11.05.2019, Berlin. Prostituierte stehen nachts am Erotik-Store "LSD" und auf dem Straßenstrich an der Kurfürstenstraße im Stadtteil Schöneberg. (Quelle: dpa/Steinberg)
Audio: Inforadio | 15.06.2020 | Birgit Raddatz | Bild: dpa/Steinberg

Viele fallen durchs Raster - Warum Prostituierte trotz Sexkaufverbot auf den Strich gehen

Wegen des Coronavirus' gilt das Sexkaufverbot in Berlin bis mindestens Anfang Juli. Sogar ein generelles Prostitutionsverbot wird diskutiert. Gearbeitet wird trotzdem, denn viele Frauen fallen bei den Hilfsangeboten durchs Raster. Von Birgit Raddatz

Vor der Tür des Berliner Vereins Neustart e.V. liegt eine Frau und schläft. Eine zweite steht bereits an der Straße und hält Ausschau nach Freiern. Zwar war es seit Mitte März ruhig geworden auf dem Straßenstrich zwischen Mitte und Schöneberg, seit gut zwei Wochen tauchten aber immer mehr Frauen plötzlich wieder auf, erzählt Neustart-Vorsitzender Gerhard Schönborn: "Zuerst haben die Zuhälter vorsorglich alle Frauen zurück nach Rumänien oder Bulgarien gebracht, aber jetzt dachten einige, dass es wieder in Deutschland erlaubt ist."

Das liegt wohl daran, dass Rheinland-Pfalz zunächst Bordelle vergangene Woche unter Hygieneauflagen und mit eingeschränkten Angeboten wieder öffnen wollte. Nach Protest der Ordnungsämter zog die dortige Landesregierung wieder zurück [swr.de]. Auch, um die Sexarbeit nicht in das Bundesland zu verlagern. Schönborn weiß von mindestens einer Frau, die bereit war, für die Arbeit umzuziehen.

Viele bekommen kaum staatliche Leistungen

So arbeiten die Frauen also weiter illegal in Berlin. Immer wieder findet Schönborn Kondome auf den Toiletten an der Kurfürstenstraße. "Viele stehen auf der Straße, weil sie in den Bordellen, in denen sie gearbeitet haben, auch gewohnt haben", sagt er. Nicht alle Bordellbetreibende lassen das auch weiterhin zu. Die Senatsverwaltung für Gesundheit hat deswegen die Obdachlosenunterkunft "Pumpe" mit 77.000 Euro finanziert.

Bestraft werden die Prostituierten nach der neuen Eindämmungsverordnung nicht mehr. Freier zahlen jedoch bei Verstoß gegen das Verbot zwischen 250 und 1.000 Euro, Bordellbesitzende bis zu 10.000 Euro.

Geschätzt gibt es rund 8.000 Prostituierte in Berlin, nur gut ein Fünftel davon ist offiziell angemeldet. Statista-Daten für Deutschland zeigen: 35 Prozent der Sexarbeiterinnen kommen aus Rumänien, gefolgt von Bulgarien und Ungarn. Die deutsche Staatsbürgerschaft hat rund ein Fünftel. Alexa Müller vom Verein Hydra macht sich um die Frauen Sorgen. Denn auch wenn sie aus EU-Ländern kommen, Hartz IV darf nur beantragen, wer eine Steuernummer besitzt und fünf Jahre lang durchgehend in Deutschland gearbeitet hat. "Wer für ein halbes Jahr seine kranke Mutter in Bulgarien gepflegt hat, fällt schon durch’s Raster", beklagt die Sexarbeiterin.

Mit Maske, Massage und Desinfektionsmittel hin zur Öffnung

Zwar prüft die Senatsverwaltung derzeit, wie sie denjenigen helfen kann, die gar keinen Anspruch auf Leistungen haben. Alexa Müller wäre eine Öffnungsperspektive für Bordelle und ein Ende des Sexkaufverbots in Berlin aber lieber. Sie kann sich vorstellen, erst einmal nur erotische Massagen anzubieten und eine Maske zu tragen. Selbst die Dokumentationspflicht sei kein Problem. "Unsere Kunden akzeptieren das, sie wollen wissen, wenn es einen Infektionsfall gegeben hat", so Müller. Im Restaurant könne sie auch niemand zwingen, ihren richtigen Namen einzutragen, trotzdem würde es aus ihrer Sicht der Großteil der Menschen machen.

"Man kann nicht von unserer Branche mehr verlangen, als von anderen", sagt Alexa Müller. Sexarbeit sei ähnlich wie Kosmetikstudios oder Friseursalons zu behandeln. Das sieht die Gesundheitsverwaltung anders und teilt schriftlich mit: "Das Infektionsrisiko ist als hoch einzuschätzen." Bis mindestens zum 4. Juli soll es daher keine Öffnungen geben.

Angst vor generellem Verbot

Je mehr Lockerungen es im öffentlichen Leben geben wird, desto mehr wird auch in der Branche gearbeitet, da sind sich Gerhard Schönborn und Alexa Müller einig. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Branche schätzen beide jedoch unterschiedlich ein. Die Sexarbeiterin fürchtet, dass es zu einem generellen Prostitutionsverbot kommen könnte. Ein Brief von 16 Abgeordneten legt das nahe [deutschlandfunk.de]. Darin verweisen fordern sie die Länder auf, Bordelle derzeit über die Pandemie hinaus geschlossen zu halten. "Auf jeden Fall wird es danach weniger Angebot geben, das verschlechtert die Arbeitsbedingungen eher", sagt sie.

