Kommentar | Kalaycis Impf-Brief an Jugendliche - Die Verantwortung an die Schwächsten abzugeben, ist höchst unanständig

Archivbild: Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci am 17.07.2021 in Berlin-Lichtenberg. (Quelle: imago images/Zeitz)
Audio: Radioeins | 14.08.2021 | Kommentar von Ulrike Bieritz | Bild: imago images/Zeitz

180.000 Berliner Schülerinnen und Schüler haben von Gesundheitssenatorin Kalayci Post bekommen: In dem Brief werden sie zu einer Impfung aufgefordert. Übergriffig nennt das Ulrike Bieritz - und eine Diskreditierung der Stiko. Ein Kommentar

Der Brief von Gesundheitssenatorin Kalayci ist übergriffig, zumal er direkt an die Kinder und Jugendlichen ging. Die haben zwar eine eigene Meinung, aber am Ende brauchen sie natürlich ab einem gewissen Alter die Zustimmung der Eltern. Und viele Eltern sind einfach extrem verunsichert – denen hilft so ein Schreiben überhaupt nicht.

Die Impf-Frage wird ja wirklich viel diskutiert. Die meisten Eltern sind aber keine Virologen oder Experten – sie wissen einfach nicht, was richtig ist oder nicht. Sie sehen nur in vielen Fällen den Herbst auf sich zukommen und fürchten sich schon wieder vor Home-Schooling und Co. Sie brauchen wirklich Hilfe – und keine Post mit versteckten Drohungen.

Kinder sollen sich impfen lassen, ohne die Folgen zu kennen

Warum wohl empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) die Corona-Impfung derzeit (noch) nicht für Kinder? Es impft auch längst nicht jeder Kinderarzt Kinder und Jugendliche. Es gibt einfach viel zu wenig Studien, mögliche Spätfolgen sind auch nicht absehbar. Eltern wollen einfach wirklich das beste für ihr Kind und nicht sehr viel später mit irgendwelchen Folgen zu tun haben.

Das, was die Gesundheitssenatorin da schreibt, ist empörend: "Es liegt an euch, liebe Kinder, die anderen zu schützen" – mal wieder. Kinder und Jugendliche sind die wirklichen Verlierer der Pandemie. Auf was sie alles verzichten mussten, wissen wir – und dabei sind sie selbst am wenigsten betroffen von Corona. Und nun sollen sie sich also impfen lassen, ohne die Folgen zu kennen. Dieser Brief ist auch so etwas wie eine Verzweiflungstat und deshalb höchst fahrlässig.

Die Politik erhöht gerade den Druck

Aber auch das passt ins Bild. Die Politik erhöht gerade den Druck – zum einen auf die Menschen, sich impfen zu lassen und zum anderen auch auf die Stiko. Dabei sind das Problem wirklich nicht die Kinder. Das Problem sind die nicht impfbereiten Erwachsenen. Darüber sollte sich die Politik Gedanken machen. Über die Frage, warum sich zum Beispiel so viel Pflegepersonal nicht impfen lässt, warum Ärzte zurückhaltend bei Kindern sind und warum es so viele Skeptiker gibt.

Aber nein, da werden jetzt erstmal die kostenlosen Tests abgeschafft, 3G verschärft durchgesetzt und das Recht auf Teilhabe und Bildung am Ende an eine Impfung geknüpft und die Stiko unter Druck gesetzt, sich mal nicht so zu haben und endlich die Impfungen für Kinder zu empfehlen. Sprich, durch die Hintertür wird eben doch die Impfpflicht eingeführt.

Diskreditierung der Stiko sorgt für schwindendes Vertrauen

Ich habe mich persönlich bisher immer mit der unaufgeregten Vorsicht der Stiko sehr wohl gefühlt und ihr auch vertraut. Da sitzen ja auch nun auch keine Deppen drin. Dass aber inzwischen Politiker die Kommission einen "ehrenamtlichen Verein" nennen, diskreditiert nicht nur diese, sondern sorgt wirklich dafür, dass das Vertrauen schwindet.

Das ist eigentlich der Skandal. Wissenschaftliche Expertise wird ignoriert, stattdessen werden Briefe geschrieben. Die Stiko wird unter Druck gesetzt und sie wird eben jetzt diesem Druck auch nachgeben. Zitat: "Wir werden versuchen, der Politik ein bisschen entgegenzukommen". Das heißt, sie werden irgendwie eine politische Entscheidung fällen – und am Ende die Impfung empfehlen. Ich sage nur: eine vertrauensbildende Maßnahme ist das nicht, sondern irgendwie verkehrte Welt. Bei allem Verständnis für den Druck, unter dem alle stehen – diesen und die Verantwortung mal wieder an die Schwächsten abzugeben, ist höchst unanständig.

Die Politik lenkt vom eigenen Versagen ab und untergräbt nicht nur das Vertrauen in die Experten, sondern letztlich ins gesamte System.

Was Sie jetzt wissen müssen

Beitrag von Ulrike Bieritz

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