Zwei Chirurgen operieren einen Patienten - In Berlin will ein Bündnis den Personalmangel in der Pflege bekämpfen (Bild: dpa/Benoist).
Audio: Inforadio | 06.03.2020 | O-Ton Patientenbeauftragte Stötzner | Bild: BSIP

Klinikpersonal und Corona - Virologe Drosten will Quarantäne-Regeln an Charité lockern

Inzwischen sind in Berlin 19 Fälle von Corona bestätigt. Kontaktpersonen sollen eigentlich für 14 Tage in Quarantäne. In Krankenhäusern würde das aber zu einem Zusammenbruch der Versorgung führen, gibt der Berliner Virologe Christian Drosten zu bedenken.

Was Sie jetzt wissen müssen

Wenn ein Klinik-Mitarbeiter Kontakt zu einem Coronavirus-Infizierten hatte oder sich selbst infiziert, muss im schlimmsten Fall die ganze Station und somit alle Kollegen der oder des Betroffenen für 14 Tage unter Quarantäne gestellt werden. Einige Kliniken wollen dieser Empfehlung des Robert-Koch-Instituts (RKI) nicht mehr folgen.

Es setze sich in den Kliniken immer mehr die Meinung durch, dass dieses Vorgehen nicht praktikabel sei. "Wenn wir das gesamte medizinische Personal, das mit Infizierten Kontakt hatte, in Quarantäne schicken, bricht die medizinische Versorgung für die Bevölkerung zusammen", sagte der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, Christian Drosten, der "Neuen Osnabrücker Zeitung" [Bezahlinhalt]. Drosten kündigte an, dass die Charité die RKI-Empfehlungen nicht mehr eins zu eins umsetzen werde. Es sei notwendig, dass die Empfehlungen "nach und nach" der Realität angepasst würden, so der Virologe.

Denkbar sei, so Drosten, das gesamte Personal einer Ambulanz jeden Tag zu testen. Betroffene wären im Fall einer Infektion dann wahrscheinlich noch nicht ansteckend.

RKI-Präsident: Nicht jeder muss in Quarantäne

Eine Praxis müsse nicht zwangsläufig geschlossen werden, weil ein mit dem Coronavirus infizierter Patient sie betreten habe, sagte der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, am Freitagvormittag. Nicht jeder, der vielleicht Kontakt mit einem Betroffenen hatte, müsse in Quarantäne. "Quarantäne muss angemessen und situationsbedingt angepasst werden", sagte Wieler. Man müsse immer die Verhältnismäßigkeit prüfen.

Die Berliner Patientenbeauftragte Karin Stötzner hatte die Befürchtung, die Corona-Schutzmaßnahmen könnten den Krankenhaus-Betrieb gefährden, zurückgewiesen. Es könne keine Rede davon sein, dass Abteilungen schließen müssten, weil zu viele Mitarbeiter in Quarantäne seien, sagte Stötzner am Freitagmorgen im rbb. Schon jetzt seien Beschäftigte medizinischer Einrichtungen freigestellt, weil sie Kontakt zu einer infizierten Person hatten. Man sei aber weit entfernt von einer krisenhaften Situation.

Inzwischen 19 offiziell bestätigte Fälle in Berlin

In Berlin sind inzwischen 19 Fälle des Coronavirus bestätigt, das teilte die Senatsgesundheitsverwaltung am Freitagnachmittag mit. Die vier jüngsten Fälle wurden demnach in Charlottenburg-Wilmersdorf und in Reinickendorf registriert, alle vier Personen sind derzeit zuhause isoliert.

Nach den Zahlen des RKI vom Freitagmorgen gibt es deutschlandweit 534 bestätigte Corona-Infizierte, mehr als die Hälfte davon in Nordrhein-Westfalen. Das Institut weist aber darauf hin, das es sich um "eine sehr dynamische Situation" handele und es zu Abweichungen zwischen der Tabelle des RKI und Angaben anderer Stellen kommen kann. 

