R-Wert Verlauf schwankt
Bild: rbb|24

Infektionsgeschehen in Berlin - Grüner R-Wert trotz steigender Fallzahlen – wieso die Corona-Ampel so verwirrt

Die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen springt von Höchstwert zu Höchstwert, die Berliner Ampel für den R-Wert trotzdem immer wieder auf grün. Wie kann das sein? Ein Erklärungsversuch und eine Kritik von Haluka Maier-Borst

Kommunikation sei in der Krise wichtig. Die Leute mitnehmen und Entscheidungen nachvollziehbar machen, sei entscheidend in der Corona-Pandemie, sagten Experten kürzlich rbb|24.

Doch gerade scheint es manchmal, als würde genau das auf der Strecke bleiben, wenn der Berliner Senat über das Infektionsgeschehen spricht. Ein besonders heikles Thema dabei: die Berliner Ampel und insbesondere der in ihr enthaltene R-Wert.

Während der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) noch vor zwei Wochen davon sprach, dass andere Länder sich ein Beispiel an Berlins Ampel-System nehmen würden [berlin.de], sehen Berlinerinnen und Berliner wohl wenig Beispielhaftes. "Zahlen steigen und Ampel ist wieder grün - hat gelb gleich übersprungen. Ich versteh's nicht", schreibt ein User bei uns auf der Seite. Andere sagen gleich, dass sie glauben, der R-Wert sei gewürfelt.

Eins vorab: der R-Wert wird natürlich nicht gewürfelt, sondern ist das Ergebnis einer Rechnung. Ganz vereinfacht gesagt, nimmt man dafür die Zahl der Infizierten der letzten vier Tage und teilt sie durch die Zahl der Infizierten der vier Tage zuvor. Wenn sich also zwölf Leute in den letzten vier Tagen angesteckt haben und in den vier Tagen zuvor zehn, dann würde der R-Wert bei 1,2 liegen.

Liegt der R-Wert über eins, steigt die Zahl der Neuinfektionen und die Lage gerät je nach Größe von R mal schneller mal langsamer außer Kontrolle. Liegt der Wert unterhalb von eins, sinkt die Zahl der Neuinfektionen und die Lage beruhigt sich.

Allerdings ist die tatsächliche Rechnung, die das Robert-Koch-Institut (RKI) für alle Bundesländer und Gesamtdeutschland macht, komplizierter (weiter unten erklären wir die Details). Doch was sich abzeichnet: Der Berliner Senat benutzt diese Berechnung eher unglücklich.

1. Problem: Die Berliner R-Ampel berücksichtigt die Unsicherheiten nicht

Die Stärken des RKI-Verfahrens für die R-Wert-Berechnung sind, dass die Rechnung auf dem Erkrankungsdatum von Fällen basiert und darum genauer ist als eine Berechnung auf reinen Meldedaten. Außerdem kann das RKI den R-Wert näher am aktuellen Geschehen berechnen, weil es das sogenannte Nowcasting-Verfahren nutzt. Das sagt vorher, wie viele Infektionen den Ämtern noch nicht bekannt sind, aber wohl schon stattgefunden haben.

Diese Methode braucht allerdings viele Daten, damit das Modell funktionieren kann. Und es bleiben, eben weil Simulationen und Vorhersagen eine Rolle spielen, Unsicherheiten. Beides sind Schwächen, die der Senat nicht wirklich in seiner Corona-Ampel mitbeachtet.

Zwar sind nämlich die Fallzahlen in der Hauptstadt aktuell auf einem Rekordhoch. Trotzdem sind sie absolut gesehen klein, sobald man sie nach Altersklassen und nach Geschlecht aufteilt. Die Folge: Wird mal eine Person in einer Altersgruppe früher oder später gemeldet, verschiebt das die ganze Rechnung erheblich. Diese Methode der R-Berechnung ist also bei kleinen Fallzahlen sehr instabil.

Entsprechend wäre es wichtig, das Unsicherheitsintervall zu beachten, dass das RKI bei seinen Rechnungen stets angibt. Immerhin kommuniziert der Senat inzwischen dieses Unsicherheitsintervall, weswegen rbb|24 seine eigene Corona-Ampel nicht länger weiterführt. Für die Ampelfarbe spielen die Unsicherheitsintervalle trotzdem keine Rolle. Wenn der Mittelwert einmal unter 1,1 fällt, ist schlagartig die Ampel für den R-Wert wieder grün – ganz egal, wie unsicher die Berechnung für den entsprechenden Tag ist.