Gerhard Schönborn zieht einen anderen Schluss aus der Corona-Pandemie. Einige Frauen seien bereits zu ihm gekommen und hätten nach anderen Jobs und einer Kontoeröffnung gefragt. Das koste ihn und seine Sozialarbeiterinnen viel Zeit und Geld. "Es gibt kein Hilfsprogramm des Senats dafür", beklagt er. So kann Schönborn nur zusehen, wie draußen auf der Kurfürstenstraße weiter trotz Verbot gearbeitet wird.

Sendung: Inforadio, 15.06.2020, 11:10 Uhr

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Beitrag von Birgit Raddatz

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11 Kommentare

  1. 11.

    Das ganze iste Augenwischerei. Ich denke nicht, das 90% Prostitution im geheimen stattfindet. Der Staat hat vor einiger Zeit alles getan um eigentlich als grösster Zuhälter in Rennen zu kommen. Hier hatten die Mädels eine Chance. Wenn sie sich angemeldet hätten und ihre Beiträge gezahlt hätten, würde es ihnen besser gehen in Corona Zeiten (Ausfallgelder). Leider sind viele der Damen schon einem "Zuhälter" untergeordnet, dieser ist aber meist "privat". Sie arbeitet und er tut alles, das das Geld am Abend wieder verschwunden ist. Dann bleibt kein Geld für Wohnung, Krankenversicherung....
    in den Clubst in Deutschland (nicht Flatrate F...k) sind die Damen selten und Zuhälter zugriff. (Aber das ist halt meine Meinung)

  2. 10.

    Für mein Verständnis - Sie reden vom Straßenstrich mit Zuhältern, aber in den Bordellen ist es besser/ fairer geregelt?
    Wie kann diesen Frauen, jetzt in dieser Zeit speziell, denn nun konkret geholfen werden...?

  3. 9.

    Es wäre vielleicht sinnvoller, tatsächliche Sozialarbeitende zu interviewen sowie Betroffenenverbände etc. Durch die Blume eigentlich nur am Ausstieg der Sexarbeiter*innen interessiert zu sein, ist jedenfalls nicht die unabhängige Position, die es braucht, um mit allen Formen der Sexarbeit umzugehen.

    Ferner verbreitet der gesamte Artikel viel Unwissen. Wer durch das selektiv ausgrenzende Hilfssystem fällt, hat grundsätzlich Anspruch auf Wohnungslosenhilfe, solange nicht das Amt für Flüchtlingsangelegenheiten oder das SGB VIII, Jugendamt und Co., greifen. Der jeweilige Bezirk ist zuständig und rechtlich verpflichtet (ASOG), zu helfen, egal ob Sexarbeiter*in in Krisenzeiten oder nicht. Wenn Bedürftigkeit - offensichtlich - vorhanden ist, muss auch entsprechend geholfen werden: Wohnung und (noch) eher unwürdige Almosen, die es unterhalb von AlG II gibt.

    Eine Stadt, die Sexarbeiter*innen gängelt u. bevormundet, statt Freier etc. sowie Bedingungen zu kontrollieren, ist unsozial.

  4. 8.

    Die Situation der Frauen am Straßenstrich wird seit Jahren als "Sexarbeit" verharmlost. Da passt es nicht ins Konzept, dass ein Großteil der Frauen von Zuhältern ausgebeutet werden bzw. das verdiente Geld nicht einmal dafür reicht, sich ein Zimmer zu leisten oder eine Krankenversicherung abzuschließen.

  5. 7.

    Wir haben in dem Gespräch beklagt, dass der Senat keine wirklichen Ausstiegshilfen bereit hält, weder vor der Corona-Pandemie noch jetzt. Wir sind sehr froh, wenn wir Frauen beim Ausstieg helfen können. Allerdings fehlen uns personell die notwendigen Mittel, um allen Frauen, die aussteigen wollen, zu helfen. Denn wir finanzieren auch unsere Sozialarbeiterinnen ausschließlich durch Spenden und bekommen nicht einen einzigen Euro vom Senat. Der Zusammenschnitt des Gesprächs ist an dieser Stelle etwas missverständlich.

  6. 6.

    Ich habe mich darüber beklagt, dass der Berliner Senat keine wirklichen Ausstiegshilfen bereit hält, weder vor Corona noch jetzt. Wir sind froh, wenn wir den Frauen beim Ausstieg helfen können. Allerdings sind unsere personellen Mittel sehr begrenzt, da wir uns durch Spenden finanzieren und nicht einen Euro vom Senat bekommen. Das ist durch den Zusammenschnitt des Gespräches etwas missverständlich geblieben.

  7. 5.

    Das hatte nie aufgehört wie @ Berta schon schreibt
    Und Sexarbeit ist wohl was anderes als Kosmetik oder Friseur, so ein dämlichen Vergleich habe ich noch nie gehört. Sage ich nächste Woche zu mein Mann" Hasi, ich gehe zu Tina ,Sex machen und die Haare".

  8. 4.

    Prostitution findet immer noch genauso statt wie vorher, jetzt werden die Dates aber online verabredet und finden sind im Bordell sondern in Ferienwohnungen und Hotels Statt.

  9. 2.

    Herr Schönborn sollte es positiv sehen, wenn Frauen von der Prostitution wegkommen wollen, und nicht klagen, dass ihm das Arbeit verursacht.

  10. 1.

    Ich verstehe nicht, wieso man für diese Frauen keine Alternativen schafft, was Wohnraum, finanzielle Lage und Arbeit angeht - zumindest vorübergehend. Ist doch logisch, dass es dann in die Illigalität abdriftet! Das ist so ein Risiko für diese Frauen...!

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