Vor einer Arztpraxis in Berlin-Neukölln stehen Menschen für Corona-Tests Schlange. Quelle: Grit Lieder/rbb
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Video: rbb|24 | 07.10.2020 | Bild: Grit Lieder/rbb

Labore zu 95 Prozent ausgelastet - Berlin nähert sich bei Corona-Tests der Kapazitätsgrenze

Mit dem starken Anstieg der Neuinfektionen gibt es in Berliner Arztpraxen auch einen Ansturm auf Corona-Tests. Vor Teststellen bilden sich lange Schlangen, während die Auslastung der Kapazitäten in den Laboren ein kritisches Maß erreicht. Von Roberto Jurkschat

Angesichts steigender Corona-Tests in Berlin hat die Fachgemeinschaft "Akkreditierte Labore in der Medizin" (ALM) erneut vor einer Überlastung der Testlabore in der Hauptstadt gewarnt. Allein in der Woche bis zum 4. Oktober wurden nach Angaben der Fachgemeinschaft rund 52.500 Proben auf das Coronavirus analysiert. Die Kapazitätsgrenze liegt in Berlin laut ALM-Geschäftsführerin Cornelia Wanke bei 55.080 Tests pro Woche.

"In Berlin liegen die Labore mit den Tests längst wieder im kritischen Bereich", sagt Wanke im Gespräch mit rbb|24. "Die Tests sind ein begrenztes Gut, mit dem wir vor allem denjenigen helfen sollten, die Hilfe auch wirklich benötigen. Derzeit werden aber auch immer wieder Menschen ohne Symptome getestet, das belastet die Labore zusätzlich", so Wanke.

ALM warnt vor Verzögerungen

In der vergangenen Woche waren die verfügbaren Kapazitäten in den Laboren zu 95 Prozent ausgeschöpft, einen ähnlich hohen Stand gab es nur einmal gegen Ende der Sommerferien, als in Berlin viele Reiserückkehrer getestet worden waren. Auch damals mahnte die ALM, die vorhandenen Tests für Patienten mit Symptomen freizuhalten.

"Die Labore arbeiten im Moment am Limit, um die Ergebnisse möglichst schnell zu liefern", sagt Wanke. Sollte die Zahl der eingesendeten Proben in Berlin in den kommenden Wochen weiter zunehmen, drohen laut Wanke erste zeitliche Verzögerungen bei der Ermittlung der Befunde.

Ohne Test keine Übernachtung

Abgesehen von den zuletzt wieder stark gestiegenen Infektionszahlen in Berlin sieht Wanke noch andere Faktoren hinter dem Ansturm auf die Corona-Tests: Die Bezirke Mitte, Tempelhof-Schöneberg, Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln wurden am 2. Oktober von den Bundesländern Rheinland Pfalz und Schleswig Holstein zu Corona-Risikogebieten erklärt. Am Mittwoch haben die Bundesländer nun ein bundesweites Beherbergungsverbot für Menschen aus Risikogebieten verkündet, das nun bereits für einzelne Berliner Bezirke gilt.

Das bedeutet, dass Berliner bald vielleicht nur noch unter Vorlage negativer Corona-Tests in anderen Städten übernachten dürfen. Als Risikogebiete gelten etwa Kommunen, in denen sich von 100.000 Menschen binnen sieben Tagen mehr als 50 neu infizieren. In der gesamten Hauptstadt stieg der Wert für diese 7-Tage-Inzidenz am Mittwoch auf 47,1. Neukölln meldete sogar einen neuen Höchstwert für Berlin seit Beginn der Pandemie von 95,5.

Nach einem massiven Anstieg der Neuinfektionen in den vergangenen Tagen hatte der Senat am Dienstag unter anderem eine Sperrstunde für Spätis, Kneipen und Restaurants beschlossen.

Vier Stunden Schlangestehen

Eine hohe Nachfrage nach Corona-Tests ist auch in den Berliner Arztpraxen spürbar, die sich bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) als Corona-Testpraxen angemeldet haben. Die KV Berlin hat eine Liste mit rund 100 Praxen erstellt, in der sich Patienten testen lassen können. Eine Sprecherin des Verbands sagte rbb|24, dass einzelne Praxen wegen großen Andrangs bereits um eine Streichung aus der Liste gebeten hätten. Andere Praxen begrenzen nach rbb-Informationen die Zahl der Patienten oder die Uhrzeiten, zu denen Corona-Tests durchgeführt werden.

