in junger Mann führt einen HIV-Heimtest durch, Archivbild (Quelle: DPA/Britta Pedersen)
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Kampagne in Berlin - Warum die Corona-Maßnahmen eine einmalige Chance bei der HIV-Bekämpfung bieten

Wer ohne festen Sexpartner ist, erlebte während der Kontaktbeschränkungen womöglich ungekannte Flauten. Dadurch eröffnet sich eine einzigartige Chance im Kampf gegen HIV. Eine tückische Eigenschaft des Virus könnte nun ausgenutzt werden. Von Oliver Noffke

Die Kontaktbeschränkungen, die Ende März zur Eindämmung der Corona-Pandemie beschlossen wurden, bieten womöglich eine einmalige Gelegenheit in der Bekämpfung einer anderen Viruserkrankung: HIV/Aids. "Weil alle die Füße still gehalten haben in den vergangenen Wochen, weil alle weniger Sex hatten", sagt Jacques Kohl. Er hat die Psychosoziale Leitung von Checkpoint BLN in Neukölln inne. Mit einer Kampagne in sozialen Netzwerken ruft die Einrichtung derzeit alle, die wechselnde Sexpartner haben, dazu auf, sich auf HIV testen zu lassen - bevor endgültig die Normalität zurückkehrt.

Kohl hofft, dass man nun eine tückische Eigenheit des HI-Virus ausnutzen kann, die seit Jahrzehnten seine Ausrottung unmöglich macht: die sogenannte diagnostische Lücke. "In der Regel muss man bis zu sechs Wochen warten nach einer Risikosituation, um herauszufinden, ob die Person sich dabei mit HIV infiziert hat", sagt Kohl. Etwa anderthalb Monate kann man also HIV-positiv sein, ohne dass diese Infektion nachgewiesen werden kann. "Die Person ist aber schon viel früher ansteckend", sagt Kohl. Und das in besonderem Maße.

Kontaktbeschränkungen überlagerten diagnostische Lücke

Kurz nach einer Infektion verbreiten sich HI-Viren explosionsartig. Die Anzahl der Viren, die sogenannte Viruslast, ist dann besonders hoch in Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma oder Vaginalsekret. Nach einigen Wochen erleben die Betroffenen meist grippe-ähnliche Symptome. Viele Betroffene bringen diese aber nicht mit einer sexuellen Risikosituation in Verbindung. Zwar beginnt der Körper sich zu wehren und Antikörper auszubilden; diese sind aber machtlos, da HI-Viren ständig mutieren und sich so den Angriffen des Immunsystems entziehen. Nur spezielle Medikamente, können diese Viren soweit zurückdrängen, dass die Betroffenen nicht mehr ansteckend sind.

Die diagnostische Lücke der Krankheit wurde nun von den Kontaktbeschränkungen überlagert. Ende März hatten sich Bund und Länder darauf geeinigt, vorerst Besuche zwischen Personen verschiedener Haushalte zu untersagen. Personen, die nicht mit fester Sexualpartnerin oder festem Sexualpartner zusammenleben, wurde damit Enthaltsamkeit verordnet. Einer Person, die kurz vor den Kontaktbeschränkungen mit HIV infiziert wurde, fehlte also schlicht die Gelegenheit, das Virus weiterzugeben, bevor es nachweisbar war.

Indizien für weniger Sex mit wechselnden Partnern

Es gibt keine Beweise dafür, dass die Kontaktbeschränkungen tatsächlich Auswirkungen auf das Sexualverhalten der Deutschen hatten. Hinweise darauf gibt es schon. Viele Orte für schnellen Sex sind auch von der Corona-Krise besonders betroffen. Swinger Clubs und einschlägige Kneipen sind seit Wochen geschlossen.

Die Dating-Plattform Gayromeo hat vor einigen Wochen eine anonyme Mitglieder-Umfrage durchgeführt [planetromeo.sgizmo.com]. 48 Prozent der Befragten gaben an, wegen Corona vorerst auf persönliche Treffen zu verzichten. Weitere rund 17 Prozent sagten, sie hätten gar kein Interesse an Dates. Rund zwei Drittel der Befragten kamen aus Deutschland, repräsentativ ist die Umfrage allerdings nicht.

"The Time Is Now" - mit einer Kampagne die Neuköllner NGO Checkpoint BLN zu HIV-Tests auf (Quelle: Checkpoint BLN)
Bild: Checkpoint BLN

Klicken, wischen - und dann nur schreiben statt sich zu treffen, von diesem Trend berichtete auch die Dating-App Tinder. Parallel zu den Kontaktbeschränkungen habe in Deutschland die Zahl der Chats um 33 Prozent zugenommen; die Dauer der Gespräche sei um 17 Prozent angestiegen [wdr.de]. Laut Tinder hätten viele Nutzerinnen und Nutzer in ihren Profilen dazu aufgerufen, Abstände einzuhalten und sich die Hände zu waschen.

