Zwei mit durchsichtiger Folie überzogene Krankenhausbetten in Berlin auf einem Flur in der Charité. Quelle: Soeren Stache/dpa
Bild: Soeren Stache/dpa

Corona-Krise - Viele Herzinfarkt-Patienten trauen sich nicht ins Krankenhaus

Offenbar haben viele Patienten mit Herzinfarkt- oder Schlaganfallsymptomen in den vergangenen Wochen den Weg ins Krankenhaus gescheut. Die Angst vor dem Coronavirus kann lebensgefährliche Folgen haben, befürchten die Mediziner. Von Anna Corves

Offenbar aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus bleiben Herzpatienten mit teils gefährlichen Symptomen zu Hause. Die Kardiologie in der Berliner Charité hat in den vergangenen Wochen einen Rückgang bei den Behandlungszahlen verzeichnet, wie deren Direktor, Ulf Landmesser, feststellt.

Ihm bereite diese Entwicklung Sorgen, sagt Landmesser. "Wir haben das auch ausgewertet und sehen, dass - seit die Corona-Infektionen in Berlin aufgetreten sind - 25 bis 30 Prozent weniger Patienten mit Herzinfarkt in die Klinik gekommen sind im Vergleich zu den Vorjahren." Knapp ein Drittel weniger Patienten melden auch seine Kollegen von der Station für Schlaganfälle in der Charité

Bundesweit gehen Herzbehandlungen zurück

Allerdings berichten Kliniken bundesweit von diesem Phänomen: Seit Beginn der Corona-Pandemie kommen weniger Schlaganfall- und Herzinfarkt-Patienten zur Behandlung. Und die Patienten, die kommen, seien oft schon in einem kritischen Zustand. Das beobachtet auch Christian Butter, Chefarzt der Kardiologie am Immanuel Klinikum Bernau, dem Herzzentrum Brandenburg.

Er verzeichnet zwar nur zehn Prozent weniger Notfallpatienten, aber: "Die, die kommen, haben dann auch einen höheren Behandlungsbedarf und eine höhere Dringlichkeit." Das könne man indirekt daran sehen, ob die Patienten eine Ballonerweiterung oder einen Stent benötigten. "Bei zwei Dritteln ist dann auch eine Notwendigkeit gewesen, etwas zu machen", stellt der Chefarzt fest.

Mehr Herztode außerhalb der Kliniken in Italien

Manch einen dürfte die Angst, sich mit Corona zu infizieren, von der Fahrt ins Krankenhaus abgehalten haben. Andere befürchteten wohl, gar nicht behandelt werden zu können - weil Kapazitäten für Covid-Erkrankte freigehalten werden müssen. Diese Scheu kann lebensgefährlich sein.

"Wir müssen befürchten, dass es bei Patienten, die einen unversorgten Herzinfarkt zuhause erlebt haben, auch zu mehr Todesfällen gekommen ist", sagt Charité-Kardiologe Ulf Landmesser und verweist auf erste Zahlen aus dem besonders von Corona betroffenen Italien: "Dort gibt es tatsächlich Analysen, dass weniger Patienten in die Klinik kamen und man eine Zunahme von plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillständen außerhalb der Kliniken beobachtet hat."

Ausreichend Kapazitäten für alle Patienten vorhanden

Für Deutschland liegen darüber noch keine Zahlen vor. Es sei auch schwierig, diesen Zusammenhang wissenschaftlich hieb- und stichfest zu belegen, sagt Kardiologe Christian Butter vom Immanuel Klinikum Bernau. Die Sorge, dass behandlungsbedürftige Herz-Patienten zu spät oder gar nicht zum Arzt gehen, teilt Butter dennoch.

"Ein Brustschmerz, den ich nicht ernst nehme, kann ein Infarkt sein, kann eine Lungenembolie sein, kann ein Einriss der Hauptschlagader sein", sagt Butter. Man könne Patienten nur ermutigen und sagen, dass es klare Richtlinien gibt und sich die Wege der Corona-Patienten nicht mit denen anderer Patienten kreuzen. Außerdem seien die Kapazitäten zur Behandlung vorhanden. Menschen mit Anzeichen für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall sollen sich trotz Corona nicht scheuen, notwendige medizinische Behandlungen in Anspruch zu nehmen, appellieren auch die Berliner und Bandenburger Krankenhausgesellschaften.

