11.11.2020, Berlin: Intensivpfleger Sebastian ist hinter einer Schleuse bei seiner Arbeit in einer Schutzausrüstung mit Mund-Nasenbedeckung, Gesichtsschutz, Kittel und Haube auf der Intensivstation des Krankenhauses Bethel Berlin an einem Corona-Patienten im Hintergrund zu sehen, während sich ein Arzt in einer Scheibe spiegelt. (Quelle: dpa/Nietfeld)
Bild: dpa/Kay Nietfeld

Pflege-Ausbildung auf konstantem Niveau - Steigende Infektionszahlen bringen Krankenhäuser ans Limit

Gerät die Lage an den Berliner Krankenhäusern wegen der weiterhin hohen Zahl von Corona-Infektionen außer Kontrolle? Am Wochenende zeigte die Corona-Ampel für den Intensivbereich erstmals rot. Das größte Problem: Personalmangel. Von Sebastian Schöbel

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Mehr als 7.600 Corona-Neuinfektionen gab es in den vergangenen sieben Tagen in Berlin. Als kontrollierbar gilt die Lage, wenn es 1.100 wären, sagte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) am Montag im Berlin Abgeordnetenhaus.

"Das Niveau der Neuinfektionen ist noch weit entfernt von dem, was wir uns als Ziel gesetzt haben, um das Infektionsgeschenen beherrschbar zu machen." Die sogennante 7-Tage-Inzidenz liegt aktuell bei durchschnittlich 200, wobei sechs Bezirke deutlich höhere Werte melden. Es sei daher ein Warnsignal gewesen, so Kalayci, dass am Wochenende die Corona-Ampel des Senats zur Auslastung der Intensivstationen auf Rot sprang und anzeigte, dass 25 Prozent der Berliner Intensivbetten mit Covid-19-Erkrankten belegt sind.

Panik dürfe man deswegen allerdings nicht verbreiten, warnte Heyo Kroemer, der Vorstandsvorsitzende der Berliner Charité. Die Lage sei keienswegs außer Kontrolle - allerdings auch nicht gut. "Es dürfen auf keinen Fal mehr werden, sondern es müssen deutlich weniger werden, damit wir mit dieser Belastung für die Intensivstationen fertig werden können," sagt Kroemer am Montag im Gesundheitsausschuss.

Derzeit würden 106 Patienten mit Covid-19 intensivmedizinisch an der Charité versorgt. "Wenn wir mehr Covid-Patienten aufnehmen, können wir andere Dinge nicht tun." Ein Aufnahmestopp an der Charité sei derzeit aber nicht nötig, so Kroemer.

470 Intensivbetten in Reserve

Insgesamt seien die Berliner Krankenhäuser "gut aufgestellt", so Kalayci: "Wir haben noch Reserven." Zwar werden aktuell 316 Patienten intensivmedizinisch behandelt, 249 Personen müssen beatmet werden. Allerdings stünden laut Kalayci noch weitere 470 Intensivbetten bereit beziehungsweise könnten kurzfristig einsatzbereit gemacht werden. "Aber es ist eine zugespitzte Situation, und das Risiko, dass das Personal in eine Überlastungssituation kommt, ist gegeben."

Zumal gerade nichts so händeringend gesucht wird wie medizinisches Pflegepersonal: Nicht nur in den Krankenhäusern, sondern zum Beispiel auch in den sechs Corona-Impfzentren, die gerade aufgebaut werden und voraussichtlich Mitte Dezember öffnen sollen - sofern bis dahin der Impfstoff da ist.

Rund 1.000 zusätzliche Fachkräfte werden dafür benötigt - vor allem Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger. Die Krankenhäuser behelfen sich inzwischen selbst. Sie holen Pflegekräfte aus der Rente, lassen Überstunden machen oder schichten Personal um.

Ausbildung für Pflege gut nachgefragt

Dabei läuft die Pflege-Ausbildung in Berlin trotz Pandemie auf Hochtouren: 1.900 Ausbildungsverträge seien in diesem Jahr abgeschlossen worden, teilte die Gesundheitsverwaltung mit, fast genauso viele wie im Vorjahr. Es sollen perspektivisch aber dreimal so viele Ausbildungsplätze geschaffen werden, um den Bedarf zu decken.

