Das Schild "Fahrschule" leuchtet am 22.12.2017 in der Scheibe einer Fahrschule (Quelle: dpa/Roland Weihrauch)
Bild: dpa/Roland Weihrauch

Geschlossen in Berlin, offen in Brandenburg - Fahrschulen in der Region zwischen Stillstand und Andrang

Berlin und Brandenburg gehen bei den Fahrschulen unterschiedliche Wege: Während sie in der Hauptstadt wegen Corona weitestgehend schließen müssen, dürfen sie in Brandenburg unter Auflagen offen bleiben. Was die Schulen eint: eine schwierige Lage. Von Florian Dietz

Seit dem 10. Januar müssen Berliner Fahrschulautos weitgehend stehen bleiben, mindestens bis zum 14. Februar. Das hat der Berliner Senat in seiner aktuellen Corona-Verordnung festgelegt. Einzig Berufskraftfahrerinnen und -fahrer dürfen noch von Fahrschulen mit entsprechender Lizenz geschult und geprüft werden. Einige wenige Schulen bieten zudem Erste-Hilfe-Kurse an - mit streng begrenzter Teilnehmerzahl.

Berliner Fahrschulen "platt- und lahmgelegt"

"Es steht nicht besonders gut um die Fahrschulen", sagt Peter Glowalla vom Fahrschulverband Berlin, dem etwa 650 Fahrlehrer und Fahrlerinnen angehören. Viele Fahrschulen stehen demnach aktuell vor denselben Problemen wie andere Branchen: Einnahmen bleiben aus - ob und wie Unterbrückungshilfen beantragt werden können, sei unklar. Mit den wenigen noch zulässigen Dienstleistungen lasse sich kaum Geld verdienen. "Die Fahrschulen sind ziemlich platt und lahmgelegt", so Glowalla.

Dabei steht es in der Hauptstadt grundsätzlich nicht schlecht um die Branche. Der Verband zählte in den vergangenen zwei Jahren jeweils etwa 50.000 Fahrschüler - das ist ein Anstieg von mehr als 40 Prozent im Vergleich zu den Vorjahren. Schon lange mangele es in Berlin an Fahrlehrerinnen und Fahrlehrern, um diesen Andrang abzuarbeiten. "Der erste Lockdown hat da bereits einen Berg hinterlassen - der zweite tut jetzt sein Übriges. Die Nachfrage türmt sich schier unendlich auf", sagt Peter Glowalla.

"Senat sollte nicht alle über einen Kamm scheren"

So erlebt es aktuell die Fahrschule Bungs in Berlin-Charlottenburg. Joachim Bruns arbeitet seit 55 Jahren als Fahrlehrer in der Hauptstadt - einen Andrang wie zur Zeit habe er noch nie erlebt: "Wir waren im Prinzip schon im November bis Ostern ausgebucht - also noch weit vor dem neuen Lockdown". Erst war er selbst Inhaber der Schule, inzwischen gehört sie seiner Tochter und ihrem Mann. Mit fast 80 Jahren arbeitet Bungs dort noch immer aushilfsweise als Fahrlehrer mit.

Als rein private Fahrschule muss der Betrieb aktuell stillstehen. Und damit auch zehn Pkw und Motorräder. Etwa 400 bis 500 angemeldete Fahrschüler und zwei angestellte Fahrlehrer warten darauf, dass es weitergeht. Viele Kosten fielen weiterhin an, sagt Bungs - die Aussicht auf eine Überbrückungshilfe gebe es aktuell nicht. Lediglich Kurzarbeitergeld für die beiden Angestellten werde gezahlt.

Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus seien grundsätzlich nachvollziehbar - vom Senat wünscht sich Bungs dennoch eine andere Vorgehensweise, beispielsweise mit einer Einzelfallentscheidung bei Fahrschulen: "Der Senat sollte nicht alle über einen Kamm scheren, sondern schauen, ob nicht einzelne Schulen offen bleiben können. Wir haben hier zum Beispiel Räumlichkeiten, in denen wir wunderbar mit Hygienekonzept schulen könnten - aber wir dürfen nicht".

Fahrschulschließungen bringt viele Rentner in Existenznot

Die Schließungen der Fahrschulen haben auch einen unerwarteten Effekt: Sie treffen viele Rentner. Laut Fahrlehrerverband liegt das Durchschnittsalter der Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer aktuell bei etwa 50 Jahren. 15 bis 20 Prozent von ihnen seien bereits im Ruhestand und verdienen sich in ihrem ehemaligen Beruf noch etwas dazu, weil ihre Rente kaum zum Leben reicht.

"Die haben jetzt teilweise Angst ums Überleben und müssen Hartz IV beantragen. Das sind ehemalige Selbstständige, die keine Rücklagen anhäufen konnten und leider auch nicht in die Rentenkasse eingezahlt haben", sagt Verbandsvorsitzender Peter Glowalla. Da es für Rentner kein Kurzarbeitergeld gebe, sei vielen mit der Schließung der Fahrschulen der Boden unter den Füßen weggebrochen.

Brandenburger Fahrschulen offen - und "trotzdem schreit niemand 'Hurra'"

Die Brandenburger Landesregierung hat sich für einen anderen Weg entschieden. Die rund 400 Fahrschulen im Land dürfen weiter offen bleiben. Für die Fahr- und Theoriestunden gelten dabei allerdings strenge Auflagen, wie Abstand, Maskenpflicht und streng begrenzte Teilnehmerzahlen im Theorieunterricht.

"Auch wenn wir arbeiten dürfen - es ist nicht so, dass hier alle 'Hurra' schreien. Viele Fahrlehrer machen sich berechtigte Sorgen wegen des Ansteckungsrisikos", sagt Hendrik Schreiber vom Fahrlehrerverband Brandenburg. Die maximal fünf zugelassenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Theoriestunden seien zudem insbesondere für größere Fahrschulen nur bedingt wirtschaftlich.

"Wir verstehen deshalb auch die Sorgen und Nöte der Fahrschulen, die sagen: Macht uns doch lieber zu", so Schreiber. Dabei gibt es auch in auch Brandenburg laut Verband bei der Nachfrage nach Fahrschulplätzen einen Stau.

"Fahrschultourismus" bleibt weitestgehend aus

Wechseln Fahrschüler aufgrund der aktuellen Lage nun aus Berliner Fahrschulen nach Brandenburg, um dort ihren Führerschein zu machen? Dieser denkbare Effekt bleibt laut den Fahrschulverbänden aktuell aus. Ganz grundsätzlich sei so ein Wechsel zwar möglich, das sogenannte "Ortsprinzip" in der Fahrerlaubnisverordnung stelle aber eine nicht unwesentliche Hürde dar. Fahrschüler müssen demnach dort geprüft werden, wo ihr Lebensschwerpunkt liegt, meist somit in ihrem Wohnort. Ein Wechsel des Prüforts muss beantragt werden.

Darüber hinaus zeigt sich der Brandenburger Fahrlehrerverband auch solidarisch mit den Berliner Kolleginnen und Kollegen - mit einem Agreement gegen "Fahrschultourismus". "Wir haben an den Fahrschulen in Brandenburg allgemein eine gute Auftragslage. Deshalb haben wir unsere Mitglieder darauf hingewiesen, den Berliner Kollegen zur Seite zu stehen und zu sagen: Das macht man nicht."

Auswirkungen noch nicht absehbar

Ob die Branche durch die Lockdown-Maßnahmen einen Schaden davonträgt, lässt sich laut den Verbänden aktuell noch nicht in Zahlen bemessen. In Berlin deute er sich aber bereits an, sagt Peter Glowalla: "Die Versuche, Fahrschulen zu verkaufen, sind deutlich angestiegen. Viele Kollegen signalisieren mir außerdem am Telefon, dass sie die Nase voll haben." Wie groß die Auswirkungen tatsächlich ausfallen, werde man erst im kommenden Jahr sehen.

Bis dahin blicken die Fahrschulen in Berlin und Brandenburg in eine ungewisse Zukunft - Fahrlehrer Joachim Bungs bleibt dennoch optimistisch: "Wenn wir wieder öffnen dürfen, werden wir auf alle Fälle keinen Arbeitsmangel haben."

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Beitrag von Florian Dietz

7 Kommentare

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  1. 7.

    Eben gerade weil die Fahrlehrerschaft einen hohen Altersdurchschnitt hat und demzufolge zur Risikogruppe gehört, müssen die Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer geschützt werden.

    Ich glaube, die Leute sind alt genug für sich selbst zu entscheiden. Sie *müssen* ja nicht ihre Fahrschulen offen lassen - es sei denn, sie wollen es.

  2. 6.

    Betreiben sie eine Fahrschule ? Wenn nicht dann können weder sie noch ich beurteilen, wie Fahrschulen dastehen.
    Fahrschulen haben neben den Kosten die jedes andere Gewerbe hat noch zusätzlich Versicherung und Steuern für die Autos und Motorräder zu zahlen und für die Zeit abmelden geht auch nicht, da diese dann nicht auf der Straße stehen dürfen.

  3. 5.

    Eben gerade weil die Fahrlehrerschaft einen hohen Altersdurchschnitt hat und demzufolge zur Risikogruppe gehört, müssen die Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer geschützt werden. Ich finde die Endscheidung vom Senat richtig. Warum die Brandenburger hier einen anderen Weg gehen ist mir nicht klar.

    Wie soll die Fahrschulbehörde auch 500 Fahrschulen prüfen ob die Hygienekonzepte stimmen? Nur Gejammer.

  4. 4.

    Es ist eines der völlig unverständlichen Mysterien des Regelungswirrwarrs, dass Brandenburg nach wie vor seine Fahrschulen offen lässt. 5 - 10 wechselnde Fahrschüler am Tag, die jeweils auf engstem Raum mit dem Fahrlehrer zusammensitzen... Jeder Dönerladen hat hier mehr Abstand zu bieten, von Friseuren o. ä. mal ganz zu schweigen!

  5. 3.

    Sie scheinen ja sehr gut zu wissen, wie viel Geld die auf der hohen Kante haben. Die Schließung ist politisch gewollt.

  6. 2.

    Fahrschulen haben am längsten während des Lockdowns offen gehabt, hier ist das Geschrei am größten. Sollten die Fahrschullehrer dochmal bei Friseuren,Blumenläden,Massagepraxen nachfragen, denen geht es noch viel schlechter und stehen praktisch in der Insolvenz. Die Fahrschulen haben genügend Polster und Umsätze gemacht, nun sollte man mal die Füße still halten und abwarten.

  7. 1.

    Leieder geht der Artikel nicht auf ein zentrales Problem ein: Die Fahrschulen bekämpfen seit Jahren jegliche Bestrebungen, Online-Theorieunterricht einzuführen. Stattdessen besteht man völlig anachronistisch auf Präsenzunterricht in den Räumlichkeiten der Fahrschulen. Gäbe es den Online-Unterricht, könnten die Fahrschulen vermutlich auch in Berlin weiter arbeiten.

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