Interview | Direktor Medizinhistorisches Museum - Vom Pesthaus zur Corona-Zentrale: "Die Charité kann Seuche"

Visite in der Charité Berlin, Kupferstich von Daneil Chodowiecki (später koloriert) von 1782. (Quelle: dpa/
Audio: Inforadio | 13.05.2020 | 12:25 Uhr | Interview Thomas Schnalke | Bild: dpa/akg-images/Daniel Chodowiecki

Am 13. Mai 1710 wurde vor den Stadttoren Berlins ein Lazarett für Pest-Kranke eingerichtet - und die Charité gegründet. Dieser historische Bezug sei gerade in der Corona-Krise spürbar, sagt Thomas Schnalke, Direktor des Medizinhistorischen Museums.

rbb: Herr Schnalke, warum kam es 1710 zur Gründung dieses Pesthauses?

Thomas Schnalke: Nun, die Pest drohte mal wieder. Denn sie war damals schon seit 350 Jahren in Europa bekannt. Dieses Mal kam der Pestzug von Nordosten, und die Stadt Berlin hat das getan, was man seinerzeit immer getan hat: Sie hat einen kontrollierten Shutdown vollzogen. Das heißt, die Stadttore wurden dichtgemacht und vor den Toren wurde ein Quarantäne-Haus gebaut.

Ist die Corona-Pandemie heute mit der Situation damals irgendwie vergleichbar?

Ja und Nein. Die Pest war auch eine Seuche, die alle Menschen bedroht hat und sie hat ähnliche Reaktionsmuster wie Corona heute hervorgerufen: Distanzierung, Isolierung, Schutzmaßnahmen. Es gibt aber auch große Unterschiede: Die Pest war ein Bakterium, Corona wird durch einen Virus erzeugt. Und dieses Virus ist komplett neu. Das ist der entscheidende Unterschied. Wir müssen heute das Virus erst kennenlernen und uns gleichzeitig verhalten.

Die Pestwelle hat 1710 Berlin nicht erreicht, aber die Angst davor war trotzdem groß?

Die Angst war auch sehr realistisch. Der Pestzug ist im wahrsten Sinne des Wortes vor Berlin zum Erliegen gekommen. Berlin war einmal wenigstens nicht Opfer der Pest, und insofern stand das Haus vor den Toren Berlins fertig gebaut, und man konnte es für andere Zwecke nutzen - für krankenpflegerische und später Uniklinik-Zwecke.

Kupferstich der Charité nach 1727. (Quelle: dpa/akg-images)
Kupferstich der Charité nach 1727Bild: dpa/akg-images

Jetzt gibt es heute Zweifler, Verschwörungstheoretiker, die nicht daran glauben, dass es dieses Virus überhaupt gibt oder dass es überhaupt gefährlich ist. Hat es das eigentlich damals schon gegeben?

Verschwörungstheorien gibt es, seit es seuchenähnliche Krankheiten gibt. Das ist überhaupt nichts Neues. Damals ist man zu den Pest-Heiligen Sebastian und Rochus gepilgert oder zu wem auch immer. Man hat sich andere Theorien zurechtgelegt. Aber es gab auch schon relativ rationale Erklärungsmuster, die heute hoffentlich ganz im Zentrum stehen.

Dazu trägt auch die Wissenschaft bei. Das wissenschaftliche Gesicht dieser Tage ist der Virologe Christian Drosten, Professor an der Charité. Dass die Charité bei Corona mit führend ist, liegt das quasi im Gründungsgen der Charité?

Ja, die Charité kann Seuche, könnte man sagen. Es gibt immer wieder Seuchen, die die Charité herausfordern. Eine Situation, die der heutigen ganz ähnlich war, war die Cholera 1830/31. Die war nämlich komplett neu und war schon in den Städten, bevor man sie überhaupt registriert hat. Insofern musste man sich etwas anderes überlegen. Man hat dafür eine Prosektur, wie man damals gesagt hat, später ein Institut für Pathologie an der Charité gegründet.

Rudolf Virchow ist der Meister seines Faches geworden. Man hat die naturwissenschaftliche Medizin geradezu aus der Seuche aus der Taufe gehoben. Und heute ist die Charité ein Krankenhaus der Maximalversorgung, aber auch ein Krankenhaus der Maximalforschung. Das heißt, oft sind die besten Experten hier an der Charité und mit Professor Drosten gibt es einen besonders glücklichen Umstand, dass er absoluter Experte für die Coronavirus-Forschung ist und ein fabelhaftes Talent zur Kommunikation hat.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dieser Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung des Gesprächs, das Leon Stebe mit Thomas Schnalke für Inforadio geführt hat. Das vollständige Interview können Sie oben im Beitrag im Audio hören.

Sendung:  Inforadio, 13.05.2020, 12:25 Uhr

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7 Kommentare

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  1. 6.

    Da hat sich der Direkter des Medizinhistorischen Museums in Politik- und Marketingkürzel versucht, wahrscheinlich, weil das modern und tatkräftig klingen soll. Die Geschmäcker gehen dabei wohl auseinander. Meiner ist es auch nicht.

    " Er/sie kann Kanzler", "Wir können Urlaub"

  2. 5.

    Vielen Dank für Ihren ausführlichen Diskurs in die deutsche Grammatik, Mo. Ebenfalls in der Überschrift sichtbar sind die kleinen Anführungszeichen. Sie stehen dafür, dass es sich um ein Zitat handelt. Was der Direktor des Medizinhistorischen Museums mit dem "kann" meint, erklärt er im Text selbst ausführlich.

    Mit freundlichen Grüßen,

    rbb|24

  3. 4.

    Zitat: "Die Charité kann Seuche"
    Lieber RBB24.de, "können" ist ein sog. Modalverb und kein selbständiges Vollverb und steht deshalb immer mit dem Infinitiv eines Vollwerbs (=> niemals mit einem Substantiv!). Was soll denn Ihr Satz bedeuten? Wird hier jetzt Hochhausdeutsch statt Hochdeutsch zur Regel Ihre öffentlichen Publikation oder kommt in COVID-19-Zeiten einfach alles unredigiert online? Kann die Charité die Seuche heilen, verhindern, erforschen, oder was auch immer. Einzige Ausnahme nach meiner Ansicht z. Bsp. nur: "Er, sie , es kann mich mal!" - auch ohne Infinitv aber definitiv eher ugs.

  4. 3.

    " Die Pest war ein Bakterium, Corona wird durch einen Virus erzeugt "
    sehr richtig , gegen Bakterien haben wir inzwischen viele wirksame Antibiotika , aber auch da bröckelt es durch multiresistente Keime. Und gegen Viren, ja da gibt es weinige Virustatika gegen große Viren, zB Zoster. Aber ansonsten . nichts - bisher.
    " Das heißt, die Stadttore wurden dichtgemacht " heute machen wir die Grenzen vorübergehend dicht und hoffen...Quarantäne, das alte Mittel der Isolation , muß auch heute helfen und gegen das aktuelle Virus ist bisher kein Wirkstoff in Sicht

  5. 2.

    Das könnte - auch wenn das ggf. heutzutage befremdlich klingen mag - mit dem vorherigen Ost-West-Gegensatz zu tun haben.

    Charité, das war Osten. Auch die Pferde am Brandenburger Tor ritten ja vom Westen nach Osten in das Zentrum hinein und der Westteil Berlins sah nur deren Hinterteil. Auf der Gedenkmünze zugunsten von Conrad Schumann, des Grenzsoldaten, der während seiner Flucht über die Stacheldrahtrollen das MG wegwarf, ist das zu korrigieren versucht worden. Da war die Laufrichtung der Pferde wunschgemäß entgegengesetzt.

    ;-



  6. 1.

    Warum wird dieser Tag nicht richtig gewürdigt aber andere Unsinnigkeiten in den Himmel gehoben?
    Die Charite war einmal weltweit führend in der Medizin, die internationale Anerkennung der damaligen Koryhäen legt dazu Zeugnis ab, geradezu prädestiniert für Seuchen.

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