Rosemarie Hintze (re) mit Pfleger und Tochter im Seniorenzentrum Elstal (Quelle: rbb/Corves)
Bild: rbb/Corves

Pflegeheime und Corona - Alte Menschen zwischen Schutz und Einsamkeit

Für viele Menschen normalisiert sich der Alltag langsam: Man kann wieder Freunde treffen, Kneipen haben geöffnet, auch beim Reisen fallen die Corona-Schranken. Doch wie sieht es dort aus, wo die Menschen leben, die am stärksten gefährdet sind? Von Anna Corves

Rosemarie Hintzes Zimmer im Immanuel Seniorenzentrum Elstal hat beste Wohnlage für Corona-Zeiten: Es liegt im Erdgeschoss, hat einen handtuchkleinen Vorgarten. In dem darf ihre Tochter sie besuchen. Und da sitzen sie nun auch: eine Tischbreite Abstand, umrahmt von blühenden Blumen. Ein idyllisches Bild - wären da nicht die Gesichtsmasken und der Schutzumhang von Tochter Silke. "Es ist schon komisch. Auch die körperliche Nähe fehlt, dass man sich mal in den Arm nimmt."

Ihre Mutter nickt und zuckt dann schicksalsergeben mit den Achseln: "Schön ist es nicht. Aber da müssen ja alle durch. Jammern hilft nicht." Sie habe schon viel Schlimmeres erlebt, sagt Rosemarie Hintze. Wie die ständigen Schmerzen durch ihr Weichteil-Rheuma oder die Notoperation am Gehirn. Sterben wolle sie nicht. Deswegen finde sie die Corona-Maßnahmen richtig. Auch wenn die 75-Jährige deswegen auf einiges verzichten muss: "Ich würde so gerne mal wieder raus. Irgendwo ins Geschäft gehen. Oder meine Tochter zuhause besuchen, die hat’s sehr schön."

Seniorenzentrum Elstal im Havelland (Quelle: rbb/Corves)
Seniorenzentrum Elstal | Bild: rbb/Corves

Viele fühlen sich einsam

Wenigstens dürfen sie sich inzwischen wieder richtig sehen. Zwar nicht drinnen im Heim - da dürfen weder Reporter noch Angehörige rein. Aber im Vorgarten oder an Besucherinseln – und nicht mehr nur durch die Fensterscheibe oder per Videotelefonie, wie noch vor einem Monat. Da war Rosemarie Hintzes Stimmung häufiger im Keller. Der Retter in der Not hieß dann Ingo, Ingo Musehold. Der Pflegehelfer kommt gerade vorbei auf seiner Runde in dem Wohnbereich, den er betreut, schaut nach dem Rechten. Ingo helfe ihr nicht bloß beim Waschen und Anziehen, sagt Rosemarie Hintze: "Wenn man traurig ist, kommt Ingo auch. Der hört zu und muntert einen auf."

Ingo Musehold freut sich, das zu hören. Er erledigt seine Arbeit nun schon seit vielen Wochen mit Mundschutz, Handschuhen und Desinfektionsmittel im Schlepptau: "Das war am Anfang anstrengend, aber ich habe mich daran gewöhnt." Für die Bewohner sei die Umstellung härter gewesen. Manche fühlen sich eingesperrt und einsam. Da seien sie als Pfleger besonders gefragt: "Wir haben viele Gespräche geführt, uns intensiver mit den Bewohnern beschäftigt, versucht, beruhigend auf sie einzuwirken."

"Sie haben doch auch ein Recht auf Leben"

Das Risiko zu vereinsamen sieht auch Nicole Oerder, die Leiterin des Pflegeheims. Deswegen hatte sie sich zu Beginn der Corona-Krise dafür entschieden, die Gemeinschaftsbereiche offenzuhalten.
"Die Bewohner haben auch zusammen gegessen, in ihrem vertrauten Umfeld." Aber strikt nach Wohngruppen getrennt. Zu den Gemeinschaftsräumen gehören Gemeinschaftsbalkone – und die werden fleißig genutzt, das ist vom Hof aus zu sehen: Ein Herr im Rollstuhl schleckt ein Eis, eine ältere Dame ruft ihrer schwerhörigen Sitznachbarin etwas ins Ohr – und kommt ihr dabei ziemlich nah.

