Symbolbild: Mitarbeiterinnen der Pflege in Schutzausrüstung betreut einen Corona-Patienten. (Quelle: dpa/F. Strauch)
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Mangel in Berliner Kliniken - Pflegekräfte verzweifelt gesucht

Auf den Intensivstationen wächst der Druck, Pfleger zu finden: Die Belastungsgrenze rückt durch die Corona-Pandemie näher. Eine Forderung ist nun, die Personaluntergrenze wieder auszusetzen - also einem Pfleger mehr Patienten zuzumuten als bisher. Von Anna Corves

Ehemalige Pflegekräfte dringend gesucht, bitte melden! Solche Aufrufe sind gerade von allen Seiten zu hören - von Kliniken, der Gesundheitsverwaltung - und auch von der Berliner Krankenhausgesellschaft. Auf den Intensivstationen wachse der Druck, sagt ihr Geschäftsführer Marc Schreiner: "Wenn das so weitergeht, kommen wir Anfang, Mitte Dezember mit dem Personal wirklich an die Belastungsgrenze." Individuell werde das schon heute von manchen so empfunden.

Zahl der Bewerber reiche nicht aus

Seit dem Appell der Berliner Krankenhausgesellschaft am letzten Donnerstag seien mehrere Bewerbungen von ehemaligen Pflegekräften bei den Kliniken eingegangen, berichtet Schreiner. Quantifizieren könne er sie aber noch nicht. Die Charité teilt mit, dass sie durch eigene gezielte Aufrufe im Herbst bereits 72 Mitarbeiter gewinnen konnte, darunter ehemalige Pfleger, Medizinstudenten, Pflegehelfer. Trotzdem benötige die Charité akut weitere 100 Vollzeitpflegekräfte.

Auch Vivantes sucht händeringend Leute. Man habe eine breit angelegte Recruiting-Kampagne gestartet, teilt der Konzern mit. Es sei in den letzten Wochen auch gelungen, Mitarbeitende zu gewinnen. Die Gesamtbilanz ernüchtert jedoch: "Aufgrund des Fachkräftemangels und der natürlichen Fluktuation etwa durch Renteneintritte oder Schwangerschaften konnte kein signifikanter Aufbau von zusätzlichem Personal erreicht werden", heißt es in der Mitteilung.

Personaldecke wird durch Ausfälle dünner

Ausgerechnet jetzt verschärft sich der Mangel an Pflegekräften durch immer mehr Ausfälle von Personal. Zum einen durch die klassische Erkältungswelle. Zum anderen steigt auch die Zahl der Mitarbeiter, die sich mit Corona infizieren oder in Verdachts-Quarantäne müssen. Das berichtet beispielsweise die Johannesstift Diakonie, zu der unter anderem das Martin Luther Krankenhaus und das Evangelische Waldkrankenhaus Spandau gehören. Es werde immer schwieriger, diese Ausfälle zu kompensieren, heißt es dort. Ausfälle werden an vielen Kliniken zunehmend zum Problem, bestätigt Marc Schreiner von der Berliner Krankenhausgesellschaft: "Umso mehr sind wir darauf angewiesen, dass Kitas und Schulen geöffnet bleiben, damit die Belegschaft durch Kinderbetreuung nicht noch weiter ausgedünnt wird."

Personallücken über Leiharbeitsfirmen zu füllen, funktioniert in der aktuellen Lage offenbar nur bedingt. Das Tempelhofer St. Joseph Krankenhaus kann nach eigenen Angaben aktuell vermehrt Leasingkräfte auf der Intensivstation einsetzen. Andere Kliniken melden Schwierigkeiten, Leiharbeiter zu finden: Wegen der hohen Nachfrage, aber auch, weil nicht jeder Leiharbeiter Covid-Patienten betreuen möchte. Oder auch weil die Agenturen zögern, sie dort einzusetzen, weil Leiharbeiter ja von Klinik zu Klinik wandern.

Starke Belastung für vorhandene Pflegekräfte

Der Mangel an Pflegekräften muss also letztlich durch hausinterne Maßnahmen abgefedert werden, heißt, das vorhandene Pflegepersonal muss den Mangel abfedern.

Außerdem werden einzelne Stationen und Tageskliniken geschlossen und planbare Eingriffe verschoben. Ein harter Schritt für viele Nicht-Covid-Patienten, aber so werden Pflegende für die Intensivstationen frei. Fast alle Berliner Kliniken, die Covid-Patienten intensivmedizinisch betreuen, geben an, in den letzten Monaten Personal von anderen Stationen auf den Einsatz auf der Intensivstation vorbereitet zu haben, mit Beatmungstrainings oder Geräteeinweisungen.

