Polnische Obdachlose in Berlin - Mehr Menschen werden durch Corona wohnungslos

Andżelika aus Polen (Quelle: rbb)
Bild: rbb

In ganz Berlin soll es rund 10.000 wohnungslose Menschen geben. Etwa die Hälfte von ihnen sind Polen. Manche haben wegen der Corona-Pandemie ihre Arbeit verloren und sind so in Not geraten. Jakub Paczkowski hat einige von ihnen getroffen.

Zuza Mączyńska arbeitet als Streetworkerin bei Gangway e.V., einer Organisation, die seit über 30 Jahren auf Berlins Straßen tätig ist. Zuza weiß, wo sich Bedürftige aufhalten und versucht, ihnen vor Ort zu helfen. Durch die Corona-Pandemie hat sich die Lage ihrer Klientel dramatisch verschlechtert – vor allem bei den Notübernachtungen. Die Plätze dort seien durch die Einhaltung der Abstandsregeln sehr begrenzt. Zudem seien deutlich weniger Berliner und Berlinerinnen abends auf den Straßen unterwegs. Flaschensammeln und Betteln werde dadurch schwieriger.

"Diese ganzen Bewältigungsstrategien, die sich die Leute über Jahre erarbeitet haben, brechen jetzt weg", sagt Zuza. Die Schätzungen der Hilfsorganisationen gehen von etwa 10 000 wohnungslosen Menschen in Berlin aus. Polnische Staatsangehörige sind eine der größten Gruppen unter ihnen, schätzungsweise 2.000 bis 5.000 Personen. Da Zuza Polnisch spricht, kümmert sie sich besonders um diese Gruppe.

Zuza Mączyńska, polnische-Sozialarbeiterin (Quelle: rbb)
Die polnische Sozialarbeiterin Zuza Mączyńska | Bild: rbb

Hoffnung auf ein neues Leben

An der Kreuzung von Mehringdamm und Gneisenaustraße trifft sie ihren Klienten Waldemar. Er lebt bereits seit neun Jahren auf der Straße. Vor Kurzem hat er einen Drogenentzug erfolgreich durchgestanden – eine wichtige Voraussetzung, um ein neues Leben zu beginnen.

Für Waldemar ist die momentane Situation nicht leicht zu meistern. Als EU-Bürger kann er zwar in Deutschland leben. Aber von Sozialleistungen bleibt er ausgeschlossen. Trotzdem sieht er hier mehr Chancen für sich als in Polen. Er ist von seinem Land enttäuscht und will nicht dorthin zurück.

Auch Waldemar macht der Lockdown zu schaffen. Er hat das Gefühl, dass die Gruppe der Hilfsbedürftigen wächst. Es wird immer schwieriger für ihn, warmen Unterschlupf für die Nacht zu finden. Auch Krankenhäuser und Therapieangebote seien im Moment stakt überlaufen. Vieles ist jetzt für die Obdachlosen komplizierter geworden. "Und nicht nur für uns, auch für euch!", sagt er verständnisvoll.

Der polnische Obdachlose Waldemar (Quelle: rbb)
Der polnische Obdachlose Waldemar | Bild: rbb

Die "neuen" Obdachlosen

Durch die Corona-Pandemie wächst eine neue Gruppe bedürftiger Personen: Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen, viele davon aus Polen und anderen osteuropäischen EU-Staaten. Andżelika zum Beispiel. Sie arbeitete vor der Corona-Pandemie in einem Berliner Hotel. Durch die Krise in der Gastronomie- und Hotelbrache verlor sie ihrem Job. Ähnlich wie Waldemar, erfüllt sie nicht die Voraussetzungen für den Erhalt von Sozialleistungen.

Ein Anlaufpunkt für Hilfesuchende wie Andżelika ist die Beratungsstelle Klik e.V. in der Torstrasse in Berlin-Mitte. Hier können Menschen mit sozialen und existenziellen Problemen Beratung und Hilfe erhalten.

Es gibt immer mehr Bedürftige, die durch Corona in Not geraten sind, und zuvor in der Lage waren, ihren eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten, sagt Sozialarbeiterin Kristine Kieper. Die Beratungen seien bei Klik seit der Pandemie drastisch angestiegen.

