Eine Frau versucht, sich vor der Gewalt eines Mannes zu schützen, Symbolbild (Quelle: Picture Alliance/Frank May)
Bild: Picture Alliance/Frank May

Berlin - Deutlich mehr Fälle von häuslicher Gewalt während des Lockdowns

Der Lockdown hat zu einer deutlichen Zunahme an Gewalt gegen Frauen und Kinder in von Berliner Familien geführt. Dies bestätigen nun auch Zahlen der Senatsverwaltung und der einer speziellen Anlaufstelle für Betroffene bei der Charité.

Die Zeit des Lockdowns hat in Berlin zu einem deutlichen Anstieg von häuslicher Gewalt und Kindesmissbrauch geführt. Dies teilte die Gewaltschutzambulanz der Charité am Donenrstag gemeinsam mit Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) mit.

Demnach registrierte die Gewaltschutzambulanz, die unter anderem kostenlos rechtsmedizinische Gutachten für Betroffene erstellt, im ersten Halbjahr dieses Jahres insgesamt 783 Fälle. Das sei ein Anstieg von 8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der Kindesmisshandlungen sei dabei besonders stark gestiegen - um 23 Prozent.

Auffällig sei, dass mit dem Beginn des Lockdowns im März zunächst ein deutlicher Rückgang der Fälle um 24 Prozent im Vergleich zu 2019 festgestellt worden sei. Ab Ostern habe sich dies jedoch stark geändert. Mit dem Höhepunkt der Lockerungen in den ersten beiden Juni Wochen habe es einen Anstieg von 50 Prozent gegeben.

Soziale Kontrolle erst wieder mit Lockerungen möglich

Die Fallzahlen spiegelten im Grunde die Phasen des Lockdowns wieder, teilte Saskia Etzold von der Gewaltschutzambulanz mit. "Zu Beginn war es den von Gewalt betroffenen Frauen nicht möglich, das Haus zu verlassen und sich Hilfe zu holen, außer wenn sie die Polizei gerufen haben." Dies habe dazu geführt, dass die Hilfseinrichtung im März und April von weniger Betroffenen aufgesucht wurde.

Allerdings seien in dieser Zeit viele besonders schwere Folgen von Gewalt begutachtet worden. Ein Sprecher der Senatsverwaltung für Justiz sagte auf Nachfrage von rbb|24, dass die Charité-Stelle in dieser Zeit auffällig viele Knochenbrüche oder Würgelmale am Hals bei Frauen und Kindern festgestellt habe. "Wir vermuten, dass das nur die Spitze des Eisbergs war", sagte der Sprecher.

"Ende Mai, Anfang Juni stiegen die Zahlen wieder deutlich an", so Etzold. "In vielen Fällen musste eine sichere Unterbringung der Frauen und ihrer Kinder organisiert werden." Zu diesem Zeitpunkt sei erst wieder eine soziale Kontrolle durch Kita-Erzieher, Tagesmütter oder Schulen möglich gewesen. Wodurch wieder mehr Fälle entdeckt werden konnten.

Ähnliche Entwicklung bei einschlägigen Gerichtsverfahren

Die Zahl der Verfahren nach dem Gewaltschutzgesetz hat sich laut Justizsenator Behrendt mit einer ähnlichen Kurve verhalten. Allerdings liegen noch keine Zahlen für das gesamte erste Halbjahr vor. Im ersten Quartal sei die Zahl der entsprechenden Verfahren an den Berliner Familiengerichten um 7,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen.

Im März, mit Beginn des Lockdowns, habe es jedoch einen deutlichen Rückgang von 1.352 Verfahren auf 739 gegeben. Während der ersten Lockerungen im April stieg diese Zahl jedoch wieder deutlich von 1.089 im vergangenen Jahr auf 1.565 in diesem.

Deutliche Zunahme an Notrufen in den Wochen vor Ostern

"Die Zahlen der letzten Monate haben die schlimmsten Befürchtungen bestätigt", teilte Behrendt dazu mit. Betroffene sollten sich nicht fürchten, Angebote wie die Gewaltschutzambulanz wahrzunehmen, so der Senator. "Auch wenn für viele betroffene Frauen während der Pandemie die Perspektiven komplizierter sind, gilt der Grundsatz: 'Wer schlägt, der geht'."

Dass während des Lockdowns nicht weniger Gewaltverbrechen stattfanden, sondern verstärkt Familienverhältnisse zum Ventil wurden, verdeutlicht möglicherweise eine weitere Entwicklung, die von der Gewaltschutzambulanz registriert wurde. Die Zahl der Sexualstraftaten ist im ersten Halbjahr 2020 in Berlin deutlich zurückgegangen - insgesamt um 32 Prozent. Dabei handelt es sich unter anderem um Vergewaltigungen und ähnliche Verbrechen, die oftmals im Umfeld von Bars, Clubs oder anderen Veranstaltungen stattfänden, so der Sprecher der Justizverwaltung.