"Ich kann sie nicht in ihr Zimmer sperren"

"Was soll ich machen", sagt die Heimleiterin. "Die Leute wohnen hier, ich kann sie nicht in ihre Zimmer sperren." Das wäre doch kein Leben mehr. Gleichzeitig spürt sie, natürlich, die Last der Verantwortung. Sie selbst, die Pfleger, die Bewohner – alle kennen die Berichte von Pflegeheimen, in denen der Corona-Virus grassiert ist, in denen Menschen daran gestorben sind. Deswegen ziehen die relativen Freiheiten nach innen strenge Regeln nach außen mit sich, jetzt erst recht: "Je lockerer der Alltag draußen wieder wird, umso mehr müssen wir hier drinnen aufpassen, jede Möglichkeit der Abschirmung zu nutzen." Ausflüge gibt’s für die Bewohner momentan nicht. Und ihre Besucher müssen sich im Vorfeld anmelden, bekommen am Einlass eine Hygienebelehrung, werden zu ihrem Angehörigen gebracht und abgeholt. Das Verfahren beansprucht 20 Minuten pro Besuch.

"Ich kenne keinen, der Corona hatte – Du?"

14 solcher Besuche am Tag kann das Pflegeheim ermöglichen, 96 Menschen leben hier. Manche Angehörigen ärgern sich über diese Beschränkungen, sagt Nicole Oerder. Als Anfang Mai Besuche überhaupt wieder erlaubt wurden, hätten viele vor der Tür gestanden und gedacht, sie könnten nun einfach wieder rein ins Haus. Viele empfänden die Maßnahmen als komplett übertrieben. "Ganz oft bekomme ich zu hören: Ich kenne keinen, der Corona hatte – kennst Du jemanden?"

Nein, auch Nicole Oerder kennt niemanden. Jeden Morgen wird bei allen Bewohnern und Pflegern Fieber gemessen. Bisher gab es noch nicht mal einen Verdachtsfall. Aber das spreche doch gerade FÜR die Maßnahmen, findet die Heimleiterin.

Was Sie jetzt wissen müssen

Beitrag von Anna Corves

12 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 12.

    Wir sehen immer nur die negative Seite einer Sache. Ich bin hoffnungsvoll, dass aus dieser Pandemie ein neues und höheres Bewusstsein wächst. Ein Umdenken wie wir alle miteinander umgehen und vor allem den Ärmsten und Schwächsten eine Stütze sein können, um ihnen das Leben etwas schöner und freundlicher zu ermöglichen.

  2. 11.

    Leider gibt es selten Politiker, die sich für ältere Menschen und Menschen mit Handicap einsetzen. Ich frage mich, warum die großen Träger , zum Beispiel Caritas, Diakonie und Arbeiterwohlfahrt, sich nicht mit den kleineren freien Trägern zusammentun und sich lauter engagieren, um den Menschen eine Stimme zu geben. Die Niederlande und Österreich sind in der Betreuung weitaus kreativer und die Menschen bleiben Teil der Gesellschaft. Deutschland verroht und das macht Angst.

  3. 10.

    @Ines, nicht nur die Kinder und alten Menschen sind die Verlierer dieser Krise, auch pflegende Angehörige. Ich bin berufstätig mit pflegebedürftigen Mann zu Hause und habe im Gegensatz zu Eltern keine Möglichkeit bezahlt zu Hause zu bleiben. Für Eltern gibt es 20 Wochen bezahlte Freistellung, ich kann mich ständig nur mit meinem Arbeitgeber streiten, wie ich diese Belastung überstehe.

    Es gibt viele Verlierer und kaum Gewinner. Und wie interessant alte und behinderte Menschen für die Gesellschaft sind, sieht man schon hier an der Menge der Kommentare. Wendet man sich an die zuständigen Behörden, bekommt man nicht mal eine Antwort, geschweige denn eine Hilfe. Alte Menschen haben einfach keine Lobby. Auch das Pflegepersonal nicht mehr. Eine halbherzige Prämie und das war's. Traurig ist das alles, auch die bereits geschilderten Erlebnisse in den entsprechenden Kommentaren.

  4. 9.

    Wenn sich die Berliner mal an die Regfln halten würden müssten die Risikogruppen auch nicht so ne Angst haben. Aber in Berlin scheint ja alles wieder erlaubt und die Rsikogruppen werden in die Ecke gedrängt. Die Regierung macht ja auch nichts dagegen...echt schlimm!!!

  5. 8.

