Klinikpersonal und Corona - Virologe Drosten will Quarantäne-Regeln an Charité lockern

Fr 06.03.20 | 16:44 Uhr
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Zwei Chirurgen operieren einen Patienten - In Berlin will ein Bündnis den Personalmangel in der Pflege bekämpfen (Bild: dpa/Benoist).
Audio: Inforadio | 06.03.2020 | O-Ton Patientenbeauftragte Stötzner | Bild: BSIP

Inzwischen sind in Berlin 19 Fälle von Corona bestätigt. Kontaktpersonen sollen eigentlich für 14 Tage in Quarantäne. In Krankenhäusern würde das aber zu einem Zusammenbruch der Versorgung führen, gibt der Berliner Virologe Christian Drosten zu bedenken.

Was Sie jetzt wissen müssen

Wenn ein Klinik-Mitarbeiter Kontakt zu einem Coronavirus-Infizierten hatte oder sich selbst infiziert, muss im schlimmsten Fall die ganze Station und somit alle Kollegen der oder des Betroffenen für 14 Tage unter Quarantäne gestellt werden. Einige Kliniken wollen dieser Empfehlung des Robert-Koch-Instituts (RKI) nicht mehr folgen.

Es setze sich in den Kliniken immer mehr die Meinung durch, dass dieses Vorgehen nicht praktikabel sei. "Wenn wir das gesamte medizinische Personal, das mit Infizierten Kontakt hatte, in Quarantäne schicken, bricht die medizinische Versorgung für die Bevölkerung zusammen", sagte der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, Christian Drosten, der "Neuen Osnabrücker Zeitung" [Bezahlinhalt]. Drosten kündigte an, dass die Charité die RKI-Empfehlungen nicht mehr eins zu eins umsetzen werde. Es sei notwendig, dass die Empfehlungen "nach und nach" der Realität angepasst würden, so der Virologe.

Denkbar sei, so Drosten, das gesamte Personal einer Ambulanz jeden Tag zu testen. Betroffene wären im Fall einer Infektion dann wahrscheinlich noch nicht ansteckend.

RKI-Präsident: Nicht jeder muss in Quarantäne

Eine Praxis müsse nicht zwangsläufig geschlossen werden, weil ein mit dem Coronavirus infizierter Patient sie betreten habe, sagte der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, am Freitagvormittag. Nicht jeder, der vielleicht Kontakt mit einem Betroffenen hatte, müsse in Quarantäne. "Quarantäne muss angemessen und situationsbedingt angepasst werden", sagte Wieler. Man müsse immer die Verhältnismäßigkeit prüfen.

Die Berliner Patientenbeauftragte Karin Stötzner hatte die Befürchtung, die Corona-Schutzmaßnahmen könnten den Krankenhaus-Betrieb gefährden, zurückgewiesen. Es könne keine Rede davon sein, dass Abteilungen schließen müssten, weil zu viele Mitarbeiter in Quarantäne seien, sagte Stötzner am Freitagmorgen im rbb. Schon jetzt seien Beschäftigte medizinischer Einrichtungen freigestellt, weil sie Kontakt zu einer infizierten Person hatten. Man sei aber weit entfernt von einer krisenhaften Situation.

Inzwischen 19 offiziell bestätigte Fälle in Berlin

In Berlin sind inzwischen 19 Fälle des Coronavirus bestätigt, das teilte die Senatsgesundheitsverwaltung am Freitagnachmittag mit. Die vier jüngsten Fälle wurden demnach in Charlottenburg-Wilmersdorf und in Reinickendorf registriert, alle vier Personen sind derzeit zuhause isoliert.

Nach den Zahlen des RKI vom Freitagmorgen gibt es deutschlandweit 534 bestätigte Corona-Infizierte, mehr als die Hälfte davon in Nordrhein-Westfalen. Das Institut weist aber darauf hin, das es sich um "eine sehr dynamische Situation" handele und es zu Abweichungen zwischen der Tabelle des RKI und Angaben anderer Stellen kommen kann. 

Als einziges Bundesland steht Sachsen-Anhalt noch mit keinem Fall in der Bilanz. RKI-Präsident Wieler sagte, es gebe – weltweit, aber auch in Deutschland – weiterhin ein "sehr dynamisches Geschehen bei der Ausbreitung". Er verwies nochmals darauf, dass das Virus nicht vor Grenzen haltmache. Es gehe jetzt darum, dass alle mithelfen, "die Verbreitung zu verlangsamen". Das Ziel sei, nicht zu viele mit dem Coronavirus infizierte Patienten zum selben Zeitpunkt zu haben.

Noch ist unklar, wie sich das Virus weiter verhält

Wann in Deutschland der Höhepunkt der aufkommenden Epidemie erreicht werde, sei noch nicht abzusehen. Er solle auch so lange wie möglich hinausgezögert werden. Wie sich das Virus künftig verhalte, sei noch nicht vollkommen klar. "Es gibt Überlegungen, dass das Virus ein, zwei Jahre durch unser Land geht", sagte Wieler. Es könne aber auch sein, dass es saisonal wiederkehre. Unterschiedlich aggressive Virenstämme seien nicht bekannt. Es zeigten sich zwar kleinere Mutationen des Virus, doch schienen sie keine schwereren Fälle hervorzurufen.

Der RKI-Präsident forderte alle Krankenhäuser, Ämter und Ärzte auf, sich in den Krisenmodus zu versetzen. Es sei jetzt wichtig zu überlegen, wie während der "aufkommenden Krise" die Patientenströme gesteuert würden. Operationen und Eingriffe, die man verschieben könnte, sollte man verschieben, um Schwerkranken jeder Art Plätze freizuhalten. Auch Patienten sollten hinterfragen, ob sie jederzeit mit allen Beschwerden zum Arzt gehen sollten. Damit überlaste man das medizinische Personal zusätzlich.

RKI-Präsident: Für Ärzte gehören Krisen zum Alltag

In Brüssel beraten am Freitag die Gesundheitsminister der EU über gemeinsame Maßnahmen gegen das Virus. Dabei geht es um eine europaweite Strategie, wie medizinisches Material beschafft werden kann.

RKI-Präsident Wieler sagte, er halte das Exportverbot der Bundesregierung für Schutzbekleidung [tagesschau.de], das es seit Mittwoch gibt, für durchaus verhältnismäßig. Man müsse vorsorgen, dass es im Land ausreichend Atemmasken gebe. Er verwies aber auch darauf, dass Ärzte in der Lage seien, sich zu behelfen, wenn diese ausgingen. "In einer Krise ist das so. Das können Ärzte. Das gehört zu ihrem Alltag".

FAQ zum Umgang mit dem Coronavirus

  • Ich fürchte, infiziert zu sein. Was tun?

  • Was passiert mit möglichen Infizierten?

  • Was passiert mit Kontaktpersonen?

  • Welche Kapazitäten haben die Kliniken?

  • Welche Reisebeschränkungen gibt es?

  • Wie viele bestätigte Fälle gibt es?

  • Ist das Virus meldepflichtig?

  • Was ist das Coronavirus?

  • Woher kommt das Virus?

  • Wie kann ich mich anstecken?

  • Wie ansteckend ist das Virus?

  • Wer ist besonders gefährdet?

  • Wie funktioniert der Test?

  • Was sind die Symptome?

  • Wie kann ich mich schützen?

  • Welche Behandlung gibt es für Infizierte?

  • Gibt es Immunität gegen das Virus?

  • Wie hoch ist die Sterberate?

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