Jannik Müller vom Berliner Bildungscampus für Gesundheitsberufe hält das für unrealistisch. Es fehlen nämlich auch die Fachkräfte, die den Pflegelehrlingen die theoretischen Grundlagen beibringen. "Wir sind jetzt schon an den Grenzen: Wir brauchen auch die Hochschulen, um den Nachwuchs zu schaffen", so Müller.

Der Markt für Pflege-Lehrkräfte sei jedenfalls leergefegt, sagte Sabine Philbert-Hasucha, die Leiterin des Campus Berlin am Südkreuz, wo unter anderem Alten- und Krankenpfleger ausgebildet werden. "Es gibt einfach zu wenig Bewerber, und man kann beobachten, dass eine aggressive Abwerbung unter den Schulen stattfindet, was ich als sehr unangenehm empfinde."

Pflegepersonal fehlt bei Schnelltests

Wie dringend medizinisch ausgebildete Pflegekräfte benötigt werden, zeigt sich aktuell bei den Corona-Antigen-Schnelltests. Die dürfen nämlich bisher nur von Fachpersonal durchgeführt werden. Wie rbb|24 zuletzt berichtete, sorgt das vor allem bei Einrichtungen für Menschen mit Behinderung für große Probleme: Dort müssen Schnelltests durchgeführt werden, für die ihnen eigentlich das Personal fehlt.

Auf Druck der Länder soll der Bund nun die rechtliche Voraussetzung schaffen, um zum Beispiel Corona-Selbsttests zu ermöglichen oder Tests durch nicht-medizinisches Personal möglich zu machen.

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15 Kommentare

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  1. 15.

    Ihnen ist aber schon klar, dass wenn ich für deutlich weniger vermiete, also deutlich unter dem Mietspiegel, dass das vom Finanzamt sanktioniert wird.

  2. 14.

    RICHTIG! die einzigen "Johanniter" in der Pandemie sind die Vermieter! Wo ist denn deren Anteil an Solidarität? Oder ist das die politische Kompensation für den Mietendeckel?

  3. 13.

    Ganz einfach: weil dann die Wirtschaft endgültig gegen die Wand gefahren würde und dann bringen Ihnen gesunde Menschen auch nichts mehr. Andersrum genauso, wenn es keine Einschränkungen gäbe, ginge es der Wirtschaft besser. Bringt aber nichts wenn viele krank werden/sterben. So wird ein Mittelweg gesucht (ob und was dabei sinnvoll ist, kann natürlich diskutiert werden).

  4. 12.

    Sie haben wohl ein festes Monatsgehalt.

    Geben sie doch, die die un ihre Existenz kämpfen....die Hälfte ab

  5. 11.

    Betten, Betten, Betten.
    Betten behandeln keine Patienten. Weder die vielzitierten Intensivbetten noch sonst welche.
    Von daher ist die Auslastung bzw. die Verfügbarkeit von Intensivbetten als Maßstab zur Beurteilung der Lage irreführend und absurd.
    Ansonsten: seit Anfang März hat sich die Zahl verfügbarer Intensivbetten bundesweit um 3000 reduziert. Man hat sie einfach abgebaut. Was das breite Publikum nicht weiß, weil es gar nicht wissen will: seit Jahren, um diese Jahreszeit nehmen die Erkrankungen der oberen Atemwege rapide zu und wir haben die gleiche Situation auf Intensivstationen: das System stößt an seine Grenzen. Es ist ein strukturelles Problem und dieses Jahr ist es nicht anders als letztes Jahr oder vor zwei Jahren. Was das breite Publikum auch nicht weiß: sinkt in einem KH die Bettenbelegung unter 75%, lauten bei der Verwaltung die Alarmglocken und Ärzte werden ermannt dafür zu sorgen, dass solche Misstände nicht auftreten. Schließlich ist ein KH ein Unternehmen.

  6. 10.

    „ Forderungen nach "Lockerungen" etc. gibt es ja jetzt schon, das kann nicht mehr allzu sehr lauter werden. Gleichzeitig pfeifen die Pflegekräfte jetzt schon auf dem letzten Loch.“

    Sehr richtig, Schleswig Holstein hat Beauty- und Schönheitssalons geöffnet und Tada - die Hotels dürfen über Weihnachten auch öffnen, Da kann ich nur sagen - Virus Marsch!
    Es gibt wirklich blöde Menschen in Deutschland, was glaube die, was jetzt passiert.

  7. 9.

