Mangel in Berliner Kliniken - Pflegekräfte verzweifelt gesucht

Mi 11.11.20 | 09:59 Uhr
Symbolbild: Mitarbeiterinnen der Pflege in Schutzausrüstung betreut einen Corona-Patienten. (Quelle: dpa/F. Strauch)
Bild: dpa/F. Strauch

Auf den Intensivstationen wächst der Druck, Pfleger zu finden: Die Belastungsgrenze rückt durch die Corona-Pandemie näher. Eine Forderung ist nun, die Personaluntergrenze wieder auszusetzen - also einem Pfleger mehr Patienten zuzumuten als bisher. Von Anna Corves

Ehemalige Pflegekräfte dringend gesucht, bitte melden! Solche Aufrufe sind gerade von allen Seiten zu hören - von Kliniken, der Gesundheitsverwaltung - und auch von der Berliner Krankenhausgesellschaft. Auf den Intensivstationen wachse der Druck, sagt ihr Geschäftsführer Marc Schreiner: "Wenn das so weitergeht, kommen wir Anfang, Mitte Dezember mit dem Personal wirklich an die Belastungsgrenze." Individuell werde das schon heute von manchen so empfunden.

Zahl der Bewerber reiche nicht aus

Seit dem Appell der Berliner Krankenhausgesellschaft am letzten Donnerstag seien mehrere Bewerbungen von ehemaligen Pflegekräften bei den Kliniken eingegangen, berichtet Schreiner. Quantifizieren könne er sie aber noch nicht. Die Charité teilt mit, dass sie durch eigene gezielte Aufrufe im Herbst bereits 72 Mitarbeiter gewinnen konnte, darunter ehemalige Pfleger, Medizinstudenten, Pflegehelfer. Trotzdem benötige die Charité akut weitere 100 Vollzeitpflegekräfte.

Auch Vivantes sucht händeringend Leute. Man habe eine breit angelegte Recruiting-Kampagne gestartet, teilt der Konzern mit. Es sei in den letzten Wochen auch gelungen, Mitarbeitende zu gewinnen. Die Gesamtbilanz ernüchtert jedoch: "Aufgrund des Fachkräftemangels und der natürlichen Fluktuation etwa durch Renteneintritte oder Schwangerschaften konnte kein signifikanter Aufbau von zusätzlichem Personal erreicht werden", heißt es in der Mitteilung.

Personaldecke wird durch Ausfälle dünner

Ausgerechnet jetzt verschärft sich der Mangel an Pflegekräften durch immer mehr Ausfälle von Personal. Zum einen durch die klassische Erkältungswelle. Zum anderen steigt auch die Zahl der Mitarbeiter, die sich mit Corona infizieren oder in Verdachts-Quarantäne müssen. Das berichtet beispielsweise die Johannesstift Diakonie, zu der unter anderem das Martin Luther Krankenhaus und das Evangelische Waldkrankenhaus Spandau gehören. Es werde immer schwieriger, diese Ausfälle zu kompensieren, heißt es dort. Ausfälle werden an vielen Kliniken zunehmend zum Problem, bestätigt Marc Schreiner von der Berliner Krankenhausgesellschaft: "Umso mehr sind wir darauf angewiesen, dass Kitas und Schulen geöffnet bleiben, damit die Belegschaft durch Kinderbetreuung nicht noch weiter ausgedünnt wird."

Personallücken über Leiharbeitsfirmen zu füllen, funktioniert in der aktuellen Lage offenbar nur bedingt. Das Tempelhofer St. Joseph Krankenhaus kann nach eigenen Angaben aktuell vermehrt Leasingkräfte auf der Intensivstation einsetzen. Andere Kliniken melden Schwierigkeiten, Leiharbeiter zu finden: Wegen der hohen Nachfrage, aber auch, weil nicht jeder Leiharbeiter Covid-Patienten betreuen möchte. Oder auch weil die Agenturen zögern, sie dort einzusetzen, weil Leiharbeiter ja von Klinik zu Klinik wandern.

Starke Belastung für vorhandene Pflegekräfte

Der Mangel an Pflegekräften muss also letztlich durch hausinterne Maßnahmen abgefedert werden, heißt, das vorhandene Pflegepersonal muss den Mangel abfedern.

Außerdem werden einzelne Stationen und Tageskliniken geschlossen und planbare Eingriffe verschoben. Ein harter Schritt für viele Nicht-Covid-Patienten, aber so werden Pflegende für die Intensivstationen frei. Fast alle Berliner Kliniken, die Covid-Patienten intensivmedizinisch betreuen, geben an, in den letzten Monaten Personal von anderen Stationen auf den Einsatz auf der Intensivstation vorbereitet zu haben, mit Beatmungstrainings oder Geräteeinweisungen.

Die Berliner Krankenhausgesellschaft sieht noch weitere Stellschrauben, um Personalkapazitäten zu gewinnen, indem zum Beispiel Mitarbeiter von Teilzeit auf Vollzeit aufstocken. Oder einer Arbeitszeitverlängerung von 8 auf 12 Stunden pro Schicht zustimmen.

Auf Nachfrage bei den Krankenhäusern sind das aber keine echten Hilfen: Die Aufstockung von Teil- auf Vollzeit wird zwar angeboten, aber offenbar nur in wenigen Fällen genutzt. Und längere Schichten kommen zwar in der Praxis ohnehin immer wieder vor - zur Regel wollen die Kliniken sie aber nicht machen, betonen zumindest Vivantes und Charité: Weil die Arbeit der Pflegenden dafür physisch und psychisch zu belastend sei.

Personaluntergrenzen schwer zu halten

Die Berliner Krankenhausgesellschaft setzt sich – wie die Deutsche Krankenhausgesellschaft – politisch dafür ein, dass die Personaluntergrenze auf den Intensivstationen in der aktuellen Krise ausgesetzt wird. Sie sieht vor, dass ein Pfleger für maximal drei Intensivpatienten zuständig sein darf – was Pfleger in der Praxis auch als Grenze des Leistbaren beschreiben. Bereits während der ersten Corona-Welle im Frühjahr war diese Vorgabe vom Bundesgesundheitsminister ausgesetzt worden. Das fordert Marc Schreiner von der Berliner Krankenhausgesellschaft auch jetzt wieder: "Dass sich der Minister da bisher nicht bewegt hat, ist für uns nicht mehr nachvollziehbar."

Die Kliniken selbst vermeiden es auf Anfrage, diese Forderung selbst zu stellen. Sie wissen, dass ein Aussetzen der Personaluntergrenze für Pfleger und auch Patienten eine Belastung bedeuten würde. Allerdings bezeichnen es fast alle Kliniken als schwere bis unmögliche Herausforderung, die Untergrenze zu halten. Die DRK-Kliniken beispielsweise betonen, dass man aktuell größtmögliche Flexibilität brauche, um die Patientenversorgung sicherzustellen. Lediglich das Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe gibt an, in jedem Fall an den Personaluntergrenzen festhalten zu wollen - man dürfe das Personal nicht verschleißen.

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