Polizei-Bilanz - 950 Festnahmen bei "Querdenker"-Protesten - die meisten nicht aus Berlin

Archivbild: Nach der dritten Aufforderung der Polizei wird eine junge Frau von der Polizei weggetragen. Verbotene Querdenker-Demo auf der Straße des 17. Juni an der Siegessäule. (Quelle: imago images/R. Kremming)
Audio: Inforadio | 02.08.2021 | Helena Daehler | Bild: imago images/R. Kremming

Bei den illegalen Protesten der "Querdenker"-Szene am Wochenende in Berlin sind fast 1.000 Menschen vorübergehend festgenommen worden. Laut Polizei kamen die meisten von auswärts. Ein Demonstrant starb an einem Herzinfarkt.

Die Polizei hat bei den nicht genehmigten Protesten gegen die Corona-Politik am Wochenende in Berlin 950 Menschen festgenommen. Diese Zahl nannte Polizeisprecher Thilo Cablitz am Montag dem rbb. Die meisten davon wurden nur vorübergehend wegen Missachtung des Versammlungsverbotes festgenommen, aber auch wegen Gewalt oder Widerstands gegen Einsatzkräfte. Mehr als 60 Prozent der Festgenommenen kamen demnach nicht aus Berlin.

Die Polizei leitete nach eigenen Angaben 503 Ermittlungsverfahren ein, unter anderem wegen tätlichen Angriffen, besonders schweren Landfriedensbruchs und Gefangenenbefreiung, Teilnahme an einer verbotenen Versammlung sowie Verstößen gegen das Infektionsschutzgesetz.

75 verletzte Einsatzkräfte

Die Strategie, größere Versammlungen möglichst schnell zu stoppen, sei grundsätzlich richtig gewesen, so der Polizeisprecher. Die wechselnde Dynamik habe die Polizei aber vor eine schwierige Aufgabe gestellt. "Berlin ist eine große Stadt und wir können tatsächlich nicht jeden Straßenzug absperren", sagte Cablitz.

75 Einsatzkräfte der Polizei wurden verletzt, die meisten davon nur leicht. Die Polizei hätte sich "grundsätzlich mehr" als die 2.000 eingesetzten Kräfte gewünscht, so Cablitz. Allerdings seien viele Einsatzkräfte der anderen Bundesländer derzeit in den Überschwemmungsgebieten gebunden.

Geisel: Jeder fünfte Demonstrant überprüft

Am Sonntag hatten in Berlin trotz Verbots rund 5.000 Menschen gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Innensenator Andreas Geisel (SPD) verteidigte in der rbb-Abendschau das Verbot der Demonstrationen. Die Veranstalter hätten schriftlich angekündigt, dass sie sich sich nicht an die Infektionsschutzverordnung halten würden. "Insofern war der Ermessensspielraum der Polizei auf Null gesetzt."

Die "Querdenker" hätten an vielen Orten der Stadt für Chaos gesorgt, sagte Geisel weiter. "Das war eine schwierige Situation für die Polizei, die aber insgesamt deeskalierend vorgegangen ist, aber auch entschlossen." Die Zahl der Festnahmen gab Geisel mit 967 an. Praktisch jeder fünfte Demonstrant sei einer Identitätsfeststellung unterzogen worden.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) wies auf die Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr hin, die gezeigt hätten, dass es aus den Versammlungen heraus immer wieder zu schweren Straftaten komme. "Angesichts der enormen Gewaltbereitschaft und zahlreicher verletzter Kolleginnen und Kollegen war es richtig, entsprechende Demos vorab zu untersagen, so dass sich gar nicht erst Zehntausende versammeln konnten", teilte der Sprecher der Berliner GdP, Benjamin Jendro, am Montag mit.

49-jähriger Demonstrant an Herzinfarkt gestorben

Am Montagmorgen wurde bekannt, dass ein 49-jähriger Teilnehmer der Proteste am Sonntag im Krankenhaus gestorben ist. Nach Angaben der Partei "Die Basis" handelt es sich um einen Mitgründer des Landesverbands NRW.

Wie die Berliner Generalstaatsanwaltschaft mitteilte, erlitt der Mann einen Herzinfarkt. Das habe die Obduktion ergeben. Hinweise auf "todesursächliche äußere Gewalteinwirkung" im Rahmen der Festnahme lägen nicht vor. Die Todesermittlungen seien noch nicht abgeschlossen.

Den Angaben zufolge hatte er eine Sperrkette der Polizei durchbrochen, dabei einen Polizeibeamten umgerissen und verletzt. Der Polizist habe ihn daraufhin verfolgt, zu Boden gebracht und vorläufig festgenommen. Unmittelbar danach habe der Mann über Schulterschmerzen geklagt, aber zunächst auf einen Arzt verzichtet. Später habe er erneut über Schmerzen geklagt, so dass die Polizei einen Rettungswagen angefordert habe, der nach wenigen Minuten eingetroffen sei. Nachdem er gegenüber den Rettungskräften und einem Notarzt auf Brustschmerzen und Kribbeln in den Händen hingewiesen habe, sei er kollabiert.

