Corona-Krise in Berlin - Vivantes-Mitarbeiter müssen Schutzmasken zu Hause auskochen

Do 26.03.20 | 17:32 Uhr | Von Nico Schmolke
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Symbolbild: Krankenhaus (Quelle: imago images/Manfred Weis)
Audio: Radioeins | 26.03.2020 | Interview mit Nico Schmolke | Bild: imago images/Manfred Weis

Der Klinikkonzern Vivantes verteilt an seine Mitarbeiter Mundschutzmasken, die nach der Schicht zu Hause selbst ausgekocht werden müssen. Der Regierende Bürgermeister Müller bezeichnet das als unkonventionelle Lösung, ein Pfleger aber ist empört. Von Nico Schmolke

Was Sie jetzt wissen müssen

Nach der Arbeit schaltet Thomas (Name geändert) den Herd ein. Er nimmt seinen Mundschutz aus einem Plastikbeutel, legt ihn in einen Topf und kocht ihn aus. Und das jetzt jeden Tag. Weil die Vorräte an Schutzausrüstung zuneige gehen, hat sich das landeseigene Unternehmen Vivantes für seine neun Krankenhäuser eine kreative Zwischenlösung überlegt. In dieser Woche wurden bereits 10.000 persönliche, textile Mundschutzmasken an die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen verteilt, Zehntausende weitere werden gerade geliefert.
 
Doch bei Pfleger Thomas kommt das gar nicht gut an: "Wir sind nicht mehr ausreichend geschützt. Und wenn Kanzlerin Merkel sagt, in den Kliniken wird nach hohen hygienischen Standards gearbeitet, dann ist das falsch." Weil Thomas Angst um seinen Job hat, will er für diesen Text gerne anonym bleiben.

Vivantes spricht von "ausreichend" Masken

Thomas arbeitet auf einer ganz normalen Station, also keine Corona-, Intensiv- oder Krebs-Station. Und dennoch nutzen auch er und seine Kollegen normalerweise täglich einen Mund-Nasen-Schutz (kurz MNS), wenn sie in Kontakt mit infektiösen Patienten treten. Die kann es auf jeder Station geben, genauso wie Isolierzimmer, zum Beispiel um die Ausbreitung multiresistenter Keime zu verhindern. Und wegen Corona ist der Schutz der Pflegekräfte nun umso wichtiger, weil sie täglich in Kontakt mit zahlreichen Menschen treten.

Bislang wurde im Kontakt mit infektiösen Patienten ein Einmal-Schutz verwendet, der nach jedem Kontakt entsorgt wird, damit Mitarbeiter keine Keime von A nach B tragen und sich selbst schützen. Dieser Einmal-Schutz ist jetzt aber für Corona-Stationen, Rettungsstellen oder auch Operationen reserviert. Auf anderen Stationen gibt es nur noch streng rationierte Mengen.

Vivantes als größter kommunaler Krankenhauskonzern Deutschlands sieht darin keine Gefahr: "Mitarbeiter der Intensivstationen, Onkologie, Rettungsstellen, Herzkatheter-Labore, OPs etc. erhalten weiterhin ausreichend Einweg-MNS", teilt eine Sprecherin auf rbb24-Anfrage mit.

Vivantes beruft sich auf Robert-Koch-Institut

In den wirklich lebenswichtigen Stationen sind die Masken also noch vorhanden. Aber "um noch möglichst lange für alle Bereiche Schutzausrüstung zu haben", so die Vivantes-Sprecherin, "sind unsere Beschäftigten aufgerufen, sparsam mit Einwegartikeln wie Masken, Kitteln oder Schutzbrillen umzugehen". In der Praxis heißt das, dass die Einweg-Masken in vielen Fällen durch die Verwendung der persönlichen Mehrweg-Masken zum Selbst-Auskochen ersetzt werden sollen.

