Die Wohnungslose Andrea steht in ihrem Zimmer im Wohnheim, dass die Berliner Stadtmission während der Corona-Pandemie eingerichtet. (Bild: rbb/Josefine Janert)
Bild: rbb/Josefine Janert

#Wiegehtesuns? | Die Wohnungslose - "Ich habe jetzt ein Bett und eine Dusche – was für ein Segen!"

"Bitte bleiben Sie zu Hause" heißt es auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie. Doch Andrea hat kein Zuhause, sie ist wohnungslos. Als Frau auf der Straße zu leben, beschreibt sie als besonders hart. Doch die Pandemie hat für sie auch etwas Gutes. Ein Protokoll

Corona betrifft uns alle – nicht nur in Berlin und Brandenburg. In kürzester Zeit hat das Virus unser Leben auf den Kopf gestellt. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir gerade?

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen uns Menschen aus der Region, wie ihr Alltag gerade aussieht.

Andrea ist wohnungslos. Ein Gutes hat die Corona-Krise für sie: Die Stadtmission hat für Menschen wie sie ein Wohnheim eingerichtet, in dem sie auch drei Mahlzeiten am Tag bekommt. Sie hofft, dass es jetzt weiter bergauf geht und sie vielleicht sogar einen Job finden kann.

Mitte Mai hat die Berliner Stadtmission ein Wohnheim für wohnungslose Menschen eingerichtet. Wir sollen vor den Gefahren der Pandemie geschützt werden. Für mich ist das Wohnheim ein Segen. Ich kann in dem winzigen Bad, das zu unserem Zimmer gehört, duschen und bekomme drei Mahlzeiten am Tag. Dadurch kann ich sogar etwas Geld sparen. Neben dem Speisesaal steht ein Regal, wo ich mir Bücher aussuchen kann. Gerade habe ich mir ein englisches Buch genommen.

Wohnungslos – da denken viele Leute an verlotterte Männer, die nach Schnaps riechen. Dass ich seit drei Jahren keinen festen Wohnsitz mehr habe, sieht man mir wohl nicht an. Ich lege großen Wert auf Körperpflege. Vor der Pandemie habe ich oft in der Notübernachtung der Stadtmission geschlafen, wo man sich auch waschen kann. Alkohol trinke ich kaum. Meine Mutter war trockene Alkoholikerin und hat mich von klein auf immer wieder vor Hochprozentigem gewarnt. Einmal erlitt sie für anderthalb Jahre einen Rückfall, der mir drastisch im Gedächtnis geblieben ist. Inzwischen sind meine beiden Eltern tot.

Ich habe einen Fachschulabschluss. Auch das würden viele Leute von einer Wohnungslosen kaum erwarten. Aber ich habe schon etliche Menschen mit anspruchsvollen Berufen getroffen, die in Berlin durchstarten wollten, es aber nicht geschafft haben. Mir ist es bislang auch nicht gelungen, in meinem Beruf so Fuß zu fassen, dass ich davon leben kann.

Das will ich mir jetzt erkämpfen. Auf der Straße zu leben ist ein Abenteuer, aber vor allem entsetzlich anstrengend. Du bist immer in der Öffentlichkeit, hast niemals einen Raum für dich. Wohnungslose Frauen gelten einigen Männern als leichte Beute. Ich bin schon oft sexuell belästigt worden. Ich habe auch Angebote bekommen, nach dem Motto: Du kannst bei mir wohnen, wenn du putzt. Es war klar, dass die betreffenden Männer mit mir schlafen wollten, so als Gegenleistung. Aber ich bin keine Prostituierte!

Es mag komisch klingen, aber seit ich keinen festen Wohnsitz mehr habe, hatte ich auch viele gute Erlebnisse. Berlin ist eine Stadt, wo du mit verschiedenen Leuten leicht ins Gespräch kommst. Es macht Spaß, zum Beispiel mit Touristen aus Irland oder den USA zu plaudern. Manche Leute fragen ganz nett: Wie geht es dir? Brauchst du etwas?

Vor der Pandemie habe ich mich oft in eine Bibliothek oder ein Café gesetzt, um Zeitung zu lesen. Als es losging mit Corona, war dann alles plötzlich zu, und die Straßen waren wie leergefegt. Surreal! Ich las andauernd Aufforderungen: "Bleiben Sie zu Hause, so retten Sie Leben." Liebend gern wäre ich nach Hause gegangen, zumal es im März noch recht kühl war.

Ich bin evangelisch getauft. Gott spielt tatsächlich eine Rolle in meinem Leben. Schon vor drei Jahren habe ich mich gefragt, warum mir dieses Los zuteil wird – als Frau auf der Straße zu leben. Im Gebet habe ich so eine Art Antwort bekommen: Du bist nicht schuld an dieser Situation. Es wird sich alles klären, nur braucht es dafür etwas Zeit.

Schon jetzt merke ich Verbesserungen. Ich schlafe nicht mehr draußen. Ich habe Termine mit Sozialarbeitern, die mich in einem Wohnprojekt unterbringen wollen. Auch um einen Job will ich mich kümmern. Vielleicht werde ich das, was ich jetzt als Wohnungslose erlebe, in ein paar Jahren künstlerisch aufarbeiten. Ich bin überzeugt davon, dass dieser Lebensabschnitt vorübergeht. Und dass ich hier etwas Wichtiges lerne. Ich schaffe das – mit Gottes Hilfe!

