Ein Pfleger steht in der geschlossenen Abteilung an der Tür zum Isolationsraum. (Quelle: dpa/Felix Kästle)
Bild: dpa/Felix Kästle

Psychische Gesundheit in der Corona-Pandemie - Beschwerden über Berliner Psychiatrien häufen sich

Seit Beginn der Corona-Pandemie nehmen Beschwerden über psychiatrische Stationen in Berlin zu. Das zeigt eine Auswertung der Beschwerdestelle, die rbb|24 exklusiv vorliegt. An der Zahl der Patienten liegt das offenbar nicht. Von Roberto Jurkschat und Dominik Wurnig

Die Zahl der Beschwerden über die Situation in Berliner psychiatrischen Stationen ist seit dem Beginn der Corona-Pandemie deutlich gestiegen. Das zeigt eine exklusive Auswertung der unabhängigen Beschwerde- und Informationsstelle Psychiatrie in Berlin (BIP) für rbb|24.

In den acht Monaten von Mitte März bis Mitte November 2020 zählte die Beratungsstelle 146 Beschwerden zu psychiatrischen Kliniken, in den acht Monaten davor waren es noch 128. Besonders deutlich stiegen Beschwerden über Zwangsunterbringungen und Zwangsmaßnahmen; die Zahl stieg von 39 auf 64. Eine Zwangsunterbringung bedeutet, dass ein Patient gegen seinen Willen in der Psychiatrie ist, eine Zwangsmaßnahme kann beispielsweise die Fixierung eines Patienten an Hand- und Fußgelenken sein.

Wie oft Berlinerinnen und Berliner in den Kliniken zwangsuntergebracht und etwa an Betten fixiert werden, darüber macht die zuständige Senatsverwaltung für Gesundheit auf Anfrage von rbb|24 bisher keine Angaben. "Die Daten werden momentan im Rahmen der Evaluierung des Gesetzes überprüft", hieß es.

Mehr Beschwerden über medikamentöse Zwangsbehandlung

Nach Angaben der Beratungsstelle kommen 60 Prozent der Beschwerden direkt von Patienten, 25 Prozent von Angehörigen und 10 Prozent von Klinik-Mitarbeitern. Die Beschwerdestelle zählte bisher 33 Corona-spezifische Beschwerden, zum Beispiel weil keine Besuche erlaubt seien, Mitarbeiter abgezogen wurden oder weil in Kliniken Hygieneregeln nicht eingehalten wurden. Zu Kritik führte auch, dass bestimmte Therapieangebote wie Werkstätten während der Pandemie eingestellt wurden.

Angst vor Corona-Infektionen

Was genau hinter der Zunahme der Beschwerden steht, lässt sich nur vermuten. "Die Besuchsverbote in einigen Kliniken sind natürlich eine Belastung für viele Patienten", so eine Expertin einer Besuchskommission, die anonym bleiben möchte.

Die vom Abgeordnetenhaus gewählten Mitglieder der Besuchskommissionen sollen geschlossene psychiatrische Einrichtungen in Berlin kontrollieren.

Aus einer dieser Kommissionen heißt es, die Kliniken hätten während der Corona-Zeit festgestellt, dass Patienten bei ersten Symptomen psychischer Erkrankungen zunächst nicht in die Krankenhäuser kamen, aus Angst sich anzustecken. Viele Patienten hätten sich erst in Behandlung begeben, als sie bereits schwerer erkrankt waren. Dieses Phänomen hat sich auch schon bei anderen Krankheitsbildern während der Pandemie gezeigt.

Weniger Patienten auf Psychiatrie-Stationen

An einer möglichen Überbelegung der Berliner Psychiatrie-Stationen liegt der Anstieg der Beschwerden offenbar nicht. Für den Zeitraum März bis September meldeten Klinikträger der Senatsverwaltung für Gesundheit eine durchschnittliche Auslastung von 89,5 Prozent. Seit Mai 2020 liege die Auslastung konstant knapp unter 90 Prozent.

