Eine Fahrradfahrererin mit Mundschutzmaske in Berlin am 24. Maerz 2020. (Quelle: imago-images)
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Interview | Petition fordert mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger - "Auf dem Gehweg berührt man sich teilweise fast"

Um das Abstandhalten in der Öffentlichkeit zu erleichtern, hat der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg kurzerhand neue Radwege angelegt. Das Bündnis "Berliner Straßen für alle" fordert solche Maßnahmen für die ganze Stadt und geht sogar noch weiter.

 

Was Sie jetzt wissen müssen

Zu jedem immer zwei Meter Abstand halten, um sich und andere vor Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus zu schützen, kann in der Großstadt zur Herausforderung werden. Auch das warme Wetter wird wohl dazu beitragen, dass sich mehr Menschen aufs Fahrrad schwingen, oder spazieren gehen. Um auch dann noch den nötigen Sicherheitsabstand zu gewährleisten, fordert das Bündnis "Berliner Straßen für alle!" in einem offenen Brief an die Berliner Regierung mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger. Wie das aussehen kann, erklärt Ragnhild Sørensen vom Verein Changing Cities im Interview.

rbb|24: Frau Sørensen, in Ihrer Petition fordern Sie "ansteckungsfreie Mobilität" - haben Sie denn im Moment, wenn Sie draußen als Radfahrerin oder Fußgängerin unterwegs sind, Angst sich anzustecken?

Ragnhild Sørensen: An manchen Stellen, ja. An anderen geht es. Es ist auch vom Zeitpunkt abhängig. Aber wenn man im Moment an einem sonnigen Tag spazieren gehen will, ist es so eng, dass man nicht mehr weiß, wohin man ausweichen soll. Auch Radfahrer fahren dann zum Beispiel auf dem Gehweg.

Ich bin meistens in Pankow unterwegs, aber gestern war ich beispielsweise an der Grenze zum Wedding. Dort merkt man deutlich, dass die Menschen enger zusammenleben und mehr auf die Straße müssen. Man hat dort den Eindruck, dass es die Abstandsregeln gar nicht gibt, weil es einfach zu eng ist. Man berührt sich fast, wenn man auf dem Gehweg unterwegs ist.

Ihre Petition trägt den Namen "Faire Straßen" – was genau meinen Sie damit?

Das heißt vor allem, dass wir den öffentlichen Raum während der Pandemie anders aufteilen müssen. Wenn die Menschen sich bewegen sollen, ist der Platz nicht ausreichend. 60 Prozent der Fläche ist den Autos vorbehalten und der Verkehr ruht ja im Moment, während Menschen auf den Fußwegen versuchen irgendwie durchzukommen.

Individuelle Lösungen sind da nicht möglich. Man kann ja keinem Kind sagen: "Geh' auf die Straße, damit du dich nicht ansteckst." Wir brauchen politische Lösungen. Auch wenn in absehbarer Zeit wieder mehr Leute auf die Straßen dürfen, denken sich wahrscheinlich viele: "Ich setze mich aufs Fahrrad". Deshalb brauchen wir temporäre Radstraßen und Sperrungen von Straßen für den Autoverkehr.

Aber das Auto ist ja, wenn es um ansteckungsfreie Bewegung geht, eigentlich eine gute Möglichkeit, um sich fortzubewegen.

Das Auto ist auf den ersten Blick eine sichere Mobilitätsform, um sich vor Ansteckungen zu schützen. Aber wenn sich nun alle ins Auto setzen, dann bewegt sich auch nichts mehr. Das ist keine Lösung, wenn wir dann mehr Verkehr haben - und das wäre ja der Fall.

Das Auto ist eine gute Option für diejenigen, die darauf angewiesen sind, aber keine Lösung für eine Gesellschft - und das müssen wir in dieser Situation erkennen. Es geht uns im Moment auch nicht darum Verkehrspolitik zu betreiben. Ich halte es für absolut entscheidend, dass wir das für unsere Gesundheit machen. 

Es geht auch nicht darum von einem Tag auf den anderen alle Autos wegzukriegen, das wäre nicht machbar und auch nicht sinnvoll. Aber Autoverkehr an bestimmten Orten nur zu bestimmten Zeiten oder Tempolimits sind Maßnahmen, die man durchsetzen kann. Ich glaube auch, dass Menschen dazu bereit sind, um letztlich sich selbst und das Gesundheitssystem zu schützen.

Eine weitere ihrer Forderungen ist Tempo 30 an Hauptstraßen einzuführen - wie soll diese Maßnahme bei der Kontrolle der Epidemie helfen?

Ein wichtiger Grund, warum wir Tempo 30 innerorts fordern, ist eine Beobachtung. Es sind weniger Autos unterwegs, also fahren die auch schneller. Und wir müssen vermeiden, dass Leute jetzt als Schwerverletzte ins Krankenhaus kommen und das Gesundheitssystem weiter belasten. Deswegen wollen wir die Geschwindigkeit drosseln, um so ungeschützte Verkehrsteilnehmer besser zu schützen.