Die Berliner Krankenhausgesellschaft sieht noch weitere Stellschrauben, um Personalkapazitäten zu gewinnen, indem zum Beispiel Mitarbeiter von Teilzeit auf Vollzeit aufstocken. Oder einer Arbeitszeitverlängerung von 8 auf 12 Stunden pro Schicht zustimmen.

Auf Nachfrage bei den Krankenhäusern sind das aber keine echten Hilfen: Die Aufstockung von Teil- auf Vollzeit wird zwar angeboten, aber offenbar nur in wenigen Fällen genutzt. Und längere Schichten kommen zwar in der Praxis ohnehin immer wieder vor - zur Regel wollen die Kliniken sie aber nicht machen, betonen zumindest Vivantes und Charité: Weil die Arbeit der Pflegenden dafür physisch und psychisch zu belastend sei.

Personaluntergrenzen schwer zu halten

Die Berliner Krankenhausgesellschaft setzt sich – wie die Deutsche Krankenhausgesellschaft – politisch dafür ein, dass die Personaluntergrenze auf den Intensivstationen in der aktuellen Krise ausgesetzt wird. Sie sieht vor, dass ein Pfleger für maximal drei Intensivpatienten zuständig sein darf – was Pfleger in der Praxis auch als Grenze des Leistbaren beschreiben. Bereits während der ersten Corona-Welle im Frühjahr war diese Vorgabe vom Bundesgesundheitsminister ausgesetzt worden. Das fordert Marc Schreiner von der Berliner Krankenhausgesellschaft auch jetzt wieder: "Dass sich der Minister da bisher nicht bewegt hat, ist für uns nicht mehr nachvollziehbar."

Die Kliniken selbst vermeiden es auf Anfrage, diese Forderung selbst zu stellen. Sie wissen, dass ein Aussetzen der Personaluntergrenze für Pfleger und auch Patienten eine Belastung bedeuten würde. Allerdings bezeichnen es fast alle Kliniken als schwere bis unmögliche Herausforderung, die Untergrenze zu halten. Die DRK-Kliniken beispielsweise betonen, dass man aktuell größtmögliche Flexibilität brauche, um die Patientenversorgung sicherzustellen. Lediglich das Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe gibt an, in jedem Fall an den Personaluntergrenzen festhalten zu wollen - man dürfe das Personal nicht verschleißen.

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28 Kommentare

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  1. 28.

    Ich finde das alle mindestens 1000 € mehr im Monat verdienen sollten und dafür die Steuerlast pro Kopf auf über 50 % angehoben wird.
    Mit dem Geld kann man sowieso nichts mehr anfangen.

  2. 27.

    Von welchen Einrichtungen sprechen Sie hier? Meine Erfahrungen sind da etwas anders gelagert, daher interessiert es mich. Ich kenne es eher so, dass viele Pflegenden aufgrund der massiven Belastung überhaupt nicht mehr voll arbeiten gehen - 80% maximal. Ich war auf einer über 100-Personen-starken (eben sehr viele in Teilzeitmodellen) Intensivstation eine von vier (!) die Vollzeit gearbeitet haben. Ähnlich auch auf Normalstationen.

  3. 26.

    Alle Berliner Krankenhausbetreiber teilten auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit, Pflegekräfte zu suchen. Arbeitgeber zahlen zu geringe Löhne und dadurch Stellen nicht besetzen zu können. Zudem seien nötige Pflegestellen nicht geschaffen worden, was die vorhandenen Mitarbeiter belaste. Bessere Bedingungen in der stationären und ambulanten Pflege durch flexiblere Arbeitszeiten, reduzierte Arbeitsbelastung und höhere Gehälter. Die Rahmenbedingungen haben sich seit Jahren nicht verbessert.

  4. 25.

    Ja natürlich, wir arbeiten gerne bis zum Umfallen.
    Es waren schon zu Nicht Corona Zeiten schlechte Arbeitsbedingungen, macht weiter so, dann laufen bald auch noch die letzten Pflegekräfte weg.
    Es ist einfach unglaublich, was in den Köpfen der Verantwortlichen vorgeht.
    Können die überhaupt noch in den Spiegel schauen?

