16.06.2020, Berlin: Ein Polizeifahrzeug steht vor einem Wohnhaus an der Harzer Straße in Neukölln, das unter Quarantäne gestellt wurde. (Quelle: dpa/Zinken)
Audio: Radioeins | 17.06.2020 | Interview mit Martin Hikel | Bild: dpa/Zinken

Familiäre Verbindungen nach Reinickendorf - Zahl der Corona-Infizierten in Neuköllner Wohnblocks steigt auf 70

Die Lage in den unter Quarantäne stehenden Haushalten in Neukölln wird ernster: Die Zahl der mit dem Coronavirus Infizierten ist weiter angestiegen, sagte Bezirksbürgermeister Hikel dem rbb. Auch das Gesundheitsamt in Reinickendorf beschäftigt sich mit dem Fall.

Nach dem jüngsten Ausbruch des Coronavirus in Berlin-Neukölln hat sich dort die Zahl der Infizierten inzwischen auf 70 erhöht. Dieser Zwischenstand sei dem Bezirk am Dienstagabend mitgeteilt worden, sagte Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) am Mittwochmorgen dem rbb. Am Dienstag selbst lag diese Zahl noch bei 57.

Die 70 Infizierten seien auf zahlreiche Haushalte verteilt, sagte Hikel im Interview mit Radioeins. Den meisten gehe es den Umständen entsprechend gut, sie hätten nur milde Symptome von Covid 19, so Hikel. Derzeit stehen insgesamt 369 Haushalte in mehreren Wohnblocks in Neukölln unter Quarantäne. In Mietshäusern nahe des Treptower Parks hatte es in den vergangenen Tagen einen sprunghaften Anstieg von Corona-Infektionen gegeben.

Schwierige Aufklärungsarbeit vor Ort

Wer genau den Ausbruch ausgelöst habe, lasse sich nicht sagen, betonte Hikel. Zwar habe die "Detektivarbeit" des Gesundheitsamtes bei einem Pfarrer begonnen, "aber ob das die effektive Ursache ist, ist unklar, das lässt sich nicht so einfach sagen", betonte der Bezirksbürgermeister im rbb-Interview.

Da die Corona-Disziplin in der Bevölkerung allgemein nachlasse, sei es in der jetzigen Situation schwieriger, auch den betroffenen Menschen in Neukölln zu verdeutlichen, "dass das Virus immer noch da ist und dass man die Quarantäne einhalten muss, um seine Mitmenschen zu schützen", so Hikel. Gleichwohl sei "noch niemand aufgetaucht, der sich strukturell gegen die Quarantänemaßnahmen wehrt. Wenn man mit den Menschen redet, dann sehen sie das auch ein."

Gesundheitsamt in Reinickendorf prüft Verbindungen - Kritik an App

Derweil gibt es familiäre Verbindungen von den Betroffenen in Neukölln zu Reinickendorf, erklärte der Amtsarzt des Bezirks, Patrick Larscheid, am Mittwochmorgen im Inforadio des rbb. Er gehe aber nicht davon aus, dass sich der Coronavirus-Ausbruch von Neukölln weiter ausbreitet.

Diese Wahrscheinlichkeit halte er "für nicht besonders groß", sagte Larscheid im Inforadio. Die Infektionsfälle seien auf eine relativ abgeschlossene Bevölkerungsgruppe begrenzt, die gemeinsame Merkmale habe: "Es sind sehr arme und zum großen Teil auch bildungsferne Menschen, die uns sehr vertraut sind im Gesundheitsamt, die wir aber schlecht erreichen und die in einer gewissen Abschottung zu anderen leben", so Larscheid im Interview.

Das Corona-Virus führe vor allem bei benachteiligten Menschen dazu, dass sie es in so einer Situation schwer haben. Mit Blick auf die am Dienstag veröffentlichte App sagte Larscheid, diese sei eher als "Spielzeug für die digitale Oberschicht" zu werten. Daher könnten ärmere und benachteilige Menschen weniger gut vor Infektionen geschützt werden. "Das ist nicht nur so in Berlin, sondern auch ein deutschlandweites Problem", sagt Larscheid.

Müller lobt Krisenmanagement in Neukölln

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) äußerte sich positiv zum Vorgehen der Verantwortlichen in Neukölln. Der Fall sei eine gelungene Bewährungsprobe für die deutsche Corona-Teststrategie, wie Müller am Mittwoch im Inforadio des rbb sagte.

Die Berliner Teststrategie sieht vor, dass nicht flächendeckend, sondern in sogenannten sensiblen Bereichen gezielt und wiederholt getestet wird. Das habe im Fall Neukölln gut funktioniert, so Müller. Tests an Schulkindern in Neukölln hätten gezeigt, dass es dort in Haushalten ein Problem geben könne. Das Gesundheitsamt habe reagiert und die Quarantäne ausgesprochen. Jetzt werde in den Familien weiter getestet, um festzustellen, wie viele Menschen betroffen sind und isoliert werden müssen - und wo Entwarnung gegeben werden könne. "Dass man über eine Teststrategie den möglichen Infektionsherd lokalisiert und dann mit mehr Kapazitäten dort reingeht und gezielt reagiert, scheint sich ja hier auszuzahlen", so Müller.

