Pflege-Ausbildung auf konstantem Niveau - Steigende Infektionszahlen bringen Krankenhäuser ans Limit

Mo 30.11.20 | 16:47 Uhr
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11.11.2020, Berlin: Intensivpfleger Sebastian ist hinter einer Schleuse bei seiner Arbeit in einer Schutzausrüstung mit Mund-Nasenbedeckung, Gesichtsschutz, Kittel und Haube auf der Intensivstation des Krankenhauses Bethel Berlin an einem Corona-Patienten im Hintergrund zu sehen, während sich ein Arzt in einer Scheibe spiegelt. (Quelle: dpa/Nietfeld)
Bild: dpa/Kay Nietfeld

Gerät die Lage an den Berliner Krankenhäusern wegen der weiterhin hohen Zahl von Corona-Infektionen außer Kontrolle? Am Wochenende zeigte die Corona-Ampel für den Intensivbereich erstmals rot. Das größte Problem: Personalmangel. Von Sebastian Schöbel

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Mehr als 7.600 Corona-Neuinfektionen gab es in den vergangenen sieben Tagen in Berlin. Als kontrollierbar gilt die Lage, wenn es 1.100 wären, sagte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) am Montag im Berlin Abgeordnetenhaus.

"Das Niveau der Neuinfektionen ist noch weit entfernt von dem, was wir uns als Ziel gesetzt haben, um das Infektionsgeschenen beherrschbar zu machen." Die sogennante 7-Tage-Inzidenz liegt aktuell bei durchschnittlich 200, wobei sechs Bezirke deutlich höhere Werte melden. Es sei daher ein Warnsignal gewesen, so Kalayci, dass am Wochenende die Corona-Ampel des Senats zur Auslastung der Intensivstationen auf Rot sprang und anzeigte, dass 25 Prozent der Berliner Intensivbetten mit Covid-19-Erkrankten belegt sind.

Panik dürfe man deswegen allerdings nicht verbreiten, warnte Heyo Kroemer, der Vorstandsvorsitzende der Berliner Charité. Die Lage sei keienswegs außer Kontrolle - allerdings auch nicht gut. "Es dürfen auf keinen Fal mehr werden, sondern es müssen deutlich weniger werden, damit wir mit dieser Belastung für die Intensivstationen fertig werden können," sagt Kroemer am Montag im Gesundheitsausschuss.

Derzeit würden 106 Patienten mit Covid-19 intensivmedizinisch an der Charité versorgt. "Wenn wir mehr Covid-Patienten aufnehmen, können wir andere Dinge nicht tun." Ein Aufnahmestopp an der Charité sei derzeit aber nicht nötig, so Kroemer.

470 Intensivbetten in Reserve

Insgesamt seien die Berliner Krankenhäuser "gut aufgestellt", so Kalayci: "Wir haben noch Reserven." Zwar werden aktuell 316 Patienten intensivmedizinisch behandelt, 249 Personen müssen beatmet werden. Allerdings stünden laut Kalayci noch weitere 470 Intensivbetten bereit beziehungsweise könnten kurzfristig einsatzbereit gemacht werden. "Aber es ist eine zugespitzte Situation, und das Risiko, dass das Personal in eine Überlastungssituation kommt, ist gegeben."

Zumal gerade nichts so händeringend gesucht wird wie medizinisches Pflegepersonal: Nicht nur in den Krankenhäusern, sondern zum Beispiel auch in den sechs Corona-Impfzentren, die gerade aufgebaut werden und voraussichtlich Mitte Dezember öffnen sollen - sofern bis dahin der Impfstoff da ist.

Rund 1.000 zusätzliche Fachkräfte werden dafür benötigt - vor allem Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger. Die Krankenhäuser behelfen sich inzwischen selbst. Sie holen Pflegekräfte aus der Rente, lassen Überstunden machen oder schichten Personal um.

Ausbildung für Pflege gut nachgefragt

Dabei läuft die Pflege-Ausbildung in Berlin trotz Pandemie auf Hochtouren: 1.900 Ausbildungsverträge seien in diesem Jahr abgeschlossen worden, teilte die Gesundheitsverwaltung mit, fast genauso viele wie im Vorjahr. Es sollen perspektivisch aber dreimal so viele Ausbildungsplätze geschaffen werden, um den Bedarf zu decken.

Jannik Müller vom Berliner Bildungscampus für Gesundheitsberufe hält das für unrealistisch. Es fehlen nämlich auch die Fachkräfte, die den Pflegelehrlingen die theoretischen Grundlagen beibringen. "Wir sind jetzt schon an den Grenzen: Wir brauchen auch die Hochschulen, um den Nachwuchs zu schaffen", so Müller.

Der Markt für Pflege-Lehrkräfte sei jedenfalls leergefegt, sagte Sabine Philbert-Hasucha, die Leiterin des Campus Berlin am Südkreuz, wo unter anderem Alten- und Krankenpfleger ausgebildet werden. "Es gibt einfach zu wenig Bewerber, und man kann beobachten, dass eine aggressive Abwerbung unter den Schulen stattfindet, was ich als sehr unangenehm empfinde."

Pflegepersonal fehlt bei Schnelltests

Wie dringend medizinisch ausgebildete Pflegekräfte benötigt werden, zeigt sich aktuell bei den Corona-Antigen-Schnelltests. Die dürfen nämlich bisher nur von Fachpersonal durchgeführt werden. Wie rbb|24 zuletzt berichtete, sorgt das vor allem bei Einrichtungen für Menschen mit Behinderung für große Probleme: Dort müssen Schnelltests durchgeführt werden, für die ihnen eigentlich das Personal fehlt.

Auf Druck der Länder soll der Bund nun die rechtliche Voraussetzung schaffen, um zum Beispiel Corona-Selbsttests zu ermöglichen oder Tests durch nicht-medizinisches Personal möglich zu machen.

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