  5. 24.

    Niemand konnte es ja auch ahnen, dass der Sommer irgendwann endet. Hätte man gewußt dass es irgendwann kälter wird mit logischerweise mehr Coronafällen, dann hätte man im Bereich Pflege zumindest insofern vorsorgen können, dass man spezielle Covid-19-Pfleger ausbildet. Also Medizinstudenten und Pflegeschüler, die im Winterhalbjahr mit den Spezialkenntnissen die man ihnen im Sommer beigebracht hätte, nun als Covid-19-Pfleger eingesetzt würden. Das hätte die Politik so entscheiden können, sie tat es nicht. Ekatantes Missmanagment. Genau wie die 50 Fälle je 100 000 Einwohner, wo man genau weiß dass Gesundheitsämter nur 25 Fälle pro 100 000 schaffen. Da waren steigende Zahlen (weil die Gesundheitsamter mit dem Kontakttracing nicht hinterherkommen) mit anschließendem Lockdown vorprogrammiert.

  6. 23.

    Ich habe selbst über 20 Jahre auf der Station unzählige Dienste ohne Pause gearbeitet. Überstunden waren an der Tagesordnung. Obendrein ging ich oft mit dem Gefühl nach Hause, nicht allen Patienten und Eltern
    (Kinderstation Onkologie) gerecht geworden zu sein.
    Auszubildende gibt es, jedoch leider viel zu wenig.
    Viele junge KollegInnen verlassen oft kurz nach dem Examen die Stationen und studieren lieber, als sich auf der Statiokaputt spielen zu lassen. Die Arbeit wird nicht wertgeschätzt, leider auch oft von der eigenen Klinikleitung nicht.
    Wo bleiben die notwendigen Entscheidungen der Regierung, um endlich den massiven Sparzwang im GSW zu unterbinden?
    In dem Moment, wo alles zusammen zu brechen droht, wird auf einmal große Werbung gemacht.
    Über viele Jahre wurden in unserer Klinik Missstände in der Pflege aufgezeigt, nichts ist passiert. Erfahrene langjährige Pflegekräfte sind letztendlich gegangen und haben sich andere Betätigungsfelder gesucht. Keinen hat es interessiert.

  7. 22.

    Hallo Baumi,
    das funktioniert bei uns in DLand nicht, weil wir ein Umlagefinanziertes Krankenkassensystem haben. Zudem würden solche Kostenexplosionen sich ganz schnell bei unser aller Lohnabrechnung bemerkbar machen, bei der logisch folgenden, drastischen Erhöhung der KV- Beiträge.. Dann will ich die Kommentare hier mal zu lesen..

  8. 21.

    Wie lange sollen die Pflegekräfte so durchhalten?
    Man kann nicht auf Dauer immer am Limit arbeiten.
    Meine Hochachtung vor dieser Arbeit.

  9. 20.

    Viel Solidarität an die Pleger*innen und viel Mitgefühl an die Patienten, die eine bessere Versorgubg bräuchten.
    ABER, die Entscheidungsträger*innen brauchen sich nicht wundern. Wenn Pflege und Erziehung zwar hohe Qualifikation erwartet, aber schlecht zahlt und hoch belastet, ist es eben weniger attraktiv. Man sollte vielleicht darüber nachdenken, dass diese Bereiche mehr wert sind.

  10. 19.

    Aber 'Berlinerin' was glauben Sie ?
    Warum ist das Steuerabschreibungs-Mess-Klinikum noch nicht in Betrieb ? - Aber genau, weil das Personal in der Charite und bei Vivantes gebraucht wird !

  11. 18.

    Da kann ich nur zustimmen. Und das ist nicht erst seit Corona so. In den Kliniken und bei den Ärzten wurde
    totgespart und die Kassen streichen Millionengewinne ein.

  12. 17.

    Warum holt man nicht die 100-300 Pflegekräfte und Ärzte vorerst, die doch in den Startlöchern stehen für unser schönes Coronakrankenhaus?? Dann langweilen die sich nicht länger in ihrer Warteposition und können sinnvoll halt in den bestehenden Krankenhäusern aushelfen..oder gibt es diese Kräfte doch nicht???

  13. 16.

