Modedesigner #Damur aus Taiwan in seinem Atelier in Kreuzberg. (Quelle: rbb/Julia Vismann)
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Berliner Fashionweek wird digital - "Jetzt ein Statement setzen"

Bei der Neuausrichtung der Fashionweek während der Corona-Pandemie setzt Berlin auf die Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Darin liegt eine große Chance, denn die Modeindustrie arbeitet in vielerlei Hinsicht noch immer fast so wie vor einhundert Jahren. Von Julia Vismann

Nach einem Jahr Sendepause meldet sich die Berliner Fashionweek zurück. Unter strengen Hygieneauflagen finden in diesem Jahr Modenschauen ohne Publikum statt. Auf unterschiedlichen digitalen Formaten soll über Auswege aus der Krise diskutiert werden. Der Berliner Senat fördert die Neuausrichtung mit Workshops und Hybrid-Veranstaltungen mit 3,5 Millionen Euro.

"Der Branche geht es nicht gut", sagt Marcus Kurz, Geschäftsführer der Agentur Nowadays und Veranstalter der Fashionweek im Kraftwerk Berlin. Geschäfte hätten über einen langen Zeitraum geschlossen und Absatzquellen seien nicht mehr vorhanden. Das allerwichtigste sei, dass den Designer und Designerinnen mit der Fashionweek in der Krise eine Stimme und ein Kommunikationstool nach draußen geboten werde.

Virtuelle Studiobesuche

Designer wie Michael Sontag oder Kilian Kerner zeigen nun also Modenschauen im Kraftwerk, die live im Internet übertragen werden. Dazu gibt es aufgezeichnete Videos und mit dem Berliner Salon eine Modeausstellung, die online präsentiert wird.

Mit virtuellen Studiobesuchen werden im Fashion Open Studio Programm nachhaltige Designer vorgestellt. Darunter ist auch der aus Taiwan stammende Designer DAMUR, der sein Atelier in Berlin Kreuzberg hat. Mit seinem Instagram-Projekt #Kiosk sammelt er Alt-Kleider, um daraus Design-Unikate zu fertigen.

Modedesigner #Damur aus Taiwan in seinem Atelier in Kreuzberg. (Quelle: rbb/Julia Vismann)Instagram-Projekt #Kiosk

Die Strahlkraft des Hotels Adlon

Modedesignerin Anja Gockel setzt auf die Strahlkraft des Hotels Adlon. Sie hat zwölf internationale Tänzer und Tänzerinnen engagiert, die ihre Kollektion für den nächsten Herbst und Winter präsentieren sollen. Anja Gockels Geschäfte in Mainz, Köln und Berlin sind geschlossen. Doch gerade in der Krise will sich die Designerin mit ihrer Show für Mode, Kunst und Kultur einsetzen.

Sie habe das Gefühl, die Kreativen, die unter dem Lockdown leiden, würden alle nicht mehr gesehen. "Was haben wir davon, wenn wir unseren Körper schützen und unsere Seele verkümmert. Da müssen wir jetzt ein Statement setzen, dass wir nicht zu lange warten, bis wirklich jeder Künstler an der Aldi-Kasse sitzt", sagt Gockel. Sie komme aus einem Arzthaushalt und halte die strengen Maßnahmen gegen Covid19 für richtig.

Cool, lässig und bequem - aber mit Haltung

Mit ihrer Modenschau will Anja Gockel Mut machen. Seit 25 Jahren macht die Designerin nachhaltiges Modedesign, fair hergestellt in Deutschland. In ihrer neuen Kollektion "Embraceland" sind es die Gegensätze, die sich anziehen. Petrolfarbene, laszive Lackstoffe kombiniert sie mit Kaschmir des Leipziger Labels "Edelziege". Karomuster und Nadelstreifen machen ihren britischen Look aus.

