Interview | Corona-Eltern - "Der Ferien-Vergleich ist mehr als unangebracht"

Fr 15.05.20 | 19:03 Uhr
Archivbild: Alu Kitzerow (r.), Vorstand der Elternblogger-Konferenz Blogfamilia, im Gespräch mit Familienministerin Franziska Giffey (SPD). (Quelle: imago images)
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Sie sollen nicht so viel jammern und die Zeit mit ihren Kindern genießen, bekommen Eltern in der Corona-Krise oft zu hören. Frauen, die aufrechnen, zu welchen Summen sie Mehrarbeit leisten, werden bedroht. Die Mutter und Bloggerin Alu Kitzerow wundert das nicht.

rbb|24: Liebe Frau Kitzerow, Sie sind Mutter dreier Kinder. Wie laufen denn die Corona-Ferien für Sie? Konnten Sie Ihre Kinder – ganz im Sinne von Minister Steinbach - endlich mal besser kennenlernen?

Alu Kitzerow: Ich habe drei Kinder im Alter von 13, neun und drei Jahren. Ich kannte sie vorher schon ziemlich gut und ich empfinde diese Zeit überhaupt nicht als Ferien. Diesen Vergleich finde ich mehr als unangebracht.

Herr Steinbach spricht da ganz klar aus einer Perspektive, die zeigt, dass ihn diese aktuelle Situation dahingehend persönlich nicht betrifft. Das ist die Meinung eines Mannes, der entweder Glück gehabt hat, dass seine Frau die Betreuungsaufgaben für etwaige Kinder komplett übernommen hat – oder aber er hört nicht genau zu. Denn Eltern können diese Zeit nicht als Ferien empfinden. Beispielsweise ist es normalerweise in den Sommerferien nicht so, dass man nebenbei noch arbeitet. Sondern man nimmt sich selbst Urlaub und verbringt diese Zeit qualitativ mit den Kindern. Ohne Home-Schooling und ohne Home-Office. Und oft auch mit der Hilfe der Großeltern. Denn es gibt kaum Eltern, die arbeiten und die die ganzen Ferienzeiten abdecken können.

Eltern wird ja derzeit gerne vorgeworfen, sie jammerten zu viel. Ist das so?

Eltern jammern derzeit viel - aber es ist auch richtig so. Denn nur, wenn sie laut werden und ihre Stimme erheben, kann sich überhaupt etwas ändern. Wir reden immerhin von 11,4 Millionen Familien in Deutschland, laut der letzten Statista-Erhebung von 2018. Das ist keine kleine Gruppe. Ich verstehe nicht, warum Eltern gezwungen sind, so laut zu werden, bevor sie überhaupt Beachtung finden. Eltern jammern also definitiv gerade nicht zu viel. 

Welche Unterstützung würden sie sich für Eltern von der Politik wünschen?

Da kann ich, weil Familien so heterogen sind, ja fast nur für meine persönliche Situation sprechen. Was ich mir wünschen würde, wäre ein verantwortungsvoller Umgang mit den Öffnungen der Betreuungseinrichtungen und auch mit den Ferien. Zum Beispiel die Aufhebung der derzeitigen Anwesenheitspflicht in Schulen und der Nachweispflicht für schulische Aufgaben. Das würde uns mit zwei schulpflichtigen Kindern sehr entspannen - wenn wir wüssten, es gibt das Angebot zu lernen, aber wir müssen nicht jeden Freitag nachweisen, was alles erledigt ist.

Für unser Kita-Kind gibt es ganz klar keine andere Hilfe, als irgendwann wieder in den Kindergarten gehen zu können. Weil aber auch ich nicht will, dass die Fälle wieder hochgehen, sehe ich da keine richtige Lösung. Bis auf eine finanzielle Unterstützung der Eltern, die derzeit eben zuhause ihre Kleinen bespaßen: Vielen Eltern gehen dadurch ihre Einkünfte verloren oder sie fühlen sich generell wahnsinnig zerrissen zwischen dem Eltern- und dem Arbeitnehmer-sein. Wenn man sie finanziell entlasten würde und sie mit dem Arbeitgeber vereinbaren könnten, dass sie teilweise weniger Stunden arbeiten, weil sie statt 40 nur noch 30 schaffen – dann wäre das eine bessere Lösung. Auch, weil das jetzt schon so lange andauert und wohl noch lange so weitergeht.

Die fehlenden zehn Stunden sollten dann aber von jemandem – dem Arbeitgeber oder dem Staat bezahlt werden?

Ja.

Für die Bundesliga, die Biergärten und die Autohäuser haben sich die Politiker schon sehr engagiert. Was denken Sie: Haben Eltern zu wenig Lobby?

Definitiv. Und da spreche ich auch als Zukunftsforscherin und nicht nur als Mutter. Diese Krise zeigt uns, wer alles keine Lobby hat. Familien – egal in welcher Konstellation – zählen entschieden dazu. Spürbar ist auch, dass viele Menschen in systemrelevanten Berufen keine Lobby hatten. Weil man jetzt plötzlich erkennt, wie wichtig sie sind. Ich rede da nicht nur von Pflegekräften, sondern auch von Müllfahrern, von Kassiererinnen und Leuten, die jeden Tag irgendwo die Server hosten, damit andere Leute zuhause arbeiten können. Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass das es für sie alle nach Corona mehr Lobby gibt.

