Psychotherapeutin Silvia aus Berlin (Quelle: Gregor Grunenberg)
Bild: Gregor Grunenberg

#Wiegehtesuns? | Die Psychotherapeutin - "Viele sind von äußerem Stress entlastet"

Als Psychotherapeutin trifft Silvia L. häufig auf Menschen mit Problemen und Ängsten. Sie stellt fest: Für manche ihrer Patienten ist die neue Situation mit Corona sogar eine Chance. Erfahrungsprotokoll einer Therapeutin.

Corona betrifft uns alle in Berlin und Brandenburg – mehr als viele andere Ereignisse zuvor. In kürzester Zeit hat das Virus unser Leben auf den Kopf gestellt. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir gerade?  

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen aus der Region, wie ihr Alltag gerade aussieht.

Silvia L. arbeitet seit 1999 als KV-zugelassene Psychotherapeutin. Sie ist zusammen mit zwei anderen Therapeuten in einer Praxis in Berlin-Kreuzberg tätig. So geht es Silvia:

Was meinen Arbeitsalltag betrifft, hat sich nicht so viel geändert, ich gehe normal in die Praxis. Von Kollegen höre ich, dass Patienten absagen, weil sie Angst vor Infizierung haben. Das kann ich von meinen nicht sagen.

Als es losging mit Corona habe ich an alle Patienten die Information verschickt, dass auch eine Videosprechstunde möglich ist. Das Angebot ist sehr spärlich angenommen worden. Es ist vollkommen anders, als wenn wir uns gegenübersitzen und die oftmals so schwierigen Dinge besprechen. Die Atmosphäre ist etwas gestört. Aber die meisten Patienten sind schon länger bei mir und es ist so eine Vertrautheit da, dass man das ein bisschen überbrücken kann. Auf Dauer möchte ich aber keine Videosprechstunde machen.

Mit meinen Kollegen habe ich die Bestellzeiten jetzt so gesetzt, dass Patienten sich nicht im Wartebereich begegnen, und der Abstand eingehalten werden kann. Die psychotherapeutischen Gespräche haben sowieso von vornherein eine therapeutische Distanz, die Stühle stehen mindestens 1,50 Meter auseinander. Klar, man gibt sich jetzt nicht mehr die Hand. Aber sonst ändert sich nichts.

Corona ist fast immer Einstiegsgespräch. Aber ansonsten geht es schnell in die jeweilige Thematik, wegen der der Patient in die Therapie gekommen ist. Ich bin positiv überrascht, wie viele von äußerem Stress entlastet sind, weil sie zu Hause bleiben müssen. Sie sind frei von Besorgungen, Organisation und vielen Verpflichtungen und können sich jetzt intensiv den Problemen widmen, wegen denen sie in die Praxis gekommen sind. Ich habe auch Burnout-Patienten, und bei denen ist jetzt der äußere Druck weg. Vor allem bei Frauen ist das so. Das ist eine Chance, die da wahrgenommen wird.

Natürlich gibt es auch viele Patienten, die jetzt in finanzielle Schräglagen gelangen, etwa die so genannten Solo-Selbständigen. Aber die haben oftmals auch Rücklagen, auf die sie zurückgreifen oder eine Familie, die ihnen helfen kann. Was ich als sehr angenehm wahrgenommen habe ist, dass sie alle sofort diese Unterstützung überwiesen bekommen haben. Das ist natürlich schon mal ein bisschen entlastend.

Wenn die Leute in einigen Wochen nicht wieder arbeiten können, wird es sicherlich sehr, sehr kritisch. Ich höre auch oft, dass es für Menschen, die gesundheitlich sehr beeinträchtigt sind, ganz schwer ist, irgendwie in Gemeinschaft zu kommen. Die haben eine große Sehnsucht, Menschen kennenzulernen, und das ist jetzt natürlich überhaupt nicht möglich. Da müssen wir an den Telefon-Notdienst, an Telefonseelsorgen und andere telefonische Beratungsstellen verweisen, wenn es sich nicht um die eigenen Patienten handelt.

Dass die Panik wegen der Corona-Situation schlimme Seiten aus den Menschen hervorholt, hat mich erschreckt. Zu Anfang habe ich in der Praxis Berichte gehört, dass man sich im Supermarkt um Speiseöl geschlagen hat. Ich stelle aber fest, dass sich das verändert hat, dass die Menschen wieder aufmerksamer und freundlicher miteinander geworden sind. Das ist die andere Seite: Man nimmt den anderen auf einmal besonders wach wahr. Das macht mich ziemlich froh. Ich stelle mir ungern eine düstere Zukunft vor. Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass die Vorsichtsmaßnahmen ausreichen, und dass es besser weitergeht.

Gesprächsprotokoll: Nele Haring

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