Interview | Risikoforscherin zum Coronavirus-Verhalten - "Die Menschen versuchen, Kontrolle zurückzuerobern"

Ein Mann steht mit einem vollen Einkaufswagen vor einem Supermarkt an seinem Auto, um die Einkäufe in den Kofferraum zu packen (Quelle: dpa/Wolfram Steinberg)
Audio: rbbKultur | 05.03.2020 | Interview mit Pia-Johanna Schweizer und Hörertalk | Bild: dpa/Wolfram Steinberg

Das Coronavirus ist ansteckend - und Angst davor anscheinend auch. Mundschutz und Desinfektionsmittel ausverkauft, Supermarkt-Regale leer. Wie ist dieses Verhalten zu erklären? Fragen an die Risikoforscherin Pia-Johanna Schweizer.

Was Sie jetzt wissen müssen

rbb: Ist eine Hysterie ausgebrochen, was den Coronavirus angeht?

Pia-Johanna Schweizer: Es ist sicherlich ein großes Maß an Verunsicherung in der Bevölkerung zu beobachten. Das Coronavirus ist neu. Wir haben die grundlegende Faktenlage noch nicht erkannt. Die Mediziner sind dabei, zum Beispiel die Inkubationszeit des Virus und die Auswirkungen auf bestimmte Bevölkerungsgruppen wie Schwangere oder ältere Personen zu erforschen. Es ist die Frage offen, wie lang Kranke tatsächlich infektiös sind. Da herrscht noch Unsicherheit. Und vor diesem Hintergrund versuchen Menschen, ein Stück an Kontrolle zurückzuerobern.

Bauschen die Medien das Thema zu sehr auf?

Das Coronavirus und die Auswirkungen werden vor allem in den sozialen Medien gehypt. Hier finden wir auch keinen Filter-Mechanismus, der korrekte Informationen von falschen Informationen trennt. Das ist aber ein Mechanismus, den wir auch bei anderen Themen genauso beobachten.

Stichwort Vorratshaltung: Die Bundesregierung empfiehlt, generell Vorräte anzulegen.

Sie empfiehlt, Vorräte anzulegen, allerdings nicht zu hamstern. Ich sehe da einen Unterschied. Vorratshaltung bedeutet, ich kann die nächsten drei oder vier Tage gut überbrücken. Wenn ich aber beispielsweise zehn Packungen Klopapier kaufe, sind das in der Tat eher Hamsterkäufe.

Nutzen Sie Desinfektionsmittel?

Ich wasche mir regelmäßig die Hände. Ich denke, das ist das allererste Mittel der Wahl in diesem Fall. Zu Hause habe ich keine Desinfektionsmittel, die werde ich mit auch nicht anschaffen. Es ist sicherlich für öffentliche Räume, wo viele Menschen zusammenkommen, eine sehr gute, vorbeugende Maßnahme.

Die Präsenz dieser Desinfektionsmittel beispielsweise heizt aber auch Leute an, bei denen ich gelegentlich den Verdacht habe, die haben eine regelrechte Freude an der Panikmache. Wie geht man mit solchen Leuten um?

Sicherlich gibt es diese Freude an diesem Neuen, an der Ungewissheit, an dem Kitzel, den das Ganze schafft. Da gibt es ein neues Thema, das alle Leute beschäftigt. Das ist ein bisschen wie so ein Abenteuerfilm. Wir freuen uns, dass der Held oder die Heldin große Taten vollbringen muss, um letztendlich dann doch die Katastrophe zu überwinden. Diese Freude an der Panik wird sicherlich auch von diesen psychologischen Mechanismen gespeist.

Stichwort Risiko: Das ist ja auch sozusagen ein systemisches Risiko. Also wir haben die Grippesaison, wir haben Corona. Das sind zwei Riesenproblem-Berge, vor denen wir als Unwissende erstmal stehen. Das Gesundheitswesen und der Handel können möglicherweise zusammenbrechen. Was sagen Sie zu dieser Angst als Risikoforscherin?

Für mich ist das zum einen ein äußerst spannendes Forschungsthema. Wir sehen diese Dominoeffekte, also das Auftreten des Coronavirus, das noch unerforscht ist. Dies tritt zeitgleich mit einer Grippewelle auf. Dadurch ist das Gesundheitssystem tatsächlich stark belastet. Wenn zum Beispiel Pflegepersonal und Ärzte durch das Coronavirus infiziert werden und ihre Kollegen auch unter Quarantäne gestellt werden, kann es tatsächlich dazu kommen, dass kleinere Krankenhäuser ihren Dienst einstellen müssen. Dann haben wir wirklich eine gravierende Auswirkung, die durchaus über die reine Infektion durch das Coronavirus hinausstrahlt.

Was habe ich nun davon, dass Sie Risiko erforschen?

Sie haben für die Zukunft etwas dadurch gewonnen, dass wir hier Erkenntnisse gewinnen, wie wir besser mit systemischen Risiken umgehen können.

Was ist Ihr Rat in dieser Situation?

Ruhe bewahren und verlässliche Informationen einholen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch mit Pia-Johanna Schweizer führte Peter Claus, rbbKultur.

Bei dem Text handelt es sich um eine gekürzte und redigierte Fassung. Das komplette Gespräch mit einem Hörertalk können Sie oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: rbbKultur, 05.03.2020, 12:10 Uhr

FAQ zum Umgang mit dem Coronavirus

  • Ich fürchte, infiziert zu sein. Was tun?

  • Was passiert mit möglichen Infizierten?

  • Was passiert mit Kontaktpersonen?

  • Welche Kapazitäten haben die Kliniken?

  • Welche Reisebeschränkungen gibt es?

  • Wie viele bestätigte Fälle gibt es?

  • Ist das Virus meldepflichtig?

  • Was ist das Coronavirus?

  • Woher kommt das Virus?

  • Wie kann ich mich anstecken?

  • Wie ansteckend ist das Virus?

  • Wer ist besonders gefährdet?

  • Wie funktioniert der Test?

  • Was sind die Symptome?

  • Wie kann ich mich schützen?

  • Welche Behandlung gibt es für Infizierte?

  • Gibt es Immunität gegen das Virus?

  • Wie hoch ist die Sterberate?

1 Kommentar

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  1. 1.

    "Supermarktregale alle leer?" Wer verbreitet denn diesen Unsinn. Ich war heute in einem Supermarkt in Berlin, da waren alle Regale gefüllt. So einen Quatsch - ich verstehe das nicht.

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