"Hierbei ist zu berücksichtigen, dass psychiatrische Kliniken von den Freihalteregelungen im Rahmen der Covid-19-Maßnahmen und den gebotenen Hygienekonzepten betroffen waren", erklärte eine Sprecherin der Senatsverwaltung rbb|24 auf Anfrage. Im Klartext heißt das, dass Kliniken absichtlich Reserve freihalten mussten und Mehrbettzimmer nicht voll belegt haben.

Im Vorjahreszeitraum lag die Auslastung laut Selbstauskunft der Klinikträger bei durchschnittlich 101 Prozent, also 11,5 Prozent über dem Vergleichswert für 2020.

Beschwerdezahlen laut Patientenverband nur ein Ausschnitt

Hinzu kommt, dass vorgesehene unabhängige Kontrollen nicht stattfinden: Eigentlich sollte jede Klinik mindestens einmal jährlich von der Besuchskommission - teilweise auch unangekündigt - besucht werden. Diese Besuche fanden seit Ausbruch der Pandemie kaum mehr statt. Laut einem Kommissionsmitglied wurden während der Pandemie Termine für Kontrollbesuche verschoben, Begehungen teilweise durch Videokonferenzen ersetzt.

Dem Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener in Berlin (BPE) zufolge geben die offiziellen Beschwerdezahlen nur einen Ausschnitt der Realität wieder. "Viele Patienten glauben nicht, dass es etwas bringt, wenn sie sich beschweren, sehr viele machen auch die Erfahrung, dass sie aufgrund ihrer psychiatrischen Diagnose nicht mehr ernst genommen werden", sagt BPE-Vorstandsmitglied Felix von Kirchbach. Über den BPE, wo an mindestens sechs Tagen pro Woche telefonische Beratungen stattfinden, steht von Kirchbach mit vielen früheren Patienten in Kontakt.

Bereits vor der Corona-Pandemie sei die Lage in den Berliner Psychiatrien angespannt gewesen. "Viele Kliniken haben einfach nicht genug Personal und viele der Pfleger sind auch nicht richtig ausgebildet", so von Kirchbach. Hinzu kämen beengte Verhältnisse in der Unterbringung. "Wenn sich dann auch Pfleger pandemiebedingt krank melden und die Patienten keine Besucher mehr sehen dürfen, kann sich die Lage schnell zuspitzen."

Was Sie jetzt wissen müssen

Beitrag von Dominik Wurnig und Roberto Jurkschat

15 Kommentare

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  1. 15.

    Glaube auch, das der Kerl null Ahnung hat. Anders ist sein Erguss nichtzu erkl@ren.

  2. 14.

    Die Kollegen von panorama haben gestern abend einen Beitrag über die dramatischen Zustände im Maßregelvollzug in Berlin ausgestrahlt, den können Sie sich im Zuge der Thematik auch einmal zu Gemüte führen.
    Kurzzusammenfassung: Es gibt zu wenige Therapeuten dort, um mit den Patienten zielführend arbeiten zu können, es gibt massive Sicherheitsprobleme, zu wenige Isolationszellen, so dass aggressive und gefährliche Menschen dort wieder raus müssen, wenn noch aggressivere reinkommen, und infolge dessen kommt es zu Straftaten, so passiert einer Psychologin, die mit einem angespitzten Frühstücksmesser niedergestochen wurde, von Insassen gerettet werden konnte und jetzt schwerst traumatisiert ist.

  3. 13.