Die Gewinner dieser Krise sind in jedem Fall kinderlose Akademiker. Die können selbstbestimmt ihren Tätigkeiten nachgehen und brauchen zumeist keinerlei Angst zu haben, ihren Job zu verlieren.

Es gab kürzlich zu Muttertag die Aktion #CoronaElternRechnenAb von einigen Bloggerinnen. [Unter diesen Hashtag wurden fiktive Rechnungen ins Netz gestellt, auf denen die Kosten für Betreuung und Beschulung der Kinder angegeben sind. Anm.d.Red.] Haben Sie das mitbekommen?

Das war eine ganz wichtige Aktion. Weil sie aufgezeigt hat, wie viel Wert Care-Arbeit hat. Natürlich waren die Zahlen auf den aufgemachten Rechnungen erschreckend und man kann sich fragen, warum jemand seine Kinder als Wirtschaftsgut umrechnet. Aber im Kapitalismus funktioniert eben die Darstellung über Zahlen. Insofern ist die Idee an sich gut.

Wie viel Mehraufwand durch die Care-Arbeit zusätzlich zur normalen Arbeit haben Sie und Ihr Mann derzeit?

Für uns persönlich ist die Situation so, dass eines unserer Kinder einen erhöhten Förderbedarf hat. Mit diesem Kind bewältigen wir täglich die schulischen Aufgaben gemeinsam. Einer muss nebendran sitzen. Das bedeutet für uns, dass keiner zu irgendwas kommt. Der andere hat das Kindergartenkind, das auch betreut werden muss. Insofern ist ja klar, dass ein großer Aufwand an in Betreuung investierte Stunden entsteht. Wir müssen sogar unsere Arbeitsgeräte dafür hergeben. Wir können also auch nicht parallel arbeiten. Man kann das prozentual und in Stunden aufrechnen, wenn man das möchte. Einfach, um dafür ein Gefühl zu bekommen. Wenn man sich derzeit am Sonntag hinsetzt und einen Plan für die kommende Woche macht, sieht man, dass nicht nur täglich acht Stunden Arbeit umzusetzen sind, sondern zusätzlich die Arbeit mit dem oder den Kindern.

Die aufrechnenden Mütter haben viel Resonanz erzeugt, aber nicht nur positive. Frauen, die Rechnungen gepostet haben, erhielten teils Vergewaltigungs- oder  Morddrohungen. Einige haben Ihre Beiträge zum Thema sogar gelöscht und sich in die virtuelle Abstinenz verabschiedet.

Es überrascht mich nicht, dass das passiert ist. Denn leider ist das Netz so voller Hassredner, die ganz schnell dabei sind, ihre Meinung rauszuhauen. Es ist trotzdem sehr erschreckend. Auch, dass da so viele Menschen aus dem Hintergrund zujubeln. Davon betroffen sind vor allem Frauen.

Wir müssten uns dringend Gedanken dazu machen, wie Menschen und auch speziell Frauen vor Meinungsmache im Netz besser geschützt werden können.

Bekommen Sie und Ihr Mann auch öfter hasserfüllte Kommentare oder Drohmails?

Mein Mann und ich haben bei #CoronaElternRechnenAb nicht mitgemacht. Wir haben uns dagegen entschieden, weil wir sowieso sehr häufig über die Themen Mental Load und Mehrarbeit schreiben. Wer unseren Blog liest, weiß, wo unsere Mehrarbeit steckt. Wir kriegen eher sehr viele Mails, in denen gefragt wird, ob wir unsere Kinder nicht mögen würden oder was es mit den Kindern macht, wenn wir über sie schreiben. Das gehört dazu. Dazu habe ich mich schon sehr oft erklären müssen. Für mich sind aber Familien-Blogger die Chronisten unserer Zeit – was familiäre Umstände angeht.

Haben Sie denn für den ganzen Hass, der sich da immer wieder Bahn bricht, irgendeine Art von Erklärung?

Es gibt ja gerade sehr viele Veröffentlichungen zu der neuen Solidarität durch Corona. Ich glaube auch, dass es die gibt und sie an ganz vielen Ecken spürbar ist. Ich glaube aber auch, dass die Isolation, die die Corona-Zeit mit sich bringt, die Menschen eher dazu verleitet, nur noch an sich zu denken. Das ist wie der Gegenpol. Ich denke, dass die Menschen, die solche Mails und Kommentare schreiben, nicht glücklich sind mit ihrem derzeitigen Zustand. Eigentlich müsste man ihnen Hilfe anbieten. Aber das ist ja kaum zu leisten

Es heißt ja im Netz immer "Don’t Feed The Troll" und so mache ich das auch. Ich lösche inzwischen übergriffige Kommentare. Ich habe es aufgegeben, mich jedes Mal mit den Menschen auseinanderzusetzen. 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Sabine Prieß, rbb|24

Sendung:  Inforadio, 15.05.2020, 13:45 Uhr

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