemitglied ist, und eilte danach schnell auf die Berlinale. "Ich habe schon von weitem das Lachen der Menschen gehört, alle haben sich gefreut, und das war so schön, gerade weil wir schon so lange darauf warten, den Film endlich zeigen zu können".

Zum ersten Mal hat die Berlinale die Schauspielpreise genderneutral vergeben. Für die "beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle" wurde die junge Ungarin Lilla Kizlinger ausgezeichnet, die die Jury in "Forest – I see you everywhere" von Bence Fliegauf beeindruckt hat. Sie nutzte ihre kurze Dankes-Rede dafür, die staatliche Einflussnahme auf Kultureinrichtungen in ihrem Heimatland anzuprangern.

Regiesseurin Alice Diop (Quelle: dpa/Axel Schmidt)
Regiesseurin Alice DiopBild: dpa/Axel Schmidt

Die Frau des Abends

Die Frau des Abends hieß Alice Diop. Die französische Regisseurin durfte gleich zwei Trophäen entgegennehmen. Ihr Dokumentarfilm "Nous" – "Wir" ist nicht nur "Bester Film" in der Reihe Encounters. Auch den vom rbb gestifteten, mit 40.000 Euro dotierten Dokumentarfilmpreis konnte Diop mit nach Hause nehmen. "Das ist mein Tag", sagt Alice Diop.

Dank der Berlinale werde das wohl auch ihr Jahr. Der Film laufe jetzt auf vielen weiteren Festivals und ihr Terminkalender sei voll. Erst habe sie gezweifelt, erzählt sie, ob das, was sie über die Banlieues erzählt, überhaupt universal gültig ist. Die Berlinale zeige ihr nun, dass sie Themen anspricht, die überall in Europa und in der Welt wichtig sind.

"Nous" porträtiert Menschen in den Pariser Vorstädten, spürt der eigenen Familiengeschichte nach und zeigt die Spaltung der Gesellschaft. Gleichzeitig sucht der Film aber nach einem "Wir". "Das passiert ausgehend von verschiedenen Strängen, zum Beispiel ausgehend von den Geschichten der Migranten, die sich verweben mit anderen Geschichten und dadurch erst Gemeinschaft hervorbringen", sagt Alice Diop in ihrer Dankesrede. "Mehr als Spannungen, oder Zerreißproben, bringt das eher die vielleicht sogar beruhigende Frage hervor, wie wir das alles gemeinsam meistern können. Und ich glaube sehr stark, dass das eine der drängendsten Aufgaben ist, die vor uns liegt."

Mariette Rissenbeek, Geschäftsführerin der Internationalen Filmfestspiele Berlin und Carlo Chatrian, Künstlerischer Leiter der Berlinale. (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
Mariette Rissenbeek, Geschäftsführerin der Internationalen Filmfestspiele Berlin und Carlo Chatrian, Künstlerischer Leiter der BerlinaleBild: dpa/Jens Kalaene

Positive Zwischenbilanz

Das Wir beschwören möchte auch die Berlinale mit ihrem Summer-Special. Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek zieht eine positive Zwischenbilanz: "Ich bin ja auch in den anderen Spielstätten und merke wie begeistert das Publikum ist. Die Stimmung ist einfach bombig und insgesamt ist das, was wir wollten, Leute wieder für Kino zu begeistern, voll aufgegangen."

Der künstlerische Leiter Carlo Chatrian, der zuvor lange Jahre das Filmfestival von Locarno geleitet hat, fügt – auf Deutsch - hinzu: "In Locarno habe ich etwas verstanden: Wenn ein Film auf einem Platz gezeigt wird, wird er etwas mehr als ein Film. Er wird ein Teil der Gemeinschaft. Und hier auf der Museumsinsel sind wir im Herzen der Stadt."

Intensive Jury-Arbeit

Bis zum Screening des Goldenen-Bären-Gewinners, "Bad Luck Banging or Looney Porn" des Rumänen Radu Jude, heißt es an diesem Abend: Sitzfleisch haben und frieren. "Da müssen Sie jetzt durch", scherzt die Produzentin des Films, Ada Solomun.

Es ist kühl und windig, anderthalb Stunden lang werden Preise um Preise in mehreren Sektionen und Kategorien überreicht. Vom GWFF-Preis für den besten Erstlingsfilm über die Goldenen und Silbernen Bären für die besten Kurzfilme bis zu den Encounters-Preisen und Wettbewerbs-Bären.

Die sechsköpfige internationale Jury für den Wettbewerb bestand diesmal nur aus ehemaligen Gewinnern des Goldenen Bären. Im Februar konnten sie die Filme am leeren Potsdamer Platz in einem Kino schauen. Nur der iranische Regisseur Mohammad Rasoulof konnte nicht persönlich dabei sein, so wie auch jetzt zur Preisverleihung nicht. Er ist im Iran weiterhin mit einem Ausreise- und Berufsverbot belegt.

Die Jury-Arbeit sei eine intensive Erfahrung gewesen, erzählt Regisseurin Jasmila Zbanic. "Ich habe zum ersten Mal nur mit Regisseur*innen in einer Jury gesessen, wir alle haben starke filmische Visionen, Handschriften und Auffassungen. Deshalb gab es viele Diskussionen und es war sehr interessant, weil wir alle einen so unterschiedlichen Hintergrund haben. Mit 'Bad Luck Banging or Loony Porn' hat der richtige Film gewonnen. Wir brauchen einen solchen Film und ich denke, er wird vielen Menschen gefallen."

Radu Jude (Quelle: dpa/Axel Schmidt)Gewinner des goldenen Bären Radu Jude

Spuren der Pandemie

Der Film des rumänischen Regisseurs Radu Jude wurde als bester Film im Wettbewerb mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. "Das ist fantastisch", ruft Radu Jude auf Deutsch und liest dann ein Gedicht vor.

Seine Gesellschafts-Satire handelt von einer Lehrerin, die wegen eines Sex-Videos vor einem Eltern-Tribunal landet. "Back Luck Banging" spiegelt in drei Kapiteln die Gereiztheit der Gesellschaft und der Social-Media-Diskussionskultur und thematisiert als einziger Film im Berlinale-Wettbewerb auch direkt die Pandemie.

Diese ist auch bei der Preisverleihung noch allgegenwärtig, auch wenn Carlo Chatrian am liebsten nicht mehr drüber sprechen möchte, wie er sagt. Wegen der Reisebeschränkungen konnten einige der Preisträger nicht nach Berlin kommen. Auf der Bühne und im Publikum heißt es weiter Abstand wahren, herzliche Umarmungen und Händeschütteln sind tabu. Alles ist ein wenig steifer als sonst und die Preisverleihung zieht sich in die Länge. Trotzdem: Die Filmschaffenden genießen ihren Abend. Die Durststrecke war lang genug.

Sendung: Inforadio, 14.06.2021, 8.00 Uhr

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