    Nun hat die anhaltende Pandemie offenbar die Einschätzung der Menschen geändert. Die Menschen haben durch Corona mehr Stress zu empfinden oder nicht zur Ruhe zu kommen. Als weitere psychische Folgen der Corona-Krise über schlechteren Schlaf und finanzielle Sorgen. Belastend wirken sich vor allem auch die Sorgen um Familie und Freunde aus. Vielen Menschen geht es überraschend gut, doch es gibt auch hier Risikogruppen. Sie brauchen Unterstützung – damit die Gesellschaft stabil bleibt.
    Was kann man ganz praktisch tun. Ein fester Ablauf strukturiert den Tag. Man kann sich Aufgaben stellen, die abgearbeitet werden müssen. Man kann die Zeit nutzen, um Projekte und Ideen für die Zeit nach der Pandemie zu entwickeln - und ganz wichtig sind die sozialen Kontakte. Telefonate und Videochats können und müssen vorübergehend die persönlichen Treffen ersetzen. Auch sie sollten fest in den Tagesablauf integriert werden.

  4. 12.

    Wir interessieren uns dafür. Und wir werden dranbleiben und weiterrecherchieren. Melden Sie sich bei mir unter vorname.nachname@rbb-online.de, wenn Sie uns bei der Recherche weiterhelfen können. Danke.

  5. 11.

    Ja, da haben sie wohlmöglich recht. Allerdings kommen bis jetzt eher Menschen wegen chemischer Substanzen in die Kliniken. Durch Depressionen, Burnout u. v. a. durch zum Bsp unsere teilweise ziemlich empathielose Leistungsgesellschaft, sind auch nicht gerade wenige. Wo wir eigentlich wieder bei den Gründen für Drogen sind...
    Aber klar, Cannabis voll böse, solange mit Alkohol Milliarden gemacht werden können!

  6. 10.

    Au weia!!
    Da fragt man sich aber, was Ihr Kommentar zu Cannabis grad mit dem aktuellen Thema zu tun hat!

  7. 9.

    Und der immer liberalere Umgang mit Cannabis (-Produkten) wird den Bedarf an Psychiatrien noch viel weiter steigen lassen. Es reicht doch schon eine 1-von-1000-Unverträglichkeit bei den Konsumenten, um erheblich mehr Menschen dort bis zu deren Lebensende betreuen und ggf. auch beherbergen zu können. Ich rede hier (leider) nicht vom grünen Tisch aus … Die Auslastung der Häuser lag 2019 bei durchschnittlich (!) 101 Prozent lt. Artikel. Also sind sie de facto überlastet.

  8. 8.

    Es ist bedrückend, was Sie schreiben. Trotzdem ist es schön, dass es Ihnen wieder besser geht. Ich wünsche hnen alles Gute!

  9. 7.

    Es ist evtl. so wie Sie sagen! Trotzdem ist es auch wie im "wirklichen" Leben. Der der "schlau" ist, kann sich behaupten. Es ist aber auch z.Gl. nicht mehr so wie bei "Einer flog über das Kuckucksnest"! Solche Methoden sind, zum Glück, untersagt!
    Es ist aber tatsächlich nach wie vor so, dass Menschen mit "Psychos" eigentlich wenig anfangen können, es ist nach wie vor gruselig. Und die Ärzte, die es versuchen, waten nach wie vor in Hilflosigkeit! Es gibt aber auch einige wenige vernünftige/normale Ärzte, die einen Zugang finden!!
    Jetzt zu Corona-Zeiten komm diese Angst nochmal hinzu. Wenn ich damals Kakerlaken-verseuchte Räumlichkeiten hatte, wie sollte ich mich denn jetzt als Psychiatrie-Insassin schützen? Zum Glück bin ich diese nicht mehr & weit entfernt!!

  10. 6.

    Und das alles weißt Du woher?

    Dass Menschen in die Psychiatrie statt in den Maßregelvollzug kommen, hat überhaupt nichts damit zu tun, dass sie für den MRV nichts taugen. Wo hast Du denn das nun schon wieder her?
    Die kommen in die Psychiatrie, weil sie ihre Taten im kranken Zustand begangen haben und daher nicht voll dafür verantwortlich sind.
    Was Du hier schreibst, nennt man Gerüchte verbreiten. Wenn man keine Ahnung hat, .....