Bereits im April konnte der rbb Zahlen der Polizei einsehen, die verdeutlichten, dass in den Wochen vor Ostern die Zahl der Notrufe wegen Gewaltdelikten in familiären Umfeldern kontinuierlich zunahm. Erst nach den Feiertagen wurden wieder weniger Notrufe registriert.

Sie befinden sich in einer familiären Notsituation? Sind Druck oder Gewalt in Beziehung, Familie oder der häuslichen Gemeinschaft ausgesetzt?

Beim Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen erhalten Sie bundesweit unter der 08000 116 016 rund um die Uhr Unterstützung auf Deutsch und in 17 weiteren Sprachen.

Im Berliner Familienportal finden Sie eine Reihe von Gesprächspartnern und Angeboten, an die Sie sich wenden können, wie den Berliner Krisendiest, den Kinder- und Jugendnotdienst oder die Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG). Hier finden Sie eine umfangreiche Liste der Hilfsangebote [berlin.de/familie].

Auch in Brandenburg gibt es eine Reihe von Hilfsangeboten für Frauen, die sich in ausweglosen Situationen im häuslichen Umfeld wähnen. Das Brandenburger Familienministerium bietet auf seinen Seiten einen Überblick zu Hilfsangeboten [msgiv.brandenburg.de]. In jedem Landkreis und jeder kreisfreien Stadt in Brandenburg gibt es Vereine, die Frauenhäuser betreiben. Kontakte können Sie unter anderem über das Netzwerk der brandenburgischen Frauenhäuser finden [nbfev.de] oder über den Bundverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe [frauen-gegen-gewalt.de].

Sendung: Fritz, 02.07.2020, 13.30 Uhr

Was Sie jetzt wissen müssen

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

14 Kommentare

  1. 14.

    Kann das mal sinnvoll nach Bezirken aufgeschlüsselt werden, damit diese abstrakten zZahlen zuzuordnen sind und nicht alles im Konzeptbrei von "Berlin" verschwimmt. Bitte! Das nennt man, glaube ich, wissenschaftliche Angaben.

  2. 13.

    Meiner Meinung existiert das Männerhaus in Berlin nicht mehr. Und auch die Wohnungen in der Gingkastraße. Aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren.. Es ist aber bezeichnend, daß Sie BIG als beratungsstelle für Männer angeben.
    Auf der Seite von BIG steht aber: Beratung für häuslich Gewalt gegen Frauen und Kinder.

  3. 12.

    Das stimm jetzt aber nicht was Sie da schreiben ausser das auch Männer Opfer von Gewalt sind. Es gibt genug Anlaufstellen für Männer.
    Es gibt das " Männerhaus " in der Glinkastr.24 BIG EV in der Marienburger Str. und noch vieles mehr.
    einfach mal informieren und dann meckern.
    Gruß Toska

  4. 10.

    Nein das wird nicht funktionieren, ein lockdown bedeutet eben genau das was wir jetzt am Ende herausbekommen.
    Was sie möchten ist am Ende kein lockdown mehr.
    Man muss sich da entscheiden, man kann einfach nicht beides haben, Freiheit und Wohlstand oder lockdown und pseudo Sicherheit.

  5. 9.

    Mann muß es diesem Senaat immerwieder sagen, 7% der Opfer von häuslicher Gewalt sind Männer. Also sind Frauen auch Täterinnen. Und bei der Gewalt gegen Kinder sind es genausooft die Mütter, die zuschlagen. Warum erwähnt das dieser Senat nicht. Und wenn die häusliche Gewalt gegen Frauen zugenommen hat, dann wird auch die häusliche Gewalt gegen Männer zugenommen haben. Und warum werden dann nur Angebote für Frauen gemacht, und nicht für Männer. Vielleicht liegt es daran, daß Berlin keine Beratungsmöglichkeiten für männliche Opfer von häuslicher Gewalt hat.

  6. 8.

    Damit bestätigt sich nun, was viele befürchtet hatten. Ich hoffe im nächsten Lockdown bleiben Spielplätze geöffnet und Kitas sowie Schulen zumindest punktuell. Den Schwächsten viele Möglichkeiten zu nehmen, das Haus zu verlassen und sich mitzuteilen, war ein großer Fehler. Ein Mindestmaß an sozialer Kontrolle muss auch während eines Lockdowns ermöglicht werden!

  7. 7.

    also ihre sichtweise teile ich nur zum teil.
    ich halte ihre schlussfolgerung, das sich die gewaltbereiten familienmitglieder aufgefordert fühlten gewalt auszuüben, für arg verkürzt und unzutreffend. wenn etwas die gewaltspirale angefacht hat, dann ist es das dauerthema Angst, das von allen seiten verbreitet wurde und weiterhin wird. angst vor dem virus, alles ist ungewiss, schlimmer als der zweite weltkireg, ausnahmesituation, einmalig in der jüngeren geschichte, globale kathastrophe ...und und und. solche, vollkommen übertriebenen einodnungen und die absolut überzogenen maßnahmen und absurdes wording wie "social distancing" haben potenzielle opfer in die enge und damit in die arme von potentiellen tätern getrieben. und jeder tag an dem wir weiterhin zuschauen und uns etwas von "neuer normalität" erzählen lassen, wird es schlimmer und macht es schlimmer.