Dean Street, die HIV-Präventionsstelle des britischen Nationalen Gesundheitsdienstes (NHS), hat festgestellt, dass während des dortigen Lockdowns die Zahl einiger Behandlungen stark zurückgegangen ist, die sehr wahrscheinlich niemand aufschieben würde. So sei die Zahl der Diagnosen auf Gonorrhoe massiv eingebrochen. Die bakterielle Infektion verursacht stark stechende Schmerzen in der Harnröhre, "als würde man Rasierklingen pinkeln", schreibt dazu "The Guardian" [in englischer Sprache].

Zudem verzeichnete die Dean Street einen enormen Rückgang an Pep-Behandlungen. Dabei handelt es sich um eine Notfalltherapie, die nach einer Situation mit erhöhtem HIV-Risiko verabreicht werden kann [aidshilfe.de/pep]. Hochaktive antivirale Medikamente sollen verhindern, dass sich HI-Viren im Körper einnisten. Bei dieser Therapie drängt die Zeit, sie muss innerhalb von 48 Stunden begonnen werden. Wenn es eine Möglichkeit gibt, einer nach wie vor unheilbaren Krankheit zu entgehen, würde diese niemand aufschieben, so Dean Street.

Zahl der Tests und Beratungen gehen um 80 Prozent zurück

"Das können wir auch so feststellen", sagt Jacques Kohl. "Wir vergeben weniger Pep und wir machen auch weniger Behandlungen auf Gonorrhoe." Er merkt aber an, dass der Checkpoint BLN von weitaus weniger Personen frequentiert wird als Dean Street. "Die haben in kürzerer Zeit statistisch signifikantere Zahlen erheben können. Das können wir nicht." Vor Corona seien pro Woche etwa 250 Personen zu Tests und Beratungen nach Neukölln gekommen, danach etwa ein Fünftel. Die britischen Zahlen hält Kohl für zuverlässige Indikatoren.

Aber, so Kohl, wer ein hohes Risiko hatte oder unter einer schmerzenden sexuell übertragbaren Krankheit leide, werde sich auf den Weg machen. "Die Menschen, die sich eh gut schützen und jedes Jahr, jedes halbe Jahr routinemäßig einen Test machen, werden vielleicht eher zu Hause bleiben" - und den Test aufschieben.

Eine von Berlins größten Teststellen hat mit Beginn der Kontaktbeschränkungen ihre Arbeit derweil deutlich heruntergefahren. Die Berliner Aids-Hilfe verzichtet seit einigen Wochen auf direkte Blutabnahmen, weil diese nicht Corona-sicher durchgeführt werden können. Stattdessen bietet die Aids-Hilfe verstärkt Unterstützung bei Selbsttests und verweist an Projekte wie Checkpoint BLN und andere, die weiterhin testen. Kamen deshalb mehr dringende Fälle nach Neukölln? Kohl sagt, es seien in den vergangenen Wochen ungewöhnlich viele positive HIV-Testergebnisse bei Checkpoint festgestellt worden. Aber auch diese Zahl ist zu gering, um als Beweis zu dienen.

Keine Laborsituation, aber eine Chance

"Die Kontaktbeschränkungen werden sicherlich auch einen Effekt auf die HIV-Neuinfektionszahlen in Deutschland haben, aber wir warnen vor zu großen Erwartungen", teilt Robin Rüsenberg auf Anfrage mit. Er ist Geschäftsführer der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter, kurz Dagnä, einem Kooperationspartner von Checkpoint BLN. "Die Erfahrungen legen nahe, dass die Zahl an Sexualkontakten dennoch stabil sein kann", so Rüsenberg mit Blick auf die Corona-Einschränkungen.  

Ihm bereite der Rückgang an Testungen insgesamt Sorge, außerdem, "dass betroffene Personen aus Angst vor Covid-19 nicht zum Arzt gegangen sind beziehungsweise sich in Verwechslung ihrer Symptome in Quarantäne begeben haben". Damit meint Rüsenberg die grippe-ähnlichen Ausbrüche, die kurz nach einer HIV-Infektion auftreten. Derzeit würde sich die Situation in den Schwerpunktpraxen wieder normalisieren, so Rüsenberg.

"Es gab sicher Menschen, die hatten auch während dieser Lockdown-Zeit Sex mit mehreren Menschen." Man rede schließlich nicht von einer Laborsituation, sagt Jacques Kohl. Der Moment sei trotzdem günstig, "um HIV-Infektionsketten zu druchbrechen", da einige kaum oder gar keinen Sex gehabt hätten. "Die Corona-Krise stellt uns vor Herausforderungen, aber wir als queere Community sollten das als Chance begreifen."

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Beitrag von Oliver Noffke

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