Interview | Markus Beckedahl über Corona-App - "Jeder soll selbst entscheiden können, ob er die App installiert"

Mo 15.06.20 | 06:27 Uhr
Markus Beckedahl (l), Gründer und Chefredakteur von netzpolitik.org, spricht am 07.11.2019 während des medienpolitischen Kongresses "source" der baden-württembergischen Landesregierung. (Quelle: dpa/Sebastian Gollnow)
Bild: dpa/Sebastian Gollnow

Die so genannte "Corona-Warn-App" soll Menschen, die Kontakt zu einer mit Covid19 infizierten Person hatten, automatisch darüber informieren. Dabei geht es um sehr sensible Daten, sagt der Netzaktivist Markus Beckedahl. Und das könne Begehrlichkeiten wecken.

Herr Beckedahl, nach langen Wehen startet nun die Corona-Warn-App. Werden Sie sie installieren?

Markus Beckedahl: Ich lass' mich mal überraschen: Ich kann mir vorstellen, dass ich sie installieren werde. Aber ich werde niemand anderem empfehlen, sie zu installieren. Das muss jeder selbst für sich entscheiden.

Die App soll so funktionieren: In einem Bus sitzen zwei Menschen nebeneinander, beide haben die App installiert. Dann tauschen deren Handys via Bluetooth verschlüsselte Zahlencodes aus. Wenn einer von beiden positiv getestet wird, würde der andere einen anonymisierten Warnhinweis erhalten. Wirkt das auf Sie überzeugend?

Das war ein langer Streit: Ursprünglich sollte ein anderes Konsortium eine App entwickeln mit einer zentralen Datenspeicherung, die zu Recht in der Kritik war, weil sie einen möglichen Missbrauch nicht so gut verhindert hätte wie jetzt die dezentrale Variante. Weil man sonst immer Angst haben müsste, dass vielleicht der nächste Politiker, die nächste Politikerin auf die Idee kommt, zentral gespeicherte Daten vielleicht doch mal Zweck zu entfremden, so wie das eigentlich fast immer passiert.

Also ist mit diesem dezentralen Ansatz, bei dem die Daten ohne einen zentralen Server auf den privaten Handys verbleiben, die Gefahr gebannt?

Durch den dezentralen Ansatz ist die Gefahr tatsächlich weitgehend gebannt, dass irgendwer Daten herausbekommen könnte, wie zum Beipspiel wer mit wem Kontakt gehabt hat, wer mit wem kommuniziert hat - beziehungsweise wer sich wo mit wem getroffen hat. Das scheint alles gut gelöst zu sein, auch dem Programmcode nach zu urteilen. Und ich bin mal gespannt, ob das auch über die Lebensdauer dieser App so bleiben wird.

Diese App arbeitet nicht mit einem zentralen Server - nur dank der Mithilfe von Google und Apple. Die mussten ihre Smartphone-Betriebssysteme mit Schnittstellen ausstatten, damit der Bluetooth Kontakt-Abgleich funktioniert. Begibt sich Deutschland damit in eine weitere problematische Abhängigkeit von diesen Unternehmen?

Wir befinden uns schon in einer totalen Abhängigkeit von Google und Apple, weil die beiden Unternehmen einfach den Markt für Smartphone-Betriebssysteme zu fast 100 Prozent kontrollieren. Das heißt, wir brauchten sie auch, um diese Bluetooth-Technologie durch entwickelte Schnittstellen anders zu nutzen als man es bisher mit dieser Technologie gemacht hat. Erst so wird diese Kontakt-Tracing-App zur Nachverfolgung von Infektionsketten gut nutzbar. Sonst wäre das alles sehr aufwändig geworden, und möglicherweise nicht zielführend genug.

Es geht um sensible Informationen, um Gesundheitsinformationen. Rechtfertigt das die Inkaufnahme von einem Restrisiko, wenn es um Daten geht?

Besonders wichtig ist mir und vielen anderen, dass diese App freiwillig genutzt werden soll. Wir hatten auch eine Debatte, in der viele Politikerinnen und Politiker sich vorstellen konnten, dass man alle verpflichten soll. Das hätte auch zu mehr Misstrauen geführt. Und wir müssten eigentlich auch verhindern, dass diese Freiwilligkeit ausgehebelt wird, weil natürlich der soziale Druck auf jeden Einzelnen, diese App zu installieren, in einer Pandemie sehr groß ist. Dazu  kommen dann auch noch möglicherweise Arbeitgeber, die die eigenen Arbeitnehmer unter Druck setzen, diese App zu installieren. Hier wäre sicherlich ein Begleitgesetz hilfreich, das gewährleisten könnte, dass diese App-Nutzung tatsächlich freiwillig bleibt, weil es hier um sehr sensible Daten geht. Auch wenn die App als sicher gilt - viele Forschende haben schon den Source Code überprüft - so heißt das ja nicht, dass die App auch in ihrer ganzen Lebensdauer weiterhin sicher bleiben wird. Und da soll jeder selbst entscheiden können, ob er oder sie diese App installieren möchte.

