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Analyse von Mobilfunkdaten - Wie Corona Deutschland stilllegte

Seit gut drei Wochen gilt in Deutschland das Kontaktverbot. Eine Auswertung von Handydaten durch die Humboldt-Universität zeigt nun die Auswirkungen. Und dass die Menschen in Berlin und Brandenburg noch halbwegs aktiv sind. Von H. Maier-Borst und G. Gringmuth-Dallmer

Was Sie jetzt wissen müssen

Viele Grenzen sind dicht, die meisten Geschäfte ebenfalls und auch sonst soll man möglichst wenig aus dem Haus. Der Lockdown ist nun seit mehreren Wochen Realität, wenngleich es "nur" um ein Kontaktverbot geht und nicht um eine vollständige Ausgangssperre. Doch auch diese Maßnahme zeigt ganz offensichtlich Wirkung, wie Forscher der Berliner Humboldt-Universität nun zeigen können [hu-berlin.de].

Frank Schlosser und seine Kollegen haben auf Landkreisebene aggregierte und damit anonymisierte Mobilfunkdaten gemeinsam mit dem Robert-Koch-Institut ausgewertet. Sie können zeigen, dass der Lockdown sich ganz massiv auswirkt. Bundesweit ist die Mobilität um 38 Prozent im Vergleich zu 2019 zurückgegangen, in Berlin und Potsdam sogar um 45 Prozent. Das deckt sich zumindest in der Tendenz mit Analysen, die bereits mit anonymisierten Lokalisationsdaten von Google gemacht wurden.

Sollten die Grafiken nicht angezeigt werden, klicken Sie bitte hier.

(Die unregelmäßigen Abstände in der Legende sind gewählt, um die Unterschiede deutlicher hervorzuheben. Das statistische Verfahren dazu heißt Jenks-Natural-Breaks)

Während es in der 11. Kalenderwoche noch einen Flickenteppich an Maßnahmen gab, setzte mit dem 16. März und der 12. Kalenderwoche das bundesweite Kontaktverbot ein. Und überall ging es mit der Mobilität rapide abwärts. Trotzdem gab und gibt es immer noch Unterschiede zwischen den Bundesländern und auch den einzelnen Regionen.

Es zeigen sich drei Tendenzen:

1. In den Großstädten nimmt die Mobilität mehr ab als auf dem Land

Das könnte möglicherweise damit zusammenhängen, dass es auf dem Land schwieriger ist aufs Homeoffice umzustellen. Auch denkbar ist, dass man in ländlichen Regionen auf viele Fahrten nicht verzichten kann, etwa zum nächsten Supermarkt. In Großstädten wie Berlin hingegen müssen die Bewohner natürlich auch zum Supermarkt, können sich aber auch in ihrem Viertel versorgen, statt quer durch die Stadt zu fahren. "Der Stadt-Land-Trend ist tatsächlich der, den wir noch am schwierigsten erklären können", sagt Schlosser.

2. In den Grenzregionen nimmt die Mobilität mehr ab als im Landesinneren

Hier zeigen sich ganz massiv die Auswirkungen der Grenzschließungen, die zum Beispiel die Grenzregionen in Bayern und Sachsen aber eben auch Brandenburg betrifft. Die Ausnahme ist der Westen von Deutschland. Hier gab es zum Beispiel zu den Niederlanden und Belgien aber auch keine Grenzschließung.

3. Im Süden und Westen nimmt die Mobilität mehr ab als im Norden und Osten.

Insbesondere Bayern war früh von vielen Corona-Fällen betroffen, führte aber auch noch lange vor dem bundesweiten Kontaktverbot schon strenge Maßnahmen ein und weitete diese aus. Genau das lässt sich an der Karte ablesen. Frank Schlosser geht aber noch weiter: "Ich glaube, dass nicht nur die Maßnahmen der jeweiligen Bundesländer sich spiegeln, sondern eben auch die Aufmerksamkeit für das Thema in der Bevölkerung." Denn selbst, wenn inzwischen die Vorgaben fast identisch seien, deute sich an, dass Landkreise mit vielen Fällen einen stärkeren Rückgang der Mobilität haben. Oder kurz gesagt: Wo viele Fälle auftreten, bleiben die Menschen aus Sorge eher zu Hause. Allerdings sagt Schlosser, dass diese These noch genauer zu überprüfen sei.

