Laura Kingston
Bild: rbb|24

Der Absacker - Zwischen Risikogebiet und Alltagstrott

Wir sehnen uns alle ab und zu nach einem Tapetenwechsel. In der jetzigen Zeit vielleicht mehr denn je. Und dafür sind wir bereit, einige Risiken einzugehen. Laura Kingston über den schmalen Grat zwischen Abenteuerlust und Risiko.

Im Sommer mit den Öffis fahren ist auch ohne Pandemie mies. Die Gerüche, der Schweiß, der klebrige Arm des Nachbarn auf der nackten Haut. Jetzt noch der Schweiß-Schnurrbart, der sich unter der Gesichtsmaske bildet. Und seit wann sind die Bahnen eigentlich morgens um 7 Uhr schon voll? Ich glaube, ich habe mir Menschenmengen abgewöhnt. Also nehme ich das Rad für meinen 40-minütigen Arbeitsweg. Doch was begegnet mir an jeder zweiten Ampel? Menschenmengen - nur eben auf Fahrrädern. Teilweise so viele, dass ich es in einer Grünphase nicht schaffe, die Kreuzung zu überqueren. Corona hat mich zur Misanthropin gemacht.

1. Was vom Tag bleibt

Während ich für mich meine privaten No-Go-Bereiche abgesteckt habe (schwitzige Bahn, weiße Hosen, Make-Up im Sommer), werden auf einer größeren Skala gerade ganze Länder zu Risikogebieten erklärt - so eben passiert mit Spanien. Auch Paris ist Risikogebiet [tagesschau.de]. Und hierzulande sitzt uns ebenfalls die Frage im Nacken, ob uns bald wieder größere Einschränkungen bevorstehen. Wie viele Sorgenfalten uns die steigenden Fallzahlen - gerade in Berlin-Mitte und Neukölln - wirklich machen sollten, analysiert mein Absacker-Kollege Haluka Maier-Borst.

Zwar spielen bei den erhöhten Fallzahlen wohl vor allem Reiserückkehrende eine Rolle, aber die Berliner Gesundheitssenatorin Kalayci (SPD) will sich trotzdem nicht lumpen lassen und den illegalen Raves in Berlin, die über die vergangenen Monate an verschiedenen Orten stattgefunden haben, auf den Grund gehen. Und das mit verstärkter Kraft aus den Ordnungsämtern den Bezirken.

2. Abschalten

Während auf Malle und in Berlin das (vorläufige) Ende der Party eingeläutet wird, geht sie in Göritz erst so richtig los. Das "Wilde-Möhre"-Festival findet dieses Wochenende tatsächlich statt. Zwar mit 1.000 statt mit 7.000 Besucher*innen und unter dem Motto "Keine Maske keine Party", aber dafür mit einer Menge Platz zum Tanzen (kein Engtanz versteht sich). Zwar waren die Tickets für das Festival nach fünf Minuten im Vorverkauf weg, aber vielleicht sendet dieses kleine Festival ein bisschen Inspiration an all die anderen Festivalbetreiber*innen und Festivalfans, die sich nichts sehnlicher wünschen.

3. Und, wie geht's?

"Ich fühle mich ein bisschen wie frisch verliebt!" Dieser Satz stammt von einer Singlefreundin. Der Grund für ihre Frühlingsgefühle ist kein erfolgreiches Tinder-Date, sondern ihr Umzug in eine neue Wohnung. Jahre lang hat sie gesucht, endlich ist sie fündig geworden. Als ich mit ihr aufs neue Zuhause anstieß, dachte ich: "Was für ein Privileg, einen Tapetenwechsel in dieser Zeit zu erleben." Der Alltagstrott und das viele Daheimsein hat auch bei mir einen Wunsch nach Veränderung geweckt. Was das sein soll, ist mir jetzt noch nicht klar, aber bis dahin versuche ich, Neues im Alten zu entdecken wie die Fahrt mit dem Rad zur Arbeit - statt in der schwitzigen Bahn.

Was weckt bei Ihnen gerade Frühlingsgefühle? Oder sehnen Sie sich gerade dringend nach einem Tapetenwechsel? Schreiben Sie uns an absacker@rbb-online.de.