Sendung: Inforadio, 19.05.2020, 12 Uhr

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Beitrag von Anna Corves

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17 Kommentare

  1. 17.

    Der Punkt ist, dass viel zu oft die 112 gewählt wird, anstatt dass man den ärztlichen Bereitschaftsdienst ruft. Leider blockieren Menschen lieber den RTW und dieser fehlt dann bei wirklich lebensbedrohlichen Situationen.

  2. 16.

    Der Punkt ist, dass viel zu oft die 112 gewählt wird, anstatt dass man den ärztlichen Bereitschaftsdienst ruft. Leider blockieren Menschen lieber den RTW und dieser fehlt dann bei wirklich lebensbedrohlichen Situationen.

  3. 15.

    bei den geschilderten Beschwerden und Ängsten der Seniorin , ist das schon eine arrogante Bemerkung von Ihnen

  4. 14.

    Das kommt ja wohl auf den Zustand der Patientin an, oder? Ich wage den von hier aus und anhand der spärlichen Beschreibung nicht zu beurteilen!

  5. 12.

    Ich entnehme Ihrer Schilderung, dass Sie trotz Ihrer Angst kein Corona hatten. Die Ärzte hatten also Recht, die Symptome waren Ihrer Herzerkrankung zuzuordnen.
    Nehmen Sie einenn Kontrolltermin wahr und hocken Sie nicht wie ein verschrecktes Huhn in der Ecke. Dafür muss nicht die 112 gewählt werden. Einfach anmelden.
    Ärzte und Schwestern geben ihr Bestes, waren aber zu Beginn der Pandemie aber genau so verunsichert wie Sie. Woher wissen Sie von der Infektion des Arztes?
    Gute Besserung und weg mit der überflüssigen Ängstlichkeit. Die hilft Ihnen nicht gesund zu werden.

  6. 11.

    Ich kann die Angst sehr gut verstehen und nachvollziehen.

    Am 2.März diesen Jahres erlitt ich einen Herzinfarkt und kam sofort in die Klinik. Dort wurde dann noch mehr festgestellt und ich hatte den Eindruck, es würde sich gut gekümmert.

    Doch als ich plötzlich Coronasymptome hatte, hat keine Schwester und kein Arzt das ernstgenommen. Es wurde immer auf das Herz geschoben und am 11.März eröffnete mir der Stationsarzt, das ich anderntags entlassen werde. Das wurde ich auch, ohne Hinweise, wie ich mich verhalten soll oder sonst was. Ich kam mir wie rausgeschmissen vor.

    Nun habe ich keine Ahnung, wann ich einen Kontrolltermin machen soll und ich habe erneut Beschwerden. Aber ich traue mich auch nicht mehr, zum Arzt zu gehen. Ich habe das Gefühl, den Ärzten zur Last zu fallen. Bin mir nichtmal sicher, ob ich selbst die 112 wählen würde aus Angst abgewiesen zu werden.

    Ps...zwei Tage nach meiner Entlassung wurde einer der Ärzte, die mich behandelten, positiv getestet.

  7. 10.

    Folgendes ist uns letzten Samstag passiert: Oma hat Anzeichen einer LE,, Blutdruck hoch, Rhythmusstörungen, SChwindel, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, sie ist über 80, hat eine Blutgerinnungsstörung, einen Herzfehler, musste wegen Zahnextraktion den Gerinnungshemmer absetzen. Ich sage also, ruf die 112. Die kamen, haben Blutdruck gemessen, ihr dann erklärt, der sei zu hoch, aber es gäbe weitaus WICHTIGERE Notfälle, mit Atemwegserkrankungen (Corona haben sie nicht gesagt...) und sie könnten sie leider nicht mitnehmen. Die Begleitende Rettungssanitäterin hat sie dann noch angemeckert, wie sie mit sowas überhaupt den Notruf wählen könne. Nochmal: sie ist 82, div. Vorerkrankungen.
    Danach habe ich sie mit der Taxe ins KH geschickt! Dort wurde sie tatsächlich durchgecheckt, behandelt und mit Medikamenten ist sie nun wieder daheim.

    Also nicht wundern, dass keiner im KH ankommt - die nehmen dich einfach nicht mit!

    RTW müsste ja auch danach desinfiziert werden, Taxe nicht....

  8. 9.

    So sehr ich mich wie meine Vorschreiber (1 und 2) oft zu Zynismus und Meckerei hinreißen lasse....aber ich denke, es ist uns Deutschen angeraten, dringend über den Tellerrand zu schauen und unser Land auch einfach mal zu schätzen.
    Hier läuft vieles ausgezeichnet. Ich hatte aufgrund eines akuten gesundheitlichen Problems in der letzten Woche zwei Arzttermine mit sofortiger Einweisung zur OP und kann mich nun auf meine Genesung konzentrieren. Das ist Deutschland!
    Ich habe lange Zeit in zwei anderen europäischen Ländern gelebt und garantiere Ihnen, dass dort niemandem so schnell geholfen wird.

  9. 8.

    Das Risiko sich anzustecken ist auch groß ... so geschehen u.a. in einer Berliner Klinik ... Herzprobleme behoben, zur Mobilisierung auf die Geriatrie, dort mit Corona infiziert und verstorben.
    Kein Wunder, dass sich niemand mehr zum Arzt bzw. ins Khs traut. :-(

  10. 7.

    Welche Angst, es ist eine Tatsache! Da hilft es nicht einfach die Augen zu zumachen und zu hoffen, es verschwindet. Sie sollten die Realität einfach akzeptieren, statt irgendwelche Schuldige zu suchen.

  11. 6.

    Ein von der Bundesregierung als "nicht hilfreich" eingeschätzter Bericht eines BMI-Mitarbeiters kam vor ein paar Tagen genau zu diesem Fazit und der Verfasser in den Zwangsurlaub.

    Und nun?

  12. 5.

    Sie sind der einzigste der hier Panik macht. Wenn ich Herzkrank bin, ist es doch verständlich, dass ich nicht ins Krankenhaus gehen will, wenn gerade eine hochansteckende Krankheit herumfliegt.

  13. 4.

    Ich denke das ein großer Teil nicht aus Angst vor Corona nicht ins Krankenhaus gegangen ist, sondern weil sie Angst hatten dem völlig ausgelasteten Personal mit "ihren Lapalien zur Last zu fallen". Tragischerweise waren gleichzeitig viele Krankenhausmitarbeiter in Kurzarbeit, Krankenhäuser unterbelegt. Und hier liefen die Bilder von Toten auf Fluren, Triagen und wir standen klatschend am Balkon.
    Jetzt das auf die Coronaangst zu reduzieren stellt die unbehandelten Opfer von Herzinfarkt- oder Schlaganfallsymptomen als Täter da. Stattdessen sollten wir uns mal fragen warum die Menschen dachten unser Gesundheitssystem ist kurz vor dem Zusammenbruch, obwohl die ganzen Maßnahmen darauf abzielten, dass es nicht zusammenbricht falls die Kurve weiter steigt. Vielleicht lag es an der Erzählung. Und wir haben dazu geklatscht...

  14. 3.

    Ich denke sie haben recht. Für die polarisierung in der Gesellschaft, dafür das die Leute sich, aus Angst vor dem Virus, nicht zum Arzt trauen - dafür sind Politik und Medien verantwortlich. Die unablässigen Horrorzenarien die In so vielen Überschriften und Artikeln, Brennpunkten und Spezialsendungen seit Monaten verbreitet werden, die Ingnoranz gegenüber denen die zur Mäßigung aufgerufen haben und sehr plausibel schon frühzeitig mehr Verhältnismäßigkeit bei Maßnahmen, politischen Entscheidungen und in der Berichterstattung eingefodert haben(zb.die KBV) und nicht zuletzt die Verachtung die über alle Demonstrierenden augeschüttet wurde und wird, sind Auslöser dessen. Und jetzt tut man so, als ob man das nicht wußte und schon gar nicht gewollt habe. Diese Doppelzüngigkeit ist atemberaubend.

  15. 2.

    Die Folgen der Panikmache. Aber wenigstens tauchen diese Toten dann nicht in der Corona-Statistik auf und wir können uns weiter auf die Schulter klopfen, wie gut wir doch die Krise gemeistert haben.

  16. 1.

    Mich wundert es überhaupt nicht, dass sich andere Patienten nicht mehr ins Krankenhaus getraut haben. Die von Polirikern und Medien (!) verbreitete Angst hat dazu geführt.

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