rbb|24 exklusiv | Corona-Infektionen in Berlin - Gesundheitsämter scheitern an der Kontaktnachverfolgung

Mo 09.11.20 | 16:23 Uhr | Von Haluka Maier-Borst
Passanten mit Mund-Nasen-Schutz gehen auf der Tauentzienstraße. (Quelle: dpa/C. Soeder)
Audio: rbb 88.8 | 09.11.2020 | Juliane Kowollik | Bild: dpa/C. Soeder

Schon seit Wochen sind die Fallzahlen in den Berliner Bezirken weit jenseits jeglicher Grenzwerte. Nun stellt sich heraus: bei 94 Prozent der Corona-Infektionen lässt sich aktuell die Infektionsquelle nicht feststellen. Von Haluka Maier-Borst

Die Corona-Situation in Berlin ist schon lange jenseits der Werte, die mal als beherrschbar galten. Bund und Länder hatten sich im Mai auf einen Grenzwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern binnen einer Woche geeinigt. Solange sei es den Gesundheitsämtern noch mehr oder minder möglich Kontakte nachzuverfolgen und Neuinfektionen zu verhindern.

Kurz nach dem Beschluss erklärten Experten, dieser Grenzwert sei relativ hoch gewählt – auch weil Berlin zum Beispiel kein einziges Mal diesen Grenzwert in der ersten Phase der Pandemie gerissen hatte. Der Berliner Senat setzte seinen Grenzwert niedriger, auf 30 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern innerhalb von 7 Tagen.

Seit einem Monat sind diese Unterschiede Makulatur. Am 30. September übersprang die Zahl der Neuinfektionen den Berliner Grenzwert. Eine gute Woche später, am 8. Oktober, übersprang sie auch die bundesweite Grenze von über 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern binnen einer Woche. Seit Wochen stehen die Zahlen nun beim Vielfachen der Grenzwerte.

Was das konkret für die Arbeit der Gesundheitsämter bedeutet, zeigt nun eine Aussage der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung. Auf Anfrage von rbb|24 erklärt die Senatsverwaltung, dass sie derzeit bei 94 Prozent der Fälle "keine klare Infektionsquelle" benennen könne. Anfang Oktober lag der Wert noch bei ebenfalls hohen 82 Prozent.

Damit fällt aktuell die Kontaktnachverfolgung als Mittel zur Eindämmung der Pandemie weitgehend weg. Das ist nach Einschätzung von Expertinnen und Experten fatal, da sie als effizienteste Maßnahme zum Verhindern von Neuinfektionen gilt – zumindest solange es weder Impfstoff noch Medikament gegen Corona gibt. Allerdings funktioniert die Kontaktnachverfolgung eben nur bei niedrigen Neuinfektionszahlen.

Ferner zeigt sich, dass wohl auch die Änderung der Nachverfolgungsstrategie in Berlin nur begrenzten Erfolg bislang hat. Am 23. Oktober hatte man sich entschieden, bei der Kontaktnachverfolgung auf Risikogruppen zu konzentrieren. Nun zeigen die aktuellen Zahlen, dass von den wenigen Ausbrüchen, die sich zurückverfolgen lassen, ein größer werdender Anteil inzwischen in Alten- und Pflegeeinrichtungen passiert. Das könnte damit zu tun haben, dass man dort aktuell genauer hinschaut. Die Tatsache, dass aber immer mehr Ältere sich anstecken und die Intensivstationen sich mit Covid-19-Patienten füllen, deutet eher auf das Gegenteil hin. Es scheint so, als würde die Strategie nicht aufgehen, speziell Infektionen bei den Älteren und Menschen mit Vorerkrankungen zu vermeiden.

Schon zuvor hatten einige Forscherinnen und Forscher bereits Skepsis geäußert, inwiefern man die Risikogruppen allein schützen und abschirmen könne. So sagte die epidemiologische Modelliererin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik in Göttingen schon Anfang Oktober gegenüber rbb|24:

"Zu den vulnerablen Menschen gehören ja nicht nur Leute in Pflegeheimen, sondern eben auch Leute mit Diabetes, Krebs oder Übergewicht, die einem ganz normalen Alltag nachgehen. Wie wollen Sie die und deren Kontakte, die das Virus mitbringen könnten, abschirmen?"

War es überhaupt möglich, genaue Schuldzuweisungen zu machen?

Die dürftigen Ergebnisse bei der Kontaktnachverfolgung werfen aber auch Fragen auf, wenn es um die Kommunikation der Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) geht. Kalayci hatte noch Ende September erklärt, dass private Feiern und das "Clubgeschehen" hauptverantwortlich für die damaligen Probleme seien. "Beides treibt die Infektionszahlen", erklärte sie. Belege für diese Aussage lieferte sie nicht.

Stattdessen erklärte die Senatsverwaltung für Gesundheit auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen Anfang Oktober: "Nach der Lockerung der Kontaktbeschränkungen (ab Meldewoche 29) ist uns ein Ausbruch in einem Club bekannt, der 8 Fälle enthält. Darüber hinaus gab es ab der 29. Meldewoche 4 Ausbrüche in Bars (insgesamt 62 Fälle)." Eine ähnlich lautende Anfrage des rbb|24 ließ die Senatsverwaltung bislang unbeantwortet.

Mehr und mehr deutet daraufhin, dass schon eine ganze Weile das Infektionsgeschehen in Berlin kaum nachzuverfolgen und schwer zu kontrollieren ist. Und das entsprechend drastische Einschnitte im öffentlichen Leben wohl unumgänglich waren. Denn selbst wenn wirklich die meisten Ansteckungen in den Haushalten passieren: Es braucht die Feiern, die Restaurants, die Bars und die anderen Orte, an denen sich Leute aus verschiedenen Haushalten anstecken, damit die Epidemie weiterläuft [sciencemag.com]. Bis jedoch die Gesundheitsämter wieder in der Lage sind, Ansteckungen in ausreichendem Maße nachzuverfolgen oder noch besser zu verhindern, werden wohl noch Wochen vergehen.

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