Gesprächsprotokoll: Josefine Janert

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12 Kommentare

  1. 12.

    Das sehe ich in beiden Punkten genauso. Die Wohnungslosigkeit nur beenden zu wollen, ist nicht die Problematik und Herausforderung, die hiner Wohnungslosigkeit steckt. Das wäre noch nicht einmal die Problematik bei Suchtkranken. Wohnnungslosigkeit hat nichts mit Selbstverschulden zu tun.

    Es geht um vielfach bewusst Ungehörte und Ungesehene, die keine Lobby für sich haben, wie etwa Großindustrielle. Mehr noch, es gibt viele Fälle von direkten Rechtsversagungen: Menschen werden von Ämtern wie von Teilen der Politik Rechte trotz Rechtsansprüchen abgesprochen und eigene, staatliche Verpflichtungen ignoriert.

    Es ist ein Empathie verbreitender Artikel, der mit Klischees von nach außen hin erkennbaren Wohnungslosen u. nicht-autonomen Persönlichkeiten aufräumt. All zu oft werden Stereotype bis hin zu sozialdarwinistischen Haltungen verbreitet.

  2. 11.

    Sorry, aber was soll denn dieser Kommentar?! Das GG gibt jedem das Recht auf seine Religion. Wenn Sie damit nichts anfangen können, ok. Aber der Respekt gebürt dem Anders Denkenden! Ihre Beschimpfungen sind da wirklich fehl am Platz!

  3. 10.

    Und natürlich wünsche auch ich Andrea von ganzem Herzen, dass sie sehr bald neue Lebensperspektiven hat.

  4. 9.

    Liebe Toska,

    Sie schreiben: "Man kommt aus jeder Situation raus , man muss es nur wollen. "
    Es wäre schön, wenn das so einfach wäre, manche alten Märchen beginnen mit "Zu der Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, ...". Sicher meinen Sie es nicht so, aber gegenüber jemandem, der wie Andrea den festen Willen hat, ihr Leben nachhaltig zu verändern - das geht ja deutlich aus dem Artikel hervor -, sind Sätze wie Ihr oben zitierter bestenfalls gedankenlos.

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    Es ist ein riesiger Schandfleck auf Deutschlands ohnehin nicht blütenweißer Weste, dass dieses reiche Land nicht imstande - ich fürchte aber eher: nicht willens - ist, Schicksale wie das von Andrea von vornherein auszuschließen. Die Verankerung eines grundgesetzlichen Rechtes auf Wohnraum ist über-über-überfällig. Genügend Geld zur Verwirklichung wäre ja da.




  5. 8.

    Lieber Leser oder liebe Leserin "hm",
    Sie fragen, warum ich den Beruf der Wohnungslosen Andrea nicht genannt habe. Ich bin die Autorin des Textes. Ich habe ihn nicht genannt, weil Andrea nicht erkannt werden will. Der Beruf ist sehr spezifisch - man könnte sofort Rückschlüsse auf ihre Person ziehen. Josefine Janert

  6. 7.

    Alles Gute und viel Erfolg für Andrea.
    Danke auch für den Bericht. Dieses Thema taucht in den Medien viel zu wenig auf.
    Es ist eine Schande, dass es in Deutschland Menschen gibt die kein Dach über dem Kopf haben und andere die nicht wissen, wo sie ihr Geld bloß noch hinschaffen Sollen um Steuern zu sparen. Steckt es in soziale Projekte, dann tut ihr etwas Gutes und spart auch noch Steuern.

  7. 6.

    Mit Gottes Hilfe, ernsthaft?
    Warum hat dann nicht Gott verhindert dass sie überhaupt auf der Straße landet?
    Hätte nicht gedacht dass es noch solche peinlichen Ansichten gibt.

  8. 5.

    Ein sehr guter Beitrag! Viel Glück und Gesundheit und dass, die junge Frau bald eine Arbeit findet. Es war schön zu lesen in welcher Brache sie Arbeitete, damit wie hier schon geschrieben es potenzielle Arbeitgeber lesen, auch ein Angebotmachen können.

  9. 4.

    Dieses Thema ist für mich immer noch sehr befremdlich. Ich fühle mich dann immer um mindestens
    70 Jahre zurückversetzt. Menschen ohne Wohnraum, ohne eine Bleibe, im Prinzip wie ein Tier. Dieses soziale Menschenrecht ist hier nicht einklagbar, und das wird auch so bleiben. Eigentlich eine Schande, aber die wenigsten interessiert es. Warum eigentlich?

  10. 3.

    Tolles Beispiel, dass man auch mit wenig ein zufriedenes Leben führen kann. Ich drücke ihr die Daumen, dass sich alles zu ihrer Zufriedenheit wendet.

  11. 2.

    Wieso wird in dem Interview nicht der Beruf genannt, schließlich werden auch potentielle Arbeitgeber rbb24 lesen. Vielleicht hat Sie ja noch ein bisschen mehr Glück und für Sie ist Corona die Chance auf ein geregeltes und sicheres Leben. Viel Erfolg.

  12. 1.

    Ein sehr schöner Bericht und ich drücke der Andrea beide Daumen dass es so positiv weitergeht.
    Und Liebe Andrea lass es dir gesagt sein mit Gottes Hilfe und der weltlichen Hilfe durch Sozialarbeiter schaffst Du das.
    Man kommt aus jeder Situation raus , man muss es nur wollen.
    Sei ganz lieb gegrüßt von mir Toska

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