Die Bewohner der 369 Haushalte an sieben Standorten in Neukölln dürfen ihre Wohnungen 14 Tage lang nicht verlassen. Der Bezirk will sich nicht festlegen, wie viele Menschen von der Maßnahme betroffen sind. Pro Haushalt gebe es einen bis zehn Bewohner, damit könnten mehrere Hundert bis einige Tausend betroffen sein, hieß es. Obwohl auch Kinder unter den Infizierten sind, entschied sich der Bezirk zunächst gegen Schulschließungen.

Das vollständige Interview mit Neuköllns Bürgermeister Martin Hikel auf Radioeins können Sie oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: Radioeins, 17.06.2020, 7:40 Uhr

Anmerkung der Redaktion: Liebe Userinnen und User, in einer früheren Version dieses Artikels haben wir den Begriff "Mietskaserne" verwendet. Da dieser Begriff vornehmlich Mietshäuser zu Zeiten der Industrialisierung beschreibt, haben wir ihn geändert. 

Kommentarfunktion am 19.06.2020, 21:42 Uhr geschlossen

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33 Kommentare

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  1. 33.

    Moment mal, die Attribute "arm", "bildungsfern", "abgeschottet" wurden vom oben zitierten Amtsarzt zugewiesen und nicht von irgendwelchen AfD-Jüngern

  2. 32.

    Muss man hier den AfD-Jüngerinnen ein Forum bieten, wo sie ihre Ressentiments gegen Migranten und arme Menschen immer wieder von hinten durch die kalte Küche hineintragen können?

  3. 31.

    Die Bewohner der 369 Haushalte an sieben Standorten in Neukölln dürfen ihre Wohnungen 14 Tage lang nicht verlassen???

    Warum wird diese Falschmeldung hinsichtlich der angeblich 369 betroffenen Haushalte nicht geändert?
    Bei 4 Etagen je Wohnblock/Hausnummer und geschätzt 5 Wohnungen/Etage, kann das einfach nicht stimmen.

  4. 30.

    Überbelegung kommt eben auch daher, wenn man Kreti und Pleti ins Land läßt, ohne daß man ausreichend bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung stellen kann. Berlin hat jetzt doch schon wieder sofort die Hand gehoben, um neue Bürger aus Griechenland aufzunehmen, obwohl sie mit ihren alten Problemen nicht fertig werden.
    Zuerst mal alles andere Abarbeiten und dann sieht man weiter, so wird ein richtiger Schuh draus und nicht umgekehrt.

  5. 29.

    Auch wenn es absurd klingt, aber in Deutschland muss niemand der nicht will auf der Strasse leben, das ist Fakt. Es gibt Notunterkünfte und Wohnheime und wer illegal in Deutschland lebt, hat hier nichts zu suchen, das könnten auch EU Bürger sein.

  6. 28.

    Entweder die Vermieter wissen nichts von der Überbelegung oder sie kassieren die Miete schwarz von den illegal dort lebenden Menschen. So landen auch keine Daten beim Einwohnermeldeamt. Scheinbar betrifft das mehrere Bezirke und es gab in der Abendschau vor Jahren auch Berichte dazu. Aber nach Angaben des Amtsarztes von Reinickendorf sind viele dieser Mieter dem Gesundheitsamt bereits bekannt.Stellt sich die Frage,weshalb die Zustände dann noch so sind.
    "Die Infektionsfälle seien auf eine relativ abgeschlossene Bevölkerungsgruppe begrenzt, die gemeinsame Merkmale habe: "Es sind sehr arme und zum großen Teil auch bildungsferne Menschen, die uns sehr vertraut sind im Gesundheitsamt, die wir aber schlecht erreichen und die in einer gewissen Abschottung zu anderen leben", so Larscheid im Interview. " Das muss doch dem Bezirksamt/Wohnungsamt/Ordnungsamt/Sozialamt/auch schon solange bekannt sein.

  7. 27.

    Und wo sollen die Leute hin? Habe Sie da einen "heißen Tipp"?
    Sie sind entweder schlecht informiert oder wollen nicht wissen. Hier ein Urteilstext:

    "a) Ab wann eine Überbelegung vorliegt entzieht sich einer pauschalisierten Betrachtung. Für die Feststellung einer Überbelegung sind in erster Linie die Wohnfläche, die Zimmerzahl und die Bewohneranzahl maßgeblich (Blank, in: Schmidt-Futterer, Mietrecht, 11. Aufl. 2013, § 540 BGB Rn. 28). Zusätzlich können aber auch besondere Einzelfallumstände, wie das Vorhandensein von Nebenräumen, der Wohnungszuschnitt, familiäre Beziehungen oder die allgemeine Wohnungsmarktlage herangezogen werden."
    (Quelle: https://www.berliner-mieterverein.de/recht/mieturteile/ueberbelegung.htm)

  8. 26.