Ihre neue Kollektion ist zwar elegant, sie sei aber auch für das Homeoffice geeignet, sagt Gockel. "Sie ist bequem, sie ist cool, sie ist lässig. Aber sie hat die Haltung, dass wir das hier schaffen und das wir uns nicht kleinkriegen lassen durch die Umstände die wir im Moment da draußen gerade haben."

Mode ist demokratisch

Auch die Gockel-Modenschau im Adlon wird live übertragen. Fashionweek-Geschäftsführer Marcus Kurz möchte, dass die Modenschauen und Gesprächsformate für jeden zugänglich sind. "Dadurch, dass wir es live streamen, ist es eher ein inklusives Konzept für die Zukunft."

Nicht nur die exklusive Modebranche, Redakteure oder Einkäufer können also nun an der Fashionweek teilnehmen. "Wirklich jedermann ist aufgerufen mitzumachen, sich zu informieren oder einfach nur zu genießen," sagt Kurz. Blogger und jeder Modeinteressierte können gleich einen Kommentar abgeben.

"Mode kehrt damit zurück zum Kunden, Mode ist demokratisch", sagt die Sytlistin Claudia Hofmann, Gründungsmitglied des Interessenverbandes Fashion Council Germany. Eine Woche lang wird die Berliner Fashionweek online sein - mit Mode, Kunst und Diskussionen.

Mode, Kunst und Clubkultur

Berlin sei die europäische Hauptstadt der Kreativindustrie. Das müsse nun genutzt werden, um das Profil als Modehauptstadt in Deutschland zu schärfen, sagt Marcus Kurz. Die Abwanderung der wichtigen Modemessen Premium und Neonyt nach Frankfurt sei bedauerlich. Aber er sehe darin auch eine Chance, um einen besseren Fokus auf die Berliner Designer und Designerinnen zu setzen.

Magdalena Schaffrin, Expertin für Grüne Mode vom Studio MM04 wünscht sich für die Berliner Modewoche mehr Experimentierfreude. Die Kunst- und Musikszene und auch die Clubkultur sollten mit einbezogen werden. "Dinge für die Berlin auch steht und international bekannt ist und geliebt wird", sagt Schaffrin.

Bereits bei dieser Ausgabe der Fashionweek gibt es mit "Berlin, Berlin" und dem "Reference Festival" zwei digitale Formate bei denen Mode, Kunst, Musik und Design zusammengedacht werden.

Höchst ineffiziente Modeindustrie mit hohem Co2 Fußabdruck

Bei der Neuausrichtung der Fashionweek setzt Berlin auf die Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Magdalena Schaffrin und Max Gilgenmann sind Mitveranstalter der Konferenz "202030 The Berlin Fashion Summit", auf der während der Fashionweek mit Experten über nachhaltige Konzepte für die Modebranche diskutiert werden soll. Die Modeindustrie arbeite fast so wie vor einhundert Jahren, sie sei höchst ineffizient mit hohem Co2 Fußabdruck und verursache Wasser- und Luftverschmutzungen.

Das Grundproblem sei, dass die Mode zu billig produziert werde, sagt Max Gilgenmann. Die Modeindustrie stehe gerade unter hohem Druck, sich nachhaltiger aufzustellen. Das wird auch im Statusbericht Deutsche Mode bestätigt, der zu Beginn der Fashionweek vom Bundeswirtschaftsministerium und der Interessenvertretung Fashion Council Germany vorgestellt wird.

Sendung: Radioeins, 18.01.2021, 9 Uhr

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Beitrag von Julia Vismann

2 Kommentare

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  1. 2.

    Mode ist ein Wirtschaftszweig - ein riesiger Markt. Man kann sie mit Kunst verbinden - neue Formen, Farben, Mut zum anders aussehen als alle. Kultur sind die Trachten der Länder und Regionen. Wird doch schon mit Mode kombiniert (neue Stoffe)...

  2. 1.

    Ist Mode wirklich Kunst und Kultur? Ist die Fashionweek ein kulturelles Event? Ich meine, sie ist eher Wirtschaft. Aber ich bin gespannt, was andere darüber denken ;-)

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