Passanten mit Mund-Nasen-Schutz gehen auf der Tauentzienstraße. (Quelle: dpa/C. Soeder)
Audio: rbb 88.8 | 09.11.2020 | Juliane Kowollik | Bild: dpa/C. Soeder

rbb|24 exklusiv | Corona-Infektionen in Berlin - Gesundheitsämter scheitern an der Kontaktnachverfolgung

Schon seit Wochen sind die Fallzahlen in den Berliner Bezirken weit jenseits jeglicher Grenzwerte. Nun stellt sich heraus: bei 94 Prozent der Corona-Infektionen lässt sich aktuell die Infektionsquelle nicht feststellen. Von Haluka Maier-Borst

Die Corona-Situation in Berlin ist schon lange jenseits der Werte, die mal als beherrschbar galten. Bund und Länder hatten sich im Mai auf einen Grenzwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern binnen einer Woche geeinigt. Solange sei es den Gesundheitsämtern noch mehr oder minder möglich Kontakte nachzuverfolgen und Neuinfektionen zu verhindern.

Kurz nach dem Beschluss erklärten Experten, dieser Grenzwert sei relativ hoch gewählt – auch weil Berlin zum Beispiel kein einziges Mal diesen Grenzwert in der ersten Phase der Pandemie gerissen hatte. Der Berliner Senat setzte seinen Grenzwert niedriger, auf 30 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern innerhalb von 7 Tagen.

Seit einem Monat sind diese Unterschiede Makulatur. Am 30. September übersprang die Zahl der Neuinfektionen den Berliner Grenzwert. Eine gute Woche später, am 8. Oktober, übersprang sie auch die bundesweite Grenze von über 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern binnen einer Woche. Seit Wochen stehen die Zahlen nun beim Vielfachen der Grenzwerte.

Was das konkret für die Arbeit der Gesundheitsämter bedeutet, zeigt nun eine Aussage der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung. Auf Anfrage von rbb|24 erklärt die Senatsverwaltung, dass sie derzeit bei 94 Prozent der Fälle "keine klare Infektionsquelle" benennen könne. Anfang Oktober lag der Wert noch bei ebenfalls hohen 82 Prozent.

Damit fällt aktuell die Kontaktnachverfolgung als Mittel zur Eindämmung der Pandemie weitgehend weg. Das ist nach Einschätzung von Expertinnen und Experten fatal, da sie als effizienteste Maßnahme zum Verhindern von Neuinfektionen gilt – zumindest solange es weder Impfstoff noch Medikament gegen Corona gibt. Allerdings funktioniert die Kontaktnachverfolgung eben nur bei niedrigen Neuinfektionszahlen.

Ferner zeigt sich, dass wohl auch die Änderung der Nachverfolgungsstrategie in Berlin nur begrenzten Erfolg bislang hat. Am 23. Oktober hatte man sich entschieden, bei der Kontaktnachverfolgung auf Risikogruppen zu konzentrieren. Nun zeigen die aktuellen Zahlen, dass von den wenigen Ausbrüchen, die sich zurückverfolgen lassen, ein größer werdender Anteil inzwischen in Alten- und Pflegeeinrichtungen passiert. Das könnte damit zu tun haben, dass man dort aktuell genauer hinschaut. Die Tatsache, dass aber immer mehr Ältere sich anstecken und die Intensivstationen sich mit Covid-19-Patienten füllen, deutet eher auf das Gegenteil hin. Es scheint so, als würde die Strategie nicht aufgehen, speziell Infektionen bei den Älteren und Menschen mit Vorerkrankungen zu vermeiden.

Schon zuvor hatten einige Forscherinnen und Forscher bereits Skepsis geäußert, inwiefern man die Risikogruppen allein schützen und abschirmen könne. So sagte die epidemiologische Modelliererin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik in Göttingen schon Anfang Oktober gegenüber rbb|24:

"Zu den vulnerablen Menschen gehören ja nicht nur Leute in Pflegeheimen, sondern eben auch Leute mit Diabetes, Krebs oder Übergewicht, die einem ganz normalen Alltag nachgehen. Wie wollen Sie die und deren Kontakte, die das Virus mitbringen könnten, abschirmen?"