  8. 6.

    Ein ganz dickes Lob an den rbb24 das sie alle Telefonnummern und Anlaufstellen aufgelistet haben, so können sich Betroffende an die richtige Stelle wenden.
    Ansonsten kann ich nur sagen das dieser Bericht tatsächlich nur die Spitze ist.

  9. 5.

    Sie haben völlig recht, das Virus zeigt nicht nur in diesem Bereich was alles falsch läuft.
    Mal sehen wie lange es dauert bis die blau braune Fraktion der Bundesregierung die Schuld gibt......

  10. 4.

    So richtig erstaunlich ist dieser schlimme Zuwachs nicht. Erstaunlich scheint nur, wie konsequent die in dem Bericht zur Sprache Kommenden und auch die medialen Berichterstatter das Anwachsen häuslicher Gewalt während der Corona-Beschränkungen als nur individuelle Problematik ansehen. Freilich würde mir - wie Millionen anderer Berlinerinnen und Berlinern - auch in solch extremen Belastungssituationen nie einfallen, auf meine Frau und/oder meine Kinder einzuprügeln. Aber es gibt eben die zitierte Gewaltambulanz, weil es solche zumeist labil-brutalen Menschen und Beziehungen gibt. Und es ist ja nix Neues, dass in Zeiten von Ängsten (um die Gesundheit, um die eigene soziale Situation, um den Verlust von noch so fragwürdigem Freizeitverhalten...) oft zuerst gegenüber den eindeutig Schwächsten (Partnerin, Kinder, alte Eltern) die Hemmungen fallen, zumal wenn das eigene Gefährdungshaftung- und Gewaltpotenzial hoch ist. Und dann haben auch all diese Menschen wochenlang tagtäglich in Radio-, Fernseh- und Presse-Berichten zu hören bekommen, wie furchtbar es ist, dass „das Kind“ einem den ganzen Tag auf der Pelle sitzt, dass das Klub- und Kneipenverbot mein Grundrecht auf Versammlungsfreiheit schwer verletze, dass mein erzwungenes tägliches Zusammensein mit meinen Kindern schlimmer als Knast wäre. Ist es da so verwunderlich, dass sich häusliche Brutalos von Politik und Medien „verstanden“ fühlen? Dass sie eventuell dadurch sogar eine „Legitimation zum schnelleren Zuschlagen“ verspüren? Ich will nichts verharmlosen oder im falschen Sinne Schuld und Verantwortung vergesellschaften, aber an der Tatsache, dass häusliche Gewalttäter (Gewalttäterinnen?) durch diese Art des öffentlichen Umgangs mit dem Lockdown ein günstigeres Klima hatten, sollten wir und sollten Politik und Medien in ihren Krisen-Schlussfolgerungen nicht leichtfertig vorbeigehen.

  11. 3.

    DAS WAR DOCH KLAR !
    Lieber Sprecher der Senatsverwaltung:
    "Wir vermuten, dass das nur die Spitze des Eisbergs war" - Das wird leider nicht nur eine Vermutung sein! Und ich bin sehr wütend darüber! Vor allem, wenn man sich davon noch ach so überrascht fühlt. Das ist bittere Realität und es erfordert öffentliche Aufklärung. Es darf kein Tabu-Thema sein.
    Aber auch die Bundesregierung hält solch wichtige Themen ja lieber unter geschlossenem Deckel. Oder warum wurde die Presse für den Termin am Montag ausgeladen?
    Aber selbst der Einladung zur anschließenden nach draußen verlegten Pressekonferenz folgte fast niemand!
    "Der Termin war auf einmal nicht mehr presseöffentlich angesetzt, was ich als maximal schwierig erachtete, handelt es sich bei einer Petitionsübergabe von fast einer halben Million Mitzeichnern doch wohl um einen demokratischen Akt, der im Interesse aller Öffentlichkeit unbedingt journalistisch begleitet werden sollte!" so der P.-Übergeber

  12. 2.

    Wow, erstmal ein DANKE an den @rbb, dass Sie der völlig gerechtfertigten Bitte einer Kommentarorin in einem früheren Bericht nachgekommen sind, und unter diesen Bericht nun Hilfsangebote aufgezeigt haben!
    Das finde ich toll, wobei es schöner gewesen wäre, wenn Sie auch früher schon von selbst darauf gekommen wären.
    Das Problem von Betroffenen ist oft, dass sie in dem Moment gar nicht wissen, an wen sie sich wenden können und nicht die Kraft dazu haben, selbst zu recherchieren!
    Also nochmals: Herzlichen Dank!

  13. 1.

    Der Lockdown offenbart nur, was sowieso schon falsch ist in diesen Beziehungen. Diese Frauen sollten ihr(e) Kind(er) in die Hand nehmen und sich endlich trennen.

Das könnte Sie auch interessieren