Haluka Maier-Borst
Bild: rbb|24/Mitya

Der Absacker - Wenn's im großen Zahlenraum hapert

Wasserrechnungen nicht gezahlt, Einnahmen nicht versteuert – heute bestimmen auch große Zahlen abseits von Corona das Nachrichtengeschehen. Und Haluka Maier-Borst fragt sich, ob das auch mit fehlenden Mathematik-Kompetenzen zu tun hat.

Pisa liegt weder in Berlin noch in Brandenburg. Ja, abgesehen von der finanziellen Schräglage des Flughafen BER gibt es hier auch wenig Bauten mit Kippneigung. Und doch klingelte heute das Wort "Pisa" in meinen Ohren, als ich auf unsere Seite schaute. Irgendwie las sich das nämlich so, als hätten gewisse Personen eine Matheschwäche - und die hatte ja eben ein gleichnamiger Test für Deutschland mal offen gelegt.

1. Was vom Tag bleibt

Gleich zwei Mal ging es nämlich um(s) Zahlen oder besser gesagt den eher unglücklichen Umgang damit.

Zum einen ist da das Ermittlungsverfahren gegen die frühere Senatorin für Stadtentwicklung, Katrin Lompscher (Linke). Lompscher hatte Jahre lang versäumt, Geld an die Landeskasse zurückzuzahlen und zu versteuern. Es geht dabei um rund 7.000 Euro, die sie für ihre Aufsichtsratsposten in landeseigenen Unternehmen bekam. Und was natürlich bei jedem Politiker und jeder Politikerin schlecht aussieht, ist bei jemandem, der für den Mietpreisdeckel bekannt wurde, besonders katastrophal.

In Brandenburg geht es derweil um eine nicht-politische und dennoch wichtige Persönlichkeit. Evan Horetsky, der bisher bei Tesla die Fäden in Grünheide in der Hand hatte, wurde entlassen. Der Gesamtprojektleiter für den Bau der Elektroautofabrik hatte im September noch nach Tipps für einen Wohnort in Berlin und Brandenburg gesucht [twitter.com]. Nun kann er sich wohl die Suche sparen. Oder das Beste daraus machen und erstmal ein Sabbatical in der Region abhalten.

Hintergrund für Horetskys Entlassung könnte wohl sein, dass der Wasserverband der Tesla-Fabrik zeitweilig das Wasser abgestellt hatte, da das Unternehmen offene Rechnungen nicht beglichen hatte.

Übrigens um mal meine Mathematikschwächen-These für beide Vorfälle zu unterfüttern: Bei der ersten Pisa-Studie, die damals den berühmten "Bildungsschock" auslöste, lag Deutschland auf Platz 20 von 31 in Mathe. Die USA (Horetskys Heimatland) auf Platz 19.

2. Abschalten.

Falls Sie nach einem Hobby suchen, das sicher auch Ihre Hirnregionen für Mathematik und Logik trainiert, wie wäre es mit Speedcubing [facebook.com]. Dafür müssen Sie einfach nur den ollen Rubik-Cube aus Ihrem Keller/Speicher entstauben und loslegen.

Ob Sie allerdings in fünf Sekunden das Ganze gelöst kriegen, so wie der zwölfjährige Leo Borromeo von den Philippinen, da wäre ich mir, bei allem Respekt, nicht so sicher.

3. Und, wie geht's?

Mein Kollege Sebastian Schöbel hatte ordentlich Grund zu grummeln gestern. Unser Leser Harald fand aber, dass er sich damit vor allem selber schade. Denn die, über die er sich ärgere, interessiere das nicht die Bohne. Er rät darum zu einer anderen Reaktion:

"Wenn ich mich ärgere, bestrafe ich mich für die Fehler der Anderen." Den Satz habe ich vor über 10 Jahren gelesen und mir gemerkt, den Sinn habe ich erst nach einigen Jahren verinnerlicht.

Seitdem hilft es daran zu denken, BEVOR ich mich anfange zu ärgern. Hilft mir und (ein klein wenig) meinem direkten Umfeld, schadet keinem Dritten, also risikolos anzuwenden (mit oder ohne "Guschenpulli").