    Das noch vorhandene Pflegepersonal muß jetzt die verfehlte Gesundheitspolitik von Bund und Ländern ausbaden. Wir haben kein Gesundheitswesen mehr was für den Patienten da ist sondern ein Matreles Gesundheit System wo nur noch zählt was am Ende an Gewinn übrig bleibt. Ganz Schuldlos sind auch die Krankenkassen daran auch nicht mit ihren Vorgaben gegenüber dem Gesundheitwesen. Hier ist von allen ein ganz schnelles Umdenken gefragt um diese Misstände zu beseitigen denn hier geht's auf beiden Seiten um Menschen(Patienten /Pflegepersonal).

  14. 15.

    Über die Vorschläge von Herrn Schreiner kann man nur den Kopf schütteln. Das würde "uns", die noch verbliebenen Pflegekräfte auf kurz oder lang krank machen, von der Abwertung des Berufes kaum zu sprechen. Schon im Sommer gezielte Personalgewinnung betreiben? Fehlanzeige. Von politischer Seite kann man sich lediglich an einer verhöhnenden YouTube Serie erfreuen. Übrigens, den im Frühjahr so oft versprochenen Bonus, haben die mir bekannten Kolleg*innen (aus verschiedenen Krankenhäusern) bis heute nicht erhalten. Unter diesen Bedingungen schaut man mit ganz besonderer Freude auf die Demonstrierenden vom 7.11.

  15. 14.

    "Die Berliner Krankenhausgesellschaft sieht noch weitere Stellschrauben, um Personalkapazitäten zu gewinnen, indem zum Beispiel Mitarbeiter von Teilzeit auf Vollzeit aufstocken. Oder einer Arbeitszeitverlängerung von 8 auf 12 Stunden pro Schicht zustimmen."

    Die Pflege soll weiter ausgequetscht werden. Ist die Berliner Krankenhausgesellschaft Teil der Lösung oder Teil des Problems?

  16. 13.

    Das stimmt so nicht, eine dreijährige Berufsausbildung mit Staatsexamen reicht völlig aus. Hab nämlich auch keine Fachweiterbildung und arbeite schon 12 Jahre in diesem Bereich.

  17. 12.

    Kann ich so nicht bestätigen, bei uns auf der Station will fast keiner mehr vollzeit arbeiten, weil man es körperlich einfach nicht schafft oder Freizeit eben auch wichtig ist, wurde jedem von uns mehrfach angeboten. Ferner lohnt sich eine Vollzeitstelle für mich nicht, weil die Abgaben auf das Gehalt dermaßen hoch sind, dass es sich finanziell einfach nicht lohnt.
    Außerdem verdient man in der Leiharbeit in der Pflege überdurchschnittlich gut, daher wandern immer mehr Leute in diesen Bereich ab.

  18. 11.

    den Wandel in der Wahrnehmung vom "Helden" zum Raffhals der Nation und wieder zum gefragten Gut innerhalb kurzer Zeit muss man als Pflegekräfte auch erstmal verdauen. Gar nicht so einfach mit der Aufmerksamkeit umzugehen.
    Denke das Thema Personalknappheit wird nächstes Jahr noch deutlich prikärer werden. Denke mit dem Plan diese Situation noch durchzuziehen und sich dann ein anderes Betätigungsfeld zu suchen wird sich der/die eine oder andere Kollege/in mit Sicherheit beschäftigen.

  19. 10.

    Warum machen sich Intensivpflegekräfte nicht selbstständig und bieten ihre Dienst für 100 eur netto pro Stunde an.
    In den usa verdienen von Klinik zu Klinik hoppende Intensivpflegekräfte nach eigenen Aussagen derzeit zwischen 5000 und 10000 usd pro Woche, laut einem TV-Bericht. Das sind auch etwa 100 usd pro h bei 50 bis 100 h Arbeitszeit pro Woche.

  20. 9.

    Bis zu 70 Prozent der Pflegekräfte arbeiten aber in Teilzeit,obwohl viele von ihnen lieber voll arbeiten würden. „Das wollen die Arbeitgeber aber oft nicht,weil Teilzeitkräfte flexibler einsetzbar sind.“Hinzu kommt: Viele Pflegekräfte werden nur befristet eingestellt.Der Anteil der Leiharbeitnehmer ist zwar nicht höher als in anderen Branchen.Dafür ist ihre Bezahlung besonders schlecht und so müssen oft die schwereren Arbeiten erledigen. Generell ist die Arbeit in der Pflege körperlich und seelisch deutlich belastender als andere Tätigkeiten.Das kommt halt davon,wenn man in Krankenhäuser aus Kostengründen die Personaldecke straff hält.

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