Angehörige von Heimbewohnerin (Quelle: rbb)
Video: Unser Leben | 02.05.2020 | Cosima Jagow-Duda | Bild: rbb

#Wiegehtesuns? | Tochter einer Heimbewohnerin - "Wir sehen, wie sie immer mehr verschwindet"

Es bleibt nur die Begegnung am Zaun: Seit Wochen kann Eva Beisiegel ihre Mutter nicht mehr im Pflegeheim besuchen. Nun hat sie große Angst, den letzten Lebensabschnitt der 84Jährigen nur auf Distanz begleiten zu können. Ein Gesprächsprotokoll  

Corona betrifft uns alle, nicht nur in Berlin und Brandenburg. In kürzester Zeit hat das Virus unser Leben auf den Kopf gestellt. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir gerade?  

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen aus der Region, wie ihr Alltag gerade aussieht.

Eva Beisiegel arbeitet im Bundespresseamt, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seit mehr als vier Wochen kann sie ihre schwer an Demenz erkrankte 84jährige Mutter nicht mehr im Pflegeheim besuchen. So geht es Eva:

Also, wir leiden da alle drunter. Normalerweise besuche ich meine Mutter zwei bis dreimal in der Woche. Ich und meine Kinder. Durch Corona haben wir sie erst über einen Monat gar nicht mehr gesehen. Das war schrecklich. Ich habe im Heim Geschenke für sie abgegeben, war wenige Meter von ihr entfernt und konnte sie trotzdem nicht besuchen.

Inzwischen können wir sie nach Absprachen einmal in der Woche am Zaun mit Sicherheitsabstand treffen. Das hängt immer davon ab, ob das Pflegepersonal Zeit hat, sie in den Rollstuhl zu setzen und dorthin zu bringen. Ab und zu schickt mir das Heim ein Foto von ihr zu. Aber ich weiß nicht wirklich: Geht es den Bewohnern gut, geht es denen schlecht, sind die Pfleger gesund, sind sie krank? Im Großen und Ganzen muss ich dem Heim vertrauen.

Wir können auch nur Kontakt mit ihr halten, wenn die Pflegekräfte helfen. Drei Mal haben wir versucht, über Face-Time zu sprechen. Davon hat es einmal gut geklappt, als ihr Bezugspfleger das mit Ruhe in Ihrem Zimmer machen konnte

Jeden Mittwoch kaufe ich frische Blumen auf dem Markt. Dann weiß sie, ich bin dagewesen. Sie soll sich nicht alleine fühlen, auch wenn wir uns nicht sehen konnten. Natürlich hab ich die Sorge, dass sie vieles verlernt und vergisst, auch mich oder meine Familie. Ich denke, dass man über Essen da noch ganz viel hinkriegt. Deswegen schicke ich ihr mit den Blumen Erdbeeren und Spargelsalat ins Heim, das liebt sie.

Für meine Tochter, die nun Abitur macht, ist es besonders schwer – auch weil der Kontakt immer über Dritte geht. Wir können nie mit meiner Mutter alleine sein. Der körperliche Kontakt, die Berührung, fehlt. Wir können sie nicht umarmen. Dabei versteht sie das viel besser als Worte. Das können wir ihr nicht geben und sie uns nicht.

Diese Corona-Krise hat auch was sehr Existenzielles – besonders in den Heimen, wo es sich so dramatisch abspielt. Da hab ich schon Angst, sie unter Umständen gar nicht mehr wieder zu sehen. Sie fehlt uns auch, sie gehört zu unserem Alltag dazu. Dieser Alltag ist von heute auf morgen weggebrochen, und wir konnten ihr gar nicht erklären, was los ist.

Die Lebenszeit meiner Mutter sehe ich als sehr begrenzt an. Sie ist 84 Jahre, hat es am Herzen und Demenz. Wir sehen, wie sie immer mehr verschwindet. Die Vorstellung, auf Distanz diese letzte Lebenszeit von meiner Mutter zu verbringen, macht mich total wütend und traurig.

Die Diskussion um die Fußballer, die für die Bundesliga regelmäßig getestet werden sollen, macht mich fassungslos. 100.000 Tests die Woche! Warum nicht für Heimbewohner, Personal und Angehörige? Wenn ich wüsste, ich bin negativ, meine Tochter ist negativ, meine Mutter ist negativ – dann könnten wir sie doch regelmäßig besuchen!

Gesprächsprotokoll: Cosima Jagow-Duda

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37 Kommentare

  1. 37.

    Was hat denn bitte Prof. Drosten und RKI Chef Wiehler mit der Politische Entscheidung des Landes Berlin zu Pflegeheimen zu tun?
    Wenden Sie sich an die Politiker, die entscheiden das und nicht an Wissenschaftler die die Entwicklung der Epedemie untersuchen.
    Es gibt andere Ministerpräsidenten die anders entscheiden.
    Diese persönliche Anfeindung von Wissenschaftlern ist völlig fehl am Platz, Politiker sind Erwachsen genug sich selbst eine Meinung zu bilden.

