Filmtipps | Berlinale Summer Special - Diese deutschen Filme sind besonders sehenswert

Wood and Water von Jonas Bak (Quelle: Berlinale/Trance Films)
Bild: Berlinale/Trance Films

Deutsche Filmtipps von der Berlinale: Eine Mutter besucht allein ihren Sohn in Hongkong. Eine Familie gerät durch einen Überfall aus dem Gleichgewicht. Und ein Ballett-Ensemble erzählt von den Zerwürfnissen in den letzten Jahren der DDR. Von Fabian Wallmeier

 

"Wood and Water" (Perspektive Deutsches Kino)

Jonas Bak erzählt in "Wood and Water" die Geschichte einer Mutter, die als Rentnerin in eine Daseinskrise gerät. Weil ihr Sohn, der seit Jahren in Hongkong lebt, nicht zum gemeinsamen Ostseeurlaub kommt, macht sie sich selbst auf nach Hongkong. Dort ist sie weitgehend auf sich allein gestellt - den Sohn bekommen die Zuschauer*innen kein einziges Mal zu Gesicht.

Wie Doris Dörries "Kirschblüten - Hanami" (2008) erzählt auch "Wood and Water" von einem Elternteil, der zu Besuch beim im Ausland lebenden Sohn eine fremde Umgebung kennenlernt und im kulturellen Austausch auch etwas über sich selbst erfährt. Doch während bei Dörre Elmar Wepper in Japan Spuren seiner verstorbenen Frau sucht, und der Film sich mit voller Kraft dem (zugegeben: herzzerreißend schön inszenierten) Kitsch hingibt, bleibt "Wood and Water" verhältnismäßig nüchtern. Anke Bak spricht in Hongkong zwar auch mit Wildfremden über Spiritualität und die fehlenden Bindungen zu ihren Kindern, aber sie ist dabei (abgesehen von einem reichlich übergriffigen Besuch beim Arzt des Sohnes) zurückhaltend und pragmatisch.

Anke Bak spielt diese Mutter - sie ist die echte Mutter des Regisseurs. Der hatte nach eigenem Bekunden erst eine ganz andere, viel dramatischere Geschichte im Sinn. Doch in der Zusammenarbeit mit der Mutter wurde diese Geschichte auf ihren Kern eingedampft - und es spricht viel dafür, dass die viel einfachere, teils auch nur angedeutete Erzählung mit Mut zu Leerstellen dem ursprünglich geplanten Film um einiges überlegen ist.

Vorstellungen:
Mittwoch, 16.06., 21:45 Uhr, Freiluftkino Hasenheide
Freitag, 18.06., 21:45 Uhr, Freiluftkino Pompeji

Der menschliche Faktor von Ronny Trocker (Quelle: Berlinale/Klemens Hufnagl/Zischlermann Filmproduktion)
Setfoto "Der menschliche Faktor" von Ronny TrockerBild: Berlinale/Klemens Hufnagl/Zischlermann Filmproduktion

"Der menschliche Faktor" (Panorama)

Eine deutsch-belgische Familie fährt über das Wochenende in ihr Ferienhaus in einem belgischen Küstenort. Als der Vater (Mark Waschke) einkaufen geht, hört die Mutter (Sabine Timoteo) Menschen die Treppe herunter hasten und aus dem Haus rennen. Waren es Einbrecher? Besteht ein Zusammenhang mit dem Auftrag einer politischen Partei, die die Werbeagentur des Paares gerade anzunehmen erwägt? Und wie stehen eigentlich Mutter, Vater und die beiden Kinder wirklich zueinander?

Ronny Trockers "Der menschliche Faktor" nimmt von diesem Ausgangspunkt aus vor allem den Mikrokosmos Familie mit all ihren Erwartungen und Missverständnissen auseinander. Mit Zeitsprüngen und Leerstellen, aber mit ruhiger Hand und präziser Bildkomposition (wenn auch nicht ganz ohne Klischees), lässt er eine Atmosphäre des Misstrauens entstehen, die nicht nur jedes Familienmitglied umschließt, sondern auch die Zuschauenden.

Die Rätselhaftigkeit und bewusste Lückenhaftigkeit des Films lässt an Vorbilder der Berliner Schule denken: Christian Petzold und vor allem Angela Schanelec. Trocker setzt dem aber Mittel entgegen, die etwas mehr Klarheit schaffen: Die Sprünge, mit denen er erzählerisch zwischen den Zeiten springt, sind nur auf den ersten Blick verwirrend. In Wirklichkeit ermöglichen sie Rückschlüsse und und Querbezüge und schließen dabei nach und nach erzählerische Lücken, anstatt sie auszustellen. Die Eingangssequenz mit dem Überfall im belgischen Ferienhaus zeigt Trocker zudem immer wieder von vorn, aus unterschiedlichen Perspektiven. Dabei setzt sich letztlich ein nahezu vollständiges Bild - zumindest von dieser einen Sequenz. Die Weitschweifigkeit der gesamten Filmerzählung lässt am Ende immer noch vieles im anregend Deutungsoffenen, nicht Ausbuchstabierten.

