Symbolbild: Eine Ärztin untersucht ein Mädchen mit einem Stethoskop (Bild: dpa/Patrick Pleul)
Audio: Inforadio | 02.09.2020 | Nico Hecht | Bild: dpa/Patrick Pleul

Bei jedem Schnupfen zum Arzt? - Corona-Tests verursachen Andrang bei Haus- und Kinderärzten

Der Herbst naht, und damit auch die Zeit der niesenden und hustenden Kita- und Schulkinder. Viele Kinder müssen dann einen negativen Corona-Test vorlegen, bevor sie wieder in ihre Klassen oder Gruppen dürfen. Ein Problem für viele Eltern - und Ärzte. Von Nico Hecht

Nach drei Wochen Schule rätseln viele Eltern in Berlin immer noch: Wie muss ich eigentlich in diesem Corona-Jahr reagieren, wenn mein Kind niest oder hustet?

Da seien die Eltern verunsichert und beinahe hilflos, weil Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sie dabei im Unklaren lasse, sagt Thorsten Stadler, Eltern-Sprecher an einer Schule in Tempelhof. "Weil von der Senatsverwaltung oder von Frau Scheeres einfach einiges, was man doch einheitlich für ganz Berlin regeln könnte, einfach auf die einzelnen Schulen abgeladen wird."

Bei jedem Schnupfen zum Corona-Test?

Von der Senatsverwaltung gebe es kaum mehr als die Vorgabe, dass kranke Kinder nicht in die Schule sollen. Eltern berichten aber, das Schulen und Kitas oft bei kleinsten Erkältungsanzeichen fordern, die Kinder zu Hause zu behalten.

Bei deutlicheren Symptomen fordern einige Einrichtungen sogar negative Corona-Tests, bevor die Kinder zurückkehren können. Auch das hätten Eltern Stadler berichtet. "Aber alle Eltern wissen, wie oft ein Kind erkältet ist. Da dann immer zu sagen: 'Oh, jetzt muss ich gleich zum Arzt und auch noch zum Test …' Warum hier so ein Aufwand gemacht wird, ist nicht und auch nicht einheitlich mit den Eltern kommuniziert."

Behandlung in Vollschutzmontur

Tatsächlich empfiehlt das Robert-Koch-Institut (RKI), bei jeder Atemwegserkrankung, unabhängig von der Schwere, einen Corona-Test. Also eine niedrigschwellige Testung. Für Kinder- und Hausärzte ist das kaum mehr zu schaffen. Sie testen bereits Urlaubsrückkehrer aus Risikogebieten.

Das sei viel Arbeit, sagt der Vorsitzende des Hausärzteverbandes Berlin-Brandenburg, Wolfgang Kreischer. Testpersonen müssten dabei umfassend beraten, beim Praxis-Besuch von anderen Patienten separiert und in Vollschutzkleidung behandelt werden. "Wir können das auf Dauer in den Praxen nicht leisten, weil jetzt die normalen Erkältungen kommen. Vielleicht kommt auch eine Grippewelle. Und dann müssen wir bei jedem Verdachtsfall, also auch wenn jemand erkältet ist, davon ausgehen, dass es ein Corona-Fall sein könnte. Und dann in Vollmontur arbeiten."

Zu wenig Impfdosen für Risikogruppen

Bei so viel Testaufwand drohe, dass die Zeit für wirklich Kranke fehlt. Kinderärzte in Berlin berichten, dass ihre Praxen schon jetzt - also vor der Grippesaison - aus allen Nähten platzen. Was helfen würde: das Impfen, sagt Stephan Bernhardt von der Ärztekammer Berlin. Aber der Hausarzt in Berlin-Schöneberg rechnet auch vor: Alle Kinder impfen zu wollen, wie es etwa die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie empfiehlt, sei illusorisch.

Dafür gebe es gar nicht genug Impfstoff, hätte die ständige Impfkommission (Stiko) mitgeteilt. "Wir haben für dieses Jahr ungefähr 25 Millionen Impfdosen. Deswegen hat sich die Stiko dafür ausgesprochen, dass nur Risikogruppen geimpft werden sollen. Das heißt: alle Menschen über 60, alle Kinder mit Vorerkrankungen."

Allein für diese Risikogruppen wären 40 Millionen Impfdosen notwendig. Und die fehlenden Dosen nachzubestellen wäre sinnlos, so Stefan Bernhardt. Weil die Herstellung viel zu lange dauern würde.

Sendung: Inforadio, 01.09.2020, 16:40 Uhr

Infos zum Thema

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) plädiert dafür, Kinder mit leichten Erkältungssymptomen symptomatisch zu behandeln. In Fällen mit einem begründeten Verdacht auf eine Covid-19-Erkrankung solle getestet werden.

Das RKI empfiehlt aktuell eine "niederschwellige Testung" aller Menschen mit Symptomen einer akuten Atemwegserkrankung. Das gilt unter anderem bei akuten respiratorischen Symptomen wie Husten, Schnupfen oder Halskratzen.

