Absacker - Carpe den verdammten Diem!

Di 29.09.20 | 22:31 Uhr
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Laura Kingston
Bild: rbb|24

Der Corona-Gipfel von Bund und Ländern bedeutet neue Beschränkungen für alle. Das fühlt sich für Laura Kingston zuweilen an wie Elternsprechtag. Und aus dem geht sie nicht sonderlich hoffnungsvoll hervor.

Ich hasse diese Momente, in denen mir bewusst wird, dass ich nicht so emanzipiert bin wie ich dachte. Tage, an denen die Emanzipation vor den eigenen Augen auf den Dielenboden bröckelt. Ja, ich habe heute eine Bohrmaschine in die Hand genommen. Ja, ich bin gescheitert. Oder wir. Ich habe eine Freundin mit ins Boot geholt, weil eine Kleiderstange alleine an die Wand zu bringen wohl ziemlich unmöglich ist. Wo soll ich anfangen? Bröckelige Wand, schief gebohrt, falsch bemessen. Das Ding hängt nur an drei statt an sechs Schrauben. Als ich das Teil da hängen sehe, fühle ich mich auf eine komische Art und Weise an die erste Zeit des Lockdowns erinnert. Damals machte ich mir ellenlange To-Do-Listen - und zwar mit Dingen, die mir sonst fernliegen.

1. Was vom Tag bleibt

Dieser Absacker ist ein später. Und das nicht, weil ich so lange für die Kleiderstange gebraucht habe - eine gewisse Inkompetenz von meiner Seite war schon einberechnet, weshalb ich schon mittags angefangen habe. Ich wollte die Ergebnisse des heutigen Tages abwarten: Die dürften den Alltag der Deutschen in den nächsten Wochen bestimmen - zumindest zu einem gewissen Teil. Angela Merkel und die Ministerpräsident*innen aller Länder haben sich heute digital zum Corona-Gipfel getroffen. Sie beschlossen: Obergrenzen für Feiern, Bußgelder für Menschen, die sich falsch in Restaurant-Kontaktlisten eintragen, es könnte eine bundesweite Corona-Ampel geben.

Berlin legte noch nach, nachdem die Schalte vorüber war: Der Senat hat eine Maskenpflicht für Büros und Verwaltungsgebäude verhängt - die allerdings nicht am Schreibtisch gilt.

Auch Brandenburgs Ministerpräsident Woidke kündigte an, private Feiern ins Visier zu nehmen; Sobald mehr als 35 pro 100.000 Menschen in einer Woche positiv getestet werden, können öffentliche Feiern auf 50 und private Feiern auf 25 Teilnehmer begrenzt werden. Noch ist das Bundesland zum Glück weit entfernt davon: Aber der Anstieg ist trotzdem auffällig, in der vergangenen Woche war die Zahl der Neuinfektionen laut Woidke von 2,7 auf 5,3 pro 100.000 Menschen gestiegen.

2. Abschalten

Ich glaube, ich bin ein bisschen verliebt. Und das kann ich ganz schlecht für mich behalten, weshalb ich die folgende Empfehlung auch schon ganz vielen Freund*innen ausgesprochen habe: Max Czollek. Genauer: Seine Essays "Desintegriert Euch!" und "Gegenwartsbewältigung." Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Sachbuch zum Abschalten?" (was meine Freunde auch getan haben.) Ja! Ich habe mich bei Max Czollek zum einen über seine schonungslose Gesellschaftsanalyse gefreut, in der er am Ende eine "radikal diverse Gesellschaft" fordert, die "alle schützt und nicht nur manche." Was den Essay für mich aber auch zu einem potentiellen "Badewannen-Entspannungsbuch" macht: Die Präzision von Czolleks Sprache, die alleine der Titel "Gegenwartsbewältigung nahebringt.

3. Und, wie geht's?

"Not that good," sagt Ben. Und dann sagt er wieder ganz lange nichts. Ben ist mein Cousin. Er lebt in Großbritannien, genauer in Oxford. Und für ihn waren die letzten Monate härter als er erwartet hätte. Nur im Home Office, ewig andauernde Kontaktbeschränkungen (es dürfen sich gerade nur sechs Menschen aus unterschiedlichen Haushalten treffen) und dann auch noch der nahende Brexit. Heute gingen die Verhandlungen in eine neue Runde. Die Süddeutsche Zeitung betitelt die Ergebnisse des Dienstags mit: "Ein harter Winter". Hoffentlich nicht allzu hart für meinen Cousin. Wann wir uns wiedersehen, ist ungewiss. "I really miss you", sagt Ben am Ende des Telefonats. Ich ihn auch, sage ich. Und lege auf.

4. Ein weites Feld

Heute war Elternsprechtag und der ist nicht besonders gut ausgegangen. Nachsitzen. Dieses Gefühl wecken die neuen Corona-Regeln und vor allen Dingen die steigenden Infektionszahlen in Berlin in mir. Dann noch der nahende Brexit, die dunklen Abende. All das lässt den handwerklichen Fauxpas mit der Kleiderstange in weite Ferne rücken.

Normalerweise kommen Ende September Freund*innen auf mich zu mit Vorschlägen für Silvester. 2020 macht man offenbar keine Pläne mehr. Wenn uns dieses Jahr etwas lehrt, dann vielleicht im Moment zu leben, das Hier und Jetzt zu genießen und nicht allzu weit nach vorne zu blicken. Was ich morgen mache, weiß ich noch nicht. Vermutlich wird es kein weiteres handwerkliches Experiment sein.

Machen Sie es sich schön, passen Sie auf sich auf und bewahren Sie ein Lächeln unter Ihrer Schutzmaske!

Ihre Laura Kingston

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