  2. 36.

    Der Artikel macht mich sehr betroffen.
    Hoffentlich lesen Drosten und Wiehler, was sie mit ihrer fachzentrierten Sichtweise und der Panikmache anrichten.

    Politiker, überlasst nie wieder Virologen das Regieren in diesem Land!

  3. 34.

    Kennst Du dich auf dem Arbeitsmarkt aus? Wenn ja, dann hätte ich gerne die Frage gelesen, warst Du als Leiharbeiter in so vielen Krankenhäusern, Demenz WG, Seniorenheime etc. oder wie kam es dazu?

    Danke der Nachfrage, ich war Leiharbeiter!

  4. 33.

    @Roland Rötinger, Ihre Kommentare sehen sehr nach persönlicher Vendetta aus. Hat das damit zu tun, dass Sie bereits in 30 (in Worten: dreißig) Pflegeheimen gearbeitet haben? Da möchte ich mal lieber nicht umrechnen, wie lange Sie einzelne Jobs hatten.

  5. 32.

    Was mich beunruhigt ist die Zahl an Häusern die von der Diakonie geführt werden. Gehen die schon so am Stock dass die sich nichts mehr leisten können, weil die Kirchenaustritte gar nicht mehr abreißen? Vielleicht sollten die ihren Rahmen an Wohltätigkeiten in Europa mal neu abstecken und mehr im eigenen Land investieren, um wenigstens die Häuser so auszustatten, damit in Zukunft nicht wieder so Schlagzeilen hochkochen.

  6. 31.

    Ich wünschte ich hätte einen Zaun an drm ich meinen Opa sehen könnte. Er wohnt 150km entfernt und isoliert sich mit seiner Frau srit Beginn komplett. Einkäufe erledigen Angehörige vor Ort. Seine Demenz schritt in den letzten Wochen seit des Lockdowns so schnell voran, dass er nun schon während des Telefonats vergisst, wer ich bin oder dass er eine Utenkelin hat. Der Impfstoff wird unserer Familie nicht mehr helfen können. Bis dahin wird er zum Großteil in seine Kindheit nach Thüringen gegangen sein. Es ist furchtbar, was derzeit passiert. Mein tiefstes Mitgefühl an alle Betroffenen und Angehörigen. Geteiltes Leid...

  7. 30.

    Politikerdenken: Fußballer bringen Geld, Heimbewohner K/kosten.

  8. 29.

    Jetzt kommen mit den Lockerungen wieder die Polit-Profis aus allen Ecken und kritisieren die Bundesregierung. Über alles wurde schon Kritik geübt, gerade wieder von den grünen. Nicht ein Wort bis heute, über diese völlig überzogene Einsperrung der Senioren, da wird auch nie ein Wort drüber verloren was man hätte besser machen können. Der ganze Käse, der Jahre lang vom MDK geprüft wurde war schon ein Witz, und alle eine verlogene Note 1 bekommen. Noch kein Wort von Jens Spahn, dass die Hygiene besser geprüft werden muss und immer Schutzausrüstung auf lager ist. Ich wette beim nächsten knall, wieder die selben Probleme.

  9. 28.

    WHAT??? Ich weiß nicht, ob es bei Ihnen schon angekommen ist, aber trotz Besuchsverbot ect. häufen sich die Fälle in den Pflegeheimen! Darüber wird sogar im Mainstream berichtet. Und nun sagen Sie nicht, Sie glauben noch daran, dass diese Gruppe geschützt wird!

  10. 27.

    "Aber es wird uns doch erzählt, dass der Schutz des Lebens über allem steht." Guter Witz! Auf ein Leben, das nicht lebenswert ist, verzichte ich sehr gerne! Aber auch das wird von einem Herrn Spahn ja erfolgreich verhindert, indem er das Urteil des Bundesverfassungsgericht umgeht. Dreimal dürfen Sie raten, warum!

  11. 26.

    Eve, ich verstehe das schon ... und ja, ich möchte, dass es Besuchsmöglichkeiten gibt, das kann ja jetzt nicht für die nächsten 2,3 oder 10 Jahre oder ewig so bleiben, bis es einen Impfstoff gibt. Roland R. um 10.31 Uhr hat hier Möglichkeiten aufgezeigt, das Foto zum Beitrag zeigt eine weitere Möglichkeit. Aber wie so oft scheitert es am Personal.

    Was die Rücksicht ggü den genannten Personen angeht bezieht sich meine Empfindung nicht nur auf die Pflegeheime, sondern auf das " normale Leben ". Da gab's schon vor Corona etliche Baustellen, und jetzt sind's noch mehr. Rücksichtnahme bedeutet hier für mich nicht ... Einsperren ... sondern Integration !

  12. 25.

    "Aber nach meiner Empfindung wird auf Risikogruppe, alte und kranke Menschen eh keine Rücksicht mehr genommen." Aber genau darum geht es doch! Das wird alles nur gemacht, um genau diese Gruppen zu schützen! Warum verstehen Sie das denn nicht? Wollen Sie, dass Besuche erlaubt werden und dass die Menschen in den Heimen reihenweise an dem Virus sterben?

  13. 24.

    Ich empfinde die beschriebene Situation für alle Beteiligten als menschenunwürdig. Das uns die körperliche Nähe zu Familienangehörigen fehlt, ist schon schlimm genug aber in dieser Situation wäre sie für mich nicht aushaltbar. Ich bin froh,dass ich meinen Mann hier zu Hause pflegen kann,auch wenn es noch so schwer ist. Die Vorstellung, er wäre in einer solchen Einrichtung alleine, ggf. wegen Corona isoliert,eh schon zu wenig Personal... und jetzt auch noch osteuropäische Pfleger,die nicht zur Arbeit kommen können .Ich kann nur hoffen, dass sich die Politik hier endlich Gedanken macht u Lösungen findet. Aber nach meiner Empfindung wird auf Risikogruppe, alte und kranke Menschen eh keine Rücksicht mehr genommen .Ich habe gelernt ... hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Nopos Erklärung bzgl der Bundesliga war sehr interessant.Ich würde mich freuen, wenn's wieder los geht.Ist es doch ein kleiner Schritt in die Normalität und die Politik muss sich endlich mit dem Thema Sport beschäftigen

  14. 23.

    Die Oma meiner Frau hat Anfang April ihren 100. Geburtstag begehen dürfen...... selbst ihre 3 Kinder, die mit Mundschutz und Einmalumhang aus dem Pflegebereich ausgestattet zum gratulieren wollten, durften dies nur getrennt tun. 1 Tag ein Sohn und am 2. Tag Sohn und Tochter. Und dazu in 2 Meter Abstand und vor der Tür des Heimes..... wie erklärt man das einem 100 jährigen Menschen?? Aber sie nahm es mit Humor..... sie hat einige Systeme überlebt und dieses schafft sie auch noch.....

  15. 22.

    Die Oma meiner Frau hat Anfang April ihren 100. Geburtstag begehen dürfen...... selbst ihre 3 Kinder, die mit Mundschutz und Einmalumhang aus dem Pflegebereich ausgestattet zum gratulieren wollten, durften dies nur getrennt tun. 1 Tag ein Sohn und am 2. Tag Sohn und Tochter. Und dazu in 2 Meter Abstand und vor der Tür des Heimes..... wie erklärt man das einem 100 jährigen Menschen?? Aber sie nahm es mit Humor..... sie hat einige Systeme überlebt und dieses schafft sie auch noch.....

  16. 21.

    Solange es keine Maskenpflicht in Pflegeheimen gibt, ist alles andere egal. Da stecken sich eher die Angehörigen an als umgekehrt.
    Das muss täglich unangekündigt von Hygieneprüfern kontrolliert werden. Bei jeder Pommesbude wird mehr Hygiene gefordert und kontrolliert als in Pflegeheimen.

    Den Angehörigen und der Mutter wünsche ich viel Kraft und starke Nerven.

  17. 20.

    Mir geht es ähnlich. Habe meine Mutter seit rd. 5 Wochen nicht mehr sehen dürfen - vorher habe ich sie täglich zwischen 1-6 Stunden besucht. Täglich telefonieren ist kein Ersatz und man bekommt den Eindruck, dass sich seitens der Heime und der Politik dahingehend keiner Gedanken macht, wann hier Lockerungen möglich sein werden.

    Man steht vor dem Eingang und kommt sich vor, wie ein Bettler mit Aussatz.

    Die Schotten werden dicht gemacht, man verweist auf Verordnungen und die Informationspolitik tendiert gegen Null.

    Es ist einfach nur traurig, wie mit den älteren Menschen umgegangen wird.

  18. 19.

    Aber es wird uns doch erzählt, dass der Schutz des Lebens über allem steht. Wie lebenswert es für diejenigen selbst ist, spielt eine untergeordnete Rolle. Ist die Dame im Heim um ihre eigene Gesundheit besorgt oder würde sie sich viel lieber wünschen, dass ihre Angehörigen zu ihr können und die Tage, die noch bleiben an ihrer Seite verbringen. Ich verstehe diesen Sinn nicht

  19. 18.

    Also, auch wenn ich kein Fußballfan bin und es auch total be.. finde, wenn die spielen können und unsere Kinder nicht, muss man doch fair bleiben und nicht auf die BL meckern. Zu verantworten haben das die Politiker und nicht die Spieler!

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