Der BVKJ sagt, dass Säuglinge und Kleinkinder acht bis zwölf Infektionen pro Jahr durchmachen. Mehr als zwei von drei Infekten werden bei Kindern und Jugendlichen einer Studie zufolge im Winter diagnostiziert, besonders häufig zwischen Januar und März.

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8 Kommentare

  1. 8.

    Ich kann dem nur voll und ganz zustimmen. Einen Kinderarzt zu finden,wenn das Kind bereits geboren wurde,ist in Berlin unmachbar.
    Wenn ich mir jetzt noch die Situation vorstelle,dass die Kinder einen negativen Test bringen müssen,um wieder in die Schule gehen zu können, wird die Wartezeit bestimmt 3-4 Stunden sein:-(
    Das ist kein gesundes Gesundheitssystem!

  2. 7.

    Die Infografik befindet sich hier und ist wirklich hilfreich.
    https://www.berlin.de/sen/bjf/coronavirus/aktuelles/schrittweise-oeffnung-kita-und-kindertagespflege/#faq_1_7

  3. 6.

    Wir haben eine Infografik von der Schule bekommen, wo steht, wann ein Kind in die Kita bwz. in die Schule darf. Bei Schnupfen und Husten, ohne Fieber und Atembeschwerden darf ein Schulbesuch erfolgen.

  4. 5.

    Inzwischen wird Jeder gegen Jeden ausgespielt und dazwischen stehen die Kinder die das Alles mitbekommen und die Welt nicht mehr begreifen.

    Wir sollten nicht für und gegen Masken oder sonstigen Mist streiten, sondern um unsere Kinder unsere Familien die langsam verfallen, weil selbst in der Familie Streit und Unsicherheit herrscht, was nun richtig ist oder falsch. Lasst uns doch wieder auf das Wichtige konzentrieren und unsere Rechte für unsere Kinder kämpfen. Ja, das geht auch mit Rücksicht auf Risiokogruppen und ohne Verzicht auf Lebensqualität.

  5. 4.

    Noch falschere Fragen... welcher Arbeitgeber wird noch Eltern einstellen oder im Betrieb behalten, wo man alle paar Tage wegen Corona-untypischen Nießens gezwungen wird, den Schüler abzuholen und testen zu lassen? Und selbst wenn der Arbeitgeber die Eltern behielte, wie soll die Arbeit erledigt werden? Tankwart oder Bäcker im Homeoffice gibt's einfach nicht... und die 20 Kindkrank-Tage für unter 12jährige sind schnell aufgebraucht, bei der Geschwindigkeit, in der man Testergebnisse erhält.

    Trägt man überall Masken (Einkaufen, Arztbesuche, Menschenaufläufe) wird die Pharma-Industrie wohl auf den Grippen-Impfstoffen sitzen bleiben, wie die Bundesregierung auf den Billigmasken... nur deshalb wird die Grippeimpfung nun wärmstens empfohlen - wie auch das Maskentragen...

  6. 3.

    von der Kita bekommen wir ständig zu Hören, "Das Kind hat Husten, Bronchitis, Schnupfen und Fieber". Wir mussten unsere Tochter nun schon mehrfach abholen, jedoch konnten weder wir als Eltern noch ein Kinderarzt die Aussage der Kita bestätigen. Lt. Kinderarzt darf das Kind eine Kita besuchen, die Kita selbst sieht das aber anders....
    Was wir als Eltern nun jetzt tun sollen weiß ich auch nicht. Sofern der Arzt unser Kind nicht krankschreibt, können wir auch nicht der Arbeit fern bleiben. Also - pecht gehabt - ....eine Schande ist das alles....!!!!

  7. 2.

    Keiner stellt mehr die richtigen Fragen, da es ohnehin nicht um Corona oder das Wohl der Kinder geht.
    Bereits vor Corona war die Situation bei den Kinderärzten unerträglich. Neupatienten hatten bereits vor Corona kaum eine Chance einen Kinderarzt zu finden, welcher überhaupt noch Neupatienten aufnehmen könnte.
    Zweite interessante Frage: Grippeschutzimpfungen. Sollten sich in dieser Saison durchschnittlich mehr Bürger für eine solche Impfung entscheiden, so hätten wir gar nicht ausreichend Impfdosen.
    Ein Gesundheitssystem, welchen noch nicht einmal ohne Corona seinen Auftrag erfüllen kann, kann in Coronazeiten den Ansturm natürlich nicht bewältigen.
    Wenn ein Kind eine Erkältungskrankheit zeigt, so haben die Eltern jegliches Recht einen Arzt aufzusuchen.
    Sind wir schon so weit, dass nun Eltern vorgeschrieben wird, wann und ob diese das Kind einem Arzt vorstellen dürfen?

  8. 1.

    Wie soll man sonst das Personal vor Corona schützen? Egal ob Erwachsen oder Kind....Zu diesen Zeiten sollte jeder der krank ist zu Hause bleiben!

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