"Die sofort eingeleiteten Reanimationsmaßnahmen blieben erfolglos, er verstarb am Abend auf der Intensivstation der Charité", teilte die Generalstaatsanwaltschaft mit.

Medienvertreter nach Attacke verletzt

Bei den Protesten wurde am Sonntag auch der Gewerkschaftsvertreter Jörg Reichel angegriffen und verletzt. Reichel ist der Landesgeschäftsführer der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in Berlin-Brandenburg. Er wurde von Teilnehmern der eigentlich verbotenen "Querdenken"-Demonstration vom Fahrrad gezerrt, geschlagen und getreten. Zuerst hatte der "Tagesspiegel" berichtet.

Die Polizei leitete wegen gefährlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung und versuchtem Diebstahl ein Ermittlungsverfahren ein, wie eine Polizeisprecherin am Montag sagte. Die Bundesregierung verurteilte die Gewalttat gegen Reichel scharf. Der Angriff sei absolut unverständlich und zu verurteilen, sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer und sprach von einem "Missbrauch des Demonstrationsrechts".

Dem Tagesspiegel zufolge ließen die Täter erst durch das Eingreifen von Passanten von Reichel ab. Der Gewerkschaftler soll Verletzungen an Schulter und Beinen erlitten haben. Auf Twitter schrieb die dju: "Wir werden unserem Kollegen jede erdenkliche Unterstützung zukommen lassen und alles daran setzen, dass die Täter schnell ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden."

Dju-Bundesgeschäftsführerin Monique Hofmann sagte, Reichel gehe es körperlich den Umständen entsprechend gut. Er sei jedoch traumatisiert.

Für Montag geplante Demos verboten

Die Berliner Behörden hatten drei weitere Demonstrationen gegen die Corona-Politik verboten, die am Montag stattfinden sollten. Wie die Polizei mitteilte, handelte es sich um eine Kundgebung am Potsdamer Platz und zwei Aufzüge auf der Straße des 17. Juni. Dafür waren bis zu 10.000 Teilnehmer angemeldet. Laut Polizei gab es bis zum Abend keine neuen Zwischenfälle.

 

Sendung: Antenne Brandenburg, 02.08.2021, 09:00 Uhr

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135 Kommentare

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  1. 135.

    Ich fremdle mit Leuten, die Recht beugen, Journalisten verprügeln und "Lügenpresse" schreien, die verbotene Demos abhalten, den Staat ablehnen und "Freiheit" skandieren. Stehen (S)sie über geltendem Recht? NEIN.
    Erinnert mich an eine sogenannte "Bewegung" in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Sie sollten sich schämen.

  2. 134.
    Antwort auf [Rene] vom 02.08.2021 um 22:40

    irgendwie verrennen Sie sich. Wir sind meilenweit von einem derartigen Szenario entfernt. Das permanente Beschreien einer solchen Situation ist doch ihr Wunschgedanke. Sie wollen den Status Quo nicht mehr haben.

  3. 133.

    Meine Geheimtipp für alle Querdenker:
    "Ich will nicht mehr in dieser Diktatur leben!": Immer mehr Querdenker wandern nach Nordkorea aus

  4. 132.

    Also er war nicht im Gewahrsam der Polizei - keine Ahnung, was Sie wahrnehmen - es ging dem Verstorbenen schlechter, als es um die Identitätsfeststellung ging - und das geschieht nicht erst im Gewahrsam der Polizei. Stellen Sie den leider Verstorbenen nicht als Märtyrer dar.

  5. 131.

    Wenn fünftausend Menschen zusammen kommen sind die Chancen ganz gut, dass einer an Herzinfarkt stirbt. Darum sind bei gut organisierten Großveranstaltungen auch immer Rettungsanitäter vor Ort.

  6. 130.
    Antwort auf [Rene] vom 02.08.2021 um 22:40

    Und Sie wollen es durch die Diktatur Ihres Meinungsproletariats ersetzen? Schöne Aussichten - erinnert mich an mich die Reichstagswahlen 1932.

  7. 129.

    Da sollte Berlin mit dem maximal Möglichen Antworten. Bußgelder und Urteile zum Aufwachen!

  8. 128.

    und das dann auch versteht, erkennt den Unterschied: "Die Veranstalter hätten schriftlich angekündigt, dass sie sich sich nicht an die Infektionsschutzverordnung halten würden."

  9. 127.

    Es ist schon erstaunlich wie unterschiedlich BerichtErstattung sein kann. Wenn man sich entsprechende Videos dazu anschaut.