    Also es tut mir leid, dass es bei ihrer Mutter im Pflegeheim so gehandhabt wird.
    Ich muss sagen, dass dies nicht für alle Pflegeheime gilt und das ich es traurig finde, dass hier alle über einen Kamm geschert werden, denn dies ist nicht bei allen so
    Und leider kenne ich als Pflegepersonal auch die anderen Seiten, dass es Drohungen dem Personal gegenüber gibt und denn später kaum Anmeldungen von Angehörigen gibt, es ist für alle keine leichte Situation, aber nur weil es in einem Pflegeheim so läuft gilt das nicht für alle!!!

  6. 7.

    Hoffentlich wachen die Bürger auf.
    Um Schutz geht es hier schon lange nicht mehr - sondern um ein weiteres Kapitel staatlicher Bevormundung + Bußgeldandrohung.
    Der Pflegeberuf ist anstrengend, und man gelangt an ethische Grenzen.
    Die PflegerInnen nun noch mit Bürokratie und noch mehr Zurechtweisungen zu terrorisieren, ist doch schlimm.

  7. 6.

    "Isolationshaft" ist eine sehr grausame Folter. Was hier mit den Menschen gemacht wird ist für mich absolut unverständlich. Und alles nur damit die Regierung ihr Gesicht bewahrt und das kaputt gesparte Krankenhaus-System nicht auffällt. Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter wenn ich an die alten Menschen in den Pflegeheimen denke. Ist es das, was diese Generation verdient hat?

  8. 5.

    Vielleicht sollte uns gerade eine solche Schilderung vor Augen führen, dass nicht nur das Leben an sich schützenswert ist - womit ja mittlerweile alle Maßnahmen als absolutes Todschlagargument untermauert werden - sondern in erster Linie die Würde des Menschen. das sollte uns gerade die Situation in Pflegeheimen vor Augen führen.

  9. 4.

    Meine Mutter wohnt in einem Pflegeheim. Sie hat sich einen Zahn abgebrochen und kann nur noch weiche Sachen essen, da sie sonst Schmerzen hat. Ja, ich darf sie zum Zahnarzt bringen. Danach muss sie 14 (!) Tage in ihrem Zimmer in Quarantäne bleiben - Anordnung der Heimverwaltung - trotzdem wir im Dörfle seit über 3 Wochen keine Neuinfektionen aufzuweisen haben. Er klären sie mal einer dementen Frau, weshalb sie in den nächsten zwei Wochen in ihrem ca. 17m² großen Zimmer bleiben muss und nicht mal eine Runde ums Haus gehen darf. Sie weint jetzt schon manchmal bitterlich am Telefon, weil sie die Beschränkungen nicht versteht.
    Frau Nonnemacher SORGEN SIE DAFÜR, DASS DIESE UNVERHÄLTNISSMÄSSIGE ISOLATION ENDLICH BEENDET WIRD!!!!!

  10. 3.

    Warum wird die Sommerzeit mit dem schönen Wetter nicht genutzt um mit den Bewohnerinnen und Bewohnern von Alten- und Behinderteneinrichtungen JETZT nach draußen zu gehen?
    Warum bekommen sie keine FFP 2 Masken? - Sie könnten dann gefahrlos auch körperlichen Kontakt mit Angehörigen haben?
    Warum wird in Heimen und bei Besuchern nicht viel mehr getestet und nach Vorliegen der Ergebnisse gelockert?
    Wie eingangs gesagt betrifft das auch behinderte Menschen.

  11. 2.

    Warum tragen Rentner eig. keine FFP2-Masken?
    Siehe Bild.
    Auf der einen Seite haben sie Angst und wollen alles zumachen, und dann haben sie diese Lappen im Gesicht.
    Wer sich die guten Masken nicht leisten kann, krickt sie vom Staat.
    Oder sogar FFP3. Dann wären sie sicher.
    Es ist mehr das Unwissen über Keime, das zu Corona führt.

  12. 1.

    Das ist so unendlich traurig und schwierig. Denn eigentlich gehört es ja auch zur Menschenwürde sich selber entscheiden zu dürfen.

    @RBB: Ich finde es sprachlich sehr schwierig, wenn sie davon sprechen, dass es für alle außer Senioren wieder Öffnungen gibt. Unsere Kinder sind seit 12 Wochen nicht in der Kita gewesen und dürfen weiter nur eingeschränkten Kontakt haben. Bitte machen sie deutlich, dass es ZWEI große Verlierergruppen gibt.

Das könnte Sie auch interessieren