Eine kleine nicht zu erklärende Kuriosität bietet dabei Brandenburg an der Havel, wo lange Zeit deutlich mehr Mobilität herrschte als im März von 2019. "Was der Grund dafür ist, kann ich nicht sagen", sagt Schlosser. Der Rückgang von nur 3,4 Prozent bei der Mobilität ist der geringste in Deutschland. Zum Vergleich: In Berlin nahm die Mobilität um 45,3 Prozent ab.

Spannend ist auch eine weiterer Aspekt der Analyse des Teams. So konnte man auch zeigen, dass die Bewegungen raus aus Landkreisen und Städten abgenommen hat. Das ist wichtig, weil es die  Nachverfolgung von Fällen zum Beispiel einfacher macht und auch bedeutet, dass weniger Fälle von außen eingeschleppt werden. Und es zeigt vielleicht auch, dass zum Beispiel Landkreise wie Ostprignitz-Ruppin auf das Verständnis der anderen setzen können und nicht aktiv Sperren gegen Einreisende erlassen müssen.

Frank Schlosser ist angesichts der aktuellen Analyse vorsichtig optimistisch. Die Daten würden zusammen mit neuesten Zahlen zur Ausbreitung von Corona nahelegen, dass die Leute ihr Verhalten geändert haben. Die bisherigen Maßnahmen könnten wohl ausreichen, um die Zahl der Neuinfektionen zu senken. Das würde dann zum Beispiel auch wieder die Möglichkeit eröffnen, die Kontaktverfolgung wieder effizienter durchzuführen, sei es mithilfe klassischer Methoden oder auch der viel diskutierten Corona-App.

Schlosser will sich auch in den nächsten Wochen mit den Daten beschäftigen und schauen, wie sich das Verhalten in den nächsten Wochen verändert. Denkbar sei zum Beispiel, dass aufgrund von gutem Wetter und Gewöhnungseffekt die Mobilität wieder ansteige.

Beitrag von Haluka Maier-Borst und Götz Gringmuth-Dallmer

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15 Kommentare

  1. 15.

    Zitat: "Auch das lernt der geneigte Verweigerer schnell - das Smartphone auf dem Küchentisch zu lassen, wenn er sich rumtreibt". Seit wann gibt es ein Gesetz dass ich zum Gassi gehen ein phone mitschleppen muss? Smobies gibts genug. Guck dich um. Und DAS mit dem aktuellen Thema zu verbinden finde ich mehr als komisch.

  2. 14.

    Eines ist allerdings Fakt, der Virus wurde nicht aus den Seniorenheimen an die Bevölkerung getragen. Viele Altenheimbetreiber und Politik haben völlig versagt. Das ist in etwa so als würde es in keiner der Unterbringungen eine Brandschutzverordnung geben, und wenn dann hat man sich dafür nie interessiert ob diese eingehalten wird. So wie man sich seit Jahrzehnten um den Pflegenotstand gekümmert hat, so hat sich das Verhalten vieler Verantwortlichen wiedergespiegelt bei Ausbruch der Pandemie, sogar Wochen danach noch. Mich würde nicht wundern, wenn es da zu Strafanzeigen kommt. Unschuldige Menschen fahrlässig durch Pflegekräfte und Angehörige der Gefahr ausgesetzt, ohne Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Ich könnte wetten, kein Altenheimbetreiber wird nach der Pandemie verpflichtet Schutzausrüstung zu lagern, sollte es erneut zu so einer Pandemie kommen. Ständig diese völlig absurden Pflegereformen, die bis heute noch keinem Heimbewohner und Pflegekraft wirklich was gebracht haben. Schämen

  3. 13.

    Sie schreiben davon, dass die 25.000 Toten ja nur Schätzwerte sind. Genau. Das sind sie. Die Zahlen bei Corona sind total echt. Bei den Getesteten waren Infizierte dabei. Nur leider wird halt nicht jeder getestet. Nur der, der WEISS, mit WEM er Kontakt hatte, der infiziert war, oder er war in einem Risikogebiet im Ausland. Damit testet man fast niemanden, außer die, wo man sich eh sicher ist, dass sie Corona haben. Da ist der Test dann auch immer ein Treffer.
    Heißt also:
    die Durchseuchung liegt weitaus höher, aber solange man keine Tests oder Antikörpertests macht, tauchen die Infizierten nirgends in einer Statistik auf, und Deutschland hat weiter nur wenige Infizierte. Und eine dafür recht hohe Todesrate.

    Die Wahrheit ist aber leider anders.

  4. 12.

    Aktuell haben sich ca 0,1% aller Personen in Deutschland damit angesteckt, und wir hatten schon knapp 2000 Todesfälle.
    Damit von uns allen 66% infiziert sind, was einer gute Herdenimmunität entspräche, müssten sich 600mal soviele anstecken.
    600mal soviele bedeutet aber auch 600mal soviele Tote. 2000*600 = 1'200'000 Tote.
    Und das aber auch nur, wenn unser Gesundheitssystem nicht überlastet wird.

    e) Die ersten Infizierten waren zumeist aktive und junge Menschen, wie Skisportler.
    Je weiter sich das Virus ungehindert verbreitet, betrifft es vermehrt auch Risikogruppen.
    Das hieße, die Tödlichkeit stiege nochmals von den unter d) berechneten 1,2 Millionen Toten, allein in Deutschland.


    Wie kommen Sie angesichts dieser Daten darauf dass uns nur die Politiker stillhalten wollen?
    Wie kommen Sie darauf, dass Politiker nicht selbst vom Lockdown, vom SocialDistancing, etc. betroffen sind?
    Wie kommen Sie darauf, dass Politiker das anscheinend nur machen, um Sie zu ärgern?

    2/2

  5. 11.

    "Schaut man sich die Todeszahlen an, die weit niedriger sind als vorhergesagt"
    Warum sind die Todeszahlen wohl so niedrig bei uns in Deutschland? Eben, weil wir zuhause blieben.
    Schauen sie sich England, Frankreich, Spanien, Italien, die USA an, 6 bis 18.000 Tote. In einem weniger als einem Monat

    "und mit der Grippe 2018 mit über 25000 Toten vergleicht"
    a) Die Grippesaison ist normalerweise ein halbes Jahr, Corona ist bei uns akut seit ca. einem Monat. Und siehe da, mehrere 10.000 Tote innerhalb eines Monats in Ländern welche zu spät, oder garnicht FlattenTheCurve und SocialDistancing angewandt haben.
    b) Wenn man sich die normalen Grippejahre anschaut, dann haben wir in Deutschland ca. 100 bis 300 Todesfälle
    c) die 25.000 sind auch nur geschätzt, da in Deutschland nicht jede(r) Tote obduziert wird/die Todesart genau ermittelt wird
    d) Stehen wir noch ganz am Anfang von SARS-CoV2.

  6. 10.

    Wenn in quantitativen Studien anonymisierte Datensätze verwendet werden, ist das problematisch. Denn ursprünglich ist die jeweilige Studie selbst für die Anonymisierung verantwortlich: Man erhebt Daten, anonymisiert sie, wertet sie aus. Sich auf die Anonymisierung Dritter zu verlassen, ist fahrlässig und unwissenschaftlich. Auch bei KESY, z.B., war die Datenerfassung vermeintlich anonymisiert. Es ließen sich aber personenbezogene Bewegungsdaten ermitteln: verfassungs- und gesetzeswidrig.

    Wie unkommentiert und selbstverständlich man wissenschaftliche Grundsätze über Bord wirft, ist schon sehr bedenklich. Humboldtinische Wissenschaftsfreiheit meint nicht nur den Fokus auf Forschung und Lehre unabhängig von Partikularinteressen von Wirtschaft und Co., sie meint auch die Unabhängigkeit v. politischer EInflussnahme. Wenn vielerorts bedenkenlos über eine Corona-App gesprochen wird, ist das unreflektierte Einflussnahme auf den Forschungsbereich. Sehr angepasst, gefällig und unkritisch.

  7. 9.

    Nicht Corona legt Deutschland still, sondern unsere Politiker.
    Schaut man sich die Todeszahlen an, die weit niedriger sind als vorhergesagt und mit der Grippe 2018 mit über 25000 Toten vergleicht, könnte man im Angesicht der aktuellen Zerstörung von Werten große Zweifel an der aktuellen Politik bekommen.

  8. 8.

    Auch das lernt der geneigte Verweigerer schnell - das Smartphone auf dem Küchentisch zu lassen, wenn er sich rumtreibt. Die allermeisten profitieren aber so von z. B. den Verkehrsinfos, dass sie es mitführen werden, auch, wenn big brother zuschaut, wo sie waren... NOCH wird das ja außer in OPR und MP nicht bestraft.

  9. 7.

    Die Analyse gilt natürlich nur für den Fall, dass auch weiterhin alle ihr Handy immer mit sich rumschleppen.

  10. 6.

    Genauso ist es! Deshalb muss die Regierung dafür sorgen, dass die wirtschaftlichen Folgen der Stilllegung nicht zur Existenzvernichtung führen.

  11. 5.

    Schon echt besorgniserregend, was sich aus Mobilfunk-Daten (GPS im Handy und Funkzellen-Auswertung) so alles ablesen und für Schlußfolgerungen ziehen lassen - viele Diktaturen, auch bereits untergegangene, würden sich alle 8 Finger danach lecken (bevor Nachfragen kommen, logisch kommen auch noch 2 Daumen hinzu, werden aber in dem Sprichwort nicht abgeleckt). Also ist immer noch sensibler Umgang damit und Datensparsamkeit oberstes Gebot und einfach mal die Handquatsche zu Hause oder im Auto liegen lassen, lebt sich echt entspannter. Wer wirklich etwas will, wird schon später nochmal anrufen, ging ja früher auch problemlos.

  12. 4.

    Da, wo nie viel los war, auch nicht in Sachen Mobilität, kann auch nicht viel Rückgang zu verzeichnen sein. Die Karten zeigen den Rückgang, nicht absolute Zahlen. Wer also zuvor nur 10 % Mobilität hatte und einen Rückgang um 4% hat, hat weniger mobile Menschen als eine City, die zuvor 98 % mobile Menschen hatte, aber einen Rückgang von 30 %.

    Ich fand die Karten von Anfang an besorgniserregend, zeigten sie doch, WIE wenig im Osten überhaupt los ist - auch vor Corona schon....

  13. 3.

    Danke für die bunten Bildchen... leider ohne Legende bzw. Erklärung der Bedeutung der Farben.
    CS

  14. 2.

    Corona legt nichts lahm, sondern die Regierungen.

  15. 1.

    Die überraschende Zunahme der Mobilität in Brandenburg an der Havel gegenüber März 2019 könnte sich daraus erklären, dass die Brücke „20. Jahrestag“ im Dezember gesperrt wurde. Daher müssen viele Bürger - egal ob mit Bus, Tram , zu Fuß oder Auto - gewaltige Umwege fahren.

    Robert Soyka
    Pressesprecher BVB / FREIE WÄHLER Fraktion

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