Die Arztpraxis von Sibylle Katzenstein in der Bürknerstraße in Neukölln öffnet morgens um 8.30 Uhr. Kurz zuvor reichte die Menschenschlange am Mittwochmorgen 100 Meter weit über den Bürgersteig, fast bis auf den Kottbusser Damm. Manche Patienten berichten rbb|24 später über Wartezeiten von vier Stunden.

Testergebnis nach 48 Stunden

Wie eine Mitarbeiterin der Praxis rbb|24 am Mittwoch sagte, sind hier in den letzten Tagen jeweils rund 300 Menschen auf Corona getestet worden. Wer an der Reihe ist, muss einen Fragebogen ausfüllen, dann wird ein Abstrich aus dem Rachen genommen. Die Patienten erhalten einen Ausdruck mit einem QR-Code, über den sie nach 48 Stunden einen Befund einsehen können, der in einem der Berliner Testlabore ermittelt wird.

Laut einer Mitarbeiterin hat der Andrang in der Praxis in den letzten Tagen noch einmal zugenommen, nachdem Neukölln in zwei Bundesländern zum Risikogebiet erklärt wurde. Einerseits kommen Menschen mit Husten, Fieber und anderen Corona-Symptomen, hieß es. Andererseits bräuchten andere einen negativen Laborbefund nur pro forma, um eine zweiwöchige Quarantäne zu vermeiden – oder weil Arbeitgeber diesen Nachweis forderten.

Ärztekammer spricht von Kosten bis 300 Euro

Diffus ist die Situation derzeit mit Blick auf die Preise für Corona-Tests, die zum Beispiel bei symptomfreien Menschen als Privatleistung abgerechnet werden. Gemäß Gebührenordnung für gesetzlich Versicherte beträgt der Satz 59 Euro. Für Selbstzahler sind Tests mittlerweile bereits ab etwa 100 Euro zu haben. Nach Angaben der Berliner Ärztekammer wurden in der Vergangenheit aber durchaus auch Kosten von 150 bis 300 Euro berechnet - je nach Arzt, Labor, Abrechnungs- und Testart.

Während sich an einigen deutschen Flughäfen in den Corona-Testzentren auch Abreisende kostenpflichtig testen lassen können, so ist das weder in Tegel oder Schönefeld noch am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) oder dem Berliner Hauptbahnhof möglich. Auch deshalb bilden sich an den offiziellen Teststellen der Stadt im Virchow-Klinikum und in den DRK-Kliniken in Berlin-Köpenick, wo durchaus Kontingente für Tests von symptomfreien Probanden eingeplant sind, - ähnlich wie vor vielen Arztpraxen - derzeit lange Schlangen.

Die Labore der ALM hoffen laut Geschäftsführerin Wanke auf eine Entlastung durch die mögliche Einführung sogenannter Antigen-Tests. Die wäre etwa über eine Rechtsverordnung der Bundesregierung denkbar. Der Vorteil daran sei, dass diese Tests nicht ausschließlich in Laboren analysiert werden müssten, sagt Wanke: "Angesichts des Pandemiegeschehens hoffe ich, dass Antigen-Tests bereits in wenigen Wochen vorhanden sein könnten."

Sendung: Abendschau, 07.10.2020, 19.30 Uhr

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27 Kommentare

  1. 26.

    Dieser ganze Senat sollte sofort zurück treten.
    Sowas von allgemeinen Versagen gab es noch nie.

  2. 25.

    Ja, unmöglich, daß Testkits für Urlauber verballert werden, die eigentlich für Patienten genutzt werden sollten.

  3. 24.

    Letztlich sag die ALM, dass die Labore fast ausgelastet sind. Ob ihr Gefühl und ihre persönliche Erfahrung etwas anderes sagen, bringt letztlich nichts. Sie müssen übrigens mal den Text lesen, wenn man Symptome hat, muss man für den Test nichts zahlen. Indirekt haben sie es aber bezahlt, über ihren Krankenversicherungsbeitrag.