Vorstellungen:
Samstag, 12.06., 21:30 Uhr, Freiluftkino Kreuzberg
Sonntag, 13.06., 21:30 Uhr, Freiluftkino Biesdorf Parkbühne

In Bewegung bleiben/Keep Moving von Salar Ghazi (Quelle: Berlinale/Salar Ghazi)Setfoto "In Bewegung bleiben" von Salar Ghazi

"In Bewegung bleiben" (Perspektive Deutsches Kino)

Die Tanz-Performance "Keith" der Choreographin Birgit Scherzer war Anfang 1988 ein großer Erfolg der Komischen Oper Berlin. Und für viele der Beteiligten kam sie zu einer Zeit, als sich ihre Leben radikal zu ändern begannen. Vier der sieben Tänzer (in "Keith" treten nur Männer auf) und die Choreographin verlassen in den folgenden Monaten die DDR.

Salar Ghazi, der hier nach Jahrzehnten als Cutter sein spätes Regie-Debüt gibt, befragt die noch lebenden Beteiligten und einige Menschen aus ihrem Umfeld - und gibt ihnen viel Zeit: Der Film dauert 139 Minuten und wirkt dennoch alles andere als lang. Sie erzählen aus einem Leben zwischen Privileg und Unterdrückung: was es bedeutete, unter der Beobachtung der Stasi Kunst zu machen - und zu Auftritten ins Ausland zu reisen. Manche erzählen Fluchtgeschichten, andere berichten, warum sie geblieben sind - und welche privaten Tragödien mit solchen Entscheidungen einherging. Und nicht zuletzt gibt der Film auch spannende Einblicke in Künstler*innenbiographien, in denen "Keith" und die Wendezeit nur ein Aspekt unter vielen sind.

Vorstellungen:
Samstag, 12.06., 21:45 Uhr, Freiluftkino Hasenheide
Donnerstag, 17.06., 21:45 Uhr, Freiluftkino Friedrichshagen

Fabian oder Der Gang vor die Hunde von Dominik Graf (Quelle: Berlinale/Hanno Lentz / Lupa Film)Setfoto "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" von Dominik Graf

Bonus: "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" (Wettbewerb)

Wenn deutsche Journalist*innen sich darüber beschweren, dass deutsche Filme bei der Berlinale-Preisvergabe leer ausgehen, hängt dem immer etwas unangenehm Beleidigtes an. WIR sind leer ausgegangen? Skandal!! Deshalb sei nun vorausgeschickt: Die Wettbewerbsbeiträge von Maria Schrader und Daniel Brühl fand ich voabendserienhaft enttäuschend (https://www.rbb24.de/kultur/berlinale/wettbewerbsfilme/2021/ich-bin-dein-mensch-maria-schrader-kritik.html) und vollkommen belanglos (https://www.rbb24.de/kultur/berlinale/wettbewerbsfilme/2021/nebenan-daniel-bruehl-kritik.html), den von Maria Speth vor allem deutlich zu lang (https://www.rbb24.de/kultur/berlinale/wettbewerbsfilme/2021/herr-bachmann-und-seine-klasse-maria-speth-kritik.html).

Der vierte deutsche Film im Wettbewerb dagegen ist dagegen tatsächlich vollkommen zu Unrecht unprämiert geblieben: Dominik Grafs rasante Erich-Kästner-Verfilmung "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" pulsiert und flirrt - und Tom Schilling liefert in der Hauptrolle die völlig unerwartete Bestleistung seiner Karriere. Warum der Film so gut ist, hat aber meine Kollegin Anke Sternberg hier schon treffend aufgeschrieben (https://www.rbb24.de/kultur/berlinale/wettbewerbsfilme/2021/fabian-oder-der-gang-vor-die-hunde-dominik-graf-kritiik.html).

Vorstellungen:
Donnerstag, 10.06., 21:30 Uhr, Freiluftkino Museumsinsel
Freitag, 11.06., 21:30 Uhr, Freiluftkino Friedrichshagen
Montag, 14.06., 21:30 Uhr, Frischluftkino@Studentendorf
Donnerstag, 17.06., 21:30 Uhr, ARTE Sommerkino Schloss Charlottenburg

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es zu "In Bewegung bleiben", die Protagonisten seien Tänzer des Berliner Staatsballetts gewesen. Richtig ist: Sie waren Tänzer der Komischen Oper Berlin. Wir bitten die Verwechslung zu entschuldigen.

Sendung: Abendschau, 03.06.2021, 19:30 Uhr

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