4. Ein weites Feld

Für Schwarze Menschen und People of Colour sind in Deutschland einige Regionen Risikogebiet. Und zwar immer. Das musste Noël Martin am 16. Juni 1996 am eigenen Leib in Mahlow erfahren. Nachdem er im Auto von Rechtsextremen verfolgt und mit einem Stein beworfen worden war, fuhr Martin gegen einen Baum - und war danach querschnittsgelähmt. Vor genau einem Monat ist er gestorben in einem Krankenhaus in Birmingham; diesen Freitag hat die Stadt Mahlow eine Trauerfeier für ihn organisiert. Zu diesem Anlass möchte ich Ihnen einen Ausschnitt aus einem Interview mit Martin zeigen, der mich besonders berührt hat:

"Diese beiden Typen überlasse ich Gott. Sie werden eines Tages ihre Strafe bekommen, wenn sie alt sind. Irgendwann wird ihre Tochter oder ihre Enkeltochter oder Urenkelin mit einem Schwarzen Menschen nach Hause kommen und sagen: "Papa, das ist der Mensch, den ich liebe – und du bist zu alt um etwas dagegen zu tun. Also find dich damit ab!" Das allein wird ihre Strafe sein."

Auf diese inspirierenden Worte folgen noch ein paar weniger inspirierte von mir: Passen Sie auf sich auf und bewahren Sie ein Lächeln (unter Ihrer Schutzmaske)!

Ihre Laura Kingston

Was Sie jetzt wissen müssen

24 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 23.

    Auch hier hoffe ich wieder gnädigst durchgewunken zu werden. Ich hatte damals noch Glück im Unglück. Ich kam in ein schon sehr liberales katholisches Kinderheim in Werne a.d.Lippe, nachdem meine Pflegeoma ganz plötzlich selbst zum Pflegefall wurde. Meine Mutter verstarb leider, da war ich 8 Jahre alt. Danach war ich ein Vollwaise. Von da an hieß es immer nur für mich, kämpfe zukünftig um ein besseres Leben. Vor allem, wenn man so wie ich, schon sehr früh seine Homosexuallität entdeckt hat.

  2. 21.

    Ja auf“Landservice.de“ gibt es einen schönen Beitrag zu Wurstebrot. Kommt auch Leberbrot drin vor. Ein Münsterländer/Osnabrücker typisches Bauerngericht. Wir bekamen es damals im Kinderheim.

  3. 20.

    Das kannte ich noch nicht :-) Wurstebrei und aus der Heimat meiner Großeltern Panhas kenne ich wohl, und aus'm Rheinland Himmel un Äad mit Flönz *g* aber Wurstebrot muss ich gleich mal googeln! Zimmermannsche ist sogar ohne Zwiebelpulver.

  4. 19.

    Kann ich nur bestätigen. Frischer Knofi macht’s. Als ich mal vor Jahren in Spanien bei Einheimischen zu Gast war, da gab es schon am Morgen zum Frühstück frische Knoblauchzehe aufs Toastbrot gerieben.

  5. 18.

    Liebe Altwestberlinerin.
    Ich hoffe der Schrubberdienst erlaubt mir hier die kleine Anmerkung. Westfälische Gerichte sind eine Bombe. Ich liebe diese Küche. Kennst Du auch das sehr einfache doch schmackhafte „Wurstebrot“? Ist schon so lange her, als ich es gegessen hatte. Da war ich noch ein Knirps. Leberwurst beidseitig knusprig gebraten.

  6. 17.

    Wie stehts mit Bärlauch? Kann eine gute Alternative sein. Stinkt auch nicht ;-) Zum Thema China-Import; nehme ich auch nicht. Aber ich hatte jetzt durch Zufall mal Chinesischen Knoblauch. Das ist eine kleine Knolle, die nichz in Zehen unterteilt ist. Lässt sich gut verarbeiten und schmeckt. Wie gesagt, mein Favorit ist der frischen Knoblauch. Da duftetnatürlich die Küche schon ;-))))

  7. 16.

    Moin Lothar,
    ich könnte jetzt echt sofort in eine frische Zwiebel beißen (Entzugserscheinungen...) - ich mag die milden mit dem fast süßlichen Geschmack - aber ich kann´s echt nicht machen. Das mit dem sardischen Knoblauch hört sich auch sehr gut an. Ach Mann... es ist ätzend. Ich habe schon mal dran gedacht, mich selber "abzustumpfen" und mal bei einem längeren Wochenende oder so anfange mit wenig und mich steigere in Sachen "Lauch"-Konsum. Eine echte Allergie ist es ja nicht. Eher sowas wie bei Gluten- oder Laktose-Intoleranz. Aber bei Laktose gibt's unterdessen Tabletten - für Zwiebeln nicht. Bisher konnte mir keiner helfen, Gastroenterologen sind da ja auch unflexibel. "dann essen Sie das halt nicht" - fertig. Ich kann nur alles selber kochen, Kantine und die meisten Restaurants scheiden aus. Ebenso Fertiggerichte. Gut, dass ich einigermaßen kochen kann.
    Westfälisch übrigens :-) womit wir wieder bei dem anderen Absacker von neulich wären.