Als einziges Bundesland steht Sachsen-Anhalt noch mit keinem Fall in der Bilanz. RKI-Präsident Wieler sagte, es gebe – weltweit, aber auch in Deutschland – weiterhin ein "sehr dynamisches Geschehen bei der Ausbreitung". Er verwies nochmals darauf, dass das Virus nicht vor Grenzen haltmache. Es gehe jetzt darum, dass alle mithelfen, "die Verbreitung zu verlangsamen". Das Ziel sei, nicht zu viele mit dem Coronavirus infizierte Patienten zum selben Zeitpunkt zu haben.

Noch ist unklar, wie sich das Virus weiter verhält

Wann in Deutschland der Höhepunkt der aufkommenden Epidemie erreicht werde, sei noch nicht abzusehen. Er solle auch so lange wie möglich hinausgezögert werden. Wie sich das Virus künftig verhalte, sei noch nicht vollkommen klar. "Es gibt Überlegungen, dass das Virus ein, zwei Jahre durch unser Land geht", sagte Wieler. Es könne aber auch sein, dass es saisonal wiederkehre. Unterschiedlich aggressive Virenstämme seien nicht bekannt. Es zeigten sich zwar kleinere Mutationen des Virus, doch schienen sie keine schwereren Fälle hervorzurufen.

Der RKI-Präsident forderte alle Krankenhäuser, Ämter und Ärzte auf, sich in den Krisenmodus zu versetzen. Es sei jetzt wichtig zu überlegen, wie während der "aufkommenden Krise" die Patientenströme gesteuert würden. Operationen und Eingriffe, die man verschieben könnte, sollte man verschieben, um Schwerkranken jeder Art Plätze freizuhalten. Auch Patienten sollten hinterfragen, ob sie jederzeit mit allen Beschwerden zum Arzt gehen sollten. Damit überlaste man das medizinische Personal zusätzlich.

RKI-Präsident: Für Ärzte gehören Krisen zum Alltag

In Brüssel beraten am Freitag die Gesundheitsminister der EU über gemeinsame Maßnahmen gegen das Virus. Dabei geht es um eine europaweite Strategie, wie medizinisches Material beschafft werden kann.

RKI-Präsident Wieler sagte, er halte das Exportverbot der Bundesregierung für Schutzbekleidung [tagesschau.de], das es seit Mittwoch gibt, für durchaus verhältnismäßig. Man müsse vorsorgen, dass es im Land ausreichend Atemmasken gebe. Er verwies aber auch darauf, dass Ärzte in der Lage seien, sich zu behelfen, wenn diese ausgingen. "In einer Krise ist das so. Das können Ärzte. Das gehört zu ihrem Alltag".

FAQ zum Umgang mit dem Coronavirus

  • Ich fürchte, infiziert zu sein. Was tun?

  • Was passiert mit möglichen Infizierten?

  • Was passiert mit Kontaktpersonen?

  • Welche Kapazitäten haben die Kliniken?

  • Welche Reisebeschränkungen gibt es?

  • Wie viele bestätigte Fälle gibt es?

  • Ist das Virus meldepflichtig?

  • Was ist das Coronavirus?

  • Woher kommt das Virus?

  • Wie kann ich mich anstecken?

  • Wie ansteckend ist das Virus?

  • Wer ist besonders gefährdet?

  • Wie funktioniert der Test?

  • Was sind die Symptome?

  • Wie kann ich mich schützen?

  • Welche Behandlung gibt es für Infizierte?

  • Gibt es Immunität gegen das Virus?

  • Wie hoch ist die Sterberate?

15 Kommentare

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  1. 15.

    Das ist nicht irgendein Virologe, sondern ein international anerkannter. Er war Leiter des Teams, das als erstes einen Test gegen SARS-CoV-2 entwickelt hat. Ihr Misstrauen ggü Wissenschaftlern in aller Ehren, aber hier ist es fehl am Platz.

  2. 14.

    Ist das nicht der gleiche Virologie, der mittlerweile darauf hinweist, dass bei sprunghaften Anstieg der schweren Coronainfektionen ab Herbst Entscheidungen getroffen werden müssen? Potientell arbeitsfähiger Patient oder Belaster der Rentenkasse?

  3. 13.