Es gibt erste Berichte, wonach die Gesundheitsämter sagen, sie hätten überhaupt nicht die technische Ausstattung, um Zugang zu dieser App zu haben.

Ob das tatsächlich funktioniert, wissen wir alle nicht. Das ist sozusagen eine Wette von Epidemiologen und anderen Forschenden, die Experten auf ihrem Gebiet sind. Die wetten darauf, dass der Einsatz einer App dazu beitragen kann, dass wir eine mögliche zweite oder dritte Welle vielleicht im Ansatz verhindern können. Das muss die Realität erst mal beweisen.

Sie sind Experte für Netzthemen, der vielleicht auch die Ergebnisse in anderen Ländern sieht – sind Sie optimistisch oder pessimistisch, dass so eine App was bringt?

Es ist schwer, diese deutsche App mit Apps aus anderen Ländenr zu vergleichen, die teilweise gar keine Apps sind, sondern ein Zusammenspiel von vielen Überwachungsmaßnahmen. Das hat man häufig in Südkorea oder in anderen asiatischen Ländern gesehen. Oder man hat solche App-Bastellösungen in Staaten wie Australien, wo diese Schnittstellen von Apple und Google noch nicht bereitgestellt waren. Da hat man versucht, das Problem kreativ zu lösen, da die Bluetooth-Technologie seinerzeit noch nicht dafür gedacht war, Kontakt-Tracing zu machen. Insofern gibt es noch kein erfolgreiches Beispiel einer guten App in einem anderen Land, von der man sagen könnte: Diese Wette wird auf jeden Fall gelingen.

Inwiefern reden wir von Daten und Informationen, die auch wirklich Begehrlichkeiten wecken?

Die Daten, die mit dieser Kontakt-Tracing-App theoretisch erhoben werden, sind natürlich für jede Sicherheitsbehörde eine spannende Sache. Man weiß von jedem Bürger, der diese App installiert, wie und wo man ihm wie lange begegnet ist. Damit könnten Sie theoretisch komplette Bevölkerungsteile überwachen, beziehungsweise feststellen, wer mit wem sozial interagiert. Das klingt sehr bedrohlich, ist aber die gängige Regel. Und zwar macht das nicht der Staat, sondern Unternehmen wie Facebook, WhatsApp und Co.

Die können über die Apps, die wir freiwillig auf unseren Handys installiert haben, sehr genau wissen, mit wem wir wann und wo kommunizieren und wen wir möglicherweise wie lange getroffen haben.

Werden in diesen Corona-Zeiten sowieso gerade massenhaft Programme genutzt, bei deren Nutzung man normalerweise viel mehr Scheu gehabt hätte? Zum Beispiel Zoom, das Programm, über das gefühlt alle Unternehmen und Schulen Videokonferenzen abhalten? Auch die Online-Ausgabe Ihrer re:publica wurde zum Teil mit Zoom veranstaltet.

Na klar, wir waren auch in einer besonderen Krise unter Zeitdruck zum ersten Mal quasi zu Hause eingesperrt. Auch wenn wir nur Ausgangsbeschränkungen hatten, die eigentlich ein Witz waren im Vergleich zu den Lockdowns in anderen Ländern. Trotzdem mussten sehr viele schnell improvisieren, weil wir eigentlich nicht darauf vorbereitet waren, von zu Hause aus kollaborativ zusammenzuarbeiten. Man sehe sich nur mal die Schulen an beziehungsweise die ganzen Eltern, die seit drei Monaten verzweifelt im Homeschooling sind, weil wir es einfach viel zu lange verschlafen haben, unsere Bildungs-Systeme zu digitalisieren.

Was glauben Sie denn, was netzpolitisch letztlich von Corona übrigbleiben wird?

Auf der einen Seite erlebt die Digitalisierung großen Boost in unserer Gesellschaft. Und das ist erstmal nichts Schlechtes, denn Digitalisierung kann man ja auch gut im Sinne von Datenschutz freundlich gestalten. Das Negative ist aber leider, dass wir uns eigentlich noch mehr abhängig machen von immer weniger Unternehmen, die große, weite Teile der digitalen Infrastrukturen kontrollieren. Und Apple, Microsoft, Google und Co. sind in dieser Krise stärker geworden. Viel mehr Menschen haben sich auf ihre Infrastrukturen verlassen. Und diese  Unternehmen, bei denen wir eigentlich drüber nachdenken sollten, wie wir sie besser kontrollieren können oder auch zerschlagen, weil sie zu groß und zu mächtig geworden sind - gehen alle gestärkt aus dieser Krise hervor. Nicht nur an der Börse.

Sendung: 12.06.2020, 09:45 Uhr

Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Version des Interviews, das Anna Corves für Inforadio mit Markus Beckedahl geführt hat. Das vollständige Gespräch können Sie oben im Beitrag im Audio hören.

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