Schweden in Corona-Zeiten - Von einem Land, das die Welt nicht mehr versteht

Di 30.06.20 | 17:20 Uhr | Von Anke Fink
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Eine Infotafel weist an einem Strand in Schweden darauf hin, Abstand zu halten (Quelle: imago images/TT)
Bild: imago images/TT

In Schweden darf sich inzwischen jeder auf Corona testen lassen. Das treibt die Zahl der ermittelten Neuinfektionen nach oben. Das Land ist nun offiziell ein Risikogebiet. Ins Ausland reisen wird zur Kraftanstrengung. Das schwedische Selbstbild ist erschüttert. Von Anke Fink

Unser Ritual in Schweden besteht aktuell daraus, täglich die magische Zahl zu ermitteln. Dabei handelt es sich um die Covid-19-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Schweden ist laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) auf der Liste der Länder, die als Risikogebiete für eine Infektion mit dem Coronavirus eingestuft worden sind. In den vergangenen sieben Tagen lag die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner über dem kritischen Wert 50. Inzwischen gilt in sämtlichen deutschen Bundesländern, dass Reisende aus Ländern, die diese Zahl überschreiten in eine 14-tägige Quarantäne müssen. Brandenburg und Nordrhein-Westfalen haben als letzte ihre Regeln angepasst und nun lassen auch sie niemand mehr aus Schweden ohne Quarantäne rein.

Die Zahlen sammeln die Schweden selbst

Da am 10. Juni die schwedischen Sommerferien begonnen haben, tauschen sich die Deutschen in Schweden in Facebook-Gruppen intensiv über Reiseregelungen und eben die magische Zahl aus. Ein User präsentiert sie den Mitgliedern regelmäßig und erklärt, woher er sie kommt. Die Zahlen, aus der das RKI seine Liste mit den Risikogebieten erstellt, stammen vom "European Centre for Disease Prevention and Control", das passenderweise seinen Sitz nahe der schwedischen Hauptstadt Stockholm hat. Und auf deren Website lässt sich diese Zahl mit ein paar Klicks problemlos ermitteln.

Negatives Ergebnis kann Quarantäne beenden

Seit jeder Mensch in Schweden das Recht hat, sich testen zu lassen, ob mit Symptomen oder ohne, stieg die Zahl der registrierten Neuinfektionen in den vergangenen Wochen an. Da Schweden damit offiziell Risikogebiet geworden ist, bleibt nur die Vorlage eines negativen Corona-Tests, der nicht älter als 48 Stunden ist, um sich bei den deutschen Gesundheitsämtern von den Einschränkungen einer 14-tägigen Isolation zu befreien.

Der Ansturm der reisefreudigen Schweden hat dazu geführt, dass es zu langen Wartelisten kam. Die App, die man braucht, um sich einen Termin beschaffen zu können, ist immer wieder überlastet und bietet die Option streckenweise gar nicht mehr an. Unter den Deutschen werden unter der Hand Namen von deutschsprachigen Ärzten getauscht. Die Mediziner schlagen inzwischen die Hände über dem Kopf zusammen und wimmeln ab, man solle sich an die lokalen Gesundheitscenter (Vårdcentralen) wenden. Diese wiederum verweisen auf die App, die der einzige Weg sei, um einen Corona-Test zu bekommen.

Reihenweise Heimat-Reisen abgesagt

So bleibt den Deutschen, wenn sie im Sommer ihre Familien und Freunde besuchen wollen, nur die Möglichkeit eines Tests in Deutschland. Auch darüber wird sich seit Tagen in den Social-Media-Gruppen ausgetauscht. Sie schreiben über Kosten für den Test (die Angaben reichen von 100 bis 200 Euro pro Person), die Dauer, bis man das Ergebnis bekommt und über die Bedingungen, wie es bei der aktuellen Einreise mit der Fähre oder dem Flugzeug läuft. Aufgegeben haben die meisten noch nicht, eventuell in die Heimat reisen zu können. Aber bis auf Weiteres haben die in Schweden lebenden Deutschen ihre Urlaubspläne reihenweise verschoben, wie auch wir. Obwohl ein Mitarbeiter bei dem für uns zuständigen Gesundheitsamt in Brandenburg sehr freundlich auf die Option mit einem gültigen Negativ-Test hinwies, schrecken uns die von ihm genannten Kosten von 150 bis 200 Euro pro Person für eine vierköpfige Familie schon ab.

Rache für den schwedischen Sonderweg?