  8. 15.

    Mein Freund und ehemaliger Arbeitskollege lebt nun als Rentner in Sardinien/Carloforte. Immer wenn er im September auf ein Besuch in Berlin ist, bringt er mir den Sardinischen Knoblauch mit. Das sind kleine Knollen, aber mit einem sehr,sehr intensiven Geschmack. Einfach toll. Dazu bringt er mir auch immer 6Flaschen Sardinien Rotwein mit und manchmal dazu extra guten Ziegenkäse, den ich so liebe. Beim Vietnamesen bekomme ich immer frisch eingelegten Knoblauch zu meiner Gemüsesuppe. Tut mir echt leid wegen Deiner Unverträglichkeit. Sind es doch gerade die Zwiebeln, die den Darm regelrecht desinfizieren und aufräumen. Manchmal esse ich sie roh am liebsten. LG.

  9. 14.

    Der frische grüne Knofi ist natürlich am besten :-) vermutlich reagiert man auf den China Import Mist auch schlechter als auf hiesige Pflanzensorten. Muss Knofi aus China kommen? Ätzend. Gemüsezwiebel geht noch am ehesten. Aber richtig gut geht nix mehr seit dem Infekt damals. Und keiner kanns dir erklären. Da ich ja ins Büro muss, kann ich schlecht damit leben. Alle 5 min WC erregt Aufmerksamkeit...

  10. 13.

    In Öl. Gibt es im Glas zu kaufen. Oder selber einlegen. Mit frisch meinte ich im Gegensatz zum getrockneten. Meist gibt es die getrockneten Knollen. Der Frische ist mE bekömmlicher. Haben Sie mal den Violetten versucht? Pulver oder Krümel sind doch nichts für Knofiasten ;-) und bei Zwiebeln vlt auf die Gemüsezwiebel umschwenken?

  11. 12.

    Hi, eingelegten Knofi? In Essig? Oder Öl? Frischen Knofi nehme ich immer, Pulver kommt nicht aufs Essen. Ich habe halt danach Flush/rote Haut vor allem am Kopp, Kreislauf bisweilen, und heftige "Verdauungsbeschwerden". Das nervt ganz schön, weil ich frischen Knoblauch liebe - aber ich kanns mir nur am WE antun, wenn ich nicht "im Büro sterbe". Zwiebel ist bisweilen schlimmer. Aber wenn sie, wie z. B. beim Inder, total platt gekocht wurde, gehts. Schnittlauch ist heftig. Porree mag ich eh nicht so.
    Ich finde, das ist eine echte Einschränkung.

    Vorgestern war im Absacker von Essen beim Verreisen die Rede.

    Ich mag im Elsass Bäckeoffe.
    In der Palz Zwiebbelkuche,
    im Grenzgebiet zum Elsass Flammkuchen
    In Griechenland Moussakka
    In Österreich Tafelspitz-Brühe
    In Berlin Currywurst

    Und alles hat Zwiebeln, Schnittlauch...
    Ich würde das alles gerne wieder essen können!

  12. 11.

    Dann bin ich mal der Quoten-Schleimer und sage, dass ich die neuen Absacker-Bilder sehr mag. Man sieht gleich, wer „dran“ ist, es hat Wiedererkennungswert und gibt dem Ganzen einen Rahmen, dass da was Besonders ist und zusammen gehört - eben kein „themenbezogenes“ Bild wie bei den anderen Artikeln.

  13. 9.