Was denken Sie? Lieber ausgeglichen und ärgerlos durch diese Zeiten? Oder gehört Granteln und Grummeln zur Volksseele dazu. Schreiben Sie uns an: absacker@rbb-online.de.

4. Ein weites Feld...

Simple Mathematik sind die Corona-Fallzahlen schon lange nicht mehr. Insbesondere seit das Regelwerk zum Eindämmen der Pandemie immer verästelter und komplexer wird. Masken am Arbeitsplatz ja, aber nur auf dem Weg zur Toilette und auf den Gängen. Sperrstunde für alle ab 23 Uhr, außer in ein paar klagenden Kneipen.

Ein wenig wünschte ich mir in diesen Zeiten da simple Mathebeispiele. In Japan zum Beispiel machte am Anfang der Pandemie der Experte Shigeru Omi die Runde. Immer wieder sagt er, dass alle ihre Kontakte um 80 Prozent senken müssten. Omi wiederholte das so oft, bis ihm der Spitzname "Mister 80 Prozent" anhing. Und ja die Ansage war drastisch, doch sie half. Und sie war auch irgendwie fair, weil es eben alle im gleichen Maße traf.

Inzwischen deutet viel darauf hin, dass schon weniger Einschränkung helfen würde. In Baden-Würtemberg rief der Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) jüngst zum Beispiel dazu auf, die Kontakte um 50 Prozent zu reduzieren [stuttgarter-nachrichten.de]. Und ja, es ist natürlich bekannt, wie schwierig man sich in diesen Breitengraden mit schwäbischen Ideen tut. Aber sollte man es nicht mal versuchen?

"Adé, gell", sagt

Haluka Maier-Borst

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Beitrag von Haluka Maier-Borst

8 Kommentare

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  1. 8.

    Ein wichtiger Punkt, in der Tat.

    In der Tat wäre das alleinige Versteifen auf eine (abstrakte) Prozentzahl gültig für alle bei einer großen Streubreite ein recht fragwürdiges Unterfangen. Immer gilt es m. E., das Nichtgesagte, aber Mitgemeinte mitzudenken, hier also: sowieso schon geringe Kontakte nicht noch weiter zu verringern. Per Gesetz und Verordnung ist das nicht formulierbar, ohne ein Einfallstor für juristische Infragestellungen zu erschaffen. Darin sehe ich die eigentliche Schwierigkeit, solange Ermessen gemeinhin mit Willkür gleichgesetzt wird.

  2. 7.

    "1. Was vom Tag bleibt
    Gleich zwei Mal ging es nämlich um(s) Zahlen oder besser gesagt den eher unglücklichen Umgang damit."
    > Da fällt mir doch glatt der Grundsatz aus sozialistischer Ökonomie ein: "Traue nur der Statistik, die du selber gemacht hast!" Bei diesen vielen täglichen Zahlenauswertungen, die uns täglich um die Ohren gehauen werden, sind eigene kritische Wertungen eh nicht mehr möglich.

    "2. Abschalten.
    Falls Sie nach einem Hobby suchen"
    > Ach da gibts noch mehr Retro-Aktionen aus der Vor-Internetzeit. Ich habe das ungeschminkte Betrachten des Alltags ohne Instagram-Schönfilter entdeckt.

    "3. Und, wie geht's?"
    > Ach ganz gut. Danke der Nachfrage.

    "4. Ein weites Feld...
    ... alle ihre Kontakte um 80 Prozent senken..."
    > Das hat sich schon automatisch ergeben, weil nur noch wirklich wichtige enge Kontakte übrig sind. Alle Laberlaber- und Bussibussi-Kontakte sind irgendwie auf einem anderen Planeten.

  3. 6.

    Am Ende sind Corona Infektionszahlen halt doch nur Mathematik. Man muss sie nur richtig darstellen und dies geschieht bis heute nicht. Jeden Tag werden dem Volk neue Zahlen vor die Füße geworfen, ohne dass man sie aufschlüsselt, wenigstens nach dem Alter. Ist das so schwer ?
    In Berlin kann man die Infektionen jetzt nicht mehr verfolgen, ist das ein Wunder in den Hotspots der Bezirke, was man hier in den letzten Wochen von den Bezirksbürgermeistern gesehen hat an Kommentaren ?
    Jetzt wird von Müller und Co. versucht auf strenge Symbolpolitik umzuschwenken und mit einem zweiten Lockdown gedroht.
    Ende Oktober geht die Sommerzeit zu Ende. Schon jetzt steigen die Depressionen auf das fünffache an. Dann könnte die Selbstmordrate von Betroffenen Existenzen in die Höhe schnellen.
    Geht Müller auch mal durch Berlin und stellt fest, dass in den Strassen die Menschen noch nicht wie Zombies von Corona verseucht durch die Strassen gehen.

