#wiegehtesuns | Nanette vom SO36 - "Wir strampeln und machen und tun. Aber es hilft nichts, wenn nicht alle mitmachen"

Do 02.12.21 | 08:38 Uhr
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Leuchtereklame des Clubs SO 36 in der Oranienstraße in Kreuzberg (Quelle: dpa/Juergen Held)
Bild: dpa/Juergen Held

Das SO36 in Berlin-Kreuzberg ist seit Ausbruch der Pandemie vorbildlich, was Hygienekonzepte angeht. Doch angesichts stagnierender Impfquoten und der Aussicht auf erneute Schließung schwindet den Macher:innen die Kraft. Ein Gesprächsprotokoll.

 

Vor mehr als einem Jahr gab es die ersten Corona-Fälle in Berlin und Brandenburg. Seither stellt das Virus unser Leben auf den Kopf. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir? In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen, wie sich ihr Alltag seither verändert hat.

Nanette Fleig gehört seit vielen Jahren zum SO36 Team und ist dort aktuell für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Gerade kippt bei uns ein bisschen die Stimmung. Seit Anfang September haben wir uns so viele Sachen ausgedacht, um diesen Blitzneustart hinzulegen. Da haben so viele aus dem Team so viele Stunden gekloppt. Und jetzt kommt der Dämpfer à la "Macht euch schon mal für den nächsten Lockdown bereit". Das wird dann auch zum Energieproblem.

Dieser ständige Wechsel aus Hoffnung und Niederschlag. Das zehrt an der psychischen Gesundheit und die Energie geht in den Keller. Wir sind müde und genervt, denn wir haben wirklich versucht, mit allem was ging vorbildlich zu agieren und es hilft nichts, wenn nicht alle mitmachen. Wir strampeln und machen und tun. Und es bringt nichts. Wir haben jetzt schon wieder über Kurzarbeit gesprochen. Und es wird kommen, wir machen uns da keine Illusionen, da wird noch mal was Lockdown-artiges kommen. Das ist schon ganz schön frustrierend.

Für uns war das wirklich viel Arbeit seit Beginn der Pandemie. Wir haben die Zeit, in der wir geschlossen waren, wirklich genutzt und viel gerödelt. Wir haben unsere Lüftung massiv aufgerüstet. Dafür gab es Fördergeld. Und sobald wir wieder irgendwas machen durften, haben wir immer wieder die Konzepte so angepasst wie verlangt oder sogar darüber hinaus. Wir haben Abstände eingehalten, Hygienekonzepte erarbeitet, das komplette Team hat sich doppelt impfen lassen, wirklich alle. Wir hatten neben dem Club schon ein Testzentrum eingerichtet, bevor 2G+ Pflicht wurde. Wir haben wirklich alles gemacht.

Und jetzt dürfen wir seit den letzten Beschlüssen nur noch die halbe Kapazität auslasten, das macht es schwierig, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Manche der Konzerte waren ja schon ausverkauft für die normale Kapazität, sollen wir jetzt auslosen, wer bei halber Kapazität noch rein darf? Jetzt werden auch schon wieder Konzerte abgesagt, weil die Bands die Touren canceln. Die Bands von weiter weg, aus den USA oder aus Schweden, die bekommen einfach keine vernünftigen Routen mehr hin für ihre Tourneen, weil überall andere Bestimmungen gelten und die Unsicherheit so groß ist. Das lohnt sich finanziell und vom Aufwand her für keinen mehr.

Wir versuchen trotzdem, weiter das zu machen, was geht. Wir machen halbe Kapazität, wir fahren die Lüftung auf volle Pulle, alle sind geimpft und getestet, das ist so sicher, wie es eben sicher sein kann. Und das machen wir, so lange wir es dürfen. Es sei denn, die neue Mutante stellt sich als hochgefährlich heraus oder etwas in der Art. Dann würden wir auch dicht machen, bevor es ein Gesetz gibt. Aber eigentlich wollen wir einfach nur weiter arbeiten dürfen. Das war auch so schön zu sehen, wie sich alle Besucher:innen so gefreut haben, dass bei uns wieder was los war. Das ist ja auch Lebensqualität. Und wir sind viel gelobt worden dafür, dass wir die Maßnahmen immer wirklich ernstgenommen und streng kontrolliert haben und die Leute sich bei uns sicher gefühlt haben. Es gab, soweit wir das zurückverfolgen können, bei uns im Club auch nur ein oder zwei Fälle, wo sich Besucher:innen eventuell im SO36 angesteckt haben könnten.

Wir lieben schon unsere Freiheit und werden eigentlich nicht gerne gegängelt von der Politik. Grundrechtseinschränkungen sehen wir absolut kritisch. Aber bei der derzeitigen Situation ist das doch total einzusehen. Ich verstehe auch die ständigen Appelle aus der Politik, dass die Leute sich doch impfen lassen sollen. Die Politik scheint da auch am Ende der Möglichkeiten. Man kann die Leute ja nicht einfangen und festbinden und die Spritze unter Zwang reinjagen. Ich würde mir einfach wünschen, dass die Menschen zur Besinnung kommen und sich doch impfen lassen.

Ich hatte halt immer den Eindruck, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sich zwei Geimpfte gegenseitig anstecken, relativ gering ist. Und ich hab eine Zeit lang einfach verdrängt, dass es so viele Deppen gibt, die sich nicht impfen lassen. Das ist so ätzend und frustrierend. Das macht mich so wütend. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, wo Leute noch Kinderlähmung hatten, ich weiß einfach, dass eine Impfung eine krass gute Sache sein kann. Wie kann man so bekloppt sein, das nicht anzuerkennen?

Gesprächsprotokoll: Hendrik Schröder

Sendung: Abendschau, 1.12.21, 19:30 Uhr

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14 Kommentare

  1. 14.

    Liebe Club-Chefs,

    Ihr könnte nicht verlangen, dass sich alles Menschen ein Medikament mit Notfallzulassung in ihren Körper spritzen. Und dann ist man weiter ansteckend und hat maximal wenige Monate mildere Verläufe.

    Ich habe drei Bekannte mit dauerhaften massiven Nebenwirkungen der Impfung.
    Sorry ist so.
    Dass da nicht jeder mitmacht, kann ich zutiefst verstehen.
    Nebenbei: Niemand hat das Recht andere zu ungewollten medizinischen Eingriffen zu nötigen oder gar zwingen. Das gab es zum letzten Mal in der dunkelsten Zeit Deutschlands!

  2. 13.

    Tja so ist es halt, wenn man immer den Oberen und seinen so tollen Verbänden nach dem Mund redet, wenn man Leute ausgrenzt. Man hätte sich auch zusammenschliessen und lautstark 1G (Getestet) für alle fordern können. Aber der einfachere Weg, mit Hilfen vom Staat war ja der bequemere. Ich wünsche Ihnen viel Glück und bleiben Sie gesund.

  3. 12.

    Hallo. Ich kann absolut nachvollziehen, wie deprimierend es für Kulturschaffende aller Berieche jetzt sein muss.
    Ich kann nicht nachvollziehen warum durch 2G+ nicht weitergemacht werden darf.3G vor Einlass wäre ebenfalls eine Option.
    Ich bin geimpft und bin geschützt damit!Ist der Impfstoff jetzt doch nicht sicher oder was soll der ganze Lock-Down-Mist jetzt?
    Im übrigen find ich es furchtbar wie mit Menschen umgegangen wird, die sich nicht impfen lassen möchten. Wenn die Impfung freiwillig ist, kann ich nicht davon ausgehen, dass sich jeder impfen lässt.
    Und wenn wenig Kapazitäten in den Krankenhäusern sind weil mehr als 20Prozent des Personals das Handtuch geworfen hat , aufgrund von mieser Bezahlung sollte man die Ursachen ganz wo anders suchen und nicht bei den Ungeimpften.
    Auch die politische Impfquote jetzt aufzuhübschen und gesunde Kinder jetzt zu impfen ist nicht mehr zu verstehen. Aber das ist eine andere Geschichte.
    Ende der Durchsage.