Der harte Lockdown steht vor der Tür

Trotz der schwierigen Wirtschaftslage versucht Andżelika einem neuen Job zu bekommen. Dafür stellt ihr Klik einen PC mit Internetanschluss zur Verfügung. "Viele Bedürftige wissen nichts von den Hilfsangeboten des Vereins", bemängelt Andżelika – und hilft deswegen mit, die Informationen auf der Straße zu verbreiten.

In den Vereinsräumen gibt es auch eine Waschmaschine und Duschen. Warme Kleidung darf sie sich zum Nulltarif aus der hauseigenen Kleiderkammer nehmen. Mit Hilfe von Klik wurde Andżelika in einem Obdachlosenheim untergebracht. Doch sie versucht weiterhin, in Berlin Fuß zu fassen – und wendet macht sich entschieden gegen gängige Vorurteile: "Nicht alle Obdachlose sind Alkoholiker oder Drogensüchtige. Wenn jemand auf dem Boden liegt, muss das nicht bedeuten, dass er betrunken ist. Manchmal ist dieser Jemand krank. Also schaut nach und fragt, ab diese Person vielleicht Hilfe braucht!"

Andżelika ist entschlossen, mit Hilfe von Kristine möglichst schnell einen Job und eine Wohnung zu finden. Der harte Lockdown steht vor der Tür und wird ihr das nicht leichter machen.

Sendung: Kowalski & Schmidt, 12.12.2020, 17:30 Uhr

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Beitrag von Jakub Paczkowski

10 Kommentare

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  1. 9.

    Der Gesetzgeber hat sich dazu entschlossen, Ausgrenzungen rechtlich vorzunehmen. Sie wollen Hier groß das Gesetz zitieren und blenden als erstes den Geltungsbereich aus. Wo liegt denn wohl der "gewöhnliche Aufenthalt" von Wohnungslosen? Das unterstreicht Ihren Zynismus und Individualisierung, Wohnungslose seien selbst schuld an ihrer Lage. Nebst SGB II klärt das Berlienr ASOG Zuständigkeiten - und die liegen beim jeweiligen Bezirk.

    Ebenso widerwärtig und abstioßend sind die von Sozialneid zerfressenen Kommentare Anderer, die hier rassistisch, nationalistisch und klassistisch agitieren. Durch vernünftige Erstversorungen und weitere Betreuung von Wohnungslosen wird hier keinem Menschen etwas weggenommen. Doch genau diese Ängste beschwören gerade Rechtsextreme.

    Umso mehr ist den Redakteur*innen hier zu danken, dass sie zwei wichtige Träger benannt und Stereotype über Wohnungslose widerlegt haben.

  2. 8.

    Die Idee ist ja sehr gut aber wie sollen die Obdachlosen hieraus kommen in den Aussenbezirken Marzahn. Es wäre günstig diese Contener auf die Stadt aufzuteilen.

  3. 7.

    Warum erfüllt die Dame hier im Beispiel nicht die Voraussetzungen für den Bezug von SGB II Leistungen?

    Als EU-Bürger, der im Rahmen der Freizügigkeitsregelung hier einen offiziellen Arbeitnehmerstatus hatte (Arbeitsvertrag, erbrachte und entlohnte Leistung) stehen ihr bei einer nicht selbst verschuldeten Kündigung für 6 Monate Leistungen zu. Im Rahmen des §67 SGB II entfällt derzeit die Vermögensprüfung und die Leistungen werden innerhalb von wenigen Tagen bewilligt.
    Ebenso gibt es derzeit in Absprache mit der Kommune keine Angemessenheitsprüfung der Miete. Es gilt die letzte Meldeadresse, sofern vorhanden. Wenn nicht, sind alle Berliner Sozialämter und Jobcenter nach dem ersten Buchstaben des Nachnamens aufgeteilt.

    Sind denn die Tempo-Homes auf dem Temepelhofer Feld derzeit noch bewohnt oder könnte man diese Unterkünfte den Obdachlosen zur Verfügung stellen?

  4. 6.

    Haben Sie mal darüber nachgedacht, was in einer Massenunterkunft wie einer Kirche oder einer Turnhalle passiert, wenn da Corona ausbricht? Und wie lange sollen die Menschen da leben? Wochen? Monate? Waren Sie mal in so einer Massenunterkunft? Das ist nicht wirklich schön. Viele Obdachlose haben Hunde. Die dürfte da nicht mit rein. Ich gehe stark davon aus, dass solche Angebote nicht angenommen werden würden. Und übrigens: die Kirchen sind weiterhin offen und es finden Gottesdienste statt. Sie sind also nicht leer. Und in den leerstehenden Hostels werden bereits Obdachlose untergebracht.

  5. 5.

    Ich verstehe nicht warum der Senat nicht die ungenutzten Container am Blumberger Damm Ecke Landsberger Allee den Obdachlosen gibt ?
    Es waren dort bis vor kurzem Flüchtlinge untergebracht, also warum jetzt nicht Obdachlose?

  6. 4.

    nur weil Deutschland ein "reiches" Land ist, können wir nicht ALLE NOT DER WELT lindern!
    Wenn wir Obdachlose aus Polen unterstützen, warum nicht welche aus Nigeria oder Australien oder China oder ...
    Wenn wir zulassen, dass die Armen der ganzen Welt sich am Futtertrog Deutschland ernähren dürfen, ist dieser früher oder später leer und auch für "uns" bleibt nichts mehr...

    Wie sollen wir allen gerecht werden?
    Wann sollen / dürfen "wir" sagen: STOP! Es sind zu viele, die nächsten bekommen nichts mehr?
    Wo sollen wir die Grenze ziehen? an den deutschen / euröpäischen Grenzen?

  7. 3.

    Die meisten Obdachlose sind osteuropäische Menschen, einige von ihnen kommen als Tagelöhner nach Deutschland. Abgesehen davon, egal wer und aus welchem Grund obdachlos wird, sollte man nicht weg schauen. Wenn Deutschland ein reiches Land ist, warum schaut es weg. Es gibt so viele Kirchen, wo keiner während der Pandemie hingeht oder hingehen darf. Dies kann auch als Unterkunft dienen. Oder Turnhallen. Gar Hostels .. ist eh alles geschlossen. Nach der Pandemie kann es doch gereinigt werden. Eigentlich ist es eher eine Organisation Sache als eine große finanzielle. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Außerdem, wenn diese Menschen etwas besser behandelt werden würden, könnten Sie wirklich Kraft und Möglichkeit bekommen ihr Leben in den Griff zu bekommen. Sie sollten nicht so egoistisch denken. Wenn jeder so denken würde, können wir niemals Frieden ernten. Hat Ihnen diese Pandemie nichts zu denken gegeben ??? Keine Angst Deutschland wird von dieser Hilfe nicht ärmer.

  8. 2.

    Es ist noch nicht so lang her, da wurde in Berlin mit einem großen Aufwand eine "Obdachlosenzählung" veranstaltet, um dann ernüchtert festzustellen, daß die erneut kolportierte Zahl von "mehreren 10.000" sich nicht bestätigte. Abgesehen von jahreszeitlichen Schwankungen hat die Behauptung in diesem Beitrag keine Berechtigung. Es wäre angebracht, sich an den Zahlen der "amtlichen Zählung" zu halten und nicht so auf dramatisch zu machen. Im übrigen stellt sich beim Lesen dieses Beitrags sofort die Frage, warum wohl eine solch große Anzahl von ausländischen Obdachlosen Berlin bevölkert. Sollte die Pauschalantwort lauten, Deutschland ist (noch) ein reiches Land" ?

  9. 1.

    "Manche haben wegen der Corona-Pandemie ihre Arbeit verloren"
    Das böse Virus hat sie entlassen?
    Wäre es nicht richtiger diesen Satz in Übereinstimmung mit Gesetzen der Logik und Kausalität folgendermaßen zu formulieren:
    "Manche haben infolge der während der Corona-Pandemie eingeführten Maßnahmen ihre Arbeit verloren"
    Ein kleiner Unterschied, aber so ein großer Schritt in Richtung Wahrheit und Glaubwürdigkeit. Dass wir in diesen schwierigen Zeiten manchmal die Zusammenhänge aus den Augen verlieren und Ursachen sowie Auswirkungen nicht mehr sauber trennen können oder wollen - ist verständlich. Von den so von mir bisher geschätzten Öffentlich Rechtlichen Medien erwarte ich aber eine präzise und unparteiliche Sprache, die nichts verschleiert und nicht mit mentalen Abkürzungen operiert.

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