War es überhaupt möglich, genaue Schuldzuweisungen zu machen?

Die dürftigen Ergebnisse bei der Kontaktnachverfolgung werfen aber auch Fragen auf, wenn es um die Kommunikation der Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) geht. Kalayci hatte noch Ende September erklärt, dass private Feiern und das "Clubgeschehen" hauptverantwortlich für die damaligen Probleme seien. "Beides treibt die Infektionszahlen", erklärte sie. Belege für diese Aussage lieferte sie nicht.

Stattdessen erklärte die Senatsverwaltung für Gesundheit auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen Anfang Oktober: "Nach der Lockerung der Kontaktbeschränkungen (ab Meldewoche 29) ist uns ein Ausbruch in einem Club bekannt, der 8 Fälle enthält. Darüber hinaus gab es ab der 29. Meldewoche 4 Ausbrüche in Bars (insgesamt 62 Fälle)." Eine ähnlich lautende Anfrage des rbb|24 ließ die Senatsverwaltung bislang unbeantwortet.

Mehr und mehr deutet daraufhin, dass schon eine ganze Weile das Infektionsgeschehen in Berlin kaum nachzuverfolgen und schwer zu kontrollieren ist. Und das entsprechend drastische Einschnitte im öffentlichen Leben wohl unumgänglich waren. Denn selbst wenn wirklich die meisten Ansteckungen in den Haushalten passieren: Es braucht die Feiern, die Restaurants, die Bars und die anderen Orte, an denen sich Leute aus verschiedenen Haushalten anstecken, damit die Epidemie weiterläuft [sciencemag.com]. Bis jedoch die Gesundheitsämter wieder in der Lage sind, Ansteckungen in ausreichendem Maße nachzuverfolgen oder noch besser zu verhindern, werden wohl noch Wochen vergehen.

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Beitrag von Haluka Maier-Borst

76 Kommentare

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  1. 76.

    In Taiwan oder insbesondere Südkorea sind Masken nur ein Begleitinstrument (In Taiwan gibts übrigens pro Nase 5 Masken pro Tag für nen Euro!). Der Schwerpunkt liegt auf konsequenter Kontaktnachverfolgung und Quarantäne. Auch braucht in Taiwan keiner finanzielle Auswirkungen einer Quarantäne zu befürchten.

    Hier in D wird selbst heute noch die Maske als wirksamstes Mittel beschworen. Kontaktnachverfolgung war von Anfang an schwierig, Quarantäne nicht überwacht. Und viele rennen lieber auf Arbeit als wegen einer möglichen Infektion zuhause zu bleiben (zu können). Angst um den Job ist der Grund.

  2. 75.

    Wenn die Masken keinen Sinn machen frage ich mich warum es in Taiwan kaum Corona Kranke gibt.
    Was mich aber wirklich ärgert ist, dass erst behauptet wurde,wir brauchen keine Maske.
    Später aber doch.
    Das war einfach zu offensichtlich, weil es keine gab.
    Und das, ist wirklich ein Skandal.

  3. 74.

    Es braucht nicht nur die Feiern, Partys, Restaurants und Bars um den Virus weiterzuverschleppen sonder die Schulen gehören glaube ich zur Zeit zu den Risikoreichsten Orten. Aber darüber schweigt gerne der Senat.

  4. 73.

    Ich rede nicht von Schulschliessung...aber wenn dieser Regelbetrieb so weiter geht dann wird es früher oder später so kommen. Ältere Schüler ab der 5 Klasse sind dazu in der Lage eine Mischung aus Homeschooling und Präsenz zu machen. Ich kenne inzwischen Oberschulen die diesem Prinzip freiwillig nachgehen weil dieser Stufenplan ein einiger Schwachsinn ist. Die Stufen steigen von grün auf rot wieder auf gelb... die Kinder kommen gar nicht mit dem Regeln durch dieses hin und her klar. Die Zahlen in den Schulen stimmen vorne und hinten nicht weil die Kinder nicht mehr getestet werden...es wurden 4 Klassen in Qurantäne geschickt und nicht ein Kind wurde getestet... wie soll also nachvollzogen werden auf welche Stufe die Schulen stehen? Man hält uns Eltern echt zum Narren....