Warum halten Sie das Thema Mobilität für so wichtig in Bezug auf die Kontrolle der Corona-Epidemie?

Wenn man nicht genug Abstand halten kann, erhöht das die Ansteckungsgefahr. In den Städten, vor allem in sehr dichten Bezirken, müssen wir deshalb mehr öffentlichen Raum schaffen. Es hat auch einen psychologischen Aspekt. Es geht auch darum, dass die Menschen ein Freiheitsgefühle erleben können. Damit man nicht das Gefühl hat: "Ich kann gar nichts mehr". Damit die Menschen die Kontaktbeschränkungen auch wirklich lange durchhalten.

Das Interview führte Mara Nolte, rbb|24

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87 Kommentare

  1. 87.

    Die genannte Petition für Faire Straßen findet sich hier: https://changing-cities.org/fairestrassen/

  2. 86.

    Es geht nicht um Bevorzugen, Sie denken immer gleich an Bevorzugen... wie wärs mit Koexistenz?

    z.B. :
    - Der Autofahrer überholt den Radfahrer (Hindernis) mit Abstand.
    - Der Radfahrer schaut beim Überholen seines Hindernisses (Spurwechsel) nach hinten und überholt nur wenn er den nachfolgenden Verkehr beachtet.

    ist doch einfach oder, man braucht nicht mehr Platz.

  3. 85.

    das ist leider auch richtig, aber als Autofahrer sollte man ja eigentlich mit dem Führerscheinerwerb die Kenntnisse über die Regeln haben und ist ja durch die Nummernschilder bei Verstößen auszumachen.

  4. 84.

    Aber die Autofahrer halten sich alle an Regeln? Wo leben sie denn? Auch die Autofahrer werden begreifen müssen, das nicht genug Platz in dieser Stadt ist ,damit jeder mit seinem Auto ,natürlich fast immer einzeln, überall hinfahren kann. Die Platzverteilung muss verändert werden. Ich kann nicht verstehen warum Autofahrer ein Recht darauf haben mehr Platz zu benutzen als alle anderen. Man muss den Lärm, Gestank und Stress ertragen? Warum? Seit ihr was besseres?

  5. 83.

    Genau, so! Und nicht ständig mit Populismus den Bürgern eine Reihe von Maßnahmen ankündigen am Ende aber nur in kleine Teststrecken enden. Volksverdummung nennt man das! Ganz einfach mal ohne viel Tam Tam anfangen die 5000 km Radweg die Berlin hat in einen Zustand versetzen, dass man dann nach Fertigstellung auch Radweg zu sagen kann. Nicht nur von Rosenthalerstr. bis Roten Rathaus, weil ich da arbeite und das meine strecke ist. Einfach mal von Lichtenrade nach Hellersdorf mit dem Rad, wenn die Kondition reicht, danach fallen dann die kleinen Cent-Stücke in große Münzen. Einfach mal anfagen, mehr nicht!

  6. 82.

    Wie gut das mit dem Abbremsen und warten funktioniert sieht man ja bei Autofahrern, die seit vielen Jahren stets die geforderten 1.5-2m Sicherheitsabstand beim Überholen von Radlern einhalten, wa.

  7. 81.

    Da muss ich René leider Recht geben.
    Selbst wenn es Radwege gibt, fahren die Radfahrer auf den Gehwegen und Bürgersteigen und zwar in allen Richtung und in Parks sausen mit einer ziemlichen Geschwindigkeit von allen Seiten teils in Gruppen an einem vorbei.
    Das kann ja lustig werden wenn für immer mehr Radfahrer plädiert wird, diese aber die einzigen Verkehrsteilnehmer sind die keiner Fahrprüfung und Eignung unterliegen.
    Da sieht man Eltern mit ihren Kindern auch im Straßenverkehr, die in keiner Hinsicht irgendwelche Verhaltensregelungen von ihren Eltern bekommen, sondern schnurstracks und ohne irgendwelche Umsicht geradeaus radeln. Damit erziehen wir schon die nächste Radfahrer Generation nach eigenem Gefühl und ohne Umsicht zu fahren und wundern uns dann über die vielen Unfälle seitens der Radfahrer.
    Da passiert es schon mal, das ein Kleinkind vor dem Erwachsenen bei Rot über die Fussgängerampel fährt.

  8. 80.

    Was heißt hier gescheitert? Wie definieren Sie denn Erfolg und Misserfolg bzgl. PKW? Ein Kraftfahrzeug welches zig. Millionen von Menschen und 4-5 Generationen in den letzten >70 Jahren von A nach B bewegt hat kann man doch nicht als gescheitert betiteln. Sie schreiben so als hätte die Erfindung des KFZ zum Ziel gehabt ewig wärende Glückseligkeit für Alle zu erschaffen. Das war doch nie das Ziel!
    Das Auto hat seinen Sinn und Zweck. Dies kann doch nicht bestritten werden. Oder würden Sie Kutschen, Ochsenkarren oder Pferde auch rückblickend als "gescheitert" betrachten? Tut mir leid, das ist Unsinn.