    Oh Gott Lothar, ich war nun echt erschrocken!!! Ich dachte, ich habe was falsches gesagt! *lach* nein, Du darfst auch mit Knoblauch mit - ich habe ein Auto ohne Klimaanlage, wir haben meist Fenster auf, da kannst Du sogar Knoblauch in JEDER Hosentasche tragen ;-) und in Brandenburg riecht jeder zweite kleine Ort nach Misthaufen - dagegen ist Knofi Gold! Also vergiss es - Du musst mitkommen.
    Bevor ich meine Allergie entwickelt habe (auf Lauch, Zwiebeln, Knofi) habe ich morgens schon Avocado mit Zitrone, Knofi, Salz und Pfeffer gegessen - Du weisst, wie die Kollegen kuckten ;-) leider kann ich es überhaupt nicht mehr vertragen, seit ich mal fürchterlich MagenDarm hatte. Irgendwas ist kaputt gegangen. Lauchsorten erriechen ist reine Vorsicht.
    Seither fasse ich auch Türgriffe, Einkaufswagen und Co möglichst wenig an, bin sehr pingelig, auch ohne jedes Corona, nur wegen dem Infekt damals und den Folgen... Corona schränkt mich weniger ein deshalb. Das mache ich schon fast immer so.

  14. 8.

    Dann war Dein Angebot, mit Dir im Auto u.Deiner Tochter gemeinsam zu singen, bloß leere Worthülsen gewesen? Habe es sowieso nicht für bare Münze gehalten. Bin auch keineswegs jetzt eingeschnappt oder sonst wie jetzt nachtragend. Da ich ein leidenschaftlicher Knoblauch Fan bin. Aber die Heike hat mich schon sehr enttäuscht. Da wir schon beiderseitig in E-Mail Kontakt standen und uns sogar schon verabredet hatten. Nichts dergleichen ist geschehen.
    Du hast recht, ein lachender Noel Martin hätte ich mir auch hier gewünscht. Zum Abschied.

  15. 7.

    Nicht, dass ich Lauras Gesicht nicht mag :-) aber ich mags auch lieber themenbezogen. Ein Bild des strahlenden Noel Martin hätte ich gemocht, der trotz seines Schicksals so viel Gutes noch bewirken konnte. Ihm noch einmal Danke dafür.

    Ansonsten kann man sein "ich mag nicht gern so viele Leute aufeinander" dieses Jahr schadlos gut ausleben ;-) also wenn man nicht darauf steht, dauernd erzwungenen Kontakt (Haut oder Kleidung) zu anderen zu haben. Trotzdem krabbeln im Supermarkt immer noch unbelehrbare Menschen (Verkäuferinnen ohne Masken) auf und an mir rum.

    Ich schüttle beherzt Hände von Geburtstagskindern, oder verabschiedenden Kollegen, weil JEDER sich danach die Hände waschen kann.

    An-Atmen bekommt man hingegen nie so einfach weg, auch nicht ohne Corona nur in Schnupfen-Zeiten (oder bei Knoblauch-Fahne...).

    Der Abstand, wo man den anderen nicht riecht/riechen kann, der würde mir zu jeder Zeit reichen bei total Fremden. An der Ampel, in der Bahn, im Geschäft.

  16. 6.

    Da schließe ich mich an. Die neuen Bilder erinnern an Passfotos oder Fahndungsaufrufe. Nicht mein Geschmack.

  17. 5.

    Das kann ich alles unterstreichen. Meist noch abends den Absacker zu lesen, ist unterhaltsam und setzt einen persönlichen Fokus auf die Berichte des Tages. Das themenbezogene Titelbild finde ich besser, zumal es meist ansprechende Bilder sind. Jetzt sehen wir dann alle paar Tage das Gleiche ohne "Lese-Anpiekser" . Zur Kolumne: Die Corona- Zeit hat ja viele Veränderungen gebracht: familiär(Zeit ohne Besuche bzw.mit Abständen), beruflich und vor allen Dingen schulisch(alle Generationen der Familie davon betroffen), dass der Wunsch nach noch mehr Veränderung z.Zt. nicht so da ist. Ausser: Als jetzt Fussgängerin wünsche ich mir "meinen Gehweg" auch für die Kinder zurück. In diesem Sommer ist es anstrengend, kein Gang ohne ausweichen zu müssen - sozusagen Risikogebiet Gehweg. Das könnte doch wieder besser werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Energie-Torschütze Rico Gladrow jubelt (Quelle: imago images/Christoph Worsch)
imago images/Christoph Worsch

2:1-Sieg - Cottbus gewinnt in Überzahl in Jena

Energie Cottbus hat sich nach der Niederlage gegen den BAK mit einem 2:1-Sieg gegen Jena zurückgemeldet. Die Lausitzer führten zur Pause mit 2:0 und spielten anschießend in Überzahl, mussten aber dennoch bis zum Schluss um den Sieg bangen.