Seniorin Karin R. aus Berlin beim Spaziergang (Quelle: Privat)
Bild: Privat

#Wiegehtesuns? | Seniorin - "Ich glaube, danach wird es viele Initiativen geben"

Seit Corona ist Karin Regierer die meiste Zeit in ihrer Wohnung. Jetzt sei es wichtig, den Tag gut zu strukturieren und Neues zu lernen, sagt die ehemalige Lehrerin. Auch für die Zeit nach Corona setzt sie auf fantasievolle Lösungen. Das Gesprächsprotokoll einer 87-Jährigen.

Corona betrifft uns alle in Berlin und Brandenburg – mehr als jedes andere Ereignis zuvor. In kürzester Zeit hat das Virus unser Leben auf den Kopf gestellt. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir gerade?  

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen aus der Region, wie ihr Alltag gerade aussieht.

Die ehemalige Religionslehrerin Karin Regierer, 87, lebt in Berlin-Wilmersdorf. Seit Corona verlässt sie ihre Wohnung kaum. So geht es ihr:

Vor Corona war ich sehr aktiv, viel unterwegs. Ich habe mich um die Kirchengemeinde in meiner Nähe gekümmert, habe meine Familie und einen großen Freundeskreis. 

Seit Corona haben mir meine Kinder das Versprechen abgenommen, dass ich auf soziale Distanz gehe. Sie kaufen für mich ein, ich soll kein Geschäft betreten und mache das auch nicht. Jetzt bin ich die meiste Zeit allein in meiner Wohnung. Ich mache das, was möglich ist. Ich versuche, den Tag gut zu strukturieren: morgens ein bisschen Fernseh-Gymnastik, außerdem rausgehen und drei Kilometer laufen. Es geht mir gut.  

Ich pflege meine Kontakte. Ich habe ich eine große Telefonliste und rufe diejenigen aus der Gemeinde an, von denen ich weiß, dass sie allein leben. Man muss sich überlegen, wie man diese Zeit gut übersteht. Moderne Medien sind dabei wichtig. Meine Kinder haben dafür gesorgt, dass ich mit allem ausgestattet bin. Ich kann mit meinem Sohn in Chile über Smartphone super telefonieren und wir können uns gegenseitig sehen. Das hilft sehr in dieser Isolation. Ab und zu ist es natürlich auch toll, sich Face-to-Face zu begegnen: Mit gebührendem Abstand gehe ich manchmal mit meiner Tochter spazieren. Das wollen wir auch an Ostern so machen.

Dann ist es interessant, sich zu überlegen, was man Neues lernen oder Altes wiederaufnehmen kann. Ich habe meine Gitarre wieder rausgeholt, lese englische Texte – sonst war ich immer in einer Englischgruppe. Ich will meinen Kopf in Gang halten.

Alte Leute sind eigentlich daran gewöhnt, allein zu leben. Das ist nicht so problematisch. Wenn sie gesund sind, geht ihr Leben genauso weiter wie vorher. Ich habe nicht gehört, dass jemand Depressionen gekriegt hat. Alle erzählen mir, dass sie sehr gute Hilfsangebote erhalten aus den Häusern, wo sie wohnen. Ich beobachte, dass viele noch einkaufen gehen. Das ist der menschliche Kontakt, den man noch hat. Ich soll das nicht tun, und es fehlt mir sehr. Ich kann verstehen, dass viele Alte die Hilfsangebote nett finden, aber sagen: Danke, ich geh noch selbst.

Wie es nach Corona aussieht? Wissen Sie, ich habe ein Kriegsende erlebt, eine völlig zerstörte Wirtschaft. Es war nichts mehr da. Aus dieser Situation ist schnell viel entstanden – natürlich mit politischer Unterstützung, aber auch mit Nachbarschaftshilfe und fantasievollen Lösungen. Diese Erfahrung hilft mir.

Auch wenn die Wirtschaft nach Corona am Boden liegt, sehe ich es nicht so negativ. Ich glaube, es wird viele Initiativen geben. Wir können staatlich auf ein gutes finanzielles Polster zurückgreifen. Wir werden Neues gestalten. Und die positiven Erfahrungen, die wir aus dieser Krise gewonnen haben, kommen hoffentlich zum Tragen.

Gesprächsprotokoll: Ula Brunner

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3 Kommentare

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  1. 3.

    Liebe Cornelia,ich kann Ihre Sorgen gut verstehen.Ich bin 50,zähle wegen einer fehlenden Niere seit Geburt zur Risikogruppe,darf und möchte arbeiten zur Zeit,pflege meinen Mann zu Hause und versorge meine Eltern in Berlin.Nicht überall klappt es mit der Hilfe durch Nachbarn etc.,viele alte Menschen haben keine Kinder oder sie wohnen weit weg.Auch ist die Physiotherapie geschlossen,Ärzte behandeln nur noch in dringenden Fällen, Rehasport findet nicht statt usw .Was wird aus all diesen Menschen?Sie sollten geschützt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können,selbständig einkaufen gehen können...Auch Omi und Opi brauchen mal neue Schuhe oder einen Pulli,vielleicht im Sommer einen Besuch im Freibad um die Knochen wieder zu sortieren...Frau Saskia Ludwig hat hier einen tollen Vorschlag gemacht.Verehrte Medien,bitte kümmern Sie sich um die Sorgen der Menschen,geschrieben haben wir genug,Sie haben die Kontakte.Denn EINSPERREN UND ISOLATION KANN NICHT DIE LÖSUNG SEIN!

  2. 2.

    Endlich mal jemand der dem Ganzen positiv gegenübersteht. Schlimm diejenigen, die nur schwarz sehen und das noch verbreiten, wie DEPRESSIONEN usw. Man muss nur was mit sich anzufangen wissen. Ich möchte nicht von fremden Leuten umgarnt werden, denen ich im vorhergehenden Leben egal war. Bleiben Sie gesund Fr. Riegierer, sie sind ein positives Beispiel.

  3. 1.

    Ich bin 66. Ich mache mir viele Sorgen. Insbesondere wenn, z. B. von Herrn Laschet, gesagt wird"Hinterher wird nichts mehr so sein, wie es war." Was bedeutet das: Leben in Hütten ohne Wasser und Strom, mit Kontaktverbot, Hungern, keine ärztliche Versorgung ... Natürlich hier etwas überspitzt ausgedrückt, aber was soll es heißen wenn "Nichts" mehr so sein wird??? Ich möchte nicht, dass sich alles ändert, ich möchte wieder Kontakte, ich möchte hier in meiner Wohnung bleiben können, ich möchte mit Lebensmitteln, Ärzten versorgt sein - wie bisher. Und auch, dass die Kinder wieder zur Schule gehen können, Kontakte knüpfen können um einen Partner, eine Partnerin zu finden usw. usw. - wird das alles nicht mehr so sein, wie es war???

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