Interview | Luftraum-Forscher über Mund-Nasen-Schutz an Schulen - "Ich bin für eine Maskenpflicht auch im Unterricht"

Mi 05.08.20 | 13:01 Uhr
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Schüler melden sich in einer Grundschule beim Unterricht. (Quelle: dpa/Frank Rumpenhorst)
Audio: Radioeins | 05.08.2020 | Interview mit Martin Kriegel | Bild: dpa/Frank Rumpenhorst

Wenn am Montag in Berlin die Schule wieder startet, gilt in den Gebäuden Maskenpflicht für Schüler und Lehrpersonal. Allerdings nicht in den Klassenräumen. Das ist keine gute Idee, sagt Martin Kriegel. Er erforscht die Verbreitung von Aerosolen in geschlossenen Räumen.

rbb: Herr Kriegel, ist die geplante Masken-Regelung aus Ihrer wissenschaftlichen Sicht sinnvoll, also auf den Fluren und in Gemeinschaftsräumen eine Mund-Nasen-Abdeckung zu tragen und im Klassenraum nicht?

Martin Kriegel: Man muss grundsätzlich sagen, wenn wir keinen Abstand halten können, dann bleibt eigentlich nichts anderes übrig, als die Maske zu tragen. Das hat sich eingebürgert und ist auch wissenschaftlich belegt. Insofern bin ich auf jeden Fall für eine Maskenpflicht, auch im Unterricht.

Also auch im Unterrichtsraum?

Auch im Unterrichtsraum. Wenn man eine volle Klassenstärke hat, dann kann die Abstandsregel nicht einhalten werden. Und das ist für die zwei Hauptübertragungswege - über Tröpfchen oder Aerosole - ein wirksamer Schutz.

Und wenn die Klassenräume ständig gelüftet werden?

Ja, dann trägt man dazu bei, dass im Wesentlichen die Aerosole aus dem Raum rausgetragen werden. Dennoch muss man sich ja vorstellen, dass wir, wenn wir ausatmen und sprechen, immer eine Aerosol-Wolke aus dem Mund rauskommt. Und wenn wir keine Maske tragen, kommt sie in einer hochkonzentrierten Form raus. Wenn die Tische letztendlich derart aufgestellt werden, dass Personen mir gegenüber sitzen, oder wenn ich mit meinen Nachbarn spreche, bekommt er jedes Mal diese Aerosol-Wolke ab. Das ist natürlich nicht so sinnvoll. Die Maske verhindert einfach, dass die Aerosole unkontrolliert nach vorne ausströmen. Dennoch gelangen die Partikel in die Raumluft. Und dafür ist das Lüften gedacht, dass diese Aerosole, die trotzdem im Raum sind, aus dem Raum rausgetragen werden.

Haben Sie irgendeinen Kompromiss?

Ja, der Kompromiss sieht letztendlich so aus, dass man Abstand hält. Und je mehr Abstand wir haben, desto besser ist es. Nun sind die Klassenzimmer nicht so groß, dass bei voller Klassenstärke der 1,50-Meter Abstand gehalten werden kann. Man könnte aber trotzdem versuchen, so viel wie möglich Abstand zu halten. Je weiter die Personen voneinander entfernt sind, desto geringer ist das Risiko, weil diese Tröpfchen dann schon zu Boden fallen. Und die Aerosole verdünnen sich mit dem Abstand zu der jeweiligen Person. Insofern ist jeder Abstand gut.

Zu dem jetzt vorgestellten Berliner Plan gehört auch, dass sich Klassen nicht mischen dürfen. Wenn ein Corona-Fall auftreten sollte, kann man gezielt isolieren. Können Sie dieses Argument nachvollziehen?

Sicher, das kann ich schon ein bisschen nachvollziehen. Letztendlich versucht man dadurch, das Infektionsgeschehen ein bisschen kleiner zu halten. Vielleicht. Aber ich frage mich, wie realistisch es ist, wenn die Kinder auf dem Pausenhof, im Hort oder in der Freizeit sich doch mischen. Ob das dann noch zu unterscheiden ist, ist die Frage. Ich denke an eine klare Regel, so wie wir es ja überall auch haben: Wir halten Abstand. Und wenn wir den Abstand nicht einhalten können, müssen wir eben die Masken tragen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Martin Kriegel führten Tom Böttcher und Marco Seiffert für Radioeins.

Bei dem Text handelt es sich um eine redigierte Fassung. Das komplette Interview können Sie auch oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: Radioeins, 05.08.2020, 07:40 Uhr

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