Vivantes beruft sich dabei auf aktuelle Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts zum Umgang mit Lieferengpässen [rki.de]. Diese besagen, dass eine Pflegekraft eine Maske während einer Schicht mehrfach verwenden kann. Weil die Außenseite einer solchen Maske potentiell erregerhaltig ist, erfordert das Absetzen, das Lagern und das Wiederaufsetzen jedoch große Achtsamkeit, damit sich nicht wie in Italien zahlreiche Pflegekräfte selbst infizieren. Es wird auch vor dem Lagern in einem geschlossenen Behälter gewarnt, weil Erreger dann auf die Innenseite der Maske und andere Oberflächen verschleppt werden können.

Bald soll die Klinikwäscherei übernehmen

Nun aber sollen die Mitarbeiter im Vivantes diesen persönlichen Schutz in einem Plastikbeutel mit nach Hause nehmen, dort auskochen und dann wieder mitbringen. Täglich muss also ein neuer Plastikbeutel verwendet werden, weil der alte kontaminiert sein kann. Diese Aspekte wurden laut Pfleger Thomas bei der Übergabe der persönlichen Masken nur beiläufig erwähnt. Laut Vivantes starten dazu gerade Schulungen, auch per Video, und über das Intranet sei ebenfalls darauf hingewiesen worden. Das RKI hat in seinen Empfehlungen ausdrücklich verlangt, dass für diesen ungewöhnlichen Schritt der Mehrfachverwendung Schulungen notwendig sind.

Außerdem wird in den RKI-Empfehlungen von der Mehrfachverwendung innerhalb einer Schicht gesprochen. Bei Vivantes hingegen sollen die Masken jetzt über Tage und Wochen wiederverwendet werden. Auch deswegen ist geplant, die Verantwortung für das Auswaschen bald von den einzelnen Mitarbeitern wieder auf das Krankenhaus zu übertragen. Sobald genug Masken vorrätig sind, gehen sie nach Schichtende in die Klinikwäscherei und alle Pflegekräfte erhalten am Folgetag vor Ort einen frisch gewaschenen Schutz.

Mangel an Schutzausrüstung betrifft nicht nur die Masken

Bei einigen Vivantes-Mitarbeitern kommt die Lösung zum Auskochen der Masken gut an. Wer bislang keinen Kontakt mit infektiösen Patienten hatte, kann sich während seiner Schicht nun zusätzlich schützen. Sogar der Regierende Bürgermeister Michael Müller nahm in seiner Regierungserklärung vom Donnerstag vor dem Berliner Abgeordnetenhaus Bezug auf die Masken: "Wir sind bereit, unkonventionelle Lösungen zu finden, nach entsprechenden Reinigungen Material mehrfach zu verwenden oder in Berlin selbst herzustellen.

Der Mangel an Schutzausrüstung betrifft nicht nur die Masken. Statt Einweg-Kitteln kommen in den Vivantes-Kliniken in vielen Fällen Plastikschürzen zum Einsatz, die ebenfalls patientenbezogen mehrfach verwendet werden, jedoch nur noch die Vorderseite der Pfleger bedecken. Auch hier weist Vivantes darauf hin, dass der Vorrat an Schutzkleidung für lebenswichtige Bereiche reserviert bleibt: "Das heißt, bei der Versorgung von Covid19-Patienten muss stets die komplette Schutzausrüstung getragen werden, um eine Ansteckung des Personals zu vermeiden." Angst müsse also keiner davor haben, dass in Krankenhäusern nun die Hygiene-Standards aufgehoben werden.

Doch Pflegekraft Thomas ist unzufrieden mit diesen Zwischenlösungen. Er empfindet den Beifall und die vielen Dankesworte für Pfleger eher als Hohn und fühlt sich auch in Sachen Schutzmasken allein gelassen. "Die Hygiene-Standards werden bei uns heruntergeschraubt. Man versucht uns zu vermitteln, dass es an nichts mangelt. Doch das stimmt nicht."

Sendung: Radioeins, 25.03.2020, 18:40 Uhr

Beitrag von Nico Schmolke

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