  5. 72.

    Ich rede nicht von Schulschliessung...aber wenn dieser Regelbetrieb so weiter geht dann wird es früher oder später so kommen. Ältere Schüler ab der 5 Klasse sind dazu in der Lage eine Mischung aus Homeschooling und Präsenz zu machen. Ich kenne inzwischen Oberschulen die diesem Prinzip freiwillig nachgehen weil dieser Stufenplan ein einiger Schwachsinn ist. Die Stufen steigen von grün auf rot wieder auf gelb... die Kinder kommen gar nicht mit dem Regeln durch dieses hin und her klar. Die Zahlen in den Schulen stimmen vorne und hinten nicht weil die Kinder nicht mehr getestet werden...es wurden 4 Klassen in Qurantäne geschickt und nicht ein Kind wurde getestet... wie soll also nachvollzogen werden auf welche Stufe die Schulen stehen? Man hält uns Eltern echt zum Narren....

  6. 71.

    Ah ja, nun, der Rechtsweg zum Zwecke der Überprüfung steht jedem offen, auch Ihnen. Auch so eine Regel, wenn Sie denn schon die Rechtsstaatlichkeit bemühen. Und wenn Sie die Konsequenzen Ihrer Regelverstöße akzeptieren, alles gut.

  7. 70.

    Was machen wir denn nun mit den Hochinfektiösen Kindern ? Einsperren ? Verhungern, verdursten lassen ? - Ihr wollt aber das sie euch in 20 Jahren das Fieberthermometer in den Mund stecken und den Hintern abwischen ? - Für soviel Wertschätzung, wird wohl kein Jugendlicher in die Pflegeausbildung gehen.

  8. 69.

    Schön, dass Politik und Verwaltung diese Schwachstelle schon gefunden haben. Darauf habe ich monatelang gewartet.

    Es braucht lediglich 1 Infizierte bei der Nachverfolgung fehlen und schon gehts immer heimlich weiter. Das haben wir aber über Monate so praktiziert. Da brauchen wir nicht die "bösen Jugendlichen" oder die Privatfeiern. Allein durch diesen Fehler im System sind zig ... Infektionen entstanden, die nicht verfolgt wurden oder verfolgt werden konnten.

  9. 68.

    Ja, klar - wenn ich die damit verbundenen Ziele auf anderem Weg auch erreichen kann.
    Ja, klar - wenn die Verordnungen keine rechltiche Grundlage haben, auch nicht im Infektionsschutzgesetz.
    Ja, klar - wenn Grundrechte verfassungswidrig präventiv eingeschränkt werden.
    Ja, klar - wenn sich der demokratische Rechtsstaat ins Nirvana zu verabschieden droht.
    Ja, klar - wenn ich nachts doch mal über eine rote Ampel gehe, wenn alles frei ist.
    Ja, klar - wenn es darum ginge, mein Kind zu schützen.
    Ja, klar - wenn ich meinen Hund an unerlaubter Stelle ableine, damit der auf einer riesigen leeren Freifläche mit einem anderen toben.
    Ja, klar - Sie haben noch nie selbst gegen irgendetwas Vorgeschriebenes verstoßen.

  10. 66.

    "...Die Strategie: Testen, Nachverfolgen, Isolieren halte ich für vollkommen falsch. ..."

    Warum? Diese Strategie funktioniert doch, und zwar bestens. Allerdings nicht in Deutschland oder Europa, sondern in Taiwan und Südkorea. Die machen das nämlich von Beginn an konsequent und brauchten daher bisher auch keinen Lockdown.

  11. 65.

