Interview | Existenznöte freischaffender Musiker in Berlin - Landesmusikrat holt Betroffene und Entscheider an einen Tisch

Symbolbild: Blick auf die Bühne im Friedrichstadt-Palast. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Audio: Radioeins | 27.01.2021 | Interview mit Hella Dunger-Löper | Bild: dpa/Britta Pedersen

Konzerte gehören wohl zu den Dingen, die derzeit am meisten fehlen. Vor allem freischaffende Musiker leiden unter Existenznöten. Hella Dunger-Löper, Präsidentin des Landesmusikrates Berlin hofft, dass eine Online-Konferenz helfen wird, auf die Probleme aufmerksam zu machen.

rbb: Frau Dunger-Löper, wie ist die derzeitige Situation für Musikerinnen und Musiker?

Hella Dunger-Löper: Die Situation ist sehr dramatisch. Wir haben im letzten März eine erste Umfrage gemacht, wo sich das schon abgezeichnet hat [Zwischenstand der Umfrage vom 24.01.2021: www.landesmusikrat-berlin.de]. Fast hundert Prozent sahen sich bedroht, in ihren Berufen weniger zu verdienen und sahen große Einnahmeverluste. Ein großer Teil davon sah sich auch in seiner Existenz bedroht. Aber dazu gab es noch keine Fakten. Jetzt haben wir wieder eine Umfrage gemacht.

In kurzer Zeit haben sich 500 Menschen aus Berlin gemeldet, die betroffen sind. Und es zeigt sich, dass fast 30 Prozent im Grunde genommen schon im Ausstieg sind. Einige haben sich andere Tätigkeiten gesucht, andere sind kurz davor. Und das ist natürlich ein Aderlass, der auch in die Nach-Corona-Zeit hineinwirkt. Und deswegen war es uns ein großes Anliegen, dass wir gemeinsam mit Verdi, der Vereinigung Alte Musik, der Berlin Music Commission und noch anderen viel organisiert haben. Denn die Hilfsmaßnahmen kommen zum großen Teil nicht an.

Es gab die November- dann die Dezember-Hilfen. Wieviel ist davon bei den Musikerinnen und Musikern angekommen?

Es ist wenig angekommen. Laut unserer Umfrage haben viele keine November-Hilfen beantragt, weil sie schlechte Erfahrungen aus der ersten Runde gemacht haben. Für viele greifen die Kriterien nicht, weil sie eben Hilfen zum Lebensunterhalt brauchen und nicht andere Bezuschussungen. Und deswegen greifen die Hilfsmaßnahmen bisher in sehr geringem Maße. Das wollen wir einfach auch noch mal zum Gegenstand machen, indem wir Betroffene auf der einen Seite und politische Entscheider und Experten an einen Tisch holen, damit sie sich austauschen können. Gibt es Lösungen, die den Menschen in dieser Situation konkret helfen.

Wir haben in Deutschland eine Grundsicherung, sprich Hartz IV. Das ist wenig Geld, aber immer noch besser als nichts. Wie stark wird das von Musikerinnen und Musikern genutzt?

Ich denke, das ist für viele sozusagen die letzte Lösung. Aber sie versuchen immer erst mal noch andere Möglichkeiten zu finden. Aber man muss natürlich auch sehen, die haben insgesamt natürlich eine sehr fragile Lebensplanung, weil sie eben sozusagen häufig von Konzert zu Konzert blicken. Sicher auch mit einem längeren Vorlauf. Aber viele Projekte machen. Die feste Einnahmequelle fehlt aber vielen. Deswegen sind sie oft auch dazu gezwungen, in anderen Bereichen noch ihren Lebensunterhalt zusätzlich zu verdienen, insbesondere im Bereich des Musikunterrichts.

Sie haben den Austausch bei dieser vierteiligen Online-Konferenz des Landesmusikrats angesprochen. Wie hoffnungsvoll sind Sie, dass diese Konferenz konkret helfen wird und auch Lösungen bieten kann?

Ich bin sehr optimistisch. An diesem Mittwoch kommt Kultursenator Klaus Lederer, der sich in diesem Bereich schon sehr engagiert hat. Er wird auch sicherlich noch mal Argumente mitnehmen, wie er die Möglichkeiten, die hier in Berlin sind, schärfen kann. Und wir haben auch viele andere Teilnehmer dabei, die hier etwas bewirken können, wenn sie noch mal sehr konkret erfahren, welche Problemlagen im Alltag bei den einzelnen Menschen vorliegen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch mit Hella Dunger-Löper führten Marco Seiffert und Tom Böttcher, Radioeins.

Der Text ist eine redigerite Fassung. Das Interview können Sie auch oben im Audio-Plyer nachhören.

Sendung: Radioeins, 27.01.2021, 09:40 Uhr

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