    @oculix: ... Die Titelfrage meines Kommentars bezog sich auf die darunter stehenden Ausführungen - z.B. ggf. einzurichtende ISO-Stationen, statt der Unterbringung auf Normal- bzw. Intensivstationen mit hohem Übertragungsrisiko auf Menschen mit Vorerkrankungen... Wir Pflegenden wissen ja, wie "sinnvoll" die Unterbringung z.B. von MRSA-Patienten in sogenannten ISO-Zimmern ist.

  4. 12.

    die Situation verschärfend kommt hinzu : Masken oder Schutzkleidung sind rar , " Die EU-Kommission plant eine gemeinsame Beschaffung von Schutzmaterialien für Mitgliedstaaten mit entsprechendem Bedarf. Diese werde aber erst im April ausgeschrieben " ( ARD ) im April ?? wir haben Anfang März ! wie die Situation hier in 6 -8 Wochen aussehen wird ist nicht vorhersehbar..

  5. 11.

    " Wie stehen eigentlich Ärzte und Pflegekräfte zum Thema? "

    na, wie wohl , die hoffen, dass sie nicht selber angesteckt werden

  6. 10.

    Fazit der Kommentare : es besteht der bekannte Mangel an Pflegekräften- mediz. Personal, der ja nun schon lange immer wieder Thema ist , leider ohne Aussicht auf Besserung.
    In der jetzigen Situation der Pandemie wird es aber nun für alle Menschen ganz wichtig und sichtbar weil plötzlich jeder betroffen sein könnte.

  7. 9.

    @Ole:
    Ich denke, Sie haben den Sinn meines Kommentars nur zum Teil verstanden. Ich habe hier nicht von absichtlicher Schlechtleistung geschrieben, sondern von einer änderbaren Drucksituation. Wären Sie selbst als einer der "anderen" Patienten denn bereit, bis zu 20 Minuten zu warten, bis Ihnen ein dringender Schieber gereicht werden könnte? Wir Pflegende arbeiten - gerade nachts - ohnehin schon unter massivem Zeitdruck (je mehr akut Erkrankte auf Station, desto mehr) und dies oftmals alleine für mehr als 30 Patienten. ..... Was ich meinte, sind Konzentrationsfehler, die unter solch erheblichem Druck entstehen können und dies in einer räumlichen Dichte zu einem besonders gefährdeten Personenkreis.

    Stellen Sie sich z.B. vor, Sie lägen als Ü80 mit einer Lungenentzündung nach Verschlucken auf einer Intensivstation ... oder gerade zurück auf einer Normalbettenstation ... könnten Sie dann tatsächlich eine "versehentliche" Ansteckung mit Corona oder MRSA wirklich noch brauchen?

  8. 8.

    Sinnvoll!!!

  9. 7.

    @Isi: Danke! ... ja, eine Koppelung der Anlaufzentren und einigen Bettenzimmern (mit möglichem Monitoring) würde jeglichen weiteren Weg der Patienten durch die Stadt ersparen. ... die Charité hat zwar im Virchow offenbar eine Isolierstation, doch könnten die dort vorhandenen 20 Betten schon dann zu wenig werden, wenn es auf einer einzigen Etage eines Seniorenheimes zu stärkeren Symptomen kommt. Liebe Grüße!

  10. 6.

    Wie wäre es denn, wenn man angesichts der Umstände einfach etwas sorgsamer arbeitet? Das von Ihnen aufgezeigte Szenario ist menschengemacht. Sie gehen davon aus, dass Pflegekräfte „schlampen“ und das Virus von Patient zu Patient weitertragen. Dann kann man eben mal nicht schlampen... In AusnahmeSituationen ist gesteigerte Sorgfalt gefragt. Was Sie wollen ist eine Vorsorge gegen Schlechtleistung.

  11. 5.

    "Es muss allen endlich klar werden, dass dieses Virus bei einer Inkubationszeit von scheinbar bis zu 4 Wochen mit 100% iger Sicherheit nicht mehr aufzuhalten ist"

    sicher nicht, aber darum geht es auch nicht mehr. Es geht um eine Verlangsamung der Ausbreitung, um die Gesundheitssysteme nicht zu überlasten und um herauszufinden, ob einige auf dem Markt befindliche Medikamente gegen das Coronavirus helfen können. Und natürlich um Zeit zu haben, eine Impfung zu entwickeln.

    Es sind ansonsten immer noch zwei Wochen, von denen man ausgeht.

    @berlinberlin67: sehr guter Kommentar!

    Wieso man hier erst jetzt darauf kommt, extra Anlaufstellen für Coronapatienten und solche, die fürchten, betroffen zu sein, errichtet ist mir ein Rätsel. Und genau das Selbe könnte mit isolierten Abteilungen für positiv getestete gemacht werden.
    Wäre im Vorfeld natürlich wesentlich einfacher umzusetzen gewesen- frage mich, was man mit "wir sind gut vorbereitet" immer gemeint hatte.

  12. 4.

    @Rainer: ... ich verstehe nicht ganz, wie Ihr Kommentar als Antwort auf meinen Kommentar passt..? Meine Fragestellung resultiert nicht aus irgendwelchen Presseberichte, sondern aufgrund meines täglichen Arbeitsumfelds.

  13. 3.

    Sind wir noch ganz dicht! Wie kann mann sich dermaßen von der Boulevardpresse in Panik versetzen lassen?
    Es muss allen endlich klar werden, dass dieses Virus bei einer Inkubationszeit von scheinbar bis zu 4 Wochen mit 100% iger Sicherheit nicht mehr aufzuhalten ist. Zum Glück ist es ziemlich ungefährlich, sonst wäre es um ein Vielfaches schlimmer als ein Atomkrieg!!
    Deshalb Ruhe bewahren und ältere Personen so weit es geht davor zu schützen bis ein Impfstoff kommt.
    Wenn ich mir die Aktionen vom RKI so betrachte, sind diese wirklich nicht zu verstehen. Da wird Südtirol mit 2 Coronafälle zum Krisengebiet erklärt und mit Wuhan gleichgesetzt weil angeblich 30 Leute sich dort infiziert haben (wenn sie nicht schon infiziert in den Urlaub gefahren sind ... 3 Wochen Inkubationszeit!! ...), andererseits dürfen im Rheinland (10 km von Heinsberg mit 200 Infizierten) Fußballspiele mit Menschenansammlungen von über 50.000 Leuten ausgetragen werden! Wo ist da die Logik???

  14. 2.

    In der UK Aachen gibt es aktuell genau den Fall, dass Pflegepersonal infiziert ist und durch den Kontakt mit 45 Mitarbeiter eine komplette Abteilung nur noch eingeschränkt arbeitsfähig wäre. Ich hoffe, dass der pragmatische Vorschlag von Prof. Dr. Christian Drosten dort angewendet wird.

    https://www.aerztezeitung.de/Wirtschaft/Quarantaene-wegen-SARS-CoV-2-bedroht-Versorgung-in-NRW-407341.html

  15. 1.

    Wie stehen eigentlich Ärzte und Pflegekräfte zum Thema?

    ... ich finde es recht bedenklich, wenn Infizierte - vor Allem schwerer Erkrankte - auf Normalstationen bzw. Intensivstationen unter Quarantäne gestellt und behandelt werden.

    Sogenannte ISO-Zimmer werden von jenen Pflegekräften betreut, die z.B. nachts auch weiterhin noch Patienten in bis zu 20 weiteren Krankenzimmern betreuen müssen (dank Pflegenotstand). Zwar tragen pflichtbewusste Pflegekräfte in den ISO-Zimmern Kittel, Handschuhe, Mundschutz ... doch weiß jeder Pflegende, wie eilig man es hat, um allen Patienten gerecht werden zu können. Ein Übertragungsrisiko ist insofern besonders tragisch, weil es sich bei den anderen Patienten meist um einen gefährdeten Personenkreis ("Vorerkrankungen") handelt.

    Wäre es nicht möglich und wichtig, kleinere Stationen eigens für die derzeit infizierten Menschen zu eröffnen, die dann jeweils von Pflegekräften betreut werden, die in den nächsten Wochen nur hier arbeiten? Auch MRSA

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