Ein Mitarbeiter trägt am 27.05.2020 Stühle aus den Sitzreihen des Zuschauerraums des Berliner Ensembles. Wegen der Kontakteinschränkungen während der Coronapandemie werden einzelne Sitze für zukünftige Aufführungen ausgebaut. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Audio: Inforadio | 14.03.2021 | Maria Ossowski | Bild: dpa/Britta Pedersen

Kommentar | Bund-Länder-Beschlüsse - Einer Kulturnation unwürdig

Sehr langsam nur werden Kultureinrichtungen öffnen können. Zuerst wohl Museen - aber wie geht es mit Theatern, Opern, Cabarets weiter? Das hängt an vielen Zahlen und Bedingungen. Für Maria Ossowski ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen.

"Kommt Ihr Töchter, helft mir klagen": Werden wir in dieser Karwoche den Eingangschor der Matthäuspassion in Kirchen oder Konzertsälen erleben? Wohl kaum. Wenn Kultur erlaubt wird, dann ganz vorsichtig, regional begrenzt, abhängig von Fallzahlen, jedenfalls immer mit vielen Hindernissen, Tests und drohender Notbremse - und all dies trotz ausgefeilter, teurer Hygienekonzepte, die viele Veranstalter längst geplant und bereits im Sommer erfolgreich umgesetzt hatten.

Es ist an der Zeit, ein Fazit zu ziehen. Über ein Jahr liegt mittlerweile das kulturelle Leben dieses Landes brach. Das ist eine Katastrophe aus vier Gründen:

1. Ein ganzer Berufsstand wird pauschal entwertet

Es wird eine ganze Branche, deren Bruttowertschöpfung die zweitgrößte ist nach der Autoindustrie, komplett entwertet. Die Kultur und alle, die von und mit ihr leben, sind nichts wert. Das hat das Coronamanagement deutlich gezeigt, allen Milliarden zum Trotz, die den Neustart ankurbeln sollen. In diesem Land kann man Schrauben produzieren oder Würstchen, Kettenradgarnituren oder synthetischen Kautschuk, alle Fabriken und Produktionsstätten blieben und bleiben immer geöffnet, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort fühlen sich gebraucht. Für Musikerinnen und Schauspieler, für Autorinnen auf Lesereise und Tänzer, für Sänger, Galeristinnen und DJs galt und gilt das Berufsverbot. Diese pauschale Entwertung eines ganzen Berufsstandes, ohne zu differenzieren, ist einer Kulturnation absolut unwürdig.

2. Viele Kulturschaffende stehen vor dem Nichts

Die meisten Kulturschaffenden sind ungebremst im sozialen Nichts gelandet. Kein Publikum, keine Gagen, viel zu spät ausgezahlte Hilfen trafen jene, die ohnehin wenig besitzen. 13.000 Euro brutto verdiente vor Corona eine freie Musikerin, ein freier Musiker. Diese Menschen sind verzweifelt. Sie müssen Familien ernähren. Spenden helfen nur punktuell. Die Grundsicherung bewahrt vor Obdachlosigkeit und Hunger, aber mehr auch nicht.

3. Gerade junge Kunstschaffende sind entmutigt

Das Wissen, nicht gebraucht zu werden, nichts mit der eigenen Kunst zu verdienen, trifft vor allem junge Künstlerinnen und Künstler in oder nach der Ausbildung. Die kommunalen Kassen sind leer, Theatern und Opern drohen massive Kürzungen. Wozu haben Studierende die Mühsal einer langen Ausbildung, oft seit früher Kindheit, auf sich genommen? Wer ermutigt junge Künstlerinnen zukünftig, zu üben, wenn sie wissen, dass sie bei der nächsten Pandemie, die garantiert kommt, wieder vor dem Nichts stehen?

4. Ohne Kultur lässt sich der Lockdown schwerer ertragen

Viertens: Kunst und Literatur, Musik und Theater sind nicht nur schön oder anregend, bildend oder herausfordernd. Sie trösten auch in schweren Zeiten. Ohne jede Sentimentalität sei hier kurz derer gedacht, die an unheilbaren Krankheiten leiden und vielleicht gern noch einmal Lohengrin oder Max Raabe erlebt hätten. Selbst gutes Streaming und die Kulturangebote der Fernsehprogramme ersetzen keine Live-Erlebnis. Viele Seelen brauchen Kultur. Um wievieles leichter hätten wir die Lockdowns ertragen mit einem gut gelüfteten, maskenbewehrten und hygienisch einwandfreien Konzert, einem Cabaretabend, einem Kinobesuch, einem Nachmittag im Museum.

Und so? Jene, die Kultur schaffen und jene, die sie lieben und brauchen, hören Karfreitag den Schlusschor der Matthäuspassion einsam auf Spotify. "Wir setzen uns mit Tränen nieder."

Was Sie jetzt wissen müssen

Beitrag von Maria Ossowski

17 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 17.