An vier Tagen der vergangenen Woche lagen die Zahlen nun unter dem magischen Wert von 50 Neuinfektionen, was unsere Hoffnungen weckt, die Test-Prozedur vielleicht doch nicht über uns ergehen lassen zu müssen. Über Sinn und Unsinn dieser Zwangsisolation wird in den sozialen Medien natürlich auch gestritten. Einige bezeichnen die Quarantäne als Rache dafür, dass in Schweden die Kinder weiter zur Schule gehen durften, andere sind komplett mit den deutschen Behörden d'accord und schimpfen auf den schwedischen Sonderweg.

Corona und Schweden sind eine inzwischen häufig erzählte Geschichte. Der Verzicht auf einen Lockdown, stattdessen der Appell an die Eigenverantwortung der Menschen hat dem Land viel Kritik eingebracht, vor allem weil die Todeszahlen im Vergleich zu den nordischen Nachbarn und auch Deutschland ungleich höher sind. Am vergangenen Mittwoch (24. Juni) überschritt das Land die Marke von 5.000 Toten.

Schweden setzt Corona-Untersuchungskommission ein

Mit Stand Montagabend lag der Wert laut Johns-Hopkins-Universität bereits bei 5.310. Die anfänglich sehr hohe Zustimmung der Bevölkerung zum schwedischen Sonderweg bröckelt. Vergangene Woche gab das Umfrage-Institut Ipsos bekannt, dass zwar immer noch 45 Prozent der Schweden hinter der Corona-Strategie ihres Landes stehen, im April aber waren es mit 56 Prozent deutlich mehr.

Die hohe Anzahl der Toten und die immer noch hohen Infektionsraten haben die Gesellschaft und das schwedische Selbstbild erschüttert. Eine Corona-Untersuchungskommission soll nun klären, wer sich zu verantworten hat.

Die Isolation, die die reisefreudigen Schweden jetzt erfahren, führt zu einer breiten Debatte über den schwedischen Sonderweg, dessen Erfolg oder Nicht-Erfolg noch nicht ausgemacht ist. Denn die Zahl der Intensivbetten soll in keiner Phase der Pandemie zu gering gewesen sein, wie der Facharzt Jan Gebel aus Südschweden im Gespräch mit tagesschau.de [externer Link] erklärte. Auch eine Altersgrenze für Patienten, die in Krankenhäusern behandelt werden, hat es Gebel zufolge nicht gegeben. Zudem geht die Zahl der Toten im Vergleich zu den Vormonaten kontinuierlich zurück.

WHO hat harte Kritik zurückgenommen

Trotzdem hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Schweden auf eine Liste mit elf Ländern gesetzt, deren Corona-Neuinfektionen so schnell steigen, dass deren Gesundheitssysteme schon bald wieder an die Grenzen ihrer Belastbarkeit kommen könnte. Darüber hat sich der schwedische Staats-Epidemiologe Anders Tegnell furchtbar geärgert und von einem fatalen Irrtum gesprochen. Tatsächlich nahm die WHO die Einschätzung noch am selben Tag zurück. In Mails an schwedische Medien hieß es, der Anteil der positiven Tests sei insgesamt beständig bei zwölf bis 13 Prozent. Die Ansteckungsraten in Schweden seien also stabil. Darüber hinaus schrieb die WHO, dass es Schweden durch die Einbindung der Gesellschaft gelungen sei, die Verbreitung auf einem Niveau zu halten, das das Gesundheitssystem bewältigen könne. Nur von der Liste der Risiko-Länder gestrichen wurde Schweden nicht und berichtet über die Korrektur der WHO hat laut N-TV auch so gut wie kein internationales Medium.

Bleibt alles wie es ist

Was genau nun in Schweden künftig im Umgang mit Corona geschieht, ist noch nicht ausgemacht. Aber auch in den vergangenen Monaten hat sich die Regierung nicht von ihrem Weg abbringen lassen, die Einschränkungen eher moderat zu halten. Vermutlich wird dies auch vorerst so bleiben, zumal man in den zurückliegenden richtig heißen Sommertagen nicht mehr viel von einer Pandemie gespürt hat. Die Menschen genießen an den zahlreichen Stränden die langen hellen Tage und vielleicht sogar ein bisschen, dass sonst keiner da ist. Denn Touristen gibt es immer noch so gut wie keine. Schweden gehört jetzt fast nur den Schweden.

Beitrag von Anke Fink

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