2. Problem: Das Berliner R schwankt abhängig vom Wochentag

Ein weiteres Problem sind zudem die Wochentagsschwankungen. Denn auch in Berlin ist es so, dass am Wochenende weniger Fälle gemeldet werden. Entsprechend schwankt das 4-Tage-R ebenfalls im Wochenrhythmus.

Das RKI hat darum schon seit Monaten ein 7-Tage-R eingeführt, das diese Schwankungen abfangen soll. Statt die Fälle der letzten vier Tage gegen die vier Tage zuvor zu rechnen, werden dafür die Fälle der letzten sieben Tage verglichen mit den Fällen, die im Zeitraum von vor elf bis vor vier Tagen zustande kamen.

Der Berliner Senat weist in seinem Lagebericht auch dieses 7-Tage-R aus. Relevant ist es aber für die Ampel nicht. Und so schwankt das R meist am Anfang der Woche nach unten und am Ende der Woche wieder aufwärts – und mit ihm springt die Ampelfarbe entsprechend erst auf Grün und dann wieder auf Rot.

3. Problem: Die Berechnung kommt zeitverzögert

Außerdem gibt es da noch ein Problem, das kaum mit Statistiken zu tun hat, sondern nur mit dem Melderhythmus der Ämter. Der Berliner Senat veröffentlicht seine Zahlen stets am Nachmittag. Das RKI dagegen nutzt Zahlen, die bei ihm bis zum Vorabend eingegangen sind. So kommt es, dass zum Beispiel zeitweilig am 13. Oktober am Nachmittag der Senat schon den Rekord von über 700 neuen Fällen meldete, das RKI aber nur über 200 Neuinfektionen für Berlin. Da das R aber laut Senat vom RKI berechnet wird, basiert es entsprechend wohl auch auf Daten, die einen Tag zurückliegen. Auch das erklärt, wieso mitunter an einem Tag Höchststände vermeldet werden können und der R-Wert davon unbeeindruckt scheint.

Was wäre eine Lösung?

Schon länger raten Epidemiologen dazu, sich den R-Wert nicht nur für einzelne Tage anzuschauen, sondern eben über längere Zeiträume. Die logische Konsequenz wäre wohl entsprechend die R-Wert-Ampel des Senats anzupassen. Statt auf den 4-Tage-R-Wert sollte man auf den 7-Tage-R-Wert schauen, der weniger Wochentagsschwankungen zeigt.

Und statt darauf zu gucken, ob nun der Mittelwert eine gewisse Schwelle reisst, sollte man schauen, was die obere und untere Schätzung machen – und zwar über mehrere Tage. Das wäre sicherlich ein wenig komplizierter. Es könnte aber vielleicht dabei helfen, weniger Alarmismus zu verbreiten und auch die Unsicherheiten den Berlinerinnen und Berlinern besser aufzuzeigen.

Crashkurs R-Berechnung

  • Wie das 4-Tage-R grundsätzlich funktioniert

  • Warum das RKI mit dem Erkrankungsdatum rechnet

  • Wie das RKI versucht, noch nicht gemeldete Fälle vorherzusagen

  • Weshalb die Konfidenzintervalle so wichtig sind

Was Sie jetzt wissen müssen

Beitrag von Haluka Maier-Borst

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

28 Kommentare

  1. 28.

    Wenn ich schon lese, dass hier in dem Zusammenhang von "Alarmismus" gesprochen wird, dann ist mir schon klar, dass hier unseriöses Geschrieben wird.
    Denke das Wort wäre ein guter Kandidat fürs Unwort 2020
    Auch zu R fiele Fehler, richtig aber die Kritik, R7 wäre viel besser

  2. 27.

    Wahnvorstellungen, blühende Phantasie - ja? Dann muß mir jemand erklären, was unter "Es sollte Mal Sachlich bedacht werden! 10 Tage lockdown niemand darf raus ! Dann wird die Ansteckung gestoppt!!!" wie in dem Post vom 14.10.2020 um 18:45 zu verstehen ist. Ich weiß selbst, daß das von mir gezeichnete Szenario stark übertrieben ist und die Gesellschaft innerhalb weniger Tage im Chaos versinken würde. "Niemand" heißt dann nämlich keiner außer Ärzte, Pflegepersonal, Notdienste jeglicher Art, Polizei/Feuerwehr, öffentliche Ver- und Entsorgung, Energie, Verkehr, Bildungseinrichtungen, Lebensmittelversorgung etc. - genau das, was man unter den sog. systemrelevanten Bereichen versteht. Diese Menschen werden auch weiterhin der Infektionsgefahr ausgesetzt und bleiben weiterhin potentielle Überträger.
    Solange Menschen zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Basisfunktionen interagieren müssen, bleiben sehr viele Übertragungswege bestehen. Reduziert - nicht gestoppt.