  4. 11.

    JAJA zur Durchsetzung Ihrer Interessen wollen Sie Menschenleben und ihr eigenes opfern. Bringt aber auch nicht den wirtschaftlichen Erfolg. Wenn viele Steuerzahler sterben, wachsen nicht so schnell neue nach - GRÜBEL ?

  5. 10.

    Man könnte natürlich mal nach "falsch negativer Test" googeln. Gerade Antigen Tests sind keine zuverlässige Aussage, sie können bekanntermaßen auch Tage nach der Infektion noch negativ ausfallen, wenn die Viruslast gering ist. Jeder Test ist nur eine Momentaufnahme zum Testzeitpunkt.

  6. 9.

    Ich habe volles Verständnis. Wie die Politik mit dieser Branche umgeht, ist unglaublich. Die finanziellen Einbußen sind das eine, der entstehende Personalmangel das nächste. Am schlimmsten ist aber sicher die psychische Zermürbung. Man sucht nach Konzepten, kämpft ums Überleben, weiß nicht wie lange wieder zu schließen ist... Bis es kaum noch Clubs gibt

  7. 8.

    Doch, doch, die Auswertung sagt schon Einiges aus. Nämlich dass Clubs bei den Orten, die erstens mindestens 3G praktizieren und zweitens Orte sind, an denen mehrere Personen über einen längeren Zeitraum zusammen kommen, eine wesentliche Rolle spielen. Ein wesentliches Problem scheinen dabei die ersten beiden G darzustellen, weil eben geimpft oder genesen im Gegensatz zu getestet doch eine Infektionsgefahr für Dritte ausgehen kann. Trotzdem ist es für mich nicht nachvollziehbar, warum ein Weiterbetrieb mit generellem Test nicht vertretbar sein soll.

  8. 7.

    Danke für die Info. Stimmt, das relativiert. In den Restaurants habe ich die LucaAPP idR nicht bemerkt.

  9. 6.

    Das Ergebnis, das 50% der Ansteckungen in Clubs passieren, ist so nicht richtig. Vielmehr ein Boomerang des guten Willens der Clubszene. Richtig ist, das dieser Wert der festgestellten Infektionen über die LucaApp so aufgelaufen ist. Was aber in sehr verändernde Relation gesetzt werden muss: Fast alle Clubbesucher melden sich über die App an - aber in Kirchen, tw. Restaurants, Altennachmittagen, Spielhallen, Kaufhäusern, U-Bahn, S-Bahn, Bus u.s.w. meldet sich niemand mit der App an. D.h. - alle Infektionen, die dort passieren, registriert keine App. Wenn sich als 100 Leute anstecken, davon 10 im Club, aber nur 20 bei Luca eingebucht waren, werden aus 10% plötzlich 50%..... Diese Studie sagt also nichts aus!

  10. 5.

    Das Hygienekonzept im SO36 sowie alle anderen Clubs (Cassiopeia, Renate, Circle, SchwuZ) sind vorbildlich. Strenge Kontrollen von 2G(+), Kontaktverfolgung etc.
    Da wird in vielen anderen Bereichen nur schluderig gearbeitet. Die Clubs sind wieder mal der Buhmann trotzt 2G+?! Mehr Sicherheit geht nicht. Und es reicht, denn wären mehr geimpft wären die ITS nicht so voll, Inzidenz niedrig und wir könnten mit Corona leben.
    Ich hoffe das bald mal die Geimpften auf die Straße gehen. Es reicht!

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