Karuna-Mitarbeiter Jörg Richert (Quelle: rbb/M. Hoelzen)
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Nothilfe für Obdachlose im Lockdown - Kein Dach über dem Kopf, aber das Virus im Nacken

Corona bedeutet: Abstand halten, zuhause bleiben. Für Menschen ohne Wohnung ist beides keine Option. In Kreuzberg bietet ein Laden kostenlose Lebensmittel und Hilfe an, damit Betroffene trotzdem sicher durch den Winter kommen können. Von Michael Hoelzen

Nachts sinkt das Thermometer unter Null, wer auf der Straße lebt, der lebt gefährlich. Und die Corona-Pandemie hat die Situation für Obdachlose nochmal verschärft. Auch für Notunterkünfte und Hilfsangebote gelten Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln, viele Einrichtungen haben geschlossen. Jörg Richert setzt sich seit vielen Jahren für die Belange von Obdach- und Wohnungslosen in Berlin ein. “Wo ich vorher 30 Betten hatte, kann ich jetzt vielleicht nur noch zehn Betten aufstellen. Das bedeutet weniger Plätze und trotzdem wird natürlich alles viel teurer, denn die Häuser brauchen mehr Personal, um die Menschen betreuen zu können."

Richert war schnell klar, was Corona für Menschen ohne Dach über dem Kopf bedeutet. Der Pragmatiker eröffnete im September den Karuna-Laden am Paul-Linke-Ufer in Kreuzberg. Hier können Menschen, die auf der Straße leben, kostenlos Lebensmittel bekommen, die von anderen gespendet worden sind. Ein wichtiges Angebot, denn das Spendenaufkommen bei der Berliner Tafel und anderen Einrichtungen ist in der Pandemie deutlich zurückgegangen.

Karuna-Infotafel. (Quelle: rbb/M. Hoelzen)
Während der Pandemie gab es weniger Spenden | Bild: rbb/M. Hoelzen

Von Corona noch nichts mitbekommen

20 bis 30 Menschen besuchen den Laden pro Tag und treffen hier auf Ingo, der 2008 seine Wohnung verlor. Ingo arbeitet seit fünf Monaten bei Karuna, auch er hat eine Verschärfung der Situation für Menschen ohne eigenes zuhause festgestellt: "Viele Organisationen und Vereine waren gezwungen zu schließen, du kannst dich nicht mehr in eine Tagesstätte setzen, kriegst das Essen nur noch durch das Fenster gereicht, das sind natürlich nicht mehr die Mahlzeiten, die du vorher gewohnt warst."

Ingo ist ein wichtiger Ansprechpartner für Besucher des Ladens geworden, hat Jörg Richert beobachtet. "Ingo hat die Expertise. Der weiß, woran das scheitert im Alltag, und dann spricht er die Leute an: ‘Was ist denn jetzt mit dir, du hast ja immer noch keinen Personalausweis? Setz' dich mal hier hin, dann machen wir das.’"

Karuna-Lastenrad. (Quelle: rbb/M. Hoelzen)
Auch sechs Lastenräder stehen dem Verein zur Verfügung | Bild: rbb/M. Hoelzen

Das ist der andere Teil des Angebotes des Karuna-Ladens. Viele Wohnungslose haben weder ein Handy noch einen Rechner und sind damit in einer immer vernetzteren Welt abgehängt. Richert ist schon öfter von Obdachlosen angesprochen worden, die von Corona überhaupt noch nichts gehört hatten: "Die kommen dann und wollen wissen ‘Was ist denn los, haben wir den dritten Weltkrieg?’ Die haben noch gar nicht mitbekommen, das gerade eine Pandemie wütet." Viele seien einsam, hätten kein Radio oder Handy und keinen Zugang zu Nachrichten, erklärt Richert.

Das Bett im Mehrbettzimmer wird zum Dauerzustand

Karuna hilft hier mit Handys, die an Bedürftige ausgegeben werden und im Laden stehen Rechner zur Verfügung, um Anträge zu stellen oder einfach nur ein paar Informationen zu sammeln. Aber auch Menschen, die nicht mehr die Kraft haben, den Laden zu besuchen, soll geholfen werden. Sechs Lastenräder gehören zum Laden, mobile Einsatzkommandos können damit Hilfe auch dahin bringen, wo sie gerade benötigt wird. "Wir fahren mit diesen Elektrorädern raus, verteilen Essen und Hygieneartikel. Am U-Bahnhof Gesundbrunnen lebt ein Mann, der wohnt da. Seine Freunde versorgen den, jetzt versorgen wir den mit, an diese Menschen müssen wir unbedingt denken."