  3. 26.

    Stimmt, ich kann mich noch gut an den Lockdown im Frühjahr erinnern. War echt schlimm.
    Da fuhr kein Rettungsdienst und auch keine Feuerwehr mehr.
    Lebensmittel konnten auch nicht eingekauft werden. Etliche Menschen sind zu Hause verhungert.
    Ja, das waren wirklich schlimme Zeiten.
    Sie haben eine blühende Phantasie.
    Sie wissen auch genau, dass dies niemand jemals gefordert hat.
    Unterlassen Sie doch einfach Ihre bösartigen Unterstellungen und Wahnphantasien.
    Fachärzte haben ebenfalls auch für Sie geöffnet.

  4. 25.

    Genau, dann machen wir alle Läden, Krankenhäuser, Arztpraxen, Polizei, Notdienste etc. zu - geht nicht ohne Personal. Und Patienten, die stationär liegen, schicken wir nach Hause, können ja nach 10 Tagen wiederkommen (vielleicht). Und hoffentlich hat niemand während der Zeit einen Herzinfarkt oder Schlaganfall (ungünstiger Zeitpunkt). Strom, Wasser, Gas, Telefon stellen wir ab, die Anlagen kann man nicht unbeaufsichtigt laufen lassen. Und sowas wie ein Feuer dürfte natürlich auch nicht ausbrechen. Sprit für Notdienstfahrzeuge gäb's ohnehin keinen, die Tankstellen sind zu. Und hoffentlich haben alle für 10 Tage Wasser und Lebensmittel (unverderblich) eingelagert, obwohl Strom und Gas zum Kochen ist ja abgestellt, ich vergaß. Die Liste kann man beliebig fortsetzen...

    Jemand, der solche Phantasien von kompletten Lockdowns vertritt, sollte erst mal über die Konsequenzen nachdenken.
    Und es erzähle mir jetzt niemand was von systemrelevanten Berufen, die natürlich ausgenommen sind...

  5. 23.

    Cool ist ja, wir haben den tödlichsten aller Viren, aber Gesundheitsämter (auf deren wichtigen Zahlen alle Maßnahmen beruhen) haben offenbar am Wochenende zu. Sollten die Kraftwerker und Ärzte genauso machen.

  6. 22.

    @ Reinhard:
    "Ich hoffe bei der nächsten großen Grippewelle kommt auch eine Ampel mit entsprechenden Maßnahmen."
    Da braucht es keine Ampel und exakt eine Maßnahme: Wer will, der lasse sich impfen!
    Erkennen Sie jetzt (erst) den Unterschied zwischen der Grippe und COVID-19?!?

  7. 20.

    Würde mich mal interessieren, wieviele von den auf Intensivstation (ITS) liegenden derzeit beatmet werden. Und welche Erkrankungsschwere bei allen auf ITS vorliegt.

  8. 19.

    Dann haben sie ja alles richtig gemacht. Hat nicht jeder so schön. Sie möchten ja schließlich beim Einkaufen bedient werden.

  9. 18.

    Einen kompletten Lockdown für alle kann sich keiner leisten. Es sei denn Sie wollen z.B. im nahenden kalten Oktober ohne Strom und Heizung (Energietechniker), Müllentsorgung (der dürfte schon nach 5 Tagen Lockdown den Ratten das Lätzchen um den Hals zaubern), Telefonie, ohne Ärzte ohne Nachrichten, ohne Polizei sein.

    Falls Sie einen geordneten kurzfristigen Shutdown mit einer Minimal- und Grundversorgung meinen, dann wäre ich sogar bei Ihnen. Da darf dann aber nicht jeder kleine Onlineredakteur von xyz als systemkritisch gelten.

  10. 17.

    Ich kapier nicht, was Sie hier rumphantasieren. Ich bin seit März im Homeoffice und gehe quasi nur zum einkaufen raus oder Arzt. War im Sommer 2x am See. Ich bin noch nicht tot und habe auch keine Folgeschäden.
    Würden das alle so machen, dann wäre Corona schon vorbei. Stattdessen verbreiten die beratungsresisteten, die sich nicht unter Kontrolle haben, Corona lustig, Alk saufend über Clubs und Partys und sonstigen Zusammenrottungen weiter und weiter.
    Danke, dass ihr Kritiker euch alle nicht selbst unter Kontrolle habt.