    Endlich mal ein guter Kommentar aus den Reihen der Öffentlich-Rechtlichen, von denen man leider in der Vergangenheit fast ausschließlich geradezu gleichgeschaltetete "DieLockerungenSindNochNichtHartGenug"-Aussagen zu hören bekam.
    Allen voran SWR-Intendant Gniffke, dessen Zitat "Strittigen Thesen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine Plattform zu bieten, widerspricht unserem Auftrag" immer noch Unfassbarkeit auslöst.
    Nochmal zur Erinnerung: Dies ist genau der Auftrag der ÖR-Medien - unterschiedliche Sichtweisen zuzulassen und öffentlich zu diskutieren. Mehr davon bitte!

  2. 16.

    13K Brutto zeigt, dass es auch vor Corona keine Wertschätzung für die Kultur gab. Daher ist der Begriff Kulturnation leider zu hoch gegriffen. So bitter wie es ist...

  3. 15.

    Ohne Kultur lebt es sich schlecht. Diese Werbung für Kultur und deren Schaffenden ist schön. Allerdings können nur "Lebende" Kultur nutzen. Anders als für Schulen, haben unsere Kreativen wirklich geeignete echte Konzepte - siehe Didi Hallervorden. Das die nicht, diese umsetzen dürfen, aber die Kultusminister über die Schulen zu "Pandemietreiber" werden können, durchschauen Wenige - auch Journalisten/Redakteure. Warum erscheinen kurz vor einer MPK mehrere Berichte aus Psychopraxen und kurz nach einer MPK folgen die Berichte über die Not der Künstler? Hilfreich ist das nicht. Gewagter Vorschlag: alles Auf, was ein durchsetzbares AHA-L-Konzept hat: Didi darf aufmachen, die Schulen zu...und Journalisten decken echte Leistungen auf und prangern fehlende Leistungen an. Marketingbegriffe und Buzzworte sollten viel mehr penetrant hinterfragt werden.

  4. 14.

    Frau Ossowski,
    Sie haben durchaus Recht, und ich wünsche mir für Sie und alle anderen sehr, dass Sie uns mit Ihrer Kunst und Ihrem Wirken erhalten bleiben.
    Leider kann ich mir jedoch nicht verkneifen, dass Ihre Branche in den letzten Jahren durch völlig überzogene intellektuelle Angepasstheit dafür gesorgt hat, dass sie keine strategische politische Macht mehr darstellt.
    Man betrachtet die Kulturschaffenden als gefügige Masse.
    Wachen Sie endlich auf und beackern die großen gesellschaftlichen Themen und Probleme unserer Zeit!
    Und hören Sie endlich auf, Merkel hinterherzurennen!

  5. 13.

    Anfang dieser Woche hieß es noch "Menschenleben vor Rendite". Nun scheint man sich auf anderes geeinigt zu haben. Angesichts der jetzt möglichen Öffnungen nach entsprechender Zahlenjongliererei ist es unverständlich, dass die Kultur hiervon ausgenommen worden ist. Nachdem das Bürokratiemonster in Deutschland über Corona zu siegen scheint, sage ich mal: ich hauche mein Leben lieber in Oper, Theater oder Konzertsaal aus anstatt in einem Warenhaus! Also: Kultur-Lockdown beenden! Jetzt!

  6. 12.

    Ein Kommentar, der besser nicht sein könnte. Auf der politischen Ebene - so ist zu erwarten und zu befürchten - wird das aber auf taube Ohren stoßen.

  7. 11.

    Einfach mal den Werbekatalog von Kaufland durchblättern..wozu um Himmels Willen braucht man diesen ganzen Schrott? Aus dem König von Deutschland wurde der dümmste König Kunde.

  8. 10.

    Bravo! & Danke, ein Beitrag von vielen die leider auch hier beim rbb viel zu selten, fern von Boulevard und Hofberichterstattung, hör- oder sichtbar sind. Bitte mehr davon!

  9. 9.

    Danke für diesen Kommentar, der mir - und sicher sehr vielen! - aus der Seele spricht! Wann haben auch die Verantwortlichen endlich auch ein Ohr für unsere Kultur und die, die sich nach ihr sehnen?

  10. 8.

    Ich stimme dem Kommentar zu. Was ich jedoch überhaupt nicht verstanden habe ist, warum sich Künstler Museumsleute etc. sich nicht entschiedener gewehrt haben. Ich habe in den letzten Monaten von vielen Klageverfahren von Nagelstudios gelesen, die nicht öffnen durften und dagegen gerichtlich vorgegangen sind. Von Museumsdirektoren wurde solches Engagement nicht bekannt.

    Die Lufthansa hat noch rumgezickt, als es darum ging, für Staatsknete eventuell Gegenleistung zu erbringen. Diese Milliarden wären in Künstler Musiker etc.-kreisen bzw. Theatern Kinos Galerien bedeutend sinnbringender angelegt gewesen.

  11. 7.

