Das leere Olypiastadion bei einem Geisterspiel (Quelle: imago images/Matthias Koch)
Bild: imago images/Matthias Koch

Interview | Ein Jahr Fußball ohne Fans - "Geisterspiele verändern das Sozialleben rund um den Verein"

Seit rund einem Jahr spielen die Bundesliga-Fußballer vor leeren Sitzschalen. Welche Auswirkungen hat das auf die Bindung zum Verein - und was kann man dieser Situation überhaupt Positives abgewinnen? Ein Hertha- und ein Union-Fan erzählen es im Interview.

Mit Gladbach gegen Köln ging Mitte März 2020 alles los. Nun prägen Geisterspiele schon seit rund einem Jahr die Fußball-Bundesliga. Zwischendurch durften einige Fans bei einer Teilrückkehr der Zuschauer noch einmal die Stadionatmosphäre - wenn auch in anderer Form - live erleben. Zu ihnen gehören auch Hertha-Fan Sebastian (35) aus Zehlendorf und Union-Fan Tobias (32) aus Spandau. Beide sind seit mehr als zehn Jahren regelmäßige Stadiongänger und blicken im Interview auf kuriose Erlebnisse im fast leeren Stadion zurück und das nächste Geisterderby voraus.

rbb|24: Wann wart ihr das letzte Mal im Stadion und welche Erinnerungen habt ihr an das Spiel und den Stadionbesuch?

Hertha-Fan Sebastian: Ich war im letzten Jahr Anfang November beim Spiel gegen Wolfsburg das letzte Mal im Stadion und fand die Erfahrung mal ganz neu. Für viele alte Hertha-Fans war das eine alte Erinnerung, weil Hertha in der zweiten Liga in den 90ern manchmal vor vergleichbarer Kulisse gespielt hat. Unterhaltsam war, dass man viel stärker gemerkt hat, wenn die Leute irgendetwas kommentieren. Das haben die Spieler zumindest teilweise intensiver gehört, was von der Tribüne reingeschrien wurde. Deswegen hatte es für mich aus Zuschauersicht ein bisschen das Flair von einem Amateurkick, wie man ihn am Sonntag in jeder Ecke von Berlin erleben konnte.

Union-Fan Tobias: Ich musste tatsächlich gerade erstmal nachgucken. (lacht) Bei mir war es am 24. Oktober, ein 1:1 gegen Freiburg. Da war es schon Usos, dass man auf dem zugewiesenen Platz Maske tragen musste und man sollte sich unbedingt an das Singverbot halten. Da haben ganz viele Leute ihre Kochtöpfe mitgenommen und mit Löffeln draufgehauen. Also Ideen, wie man so manches umgehen kann, gibt es genug.

Was war euer erster Gedanke, als bekannt wurde, dass es ab jetzt nur noch Geisterspiele gibt?

Sebastian: Es ist natürlich ein Einschnitt gewesen, wo man wieder sehen konnte, dass das normale Leben ausgesetzt wird. Der Fußball lebt auch von den Fans und Emotionen. Mit den Geisterspielen wurde einem natürlich ein Teil des Alltags genommen. Der Stadionbesuch ist ja auch dafür geeignet, mal auf andere Gedanken zu kommen. Die Vereine leben ja allerdings nicht hauptsächlich von den Ticketeinnahmen, sondern von den TV-Gebühren. Deswegen ist es auch eine gewisse Überlebensstrategie, denn die Vereine brauchen das Geld natürlich auch, um alle Mitarbeiter versorgen zu können. Deshalb ist es schon ein notwendiges Übel, die Geisterspiele zu akzeptieren. Und auch wenn ich hoffe, dass bald Normalität einkehrt, sitze ich gerne auch mit den Kindern zu Hause und gucke Fußball.

Tobias: Ich hatte schon die Vorahnung, dass man jetzt möglicherweise für längere Zeit zum letzten Mal im Stadion war. Dadurch verändert sich leider das Sozialleben rund um den Verein. Wo ich Sebastian aber Recht geben muss ist, dass man am Wochenende mehr Zeit für die Familie hat. Das ist das Positive.

Inwiefern hat sich die Nähe zum Verein und dem Umfeld für euch verändert? Ist da jetzt eine größere Distanz, weil man nicht mehr ins Stadion kann?

Sebastian: Also bei mir grundsätzlich nicht. Mit den Personen, mit denen ich ins Stadion gehe, tausche ich mich auch über andere Kanäle noch regelmäßig aus. Was mir schon fehlt ist natürlich das Zusammensein vor den Spielen. Man trifft sich meistens in der Kneipe und diskutiert auch mal über den Alltag. Aber für meine Bindung zu Hertha hat es keinen Unterschied gemacht. Gerade in dieser Saison, wo es um etwas geht, nämlich gegen den Abstieg, schlägt mein blau-weißes Herz höher, als wenn wir um Platz elf spielen würden.

Tobias: Ich höre von vielen Leuten, dass sich die Fans von den Vereinen so ein bisschen absondern. Weil man zum Beispiel nicht mehr mit den Spielern beim Training sprechen kann. Man merkt auch, dass manche Kontakte ein bisschen ruhen. Sonst hat man sich alle zwei Wochen im Stadion getroffen. So hat man es die letzten zehn Jahre gemacht und seit einem Jahr wurde einem quasi was genommen.

Was macht der sportliche Erfolg bei Union bzw. der Misserfolg bei Hertha mit dem Fan-Herz, wenn man nur aus der Ferne zuschauen kann?

Sebastian: Als Hertha letzte Saison so ein bisschen ins Straucheln gekommen ist, habe ich mir fast gedacht, dass es sogar ein bisschen ein Vorteil war, dass man den Rest der Saison mit Geisterspielen zu Ende gespielt hat. Ich habe das Gefühl, das Hertha-Publikum ist schon anspruchsvoll. Wenn es gut läuft, sind sehr viele sehr euphorisch und denken schon an die größten Erfolge. Wenn es schlecht läuft, geht es auch sehr schnell sehr hart zu. Aktuell stellen die Geisterspiele eine gewisse Normalität dar. Aber in den kommenden Spielen im Derby gegen Union und gegen die direkte Konkurrenz wäre es schon von Vorteil, wenn man die Fans hinter sich hätte. Deswegen wurmt es mich schon, dass gerade jetzt, wo es um die Wurst geht, keine Zuschauer im Stadion sind.

Tobias: Du gewinnst ein Spiel nach dem anderen oder spielst attraktiven Fußball, der auch spannend ist und überlegt dann, wie es wäre, wenn man da dabei gewesen wäre. Spannend ist, was wir für unseren Verein machen können, damit wir irgendwann wieder ins Stadion kommen. Wir müssen alle einen kühlen Kopf bewahren, damit wir unseren Verein bald wieder unterstützen können.

Als nächstes steht das Derby an– allerdings schon zum dritten Mal ohne Fans. Kommt da überhaupt noch so etwas wie Vorfreude, Spannung oder Kribbeln auf?

Sebastian: Also bei mir auf jeden Fall. Ich bin schon richtig heiß. Ich hatte vor ein paar Tagen Handwerker da, die auch Hertha-Fans waren. Die haben gesagt, ihnen ist jedes andere Ergebnis egal, Hauptsache im Derby wird gewonnen. Deswegen denke ich schon, dass gerade in diesen Zeiten die Bundesliga eine willkommene Abwechslung ist und die Begeisterung für das Derby dadurch nicht gemindert wird. Ich freue mich schon richtig drauf und hoffe natürlich, dass Hertha an seiner Siegesserie festhalten kann. (lacht)

Tobias: Bei mir ist es mal so und mal so. Man freut sich auf jedes Spiel, denn in der aktuellen Situation ist es auch eine Form der Ablenkung. Aber es wäre schön gewesen, wenn es ein richtiges, echtes Derby gewesen wäre.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Lisa Surkamp, rbb Sport. Es handelt sich um eine gekürzte und leicht redigierte Fassung.

Sendung: rbb24, 23.03.2021, 22 Uhr

4 Kommentare

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  1. 4.

    Schon krass: das dritte BL Derby ohne Fans! :-( Man kann nur auf bessere Zeiten hoffen und in allem eisern bleiben.

    Ach so, ja, Sebastian, geben Sie mal den Namen der Handwerksfirma durch. Die engagiere ich dann bei Bedarf nicht, weil die mir aufgrund von bei mir drapierten FCU Fanutensilien wohl irgendwas falschrum anklemmen würden . . . ;-)

  2. 3.

    Ich bin bekannter Maßen kein Anhänger dieser briden Vereine, aber Ihr Kommentar hat nix mit dem Interview zu tun. Ich denke, dass das Fehlen des Stadionbesuches alle Clubanhänger aller Vereine betrifft.
    Ja - die Amateure haben noch ganz andere und vor allem größere Sorgen. Tut aber nix zur der Sache, um die es hier geht.

  3. 2.

    Es ging um das Empfinden von Fans während der Pandemie. Offenbar nicht ganz verstanden das Interview. Wie es kleinen Vereinen geht (ob Fußball oder anderes) ist doch eine ganz andere Sache. Wobei mich da auch mal Interviews interessieren würden, wie diese mit der Situation umgehen. Vielleicht könnte der RBB da auch mal "nachhaken".

  4. 1.

    Ihr müsst mal trennen zwischen eingetragenen Vereinen egal ob Fußball-, Kegel-, Schach- oder Rehabilitationssport-, Rentnerspar- oder Kuchenback-Verein oder Hausmännerbund und deren Mitgliedern und Fußball-Bundesliga-Verein-GmbH und ihren Freien Angestellten. Echten eingetragenen Vereinen mit anerkannter Gemeinnützigkeit geht es nämlich dreckig, nicht wenige werden das Jahr 2021 nicht überleben. Sofern sie 2020 überstanden haben.

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