    Bis heute keine Nachweise oder Untersuchung von einem Gericht in wie weit ohne Abstand und Maske eine konkrete Infektionsgefahr im Feien überhaupt möglich bzw. Wahrscheinlich ist. Bei Fußball, CDS, ... kein Problem wenn es fehlt.
    Wenn Bürger die Maßnahmen der Regierung hinterfragen und nach Monaten ehrliche Antworten haben wollen, ist es eine Gefahr. Stellt sich nur die Frage führ wenn.

    Bis heute vermisse ich Berichte und Klare Aussagen zum Nutzen und zum Risiko der Maßnahmen.

    RBB24 Berichtet das es Ärzte gibt die routinemäßig Test an gesunden Schülern für wenig Bis gar nicht Zielführend halten, eine Woche später wird die Testpflicht an Berliner Schulen eingeführt.

    Wann kommt der RBB wieder seiner Aufgabe nach und Hinterfragt die Dinge, auf welche Daten wird sich bezogen, welche Untersuchungen wurden Angestellt, ...
    Es ist erschreckend was der Bürger führ Antworten bekommt wenn er nur klar und transparent dargelegt bekommen will wie Entscheidungen entstehen.

  10. 126.

    @ Aber sie tummeln sich mit ihnen und hinterher haben sie von nix gewusst.

  11. 125.

    Diese Leute sind alles nur keine Querdenker. Querdenker sind Leute die bestimmte Sachverhalte hinterfragen, sich mit ihnen auseinandersetzen und gegebenenfalls neue Aspekte zur Diskussion stellen. Die die da demonstrieren sind bestenfalls frustrierte Krawallmacher.

  12. 124.

    Wer mit unserem Land fremdelt und sich nicht an Gesetze und Gesundheitsschutz halten will, der kann gerne auswandern. Folgt doch einfach den anderen Figuren dieser Szene, wie z.B. Attila Hildmann in die Türkei. Unter Erdogan lebt es sich anscheinend "viel, viel besser" als in der von Querdenkern gehassten BRD. Oder am besten gleich zum Orban nach Ungarn oder zu Putin. Den finden einige rechtsorientierte "Aktivisten" ja auch ganz toll. Oder nach Tansania, wie Bodo Schiffmann. Nur zu! Reisende soll man nicht aufhalten. Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen.

  13. 123.

    Ist das lächerliche Verhalten der Querdenker noch ernst gemeint? Ich habe den Eindruck, diese ganze Bewegung ist Satire. Wie kann man denn ernsthaft mit Nazis zusammen marschieren? Wie kann man ernsthaft dem Ballweg Geld schenken? Wie kann man denn Globuli über Impfungen stellen und gleichzeitig was von fehlenden Studien erzählen? Und zur Wiederholung, damit es auch dem letzten mit fehlendem Querbalken klar wird: Wie kann man ernsthaft mit Nazis paktieren??? Wachen Sie doch mal auf!

  14. 122.

    Wenn Sie schon das GG bemühen, dann sollten Sie den genannten Artikel auch richtig lesen und vollständig zitieren. Die Fortsetzung des Art. 8 in Abs. 2 lautet so: "Für Versammlungen unter freiem Himmel kann dieses Recht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes beschränkt werden."
    Sagt Ihnen in den Querdenker-Telegram-Kanälen nur niemand - sonst könnten Sie womöglich noch feststellen, dass Sie im Unrecht sind.

  15. 121.

    Anders Denken ist erlaubt aber nicht immer richtig !

  16. 120.

    Ich gehe davon aus, daß die Staatsanwaltschaft sich mit der Frage befassen wird, wie es sein kann, daß jemand im Gewahrsam der Polizei an "Herzinfarkt" verstirbt.
    Erschreckend, sowas.

  17. 119.

    Leerdenker = große Klappe, nichts dahinter

  18. 118.

    Nachdem die durch Presse und Politik Verunglimpfungen als Verschwörer, Nazis, Rechtsradikale, Esoteriker, Corona-Leugner die Menschen davon abhalten, für ihre Rechte zu demonstrieren, wird ein neues Szenario aufgebaut: Verhaftungen.
    Erst 500, 600, jetzt 950, morgen schon 2.000?
    Die Anzahl der Teilnehmer wird standhaft mit 5.000 angegeben.
    Bilder aber zeichnen ein anderes Geschehen.
    Das lässt doch Zweifel zu, oder?

  19. 117.

    Über das Denken denkt man wie man denkt, denke ich mir das mal so gedacht, während sich Corona weiter perfektioniert mit delta & gamma & epsilon und uns im Griff behält, weil scheinabr niemand die Absicht hat, Corona wieder komplett loswerden zu wollen.

  20. 116.

    Ich fremdle nach diesem Sonntag noch mehr mit meinem Land. Genauer gesagt nicht mit dem Land, sondern mit  Politik und Medien. Das Verbot der Demo, die brutalen Szenen – sie sind aufwühlend und machen Angst.

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