  11. 16.

    Habe heute einen Bericht gesehen, indem genau das gesagt wurde. Nicht nur die Bettenkapazitäten sind entscheidend, sondern das Personal, und gerade Corona-Patienten sind besonders pflegebedürftig bzw. "personalintensiv."
    Zu "Bitte keinen Herzinfarkt kriegen":
    Habe Verwandtschaft in Madrid, wo die Kliniken bereiits voll sind und ernsthaft von einem Arzt gesagt wurde, die Einwohner mögen doch bitte zusehen, dass sie keinen Autounfall oder Herzinfarkt erleiden, wegen eben der Kapazitätsprobleme. Als könnte man sich den Infarktzeitpunkt aussuchen... -- Die sind wirklich verzweifelt da unten. Ich wünsche mir nichts mehr, als dass wir uns noch einmal wieder sehen können in diesem Leben (Verw. ist hochbetagt und das Weihnachtswiedersehen wird dieses Jahr wohl ausfallen, da keiner dort raus und rein darf und hier Quarantänepflicht ist usw.) ...

  12. 15.

    "Eins vorab: der R-Wert wird natürlich nicht gewürfelt, sondern ist das Ergebnis einer Rechnung. Ganz vereinfacht gesagt, nimmt man dafür die Zahl der Infizierten der letzten vier Tage und teilt sie durch die Zahl der Infizierten der vier Tage zuvor."

    Natürlich wird der R-Wert nicht gewürfelt. Es ist viel schlimmer, er wird errechnet anhand einer komplexen Formel in der drei Variablen vorkommen, deren Wert einfach ANGENOMMEN wird.
    Es gibt viele methodische Variationen der Basisreproduktionszahlberechnung. Aber in allen kommen vor:
    1 die Anzahl der Kontakte eines Infizierten pro Zeiteinheit,
    2. der mittleren Dauer der Infektiosität
    und
    3. die Wahrscheinlichkeit der Infektion bei Kontakt

    Je nach dem was man annimmt, kommt man zu gravierend unterschiedlichen Ergebnissen.

  13. 14.

    Ernsthaft, bei 10 tagen kompletten Lockdown, wird es mehr Tote geben als bei 8 Monaten Corona vorher.
    Von den Folgeschäden ganz abgesehen.
    Einfach mal nachdenken und nicht sinnlose populistische ideen raus feuern.

  14. 13.

    Falscher Fehler: wenn in berlin 100.00 angesteckt wären, gäbe es keienen R.! Wert bei 1 sondern 24 in einer Woche.

  15. 12.

    Ich hoffe bei der nächsten großen Grippewelle kommt auch eine Ampel mit entsprechenden Maßnahmen.

  16. 11.

    Es sollte Mal Sachlich bedacht werden! 10 Tage lockdown niemand darf raus ! Dann wird die Ansteckung gestoppt!!!

  17. 10.

    Bei den Intensivbetten wird ohnehin nur mit statistischen Zahlen gehandelt, die es nur auf dem Papier gibt.
    Fast jede Klinik ist mit fünf zusätzlichen Intensivpatienten über dem üblichen Durchschnitt komplett überfordert.
    Werden wir bald so sehen. Dann wünsche ich den Schreihälsen hier keinen Herzinfarkt, könnte nämlich auf dem Weg zur aufnahmebereiten Klinik versterben.

  18. 9.

    Theoretisches Beispiel: Wenn in Berlin 100.000 Menschen infiziert wären und diese wiederum 100.000 Menschen anstecken, dann läge der Wert R bei 1. Trotzdem wäre es sehr problematisch, wenn 100.000 Menschen in Berlin infiziert wären. Der Wert R sagt etwas über die Dynamik eines Infektionsgeschehens aus. Deswegen ist die Ampel in Berlin teilweise eigentlich etwas fragwürdig (Handlungsbedarf bei 2 mal Rot). Auch bezüglich Intensivbetten, wenn man weiß, dass in Deutschland etwa jeder vierte stirbt (siehe „statista Erfasste intensivmedizinische Versorgung von Corona-Patienten (COVID-19) in Deutschland“).

Das könnte Sie auch interessieren