  9. 79.

    Radwege verbreitern, 30 km/h auf Hauptverkehrsstraßen. Klingt alles sehr „GRÜN“. Und bin gespannt, ob die gelbe Straßenmarkierung im grünen Bezirk Friedrichshain / Kreuzberg zur Verbreiterung der Radwege nach Corona wieder verschwindet oder nur in weiß für dauerhaft verändert wird. Geht es hier wirklich nur um Abstand halten oder um lange geforderte Verkehrspolitik der „GRÜNEN“

  10. 78.

    Wenn man sich "fast berührt", dann einfach einmal bremsen und den Abstand wahren. So einfach kann ein Selbstschutz gelingen!
    Eigeninitiative, statt auf Anderen "rumzumäkeln"!
    Aber dit is eben Berlin ...

  11. 77.

    Immer noch nichts kapiert?
    Einige Beiträge haben es doch deutlich genug gemacht, SIE ATMEN. Dabei ist es unwichtig wie Sie an Passanten vorbeigehen.
    Bleiben Sie lieber in der Wohnung, nur so ist die Ansteckungsgefahr minimiert. Niemand muss und sollte in diesen Tagen unnötig auf die Straße.

  12. 76.

    Ich denke Frau S. sollte lieber Zuhause bleiben und nicht sinnlos in der Gegend rumlaufen wie viele dann hätte sie auch nicht die Probleme die sie hat. Es ist immer noch Corona Zeit.

  13. 75.

    "Haben Sie sich die restlichen 14 km nicht regelkonform verhalten? "

    ???
    Wie kommen Sie denn auf diese abstruse Schlussfolgerung?
    Aussagen bitte im Gesamtkontext lesen und darauf achten, welche Aussagen sich auf was beziehen.

  14. 74.

    "Dann sollte man doch die vorhandenen Radfahrwege als Pflicht zur Benutzung deklarieren."

    das hatte man anfangs ja getan. Bis man richterlich festgestellt hat, dass Art, Grösse und Beschaffenheit der meisten Radwege ungeeignet für den Radverkehr ist. Deshalb musste die Benutzungspflicht dieser Radwege in eine freiwilige Benutzungsmöglichkeit umgewandelt werden.
    Ihre Forderung würde als Voraussetzung also zuerst eine Änderung der Beschaffenheit der Fahrradwege voraussetzen. Was ja auch Teil des Mobilitätsgesetzes ist

  15. 73.

    Die Zahl wirkt weit her geholt. Haben Sie eine Quelle?
    Leider gibt es kaum vernünftige Forschungen dazu. Mir ist aus 2008 bekannt, dass die Dänen und Niederländer dreimal so viel fahren. Daher bezweifle ich Ihre pauschale Aussage.
    Obwohl die Zahlen 12 Jahre alt sind, so fielen schon damals 28% der in Berlin zurück gelegten Strecken auf Räder. Also unabhängig von der Entfernung oder dem Wetter, dürfte das zeigen, dass wir hier ein besseres Aufteilungskonzept benötigen. Und wie ich bereits geschrieben habe: alle sollten aufhören emotional ihre schlechten Erfahrungen zu pauschalisieren. Das nämlich führt an der Realität vorbei: weg vom individuellen Autoverkehr, hin zu einem vernünftigen Mix aus Öffis, Fuß-, Rad-, und Autoverkehr.

    Quelle meiner Zahl über Berlin: https://www.ziv-zweirad.de/fileadmin/redakteure/Downloads/PDFs/radverkehr-in-zahlen.pdf

  16. 71.

    Woher soll das Personal für die zusätzlichen Kontrollen kommen?!
    Berlin musste mehrfach die Bewerbungsfristen zur Einstellung zum Polizeivollzugsdienst verlängern, weil man nicht genug geeignete Bewerbende gab.
    Zudem wird man in Berlin im Bundesvergleich schlecht besoldet und die Arbeitsbedingungen entsprechen dem auch.
    Zusätzlich suchen auch die Polizeibehörden anderer Bundesländer und der Bund Personal.

  17. 69.

    Meiner Meinung nach sollten sich alle mal an die eigene Nase fassen. Wer von uns halt sich wirklich an alle Verkehrsregeln?
    Aber es ist natürlich einfacher über die bösen anderen zu schimpfen.

  18. 68.

    ..woher wollen Sie wissen worauf andere Menschen verzichten können???
    Ich kann auf mein Auto nicht verzichten weil ich viel Technik und Waren transportieren muss und weil ich nachts zur Arbeit muss...
    Aber sie werden das dann sicherlich für mich übernehmen.....

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