#Wiegehtesuns | Der Brandenburger Gastronom - "Die Angst, das eigene Lokal könnte zum Spreader-Ort werden, ist immer da"

Sa 27.11.21 | 19:00 Uhr
  12
Restaurant in Brandenburg (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Bild: dpa/Patrick Pleul

Nach einer schwierigen Lockdown-Zeit lief der Sommer für Gastronom Markus Schulze aus Beelitz eigentlich recht gut. Nun ist er fassungslos, dass die Situation trotz der Impfungen genauso schlimm zu werden droht wie vergangenes Jahr. Ein Gesprächsprotokoll.

Vor mehr als einem Jahr gab es die ersten Corona-Fälle in Berlin und Brandenburg. Seither stellt das Virus unser Leben auf den Kopf. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir?

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen aus der Region, wie sich ihr Alltag seither verändert hat.

Markus Schulze ist gebürtiger Beelitzer und wohnt dort mit seiner Lebensgefährtin und seiner Tochter. Der 37-Jährige betreibt seit fünf Jahren - ebenfalls in Beelitz - das "Lokal Genial".

Mit Corona geht es uns derzeit wirklich nicht gut. Es war letztes Jahr schon nicht schön. Und obwohl der Sommer dieses Jahr ganz gut lief, konnte er nicht herausreißen, was letztes und dieses Jahr alles im Argen lag. Immerhin konnten wir die Spargelsaison mitnehmen. Doch das Spargelfest selbst fehlte und die Übernachtungsgäste für unsere kleine Pension blieben vielfach auch aus.

Dadurch, dass aktuell wieder die Regeln für die Gastronomie geändert wurden, bekommen wir immens viele Anrufe. Die Gäste wissen einfach nicht, was das für sie bedeutet. Auch, weil die Regeln ja bundesweit nicht gleich sind. Da sind wir ständig am Erklären. Dann kommen auch ständig Stornierungen. Wenn der Gastgeber eines kleinen Geburtstages einen leichten Schnupfen hat, wird heute ja alles abgesagt. Vor Corona war ein Schnupfen einfach nur ein Schnupfen. Da hätte keiner abgesagt. Jetzt ist bei Schnupfen eben Alarm angesagt.

Die aktuellen Vorschriften sehen 2G für unser Lokal vor. Wir haben im Eingangsbereich groß das Schild hängen. Zusätzlich haben wir eine Maskenpflicht eingeführt. Die gilt natürlich nicht, wenn man am Platz sitzt. Die Gäste sollen uns ihren 2G-Nachweis direkt beim Eintritt zeigen. Das funktioniert ganz gut.

Meine Befürchtung ist aber, dass es auch in diesem Winter wieder keine oder nur sehr wenige kleine Weihnachtsfeiern geben wird - und das zeichnet sich auch schon ab. Derzeit sind bei uns zwei kleine Feiern angemeldet. Vor Corona hatten wir zwei bis drei pro Woche – und darunter immer auch welche von größeren Firmen hier in der Gegend. Wir haben hier wirklich genug Platz. Allein in unserem Wintergarten können bis zu 50 Personen sitzen. Das war immer eine schöne Sache, die jetzt annähernd ersatzlos ausfällt. Dasselbe gilt auch für unsere Pensionszimmer.

Meine einzige Hoffnung liegt auf Weihnachten selbst. Aktuell dürfen wir ja noch Gäste bewirten, sodass unser Weihnachtsgeschäft über die Feiertage derzeit noch relativ ausgebucht ist. Zusätzlich werden wir – wie im letzten Jahr wieder – Menüs zum Abholen anbieten. Das hat uns im vergangenen Jahr ganz gut über die Feiertage geholfen und war für mich und meine Familie eigentlich sogar ganz schön. Wir hatten um 19:30 Uhr die letzte Abholung. Um 20 Uhr war die Küche sauber und ich konnte als Gastronom dann mit der Familie gemeinsam essen. Das gab es vorher noch nie.

Die Angst, das eigene Lokal könnte zum Spreader-Ort werden, ist immer da. Gerade letzte Woche hätten wir eigentlich einen großen Geburtstag ausgerichtet. Da wären die meisten Gäste geimpft gewesen – aber die Gastgeber ausgerechnet nicht.

