Symbolbild: Eine Prostituierte wartet auf ihrem Zimmer in einem Bordell auf Kundschaft. (Quelle: dpa/Andreas Arnold)
Audio: Radioeins | 30.03.2020 | Interview mit Johanna Weber | Bild: dpa/Andreas Arnold

Interview | Prostitution und Corona - "Es ist gut, dass keine Unterschiede gemacht werden"

Nach der Verordnung zur Eindämmung des Coronavirus müssen auch Bordelle geschlossen bleiben. Deshalb beantragen seit Freitag auch Sexarbeiter Soforthilfen beim Berliner Senat. Für manche reicht das nicht, meint Johanna Weber vom Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen.

Was Sie jetzt wissen müssen

rbb: Frau Weber, dürfen Sexarbeiterinnen und -arbeiter derzeit eigentlich arbeiten oder gar nicht?

Johanna Weber: Das ist nicht hundertprozentig geklärt, denn offiziell ist nur der Kundenverkehr in Prostitutionsstätten und ähnlichen Betrieben verboten.

Also in Bordellen?

Genau. Aber damit war wohl eigentlich die Prostitution, oder sagen wir lieber die Sexarbeit, komplett gemeint. Berlin hat das jetzt auch richtig gestellt, und es ist tatsächlich untersagt.

Halten sich die Sexarbeiterinnen daran?

Zum großen Teil ja. Die meisten sind sehr vernünftig und sehen das auch ein. Andere sagen aber auch, wenn sie sonst in einem Bordell arbeiten, suchen sie jetzt nicht im Internet nach Kunden. Es gibt natürlich viele, die müssen weiter arbeiten, weil sie kaum Rücklagen haben. Diese waren nicht zu blöd, Rücklagen zu bilden, sondern sie haben zu wenig verdient. Für diese Gruppe braucht es auch noch weitere Notfallhilfen - für diese greifen die Soforthilfen nicht

Es gibt auch viele Prostituierte, zum Beispiel aus Osteuropa, die in Bordellen gewohnt haben. Was ist mit denen, wenn die Prostitutionsstätten nun geschlossen sind?

Da gibt es tatsächlich eine erfreuliche Entwicklung: Das Bundesfamilienministerium hat den Abschnitt im Prostituierten-Schutzgesetz außer Kraft gesetzt, der besagt, dass das Übernachten in Prostitutionsstätten verboten ist. Das heißt, dass die Frauen oder auch Männer in Zeiten dieser Krise dort auch wohnen können.

Nehmen auch Sexarbeiter die Soforthilfe für Solo-Selbständige und Kleinunternehmer wahr?

Wir werden genauso behandelt wie andere Solo-Selbständige auch. Ich finde es gut, dass keine Unterschiede gemacht werden und dass das als eine ganz normale Tätigkeit gesehen wird. Viele Frauen machen ganz normal ihre Steuererklärung, wie andere Leute auch. Und sie können jetzt genau wie alle anderen Solo-Selbstständigen auch Geld vom Berliner Senat beantragen. Mal schauen, ob das klappt.

Was ist mit denen, die nicht steuerlich gemeldet sind, die keine Rücklagen haben, die vielleicht sogar keine Krankenversicherung haben. Wer wer hilft denen derzeit?

Das ist eine schwierige Frage. Der Senat hat angekündigt, dass es einen Topf geben soll. Ich sehe den im Moment noch nicht, denn es wäre sehr wichtig, dass in diesen Fällen was passiert. Dabei handelt es sich nicht um Tausende Frauen oder auch Männer, die unterstützt werden müssen, sondern das ist eine überschaubare Anzahl. Und es wäre möglich, tatsächlich etwas zutun.

Wenn sie abgesichert wären, würden sie auch nicht weiter arbeiten müssen. Sie wüssten, dass sie für diese Zeit genug zu essen und ein Dach über dem Kopf haben. Sie müssten auch nicht auf den Straßenstrich gehen oder übers Internet nach Kunden suchen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Johanna Weber führte Frauke Oppenberg, Radioeins. Das Text ist eine redigierte Fassung. Sie können das Interview oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: Radioeins, 30.03.2020, 11:10 Uhr

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13 Kommentare

  1. 13.

    Niemand hält sich an irgendwelche regeln. An der Danziger str.64/ Berlin arbeiten fleissig mehrere prostituierte aus Kolumbien und haben sich einen touristischen Appartement dazu von Great Stay gemietet. Polizei weiss davon und es kümmert niemanden dass Prostitution und touristischer Appartement mieten in der Corona Zeiten verboten ist!

  2. 12.

    Tatsächlich haben viele Frauen die als Solo-Selbständige in einem Bordell regelmäßig ein Zimmer gemietet haben (aber immer nur für die eine Stunde die sie für den Gast brauchen)jetzt Euro 9000,- erhalten für 3 Monate. Diese Euro 9000,- sind aber eigentlich gedacht für Solo-Selbständige die tatsächlich laufende Betriebskosten, und auch eigene gewerbliche Räumlichkeiten mieten. Diese Frauen haben aber jetzt keine Betriebskosten (Essen und die eigene Wohnungsmiete sind keine Betriebskosten). Das ist unfair. Für diese Frauen ist die Grundsicherung vorgesehen. Ich kenne sogar Frauen die die Euro 9000,- bekommen haben und dann darüber hinaus auch noch die Grundsicherung (Hartz4) beantragt haben, da die Euro 9000,- "ja nur für Betriebskosten sind". Betriebskosten gibt es momentan aber nicht, oder fast nicht.

