Interview | Petition fordert mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger - "Auf dem Gehweg berührt man sich teilweise fast"

Sa 11.04.20 | 08:24 Uhr
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Eine Fahrradfahrererin mit Mundschutzmaske in Berlin am 24. Maerz 2020. (Quelle: imago-images)
Bild: www.imago-images.de

Um das Abstandhalten in der Öffentlichkeit zu erleichtern, hat der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg kurzerhand neue Radwege angelegt. Das Bündnis "Berliner Straßen für alle" fordert solche Maßnahmen für die ganze Stadt und geht sogar noch weiter.

 

Was Sie jetzt wissen müssen

Zu jedem immer zwei Meter Abstand halten, um sich und andere vor Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus zu schützen, kann in der Großstadt zur Herausforderung werden. Auch das warme Wetter wird wohl dazu beitragen, dass sich mehr Menschen aufs Fahrrad schwingen, oder spazieren gehen. Um auch dann noch den nötigen Sicherheitsabstand zu gewährleisten, fordert das Bündnis "Berliner Straßen für alle!" in einem offenen Brief an die Berliner Regierung mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger. Wie das aussehen kann, erklärt Ragnhild Sørensen vom Verein Changing Cities im Interview.

rbb|24: Frau Sørensen, in Ihrer Petition fordern Sie "ansteckungsfreie Mobilität" - haben Sie denn im Moment, wenn Sie draußen als Radfahrerin oder Fußgängerin unterwegs sind, Angst sich anzustecken?

Ragnhild Sørensen: An manchen Stellen, ja. An anderen geht es. Es ist auch vom Zeitpunkt abhängig. Aber wenn man im Moment an einem sonnigen Tag spazieren gehen will, ist es so eng, dass man nicht mehr weiß, wohin man ausweichen soll. Auch Radfahrer fahren dann zum Beispiel auf dem Gehweg.

Ich bin meistens in Pankow unterwegs, aber gestern war ich beispielsweise an der Grenze zum Wedding. Dort merkt man deutlich, dass die Menschen enger zusammenleben und mehr auf die Straße müssen. Man hat dort den Eindruck, dass es die Abstandsregeln gar nicht gibt, weil es einfach zu eng ist. Man berührt sich fast, wenn man auf dem Gehweg unterwegs ist.

Ihre Petition trägt den Namen "Faire Straßen" – was genau meinen Sie damit?

Das heißt vor allem, dass wir den öffentlichen Raum während der Pandemie anders aufteilen müssen. Wenn die Menschen sich bewegen sollen, ist der Platz nicht ausreichend. 60 Prozent der Fläche ist den Autos vorbehalten und der Verkehr ruht ja im Moment, während Menschen auf den Fußwegen versuchen irgendwie durchzukommen.

Individuelle Lösungen sind da nicht möglich. Man kann ja keinem Kind sagen: "Geh' auf die Straße, damit du dich nicht ansteckst." Wir brauchen politische Lösungen. Auch wenn in absehbarer Zeit wieder mehr Leute auf die Straßen dürfen, denken sich wahrscheinlich viele: "Ich setze mich aufs Fahrrad". Deshalb brauchen wir temporäre Radstraßen und Sperrungen von Straßen für den Autoverkehr.

Aber das Auto ist ja, wenn es um ansteckungsfreie Bewegung geht, eigentlich eine gute Möglichkeit, um sich fortzubewegen.

Das Auto ist auf den ersten Blick eine sichere Mobilitätsform, um sich vor Ansteckungen zu schützen. Aber wenn sich nun alle ins Auto setzen, dann bewegt sich auch nichts mehr. Das ist keine Lösung, wenn wir dann mehr Verkehr haben - und das wäre ja der Fall.

Das Auto ist eine gute Option für diejenigen, die darauf angewiesen sind, aber keine Lösung für eine Gesellschft - und das müssen wir in dieser Situation erkennen. Es geht uns im Moment auch nicht darum Verkehrspolitik zu betreiben. Ich halte es für absolut entscheidend, dass wir das für unsere Gesundheit machen. 

Es geht auch nicht darum von einem Tag auf den anderen alle Autos wegzukriegen, das wäre nicht machbar und auch nicht sinnvoll. Aber Autoverkehr an bestimmten Orten nur zu bestimmten Zeiten oder Tempolimits sind Maßnahmen, die man durchsetzen kann. Ich glaube auch, dass Menschen dazu bereit sind, um letztlich sich selbst und das Gesundheitssystem zu schützen.

Eine weitere ihrer Forderungen ist Tempo 30 an Hauptstraßen einzuführen - wie soll diese Maßnahme bei der Kontrolle der Epidemie helfen?

Ein wichtiger Grund, warum wir Tempo 30 innerorts fordern, ist eine Beobachtung. Es sind weniger Autos unterwegs, also fahren die auch schneller. Und wir müssen vermeiden, dass Leute jetzt als Schwerverletzte ins Krankenhaus kommen und das Gesundheitssystem weiter belasten. Deswegen wollen wir die Geschwindigkeit drosseln, um so ungeschützte Verkehrsteilnehmer besser zu schützen.

Warum halten Sie das Thema Mobilität für so wichtig in Bezug auf die Kontrolle der Corona-Epidemie?

Wenn man nicht genug Abstand halten kann, erhöht das die Ansteckungsgefahr. In den Städten, vor allem in sehr dichten Bezirken, müssen wir deshalb mehr öffentlichen Raum schaffen. Es hat auch einen psychologischen Aspekt. Es geht auch darum, dass die Menschen ein Freiheitsgefühle erleben können. Damit man nicht das Gefühl hat: "Ich kann gar nichts mehr". Damit die Menschen die Kontaktbeschränkungen auch wirklich lange durchhalten.

Das Interview führte Mara Nolte, rbb|24

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