  4. 23.

    Ich war in der Stargarder Straße 69 "Die Hausärzte" Da hat mich mein Hausarzt wegen schwerer Erkältungssymptome hingeschickt. Bezahlt habe ich nichts, warum sollte ich? War mit Überweisung. Und @ Eric, Panik bekomme ich in letzter Zeit nur, wenn Sie schon wieder hier bei den Threads auftauchen und permanent Unsinn von sich geben.

  5. 22.

    Genau so ist es ... will ich am Sonntag oder Montag anreisen wird es vermutlich noch schwieriger.
    Im schlimmsten Fall steckt man sich noch in der Kontrollstelle an ... aber Hauptsache der Test ist negativ....

  6. 21.

    Na da frage ich mich, wie da noch die Tests für Urlaubswillige erfolgen sollen. Der Test darf 48 Stunden alt sein, d. h. alle, die Samstag in Urlaub wollen, müssen Donnerstag zum Test. Ob sie das Ergebnis dann tatsächlich zur Anreise vorliegen haben, das ist wohl fraglich. Wie Ärzte und Labore das schaffen sollen, wohl auch.

  7. 20.

    Wieder ein massives Versagen unseres Senats! Es gab ja nun wirklich ausreichend Vorlaufzeit, um die Kapazitäten massiv auszubauen, denn es war mehr als absehbar, dass die Zahlen zum Herbst hin wieder steigen werden. Statt zu reagieren, hat man wieder nur ausgesessen! Wenn jetzt, bei den im Vergleich zum Frühjahr noch verhältnismäßig wenigen Infektionen bereits das Testsystem versagt, dann ist das ein Skandal. Dieser Senat schafft es nicht, seine Bürger zu schützen!

  8. 19.

    Dann sollte der rbb auch für die Labore den Einsatz der Bundeswehr fordern. Zuerst müssen natürlich alle Kreuzberger Labore besetzt werden. Dann gibt es schöne Bilder für die Abendschau mit Stahlhelm-Dregger im Kampfanzug beim abschreiten der Reagenzgläser.

  9. 18.

    Solange Ärzte damit blendend verdienen wird sich auch nichts ändern. Ich war letzte Woche wegen dem Bein beim Arzt.......... Auf die Weise kann man natürlich auch eine Gesellschaft lahmlegen!"
    Das Leben schreibt eben doch die schönsten Geschichten.

  10. 17.

    Dann werden automatisch die Fallzahlen wieder sinken. Denn wenn die Kapazitäten ausgeschöpft sind, kann weniger getestet werden. Dann wird der Senat dies aber als Erfolg seiner Maßnahmen auslegen.

  11. 16.

    So, und dann ist dann noch die App...
    Sonntagabend knallrotes Display, hohes Risiko, kann nur im ÖPNV gewesen sein.
    Montag Test beim Hausarzt, Mittwoch Ergebnis, negativ, heute wieder arbeiten, keinerlei Symptome.
    Schlechtes Gewissen, einem wirklich kranken Menschen, die Testkapazität weggenommen zu haben, nun ja, schwierig zu beantworten. Aber dafür ist doch die App da, oder? Mein Arbeitgeber kann mich nicht einfach so 14 Tage in Quarantäne lassen, die Arbeit muss gemacht werden, und HomeOffice ist in einem Labor nicht möglich...

  12. 15.

    Nein, ich hatte mich am Bein verletzt und keine Erkältungssymptome und der Arzt hatte gar nix an außer ne Maske... Und viel passiert da auch nicht. Der kratzt im Hals und dann kommt es zum Labor.

  13. 14.

    Wie hoch ist (ungefähr) die Fehlerquote bei den Tests? Ich hörte / las von 0,5 bis 2 % Fehlern.

  14. 13.

    Unglaublich ... da denkt man sich so tolle Sachen aus ....die theoretisch so gut sind und dann zerstört die Realität alles.... aber theoretisch sollte es ja auch kostenlose Tests für jedermann in Berlin geben .... die Idee ist aber auch schon ein paar Monate alt.
    Aber jetzt mit der Sperrstunden dauert es ja nicht mehr lange bis die Zahlen wieder unter 50 sind.

  15. 12.

    Haben oder hatten Sie an dem Tag vielleicht Erkältungssymptome?
    Hatte der Arzt beim Abstreichen Vollschutzkleidung angelegt oder nicht?
    Glauben Sie bitte nicht, dass Ärzte mit diesen Tests viel Geld verdienen. Das Testen ist ja nur das, was der Patient mitbekommt. Da läuft hinter den Kulissen nämlich noch eine ganze Menge Aufwand, der ja auch bezahlt werden muss.

  16. 11.

    Meine Schwester wartet händeringend auf einen Termin zum Testen, weil sie vorher nicht zurück zur Arbeit darf. Ihr Sohn wartet ebenfalls und darf vorher nicht zurück in die Schule - weil es einen positiven Fall in der Klasse gegeben hat. Das Gesundheitsamt ist hoffnungslos überlastet und wird sich vor Freitag nicht melden. Die beiden sitzen seit Sonntag zuhause.

  17. 10.

    Ich hab eine dolle Erkältung, bin zu meinem Hausarzt der hat einen Abstrich gemacht am nächsten Tag das Ergebnis negativ, verstehe nicht warum da Engpässe sind.
    Na ja, habe abends einen Kräuterschnaps getrunken und nun ist die Erkältung auch weg.
    Nicht alles was nach Corona aussieht ist Corona

  18. 8.

    Ich frage mich schon länger, was genau die Reisebeschränkungen und Beherbergungsverbote verhindern sollen? Sollen jetzt alle zuhause bleiben bis irgendwann einmal ein wirksamer Impfstoff gefunden wurde? Gibt es irgendeine valide Aussage, wann das sein wird? Die Pandemie eindämmen. Ah ja. Es ist interessant, dass eine Übertragung im ÖPNV zur Stosszeit gering ist, selbst wenn Abstand fort absolut unmöglich ist, aber im Urlaub in einer FeWo oder einem Hotel mit Frühstückszeiten, Masken-und Abstandspflicht und umfangreichen Hygienekonzept ist zu gefährlich? Die Testkapazitäten und auch die Schnelligkeit bis zum Ergebnis sind für das, was die Bundesländer verlangen überhaupt nicht ausreichend. Eigentlich dreist, was hier beschlossen wurde. Wenn Mein Wohnort plötzlich zum Risikogebiet erklärt wird, dürfte ich ja reisen, wenn, ja wenn ich einen negativen Coronatest hätte, den ich aber aufgrund fehlender Kapazitäten nicht bekomme und ausserdem nehme ich als symptomfreier Mensch nur für meinen Egoismus (Urlaub) einem Bedürftigen den Test weg. Das ist an Scheinheiligkeit und Zynismus kaum zu überbieten und zeigt mir, dass sowohl der Gesundheitsminister als auch die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder realitätsfremd leben. Der eine sagt: Deutschland ist doch so schön. Warum denn in die Ferne schweifen? Und die Landesregierungen sagen: Mag ja sein, aber ihr hier aus einem „Risikogebiet“ bitte nicht. Wenn alles wieder gut ist, dürft Ihr gerne kommen und ganz viel Geld bei uns ausgeben, um unsere darbende Tourismuswirtschaft anzukurbeln? Das Virus ist unter uns. Man kann nur Strategien entwickeln mit ihm zu leben. Gegen das Virus wird man es bis zum Impfstoff nicht mehr schaffen. Mit ihm Leben bedeutet: Abstand, Masken, Hygiene und Vorsicht. Aber sicher nicht Reise-und Übernachtungsverbote. Dass die Meinungsfreiheit ein so hohes Gut ist, dass sie vor Bevölkerungsschutz geht, erstaunt mich und die vielen genehmigten Demos wirken unverantwortlich angesichts der Einschränkung der Reisefreiheit. Es gibt online Petitionen. Man kann seiner Meinung auch ohne Menschenansammlung Gehör verschaffen. Ich finde die Reisebeschränkungen zynisch und scheinheilig.

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