    Die Strategie: Testen, Nachverfolgen, Isolieren halte ich für vollkommen falsch. Vor allem das Testen von Millionen gesunden, jungen Menschen mit dem nicht aussagekräftigen PCR-Test. Diese riesigen finanziellen Mittel (Material und Personal) gehören eingesetzt in Krankenhäusern und Alten- und Pflegeeinrichungen! Dort fehlen diese Mittel. Dem gesunden Teil der Gesellschaft sollte man nicht schaden durch Maskenpflicht, Untersagung von Vereinsleben, Sauna... Erhaltung eines menschenwürdigen und freien Lebens für alle Altersgruppen ist gut für die Gesundheit! Und bloß nicht wieder weitere Einschränkungen in Alterspflegeeinrichtungen! Einsamkeit tötet schneller als jedes Virus!

  12. 64.

    Kontakte, die in der Vergangenheit liegen, nachzuverfolgen, ist doch sinnlos! Selbst, wenn man nach 10 min schon einen Kontakt wiederfindet, ist er doch bereits angesteckt. Oder auch nicht. Daran ändert das Verfolgen doch nix. Es wäre schön, wenn die Heerscharen fiebernder und hustender Schüler mal getestet würden. Die ohne jeden Schutz dicht gedrängt in schlecht belüfteten kleinen Räumen hocken, jede Stunde neben einem anderen "Kontakt".

    Solange die Schulen offen sind, muss man nix nachverfolgen. Das "Kleine Welt Phänomen" gilt auch hier. Der Kontakt"baum" ist sofort riesig, solange man arbeitet im Büro/Produktion/Laden oder Schüler im Haushalt hat...

  13. 62.

    Gekippt wurde sie nicht richtig, weil es wurde lediglich für einen Aufgehoben. Die Begründung war, dass das Verwaltungsgericht nur die Umsetzung anmahnte, sie stellt die Maskenpflicht nicht grundsätzlich in Frage.

    Das bedeutet also, Maskenpflicht in Fußgägnerzonen ist ok.

  14. 61.

    Na ja, zumindest kann man sich an skandinavische Läner anlehnen - Oberstufe nur digital.

  15. 60.

    Nein, es ist eine wesentliche Voraussetzung für das Funktionieren einer Gesellschaft, dass Regeln gelten und beachtet werden.

  16. 59.

    Von mir dazu mal die Zahlen:
    In der Woche Anfang Mai, in der der Wert 50 resp. 35 festgelegt wurde, gab es in Berlin 20.247 Tests, die 7d-Inzidenz lag bei ca. 9.

    In der Woche bis 25.10.20, die letzte, für die im Lagebericht bisher die Testzahl angegeben wurde, gab es in Berlin 66.312 Tests.7d-Inzidenz im Verhältnis ca. 34, nach absoluten Zahlen (also offiziell) ca. 122.

    Natürlich gibt es auch andere Einflüsse, so dass die Hochrechnung im Verhältnis der Tests nicht alleinig herangezogen werden kann, aber mehr Infos werden leider nicht zur Verfügung gestellt.

  17. 58.

    Und welche Zahl hätten Sie gerne?
    Dass ab 35 oder 50 die Ämter bei der Kontaktverfolgung überfordert sind und deshalb diese Marken gewählt wurden ist zumindest mal etwas, was auch der Bürger nachvollziehen können sollte - normalerweise. Nun sind wir bei knapp 200 und 94% der Infektionen sind nicht mehr nachvollziehbar. Wäre diese Marke für Sie besser geeignet oder vielleicht noch etwas höher? Wird ja inzwischen mehr als 4x so viel getestet...

  18. 57.

    Schon die ersten Schulschließungen werden für viele Schüler gravierende Folgen haben. Können wir das wirklich wollen? Wollen Sie das?
    Gerade die Grundschüler, die mitnichten als Pandemie-Treiber gelten, sind davon in ihrer Zukunft betroffen. Sat das das Frankfurter Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung in einer aktuellen Studie:
    https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/corona-folgen-einfluss-von-schulschliessungen-auf-spaeteres-gehalt-16998042.html

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