  4. 5.

    Ich glaube, der Mathematiker Carl Gauss sagte, wenn jmd gut rechnen kann, sei dies ein zuverlässiges Zeichen dafür, dass er nichts von Mathematik verstehe. Es ist also eine Sache, Werkzeuge nach jeweiligem Schema zu beherrschen, aber eine ganz andere, erstmal das richtige Werkzeug auszuwählen. Und nochmal eine andere Sache, das fertige Werkstück sinnvoll dann zu nutzen. Was dabei jeweils sinnvoll ist, kann man nicht mit konventionellen mathematischen Methoden klären, da muss eher was wie Unschärfelogik ran. Beispiel aus obigem Absacker: Hr Maier-Borst nennt die Forderung nach 80%iger Kontaktreduzierung "irgendwie fair" (Fuzzy logic), stellt dann aber die These auf, dass dies alle in gleichem Maße treffe. Mathematisch fraglos korrekt, nur: Menschen, die nur noch zwei Bezugsperson haben (ja, sowas gibt es) kommen dabei auf 0,4, abgerundet auf NULL, Personen. Menschen mit 20 Kontakten dürfen immerhin drei bis vier Leute mehr treffen. Irgendwie fair. Irgendwie aber auch verdammt unfair.

  5. 4.

    Das ist genau die Art Absacker, über die ich mich ärgere, provozierend und herablassend.
    Diese beiden Zahlungsfehler sind ganz sicher nicht deswegen passiert, um reich zu werden, sondern aus Dussligkeit.

  6. 3.

    Mir ist noch die recht pfiffige Behauptung eines Medizin-Statistik-Professors im Gedächtnis, der von der Annahme ausging, dass 80 % der Statistik-Interpretationen falsch sind. Und zwar deshalb, weil nicht nach dem Ursache-Wirkungs-Verhältnis vorgegangen werde.

    Wir können mit Fug und Recht annehmen, so er, dass ein weit überproportionaler Anteil an Millionären glatzköpfig sind. Dennoch werde er niemanden raten, sich die Haare zu scheren, um finanziell reich zu werden.

    Was sagte er damit, was so bonmothaft klingt?
    Genausowenig wie eine vergangene Langhaarigkeit zum Rauschgiftkonsum führte, führt eine Glatze zur üppigen Höhe eines Bankkontos. Beides ist vielmehr Ausdruck eines Dritten, was als Quell und Ursprung infrage kommt. Es ist m. E. schlichtweg Bequemlichkeit, nicht genau danach zu suchen und der Grund liegt im überkommenen und recht archaischen Denken eines Hebels ...





  7. 2.

    Die beste Nachbarschaft in Brandenburg? Ich würde nach der BER Erfahrung sagen: Grünheide :-) aber vielleicht kriegt Tesla die berühmte (E-Auto-)Kurve ja eher als der BER mit der dort auch ständig wechselnden Besetzung ;-)
    (Kein Nachfolger hat es je besser gemacht als der jeweilige Vorgänger...)

    Mir sind die Zahlen, inzwischen große, unterdessen egaler geworden. Ich kenne die Entwicklung (mein Kind wühlte sich mit mir im homeschooling durch die quadratischen Gleichungen nebst Kurven) und die gesellschaftspolitischen Konsequenzen. Danke trotzdem für Ihre täglichen Mühen!

  8. 1.

    Versuch macht kluch.... nur leider trifft das nicht immer zu.
    Leider ist es so, dass man zwar was ausprobiert aber das scheitern nicht akzeptiert.
    Darum dürfte jeder neuer Versuch zum scheitern verurteilt sein, weil nicht mehr viele bei der Vorgehensweise mitmachen.

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