    „ Forderungen nach "Lockerungen" etc. gibt es ja jetzt schon, das kann nicht mehr allzu sehr lauter werden. Gleichzeitig pfeifen die Pflegekräfte jetzt schon auf dem letzten Loch.“
    Sehr richtig, Schleswig Holstein hat Beauty- und Schönheitssalons geöffnet und Tada - die Hotels dürfen über Weihnachten auch öffnen, Da kann ich nur sagen - Virus Marsch!
    Es gibt wirklich blöde Menschen in Deutschland, was glaube die, was jetzt passiert.

  8. 8.

    Forderungen nach "Lockerungen" etc. gibt es ja jetzt schon, das kann nicht mehr allzu sehr lauter werden. Gleichzeitig pfeifen die Pflegekräfte jetzt schon auf dem letzten Loch. Schon vor der Pandemie gab es zu wenig Pflegekräfte. Warum kann der Senat nicht einfach mal eine erfolgreichen harten Lockdown machen wie im Frühjahr. Von Mitte Dezember bis Ende Januar, damit die KH und Intensivstationen wenigstens ein bisschen entlastet werden. Auch Schulschließungen, die ja das Infektionsgeschehen drastisch senken würden, sollten doch möglich sein. Ab März April gibt es definitiv deutliche Entspannung, weil dann die Risikogruppen geimpft sind und es wärmer wird. Dann spricht nichts dagegen alles wieder aufleben zu lassen. Für die Gewerbemieten und Lagermieten muss der Senat aufkommen, damit Geschäfte nicht pleite gehen, aber danach geht die Wirtschaft doch wieder nach oben, es sind doch nur noch 4 Monate! Lockdown jetzt!

  9. 7.

    Na da muss man nun kein Hellseher sein.
    Wenn vor einigen Wochen reiserückkehrer getestet werden und die Positivquote bei äh glaube waren 2% lag und jetzt fast ausschließlich Leute mit Symptomen getestet werden ... wird die Trefferquote wohl einen Hauch höher liegen.
    Wenn man Schadstoffe finden will .... wo wird man die eher finden .... auf einen waldwiese oder einer Mülldeponie ? :D

  10. 6.

    Und nun? Der Anreiz besser zu Hause zu bleiben ist dennoch nicht da. Und auch nicht gewünscht.
    Bleiben wir doch ehrlich.

    Senat und Einzelhandel möchten doch das wir raus gehen und Geld ausgeben.
    Also sind die Prioritäten doch klar.

  11. 5.

    Ich finde es ist schon lange Zeit für Panik!
    Ich arbeite auf verschiedenen Intensivstationen in Berlin und überall ist das gleiche Bild. Zu Viele Patienten und viel zu wenig Personal.
    Schon vor der Pandemie waren 20 % Der Intensivbetten gesperrt weil schlicht das Personal fehlte. Kollegen z.b von Geriatrischen Stationen oder OP Pflege auf Intensiv einzusetzen ist einfach fahrlässig!
    Schon jetzt sind die Patienten schlecht versorgt. Und die Rettungswagen fahren von Haus zu Haus um ein Platz zu finden und das kostet wertvolle Zeit.
    Wenn unser Senat sagt, das wir noch Reserven haben ist das falsch!
    Das Personal ist psychisch und körperlich oft schon über dem Limit was für einen hohen Krankenstand sorgt.
    Wir hatten den ganzen Sommer Zeit uns vorzubereiten und Kollegen richtig auf der Intensivstation einzuarbeiten. Dieses wurde einfach verpennt.Die moralische Erpressung geht immer weiter ...Natürlich tun wir alles was wir können. Aber wie lange können wir noch?

  12. 4.

    Ja, wenn Nachrichten aktuell sein sollen, dann kann sich die Nachrichtenlage schon mal an Hand der aktuellen Situation ändern. Nachrichtenagenturen arbeiten mit dem schnellen Internet. In den Amtsstuben ist Internet ja eher ein Fremdwort.

  13. 3.

    Warum hinterfragt der rbb nicht die sinkende Anzahl von Tests und die steigende Befundquote?

  14. 2.

    Gestern Rot, heute früh Gelb und jetzt an der Leistungsgrenze - kann man da noch die Nachrichten Ernst nehmen?

  15. 1.

    Hr.Müller, bei dieser Nachricht verstehe ich Sie nicht mehr. Warum sollen die Hotels für Privaten Besuch öffnen. Die Infektionszahlen steigen und steigen. Lassen Sie die Hotels geschlossen und sorgen Sie und Ihr Gefolge endlich für genügend Pflegepersonal.

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