Wobei ich manchmal denke, dass inzwischen ein aktueller Test eventuell sinnvoller sein könnte als die Impfung. Denn auch Geimpfte und Genesene können ja das Virus weitertragen. Die ungeimpften Gastgeber, die bei uns feiern wollten, hatten sich dann beim Corona-Telefon informiert und erfahren, dass sie bei uns nun auch als geschlossene Gesellschaft nicht feiern dürfen. Aber zuhause hätten sie die Feier auf 20 Quadratmetern im Wohnzimmer machen können. Da muss ich sagen, dass ich die Regeln einfach nicht verstehe. Das ist öfter so. Ich kann den Gästen nicht erklären, warum die Regeln so sind, sondern nur, dass sie so sind.

Durchhalten können wir das schon noch ein Weilchen, weil wir ein gutes Verhältnis zu unserem Verpächter haben und die Pacht für nicht bespielte Bereiche auch mal reduzieren konnten. Wir können Kurzarbeit anmelden, können die Plätze reduzieren, sodass wir den Betrieb auch nur zu zweit oder dritt bewältigen können, um so Kosten zu senken. Auch Einkäufe können wir kurzfristig minimal halten.

Doch was ich verrückt finde, ist, dass sich all die Hoffnungen, die wir als Gesellschaft auf die Impfungen gesetzt haben, nicht erfüllt haben. Wenn jetzt wieder alles dicht gemacht wird und die Situation schlimmer ist als vor einem Jahr, frage ich mich, was die Impfungen gebracht haben. Das ist frustrierend. Ich hätte vor einem Jahr nie geglaubt, dass wir wieder mit annähernd den gleichen Einschränkungen dastehen.

Gesprächsprotokoll: Sabine Priess

Wie geht es Ihnen? Wie sieht Ihr Alltag gerade aus? Erzählen Sie rbb|24 Ihre Geschichte in Zeiten von Corona! Einfach eine Mail schicken an internet@rbb-online.de. Wir melden uns bei Ihnen.

Sendung: Brandenburg aktuell, 27.11.2021, 19.30 Uhr

Was Sie jetzt wissen müssen

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

12 Kommentare

  1. 12.

    Leider gibt's immer noch genug Geschäftsinhaber, die die aktuellen Regeln nicht oder nicht richtig kontrollieren. Wenn dann wieder alles geschlossen wird. fängt das große Jammern wieder an.

    Genau dieses ambivalente Verhalten ist unverständlich

    Wenn ein Unternehmer erwischt wird, muss er seine Gewerbeerlaubnis verlieren.
    Ebenso muss es eine Meldeplattform für Bürger geben, über die Verstöße gemeldet werden können. Irgendwann muss der Druck noch viel härter werden

  2. 11.

    @ Steffen

    Auch hier zeigen Sie, dass sie keine
    Ahnung haben. Das es völlig normal ist, dass geimpfte Personen auch bei anderen Impfungen eine geringe Menge an Erregern ausscheiden, lassen Sie bewusst außer acht.
    Man kann Fachpflegekräften für Intensivstationen nicht vorhalten. Und auch die sehr kostspieligen Intensivbetten kann man nicht vorhalten.
    Außerdem gab es solche Pandemie vorher noch nie. Daher konnten weder Politiker, Wissenschaftler, Ärzte und Pflegepersonal Erfahrungen sammeln.

  3. 10.

    Im Prinzip alles richtig, nur leider suggerieren uns Politik und Medien täglich was anderes. Trotz weniger Hospitalisierungen als vor einem Jahr, was zweifelsfrei den Impfungen zuzuschreiben ist, ist die Auslastungsquote heute höher. Das ist kein medizinisches Versagen sondern ein politisches. Das Impfversagen beschränkt sich weitgehend darauf, dass Infektionen und Infektiosität nicht wie angenommen ausgeschlossen werden können. Auch Geimpfte sind infektiös genug, um ihre normalen sozialen Kontakte zu infizieren. So lange das negiert und verharmlost wird, werden die Inzidenzen und damit auch die unvermeidlichen Imofdurchbrüche hoch bleiben. Es gibt genügend Beispiele, wo sich trotz 2G der Großteil der Gäste von Veranstaltungen infiziert haben und damit auch das Virus weitertragen. Das wird immer dann zum Problem, wenn diese auf Menschen mit schwachem Immunsystem treffen, denn die landen dann im Krankenhaus.

  4. 9.

    @ Soisses

    Etwas mehr Realität wäre gut. Das Geimpfte übertragen ist nicht das Problem. Jeder Geimpfte überträgt eine geringe Menge des Erregers, ab bei Grippe, Mumps ect.

    Das die Impfung die Hospitalisierung und infektiösität sehr stark verringert, ist erwiesen

  5. 8.

