Zweiter Club mit vielen Infizierten - 26 Corona-Infizierte feierten in Berliner Clubs

Di 10.03.20 | 18:35 Uhr | Von Robin Avram
Gläser an einer Berliner Bar (Quelle: dpa/Kalaene)
Video: Abendschau | 10.03.2020 | Max Kell | Studiogespräch mit Gerd Gigerenzer | Bild: dpa/Kalaene

Mehr als die Hälfte der bis Dienstagmittag bekannten Corona-Infizierten in der Hauptstadt hatte in zwei Berliner Clubs gefeiert. Nun geraten Clubs als Verbreitungsweg ins Visier - erste Amtsärzte plädieren für schärfere Auflagen. Von Robin Avram

Rund die Hälfte der in Berlin bis Dienstagmittag behördlich bekannten Sars-CoV-19-Infizierten haben in Berliner Clubs gefeiert. Entsprechende Recherchen des rbb bestätigte das Bezirksamt Mitte am Dienstag auf Anfrage.

Demnach hatten neun der bis Dienstagmittag bekannten 48 Berliner Covid-19-Erkrankten am 27. Februar im Berliner Club The Reed nahe dem Alexanderplatz gefeiert. Das geht aus einer Mail der Clubbetreiber an seine Gäste hervor, die dem rbb vorliegt. "Es ist leider Fakt, dass (...) mindestens neun der Gäste im Nachgang einen positiven Covid-19-Befund bekamen", heißt es dort. 

Club-Besucher ausfindig gemacht

Es ist bereits der zweite Fall, in dem viele Berliner Covid-19-Infizierte über einen gemeinsamen Club-Besuch identifiziert werden konnten. Am Montag bestätigte die Gesundheitsverwaltung: Bei 17 Personen, die am 29. Februar in dem Club Trompete am Lützowplatz in Mitte gefeiert hatten, ist inzwischen das Coronavirus nachgewiesen worden. Auch zwei Berliner Polizisten, die an diesem Abend in der Trompete waren, wurden positiv auf Covid-19 getestet.

Die beiden Clubs waren in den Fokus der Gesundheitsämter geraten, weil zwei Covid-19-Patienten angegeben hatten, dass sie dort einen Abend lang gefeiert hatten. Allein im Fall der Trompete machten die Gesundheitsämter nach Angaben des Bezirks Charlottenburg daraufhin 300 Gäste ausfindig - und testeten diejenigen, die Symptome zeigten, auf das Coronavirus.

Viele Leute auf engem, stickigem Raum

Ob sich diese Menschen alle wirklich in den Clubs ansteckten, ist offen. Theoretisch könnten sie sich auch anderswo mit dem Coronavirus infiziert haben. Laut dem Amtsarzt von Reinickendorf Patrick Larscheid erfüllen gut besuchte Clubs jedoch mehrere Risikofaktoren, die eine Ansteckung begünstigen: "Viele Leute auf engem, stickigen Raum, sehr enge soziale Kontakte – da kann sich jeder ausrechnen, wo es ein Problem wird."

Larscheid plädiert deshalb für strengere Auflagen für Berliner Clubs. "Wir können [...] eigentlich nicht mehr [...] viele Leute auf einen Haufen stecken, wenn wir jetzt wirklich noch eine intensive Infektionsprävention machen wollen", sagte Larscheid rbb|24. Auch der Chef-Virologe der Charité, Christian Drosten, plädiert dafür, öffentliche Veranstaltungen stärker einzuschränken. "Die großen Versammlungen, die Vergnügen darstellen, auf die müsste man verzichten, wie Fußball und Schützenfest", sagte der Virologe am Dienstag dem NDR.

Stadtrat appelliert an Eigenverantwortlichkeit der Clubbesucher

Entscheiden über schärfere Auflagen für Clubs müssen die Bezirke. Doch soll Berlin wirklich so weit gehen, Institutionen wie Berghain und Watergate so stark zu gängeln, dass sie schließen müssen? Schließlich haben die Clubs Berlin einen internationalen Ruf als Partymetropole eingebracht.

Der Sprecher der Berliner Clubkommission, Luchs Leichsenring, lehnte auf rbb-Anfrage ein Interview zu dem Thema ab. Er werde sich möglicherweise am Mittwoch äußern, wenn einiges geklärt sei.

Der Gesundheitsstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, Detlef Wagner (CDU) sagt rbb|24: "Wenn wir jetzt an Clubs gehen würden, dann müssten wir das auch bei jeder Privatfete in kleinen Räumen machen, wo sich viele Menschen treffen. Ich glaube eher, dass es jetzt ganz stark auf die Eigenverantwortlichkeit der Menschen ankommt," so Wagner. Wer Husten, Halskratzen oder Fieber habe, sollte nicht in den Club gehen.

Weisen Clubs bald alle italienischen Touristen ab?

Auflagen für Clubs würden aber schon erteilt, so Wagner. So werde die Amtsärztin seines Bezirkes die Clubbesitzer in Charlottenburg anweisen, dass alle Personen, die den Club besuchen, registriert werden, damit sie im Falle einer Infektion zurückverfolgt werden können. Personen, die in den vergangenen 14 Tagen in Risikogebieten waren, sollten zudem generell von Veranstaltungen fern gehalten werden.

Das hieße dann aber auch: Clubverbot für alle italienischen Touristen. Denn am Montag erklärte Italiens Premier Guiseppe Conte das ganze Land zum Risikogebiet.

Mittes Bürgermeister fordert abgestimmtes Vorgehen

Der sonst für markige Ordnungspolitik bekannte Bezirksbürgermeister von Mitte, Stephan von Dassel (Grüne) hält sich bei der Frage nach Auflagen für Berliner Clubs zurück. Es brauche hier ein abgestimmtes Vorgehen aller Bezirke, sagt er.

Dabei bringen die Masseninfektionen in den beiden Mitte-Clubs Trompete und The Reed von Dassels Gesundheitsamt bereits an den Rand der Belastungsgrenze. 14 Mitarbeiter anderen Abteilungen des Bezirksamts Mitte seien bereits von anderen Aufgaben abgezogen worden - und telefonieren nun hunderten Kontaktpersonen hinterher, die in Quarantäne gestellt werden und zwei Wochen lang überwacht werden müssen. Wie länge lässt sich dieser Aufwand noch durchhalten?

Am Nachmittag sind die Amtsärzte der Bezirke bei der Corona Taskforce der Gesundheitsverwaltung zu Gast. Dort beraten sie zur Stunde mit der zuständigen Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) über weitere Einschränkungen für Clubs. Es dürfte kontrovers diskutiert werden.

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