  11. 5.

    Aufgrund eigener Erfahrung (ca. 4 Monate Klinik, nachdem mein damaliger Lebensgefährte verstorben war, womit ich nicht zurecht kam), kann ich negative Meinungen durchaus bestätigen. Vierbettzimmer, pausenlose Beschallung, & zudem nicht verfolgte permanente Unterdrückung & Bedrohung der weiblichen "Insassen" von der männlichen Spezies. Dazu genau zwei Badezimmer für ca. 50 "Bewohner". Kakerlaken, die v.a. in dem Rückzugsraum "Badezimmer" unterwegs waren!
    Trotzdem hat mir der Aufenthalt was genutzt. Das lag wahrscheinlich an der guten Ärztin, welche ich hatte. Dazu ist es wohl auch leider so, dass man in einem solchen Zustand keine großartigen Ansprüche mehr stellt. Insofern könnte ich auch gar nicht beurteilen, dass es noch was Besseres geben könnte. Wahrscheinlich aber wohl schon!

  12. 4.

    Aus eigener Anschauung als Besucherin in einer großen psychiatrischen Abteilung eines Berliner Krankenhauses vor der Pandemie kann ich wirklich nur von katastrophalen Zuständen berichten: Nicht nur Mehrbettzimmer (meist 4) als Regel, belegt mit Menschen verschiedenster Schlaf-Wach-Rhythmen, sondern diese auch noch überbelegt, so dass ständig Patient*innen auf den Fluren "untergebracht" wurden. Extrem wenig Platz in "Gemeinschaftsräumen", sodass, wer Ruhe brauchte, dem Lärm von Unterhaltungen und Fernseher nicht ausweichen konnte. Keinerlei Möglichkeit, sich Bewegung, geschweige denn sportliche Betätigung, zu verschaffen (zwei Trainingsgeräte auf einem kleinen Flur, der auch als Wartebereich diente). Viel zu wenig Personal um begleitete Ausgänge durchzuführen. Vitaminarmes Essen. Das heißt alles, was der Seele Heilung bringen könnte, wie ausreichend ungestörter Schlaf, Bewegung an der frischen Luft, Ruhe in hellen Räumen, ausreichend Therapieangebote: Fehlanzeige.

  13. 3.

    Wer dort einmal "landet", kann sich warm anziehen. Dort wird man jeder Rechte, die man draußen besitzt quasi entzogen.
    Schlimmer als im Gefängnis zu sitzen. Man muss schlucken, was einem angeboten wird. In der Presse liest man immer häufiger, dass Menschen in die Psychiatrie, nach Straftaten eingeliefert werden, da sie nicht einmal für die Gemeinschaft in der JVA fähig sind.
    Einmal drin, ist der Fall für die Öffentlichkeit dann "erledigt". Zahlen, Fakten kurz gesagt Informationen erhält man nicht. Genauso ist es bei der Selbstmordrate. Selbst in Corona Zeiten dringt nichts an die Öffentlichkeit.

  14. 2.

    Machen Sie sich doch nicht lächerlich. Als läge den "Schrägdenkern" das wohl von Psychiatrie Patienten am Herzen. Ausserdem sollten sie den letzten Absatz nochmal lesen. Da steht nämlich, das die allermeisten der Probleme genauso vor Corona vorhanden waren. Und was sie als egoistisch beschreiben:Es ist das gute Recht von Menschen, ihr Leben und das von Angehörigen/Mitmenschen ect. Retten zu wollen. Wenn sie das als Egoismus bezeichnen, sollten sie sich nochmals mit dem Begriff beschäftigen.

  15. 1.

    Stichwort Kollateralschäden, interessiert aber keinen, da jeder nur auf sich selber egoistisch fixiert ist und sein eigenes kleines Leben retten möchte, aber lustig anderen Egoismus, vor allem Maßnahmen Kritikern, vorzuwerfen.

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