    Danke! Da wird mir aus der Seele gesprochen!
    Überall wurden Konzepte umgesetzt und es sind kaum Fälle bekannt wo es zu Infektionshotspots in der Kultur kam. Die tolle und viel zu teuer Corona App hat die Wirksamkeit von Null. Eine neue App mit Schnelligkeit und Sinn ist im Umlauf, aber auch hier stehen die Bürokraten auf dem Schlauch um sie einfach zu starten. Konzepte gibt es genug, nur Deutschland bildet Kommissionen und quatscht alles zu Tode. Keiner der Verantwortlichen hat ein Gespür für die Menschen die vor der Insolvenz stehen. Geschweige denn eine Idee davon wie viele Arbeitsplätze davon abhängig sind! Schade das Handeln nicht mehr aktuell ist und lieber alles zu Tode geredet wird.

  12. 6.

    Das schlimme wird sein, dass die Opern erst wieder In der Saison 22/23 zur Normalität zurück
    Kehren werden. Auch große Kunstausstellungen
    Brauchen eine gewisse Vorbereitung, also auch dort nicht vor 2023 wenn es keine Rückschläge gibt. Bei den Theater sehe ich die Normalität bei 2022 ebenso bei der Philharmonie. Alles andere ist illusorisch.

  13. 5.

    Es wurde sicherlich einiges in der Politik verschlafen, und dies zu kritisieren und darüber zu diskutieren ist vollkommen richtig und auch erwünschenswert, das alles ist aber noch kein Grund sich nicht an die AHA-Spielregeln und Kontakt-Beschränkungen zu halten und Rücksicht und Solidarität, vorallem gegenüber den Schwächsten in der Gesellschaft zu zeigen, das ist und wäre auch Kultur.

  14. 4.

    Geht es denn um bewährte Konzepte ? Wohl kaum. Egal ob Kultur oder Sport oder sonst irgendwelche Freizeitgestaltung …. das komplette Land ist zum Bittsteller degradiert worden.
    Es ist unerheblich ob sich jemand draußen infiziert, es gibt ein Verweilverbot (Hamburg). Selbst bei einem open air Konzert wird nicht nach dem Sinn irgendwelcher Maßnahmen mehr gefragt sonder nur noch was können wir noch mehr machen … eine App na klar … Maske na sowieso... dazu noch einen Test als Eintrittskarte.
    Der Bürger ist eine potenzielle Gefahr … für sich, für andere und darum hat er gefälligst zu beweisen das dem nicht so ist... zumindest für ein paar Stunden und dann wird ihm gnädiger Weise 2 Stunden "Vergnügen" gewährt.
    Und über allem thront das Damokles Schwert …. wenn du nicht brav bist (denn steigende Zahlen sind die Schuld des unvernünftigen Bürgers) dann machen wir einfach alles wieder zu.
    Und nun bedank dich für unsere Großzügigkeit.

  15. 3.

    Sehr guter Artikel. 2020 hatten viele Kultureinrichtungen wie Opern, Konzerthäuser, Theater, Kinos , aber auch kleinere Einrichtungen, gute Konzepte entwickelt (Abstände, leere Reihen, abgetrennte Bereiche etc.), viel investiert und angesichts stark reduzierter Besucherzahlen Einbußen in Kauf genommen. Aber Herr Müller und Co. haben Theater und Opernhäuser als wesentliche Infektionsherde gebrandmarkt (diese Rede findet man noch) und das Schreckensszenario von Pausen (mit Masken!) und An- und Abreisen entwickelt. Der tägliche Arbeitsweg in z.T. vollen Bussen und S-Bahnen spielt ja in der Argumentation keine Rolle. Und nun werden diese seinerzeit gut funktionierenden Konzepte wieder als ganz neue Ideen hervorgebracht, gekoppelt an Inzidenzwerte oder Testergebnisse (muss man die bei der Ticketbuchung oder beim Einlass zeigen? Vielleicht kann man den Test ja an der Garderobe machen...). Nach mehr als einem Jahr Pandemie immer noch "Stochern im Nebel " - schade und traurig für alle, die lange vergeblich auf praktikable Lösungen gehofft und gewartet haben . Und vielleicht sogar zu spät...

  16. 2.

    Die große Corona-Sense wütet in Deutschland.
    Kultur
    Meinungsfreiheit
    Wirtschaft
    Spaß
    Freude
    Opposition
    Sinnlichkeit
    Erotik
    Verstand
    Wahrheit
    Moral
    Würde
    Das ist das Niveau auf dem Deutschland hintransportiert wurde.
    Erschreckend, was aus dem Land eines Adenauer, Brandt, Schmidt und Kohl hier gemacht wurde. Die würden sich im Grabe umdrehen.

  17. 1.

    Überraschend einen solchen Kommentar auf RBB zu lesen. Erwartet hätte ich nach all der vergangenen Berichterstattung eher ein Kommentar nach dem Motto: "Warum sprechen wir immer noch von Lockerungen in dieser Lage? Wir sollten den Lockdown bis Juni fortsetzen!"

    Im diesem Sinne ein zu begrüßender Kommentar. Bitte mehr hiervon anstatt von absurder Panikmache!

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren