Der Künstler Emanuel Barica (Quelle: privat)
Bild: Privat

#Wiegehtesuns? | Der Maler - "Mir wurde klar, wie wertvoll unsere Roma-Kultur ist"

Seit sechs Jahren lebt Emanuel Barica aus Rumänien in Berlin. Der 25-jährige Künstler ist innerhalb der Roma-Community bekannt und gut vernetzt. Vor der Pandemie hat er oft im Freien gezeichnet. Das hat sich nun geändert. Ein Protokoll.

Corona betrifft uns alle – nicht nur in Berlin und Brandenburg. In kürzester Zeit hat das Virus unser Leben auf den Kopf gestellt. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir gerade?

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen uns Menschen aus der Region, wie ihr Alltag gerade aussieht.

Der 25-jährige Emanuel Barica ist Rom, seit sechs Jahren lebt der Künstler in Berlin. Vor der Pandemie hat er oft draußen gearbeitet. Das ist nun anders. So geht es Emanuel:

Wegen Corona habe ich jetzt mehr Zeit für meine Kunst. Ich zeichne, manchmal zehn, zwölf Stunden hintereinander, unter anderem Porträts. Vor der Pandemie habe ich oft draußen gearbeitet, etwa auf dem Alexanderplatz. Das ist jetzt kaum möglich. Daher sitze ich oft in meinem 14 Quadratmeter kleinen WG-Zimmer. Ich öffne das Fenster, um die Vögel zwitschern zu hören und Kontakt zur Natur zu bekommen. Außerdem höre ich Musik; sie inspiriert mich.

Zum Zeichnen benutze ich Stifte und Papier. Immer öfter zeichne ich auch mit dem Finger auf dem Bildschirm meines Smartphones. Diese digitale Kunst verkaufe ich über meinen Instagram-Kanal. Ich gebe Zeichenkurse, die wir wegen Corona ins Internet verlegt haben. Jeder der Kurse dauert ungefähr 30 Minuten. Ich habe sie zusammen mit Amaro Foro organisiert, einer Jugendorganisation für Roma und Nicht-Roma in Berlin.

Aufgewachsen bin ich in Bukarest und in Botoschan, einer Stadt im Nordosten Rumäniens. Wir Roma-Kinder saßen im Klassenzimmer immer ganz hinten. Ich erinnere mich, wie ich auf die Fragen der Lehrerin antworten wollte. Weil ich ein Rom bin, nahm sie mich nicht ernst.

Ich fing an zu glauben, dass unsere Roma-Kultur minderwertig sei. Das haben uns die rumänischen Leute so vermittelt.

Mit 15 sah ich im Fernsehen japanische Animationsfilme, Anime. Durch sie lernte ich viel über Moral, Ethik und Menschenrechte. Die Helden dieser Filme traten für ihre Sache ein. Ich beschloss, das auch zu tun. Mir wurde klar, wie wertvoll unsere Roma-Kultur ist. Unsere Sprache, unser Zusammenhalt. Wir wurden in Rumänien jahrhundertelang als Sklaven gehalten. Trotzdem – unsere Kultur ist noch da.

Wegen dieser Animationsfilme fing ich an zu zeichnen, vor allem Porträts und Karikaturen. Meine Kunst war mir bald wichtiger als die Schule, auf die ich eh keinen Bock hatte. Mit 17 ging ich nicht mehr hin. Auch weil ich meine Mutter unterstützen wollte, die ohne meinen Vater zurechtkommen musste.

Dann wollte ich auch nicht mehr in Rumänien leben, weil ich als Rom dort keine Zukunft habe. Ein Freund aus Kindertagen war schon in Deutschland. Mit 19 setzte ich mich in den Bus nach Berlin. Dank Amaro Foro habe ich viele Kontakte geknüpft. Ich bin mit dem europäischen Bildungsprogramm Erasmus plus nach Polen, Mazedonien und Albanien gereist, habe an Kursen teilgenommen. Eine Kunstschule habe ich bis heute nicht besucht. Ausstellungen hatte ich trotzdem, unter anderem im Abgeordnetenhaus.

Berlin ist ein cooler Ort für Künstler. Sie kommen, um sich hier eine Karriere aufzubauen. Daher gibt es auch viel Wettbewerb. Mir gefällt, dass ich hier immer wieder interessante Menschen kennen lerne. Vor ein paar Jahren zeichnete ich am U-Bahnhof Kottbusser Tor, als mich ein Mann aus Polen ansprach. Wir unterhielten uns über Kunst, und er lud mich ein, die Gemäldegalerie zu besuchen. Es gibt viele große Künstler, die ich bewundere. Aber wichtiger als Vorbilder ist es mir, als Künstler das Leben zu erforschen.

Wenn ich Zeit habe, lerne ich Japanisch mit dem Buch, das mir meine Freundin geschenkt hat. Sie stammt aus Japan. Dorthin würde ich gerne einmal fahren. Noch wichtiger ist mir mein Traum: Ich möchte ein Unternehmen gründen und Animationsfilme drehen. Damit will ich Jugendliche aus schwierigen sozialen Verhältnissen unterstützen. Vielleicht können sie eine Ausbildung anfangen oder Multiplikatoren werden.

Gesprächsprotokoll: Josefine Janert

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1 Kommentar

  1. 1.

    Na, das meiste klingt doch sehr vielversprechend. Allerdings verstehe ich bisher nicht, wieso es wg Covid-19 nicht möglich ist, draussen Portraits zu zeichnen. Ein weitgehend sicherer Abstand z.B. von 3 m müsste da doch machbar sein?

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