    "Doch was ich verrückt finde, ist, dass sich all die Hoffnungen, die wir als Gesellschaft auf die Impfungen gesetzt haben, nicht erfüllt haben. Wenn jetzt wieder alles dicht gemacht wird und die Situation schlimmer ist als vor einem Jahr, frage ich mich, was die Impfungen gebracht haben."

    Die Impfungen haben sehr viel gebracht:

    Wir haben trotz doppelt so vieler Neuinfektionen im Vergeich zum Hoch vor ca. einem Jahr nur ein Drittel Krankenhauspatienten und nur ein Neuntel Tote im Vergleich zum Hoch vor ca. einem Jahr.

    Ohne Impfungen hätten wir jetzt 6 Mal soviele Krankenhauspatienten und ca. 18 Mal so viele Tote im Vergleich zur aktuellen Situation! Die Intensivstationen wären völlig überlastet. Intensivpatienten hätten nicht mehr angemessen gepflegt werden können, und dadurch wäre die Sterbensrate noch weiter angestiegen!

    Die Impfungen haben also sehr viel gebracht. Es wäre natürlich wünschenswert, wenn die Impfungen noch mehr gebracht hätten. Dazu braucht es mehr Geimpfte!

  6. 7.

    H.F:
    "hätten wir mehr infizierte.schon zuvor, wäre es besser."

    NEIN! Denn dann wäre unser Gesundheitssystem wegen Überlastung der Intensivstationen zusammengebrochen und es hätte viel mehr Tote gegeben, zum Einen wegen der mehr Erkrankten und zum Anderen, weil die Intensivpatienten nicht mehr hätten angemessen gepflegt werden können! Dann wären Menschen gestorben, die bei angemessener Pflege hätten überleben können. Aber wenn ein Intensivkrankenpfleger wegen Personalmangel doppelt soviel Patieneten pflegen muss als nach der maximalen Norm zulässig, dann MUSS es Fehler und eine höhere Sterbensrate geben.

    Das will hoffentlich keiner.

  7. 6.

    Es ist ja so, dass die Gastronomie diese Welle offen gehalten wird - wie auch die Schulen und der Handel. Zwar mit 2G, aber es müssten ja faktisch alle geimpft sein, oder? Dass es in Brandenburg seit gestern gähnend leer ist überall zeigt, wie wenig Leute tatsächlich geimpft sind. Natürlich gibt es KEINE Subventionen für offene Geschäfte. Das ist ja der Trick dabei. Keiner kann bei offenen Schulen meckern, die Eltern können normal arbeiten gehen (die Auswirkungen lassen wir mal außen vor...). Die Geschäfte sind offen, die Gastro auch, da kann keiner Hilfen beantragen. Selbst Friseure dürfen arbeiten. Im durchgeimpften Bremen oder so kein Problem, da können 80-90 % der Bevölkerung weiter so leben wie bisher, uneingeschränkt. Kaum Einbußen für die Gastro, den Handel.

    Dass Geimpfte auch Überträger sein können, interessiert halt offenbar keinen wirklich...

  8. 5.

    Danke für diese Klarstellung! Die Impfung hat absolut ihre Wirksamkeit gezeigt. Es war von Anfang an klar, dass man sich auch als Geimpfter anstecken kann; aber gegen schwere Verläufe viel besser geschützt ist.
    "Danke" auch an die vielen Ungeimpften, denen wir den größten Teil der aktuellen Situation zu verdanken haben >:(

  9. 4.

    2G- Regel ist sehr sicher. Weiter so, 2G-Partys und andere 2G-Veranstaltungen und dann gehen die Zahlen rapide runter.

    siehe Tagesspiegel:
    "Die Grenzen von 2G: Auf einer Berliner Party stecken sich 21 von 35 Gästen an – alle sind geimpft
    Nach einer 2G-Geburtstagsfeier in einer Bar haben fast zwei Drittel der Gäste Corona. Auch die PCR-Testung im Nachhinein läuft schwierig. Helfen neue Maßnahmen?" Zitat ende

  10. 3.

    Ihre Aussage stimmt nicht. Die Impfung verringert oder vermeidet die Hospitalisierung und sie verringert die Viruslast und sorgt damit für eine viel geringere Infektiösität von Geimpften gegenüber ungeimpften. Also hat die Impfung ihre Wirksamkeit bewiesen.

    Die aktuelle Lage ist nur der viel zu geringen Impfqoute zu verdanken. Ungeimpfte behindert aktiv die Eindämmung der Pandemie

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren