Corona-Ausbruch - Investor von Neuköllner Haus wirft Behörde Diskriminierung vor

Fr 19.06.20 | 14:21 Uhr | Von Sigrid Hoff
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Blick vom Turm des Rathauses Neukölln (Quelle: imago-images/Contini)
Audio: Inforadio | 19.06.2020 | Sigrid Hoff | Bild: imago-images/Contini

Nach einem Corona-Ausbruch in einem Neuköllner Wohnblock sind die Anwohner sauer - unter anderem weil ihre Adresse öffentlich gemacht wurde. Der Investor und Projektleiter ist angereist, um zu vermitteln. Kritik übt er am Gesundheitsstadtrat. Von Sigrid Hoff

Benjamin Marx hat einen langen Tag hinter sich. Morgens ist er mit dem Zug von Köln nach Berlin gekommen. Den ganzen Nachmittag hatte in der Harzer Straße in Neukölln verbracht, um sich vor Ort ein Bild zu machen und die Gemüter zu beruhigen.

In den vergangenen Tagen hatten sich seine Mieter von der Öffentlichkeit provoziert gefühlt. Es waren Eier und Kartoffeln geflogen. Doch während des Termins mit dem Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) am Donnerstag blieb alles friedlich, wie Projektleiter Marx erzählt: "Die Bewohner waren eigentlich sehr strukturiert, es ist sehr aufgeräumt. Das Ganze fand im Innenhof statt. Die Bewohner standen in einem vorbildlichen Abstand von mindestens zwei Meter, hatten alle Masken gehabt."

Anwohner verärgert über Berichterstattung

Das Neuköllner Miethaus gehört der Aachener Wohnungsgesellschaft. Eigentümer sind mehrere Bistümer der katholischen Kirche. Benjamin Marx hatte das Objekt vor knapp zehn Jahren für die Gesellschaft gekauft und saniert. Die Bewohner, zumeist rumänische Roma, konnten bleiben. Zuvor hatten sie in einem völlig vermüllten Haus gelebt. Jetzt erhielten sie ordentliche Mietverträge. Bis zu sieben Personen in einer Dreizimmerwohnung seien aber keine Ausnahme, gibt Marx zu.

Die meisten Familien gelten heute jedoch als gut integriert. Mit der Corona-Infektionswelle kamen alte Vorurteile wieder hoch. "Die waren sehr verärgert darüber, wie über sie berichtet wurde, dass sie überhaupt benannt worden sind, dass die Adresse bekannt worden ist", berichtet Marx.

Projektleiter spricht von Diskriminierung

Der Projektleiter kritisiert die Kommunikation zwischen den Betroffenen und den Behörden. Dem Gesundheitsstadtrat Falko Liecke wirft er strukturellen Rassismus vor: "Das merken die handelnden Personen ja schon gar nicht mehr. Also wenn handelnde Personen zu mir sagen - unsere Behörde oder das Gesundheitsamt: 'Wir haben Sozialarbeiter, um die Menschen aufzuklären.' Dann sage ich, das ist sehr schon wieder diskriminierend. Warum sage ich nicht einfach: 'Ich informiere die Leute'?"

Bezirksbürgermeister Hikel hatte die Schlagzeile geprägt, das Coronavirus sei nach den Skiclubs nun in der Mietskaserne angekommen [berliner-zeitung.de]. Das nahm er bei dem Treffen dann zurück, sagt Vermieter Benjamin Marx: "Der Bezirksbürgermeister Hikel war da und hat qualifizierte und sehr schöne Worte gefunden. Er hat sich auch quasi für das, was passiert ist, entschuldigt. Man muss hier einfach einem Dialog bleiben und in der Kommunikation und auch in der verantwortlichen Kommunikation den Menschen gegenüber."

Corona soll nicht zum Stigma werden

Benjamin Marx ermahnt aber auch seine Mieter: "Wir müssen gemeinsam das Thema wenden. Und da habe ich die Bitte, das eben keine Eier von den Balkons fliegen. Das sind Bilder, die die da unten sehen wollen."

Marx fühlt sich für die Menschen hier verantwortlich. Corona soll nicht zum neuen Stigma für sie werden. "Also das war schon ein inneres Bedürfnis für mehr, mich mit den Menschen solidarisch zu erklären. Ich bin da auch nicht als Oberlehrer hingekommen, sondern ich bin gekommen und habe gesagt: Leute, ich stehe auf eurer Seite."

Sendung: Inforadio, 19.06.2020, 12:45

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