    Nicht nur in Berlin ist alles möglich. Auch in Göttingen sollen in dem IDUNA-HAUS, der Göttinger Corona-hotspot, wesentlich mehr Leute wohnen als die 600 Gemeldeten.

  9. 25.

    Woher kommen die 5% Rückgang in Ihrer Aussage? Quelle wäre nett.

    Laut Statistischem Bundesamt:
    "Im April lagen die Sterbefallzahlen allerdings deutlich über dem Durchschnitt der Vorjahre; seit Anfang Mai bewegen sich die Sterbefallzahlen wieder etwa im Durchschnitt." (Text vom 12.06.20)
    https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Corona/Gesellschaft/bevoelkerung-sterbefaelle.html

    Und für Europa:
    "Pooled estimates of all-cause mortality for the countries in the EuroMOMO network are approaching normal levels, following a period of a substantial excess mortality observed in some countries coinciding with the COVID-19 pandemic. A few countries are still seeing some excess mortality."
    (EuroMOMO Bulletin, Week 23, 2020)

  10. 24.

    Sie könnten natürlich auch fragen, warum duldet die Stadt so etwas. Die Ämter kennen die Zustände und zahlen vermutlich auch überwiegend die Mieten.

  11. 22.

    Ich frage mich, warum der Vermieter so etwas überhaupt zulässt, jeder Untermieter muss gemeldet sein und leben dort illegale Personen, so muss er dies der Polizei anzeigen, sonst macht er sich strafbar, aber in Berlin ist halt alles möglich und das hat rein gar nichts mit Gentrifizierung zu tun.

  12. 21.

    Ich habe im Gegensatz zum Amtsarzt das sehr unangenehme Gefühl, die Gesundheitsämter werden der Lage nicht mehr Herr und das ganze scheint außer Kontrolle zu geraten.

    Was bedeuteut denn dieser Satz:

    "Derweil gibt es familiäre Verbindungen von den Betroffenen in Neukölln zu Reinickendorf, erklärte der Amtsarzt des Bezirks, Patrick Larscheid, am Mittwochmorgen im Inforadio des rbb. Er gehe aber nicht davon aus, dass sich der Coronavirus-Ausbruch von Neukölln weiter ausbreitet."

    Ich darfs mal so sagen, der Herr Larscheid "geht nicht davon aus", das ist ein Politsprechsatz, der eigentlich nichts aussagt, weshalb er davon nicht ausgeht, wird nicht erläutert. Herr Larscheid möchte einfach beruhigen. Warum soll denn der Virus nicht schon bei der Verwandschaft in Reinickendorf grassieren, gibts Tests in Reinickendorf bei der Verwandschaft, die, wie es heißt, "schwierig" nachzuverfolgen ist, die Herrn Larscheid bestätigen?

  13. 20.

    So Lothar auch für dich noch mal, die Sterblichkeit ist um über 5% zurückgegangen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.
    Was wir jetzt machen müssen ist anfangen mit dem Virus zu leben und vielleicht sogar ein paar pragmatische Maßnahmen ergreifen.
    Zwei wichtige davon wären, sämtliche Kirchen Gemeinschaftsveranstaltungen einzustellen und die Alten und Pflegeheime besonders zu schützen.
    Damit hätten wir mindestens 80% des Infektionsgeschehens eingeschränkt.
    Und damit könnten wir auch einen weiteren lockdown verhindern, denn der wäre für die Wirtschaft und damit für uns tödlich.

  14. 19.

    Die ersten Kita's haben schon wieder im landkreis OHV zugemacht. Ich frage mich warum wird nicht gehandelt?

  15. 18.

    Schön wär’s! Klappt tatsächlich NICHT bei älteren Smartphones, da die App eine neuere Software benötigt, bei iOS hört das Update bei 12.4.7 auf und damit keine App!

  16. 17.

    Was meckern Sie hier denn herum? Erwarten Sie, dass man Ihnen jetzt jede Information hinterherträgt? Alleine auf rbb24 waren drei oder vier Beiträge zur App, mit allen Informationen. Eine einfache Google-Suche hätte vielleicht auch geholfen, aber das wär bestimmt zu viel verlangt.

  17. 15.

    Nicht nur aus Wikipedia den ersten Satz abschreiben sondern den gesamten Eintrag lesen und geistig verarbeiten.

  18. 14.

    Warum darf der rbb nicht den Begriff Mietskaserne verwenden?
    Das hat weder was mit Armee noch Rassismus zu tun.
    Dieses hysterische Raufspringen auf jedes alte Deutsche Wort ist ja schrecklich. Nicht auszudenken, was in der Hinsicht erst in 10 oder gar 20 Jahren abgehen wird.

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