  3. 11.

    Hallo,jetzige Situation für alle schwere Zeit.Egal in welchem Berufsbereich gearbeitet wird,aber im intensivsten spüren es die Selbständigen,Freiberufler etc,die die ihr Einkommen selbst erarbeiten müssen,um zB ihre Krankenversicherung oder andere Dinge zuzahlen.Ich bin eine Person davon,die selbständig ist.Ich muss jetzt schauen wie ich mein Unterhalt bezahle, ob Krankenversicherung oder andere Dinge,die jeden Monat zubezahlen sind.Ich habe von wenigen das große Glück,mein Unternehmen (erotisches Massagestudio)ab April nicht mehr zuhaben.Wurde leider wegen Eigenbedarf gekündigt.Habe in den letzten Wochen schon Einbußen gehabt, bevor ich den Laden zumachen musste, als die Behörden es verkündeten. Ich habe in Brandenburg bei der Bank wegen der Soforthilfe angerufen,zwecks der restlichen Zeit,wo zu gemacht wurde.Die Erotikbranche, egal in welcher Richtung war bei der Dame gar nicht mit auf dem Zettel.Sie kann mir nicht sagen ob ich Hilfe vom Staat bekomme.Soll Antrag trotzdem stellen!

  4. 10.

    Zitat: "Es ist ein Gewerbe, basta." - Falsch! Das Gerücht vom "ältesten Gewerbe der Welt" hält sich hartnäckig. Es handelt sich aber um eine freiberufliche Tätigkeit. Und diese Unterscheidung ist keine Krümelkackerei, sondern erspart den betreffenden Leuten die Gewerbesteuer.

  5. 9.

    Berliner, ich beneide Sie, wenn Sie so ein toller Typ sind, dass normale Frauen Sex mit Ihnen haben wollen. Aber bitte bedenken Sie, dass nicht alle Männer in dieser beneidenswerten Position sind. Die wollen aber auch mal Sex und Zärtlichkeit haben...

  6. 6.

    Unterstützung ist natürlich in Ordnung. Aber anstatt Sexarbeit kann man sich auch einen ordentlichen Job suchen.

  7. 5.

    Ich finde, illegale Prostitution ist das gleiche wie Schwarzarbeit. Sowas hat keine Förderung vom Staat verdient. Auch sollten Sexarbeiter (-innen) und Freier hart bestraft werden, wenn sie sich nicht an die jetzigen Abstandsregeln halten! Sehr gut finde ich, das legale Prostituierte ebenfalls die staatliche Unterstützung beantragen. Ich hoffe, dass das Geld auch fließen wird.

  8. 4.

    Tatsächlich sind mir beim Lesen dieselben Gedanken gekommen: Wie konnten die Frauen, insbesondere aus Osteuropa, bisher im Bordell wohnen, wenn doch genau das verboten war. Und wegen dieser illegalen Unterbringung muss nun in der Krise das Prostituierten-Schutzgesetz außer Kraft gesetzt werden. Ich hoffe doch sehr, dass zumindest in der Post-Corona-Zeit die "Vermieter" zur Rechenschaft gezogen werden.

  9. 3.

    Bendte, Sie haben da etwas falsch verstanden: Gelockert wurde die Vorschrift, dass die Damen jetzt erst mal in ihren Etablissements wohnen dürfen, was ansonsten nicht erlaubt ist. Anbieten und ausüben dürfen sie ihre Leistung dort derzeit natürlich nicht.

    Wobei mir trotzdem nicht klar ist, was das soll: Das Wohnen in der Ausübungsstätte ist seit einiger Zeit verboten. Wenn man das nun temporär freigibt, dann frage ich mich, wem man damit hilft: Doch im Prinzip nur denen, die sich bisher nicht an die Regeln gehalten haben. Denn ansonsten würden sie ja woanders wohnen, und könnten dort auch weiterhin wohnen. Alle Fragen hinsichtlich sozialer Unterstützung bei Geldknappheit, also ggf. Grundsicherung und Mietstundung bzw. Übernahme der Wohnkosten würden ja gelten wie bei jedem anderen auch.

  10. 2.

    "Das Bundesfamilienministerium hat den Abschnitt im Prostituierten-Schutzgesetz außer Kraft gesetzt" das ist ja tatsächlich erfreulich. Was soll dass denn für ein Mist sein, eine sogenannte Dienstleistung nicht zu verbieten die auf sehr viel Körperkontakt basiert, wenn alle anderen auf Dauerabstand geht? Welche Mafia hat denn hier ihre Lobby-Arbeits-Finger im Spiel? Im übrigen sind alle, die in Deutschland Geld verdienen und aus irgendeinem Ausland kommen, gerade in einer schwierigen Lage. Aber wenn es um die Zuverdienste von Zuhältern geht, wird ja sicher eine Ausnahme gemacht. Ungeheuerlich.

  11. 1.

    Prostitution soll wie wie jedes andere Gewerbe behandelt werden. Unterstützung auch für solche korrekt angemeldete Gewerbetreibende ist deshalb okay. Wer schwarz arbeitete, hat den Anspruch auf diese Unterstützung verwirkt.

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