Jörg Richert wünscht sich mehr Kreativität im Umgang mit Obdachlosigkeit und Wohnungsproblemen: "In der Wohnungslosenhilfe geben wir in Berlin jedes Jahr 300 Millionen Euro aus für die Versorgung von Wohnungslosen. Die haben dann über Jahre ein Bett in einem Mehrbettzimmer. Das ist ein Dauerzustand."

Bewegungsspielräume ergeben sich für die Betroffenen so nicht. Richert schwebt eine andere Lösung vor, die für Ingo schon Realität geworden ist. Ingo steht ein sogenanntes Tiny House zur Verfügung, eine Mini-Unterkunft, die auf dem Gelände des Berliner Ensemble aufgestellt wurde. Ein Rückzugsort, an dem er sicher ist und zur Ruhe kommen kann. Ingo findet es schade, dass diese Idee so schleppend voran kommt: "Ich findes es traurig, dass es so wenig Möglichkeiten gibt, wo man diese Häuser aufstellen kann. Die Häuser sind da, aber die Aufstellmöglichkeiten fehlen."

Werbetafel im Karuna Kiosk Kreuzberg. (Quelle: rbb/M. Hoelzen)Es gibt auch Obdachlose, die von der Pandemie noch nichts mitbekommen haben

"Ich bin nasser Alkoholiker, aber ich kann arbeiten"

Die Berliner Bezirke verhalten sich hier zurückhaltend, befürchten Probleme mit Anwohnern. Jörg Richert möchte seinen Kunden die Möglichkeit zum selbstständigen Handeln geben. Mit der Kryptowährung Karuni will er es leichter machen, Menschen in Not Geld zukommen zu lassen. So sind sie in schwierigen Situationen beispielsweise in der Lage, sich selbst Medikamente in einer Apotheke zu besorgen, die diese Kryptowährung akzeptiert.

Richert ist sich sicher, dass Menschen das Gefühl brauchen, gebraucht zu werden, dann ergeben sich neue Möglichkeiten: "Ingo sagt: 'Ich bin nasser Alkoholiker, aber ich kann ja arbeiten!' und das macht der auch. Und dann sagt er irgendwann: 'Naja, ich würde jetzt doch eine ambulante Entgiftung machen, denn jetzt habe ich etwas zu verlieren.'"

Sendung: zibb, 22.12.2020, 18:30 Uhr

Beitrag von Michael Hoelzen

5 Kommentare

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  1. 5.

    Ich habe diese Bedenken durchaus bei meinen Betrachtungen im Hinterkopf. Allerdings schätze ich die angesprochenen Punkte deutlich optimistischer ein.

    Solange man Wohnraum politisch eher als Spekulationsmasse behandelt, wird das Anliegen, Wohnraum für Wohnungslose zu finden, gelinde gesagt "sehr anstrengend". Solange man die TinyHouses nicht im blinden Aktionismus ohne Plan und handwerkliches Geschick zusammennageln will, sind sie durchaus praktikable Möglichkeiten, zumind. ein "kleines Dach über dem Kopf" zu haben. In meinen Augen immer noch besser als "kein Dach über dem Kopf". Wenn man das auch noch baurechtskonform macht, spricht auch nichts dagegen, dauerhaft zu bauen und entsprechende Versorgung anzuschließen.

    Für mich ist ein eigenes Klo das Wichtigste - fast alles andere ist dann nur noch "Luxus". Das mag jeder halten wie er will, aber "anfangen" muß man irgendwo, weil sonst nichts passiert.

  2. 4.

    Sie gehen gleich zwei missverständlichen Meldungen auf den Leim. Erstens, nicht alle Wohnungslosen sind ohne Handy bzw. Smartphone unterwegs. In der Vergangenheit wurde eine App dafür ausgezeichnet, in verständlicher Weise Wohnungslosennotunterkünfte etc. aufzuzeigen. In dem Bericht hier beruft man sich auf keine Studienergebnisse, sondern lediglich auf die berufsalltägliche Beobachtung einer Person.

    Zweitens, mitnichten sind sog. Tiny Homes eine angemessene Unterbringung. Wohnungslose brauchen Wohnungen - oh Wunder. Mag ja sein, dass unter den Not- und Verlegenheitslösungen vorgenannte pragmatisch seien. Es wird dabei aber das Bedürfnis nach Privatsphäre mit dem nach Unterkunft verwechselt bzw. konstruiert in Zusammenhang gebracht. Es braucht beides. Als Wohnung werden diese Behausungen rechtlich auch nicht betrachtet und wie in Kreuzberg zum 1. Mai geschehen, kann schonmal die eigene Stadtverwaltung bewohnte(!) Tiny Houses abreißen lassen.

  3. 3.

    Die angesprochenen Probleme sind für die Betroffenen hautnah zu spüren und könnten mit wenig Engagement aus der Gesellschaft heraus zumind. abgemildert werden.
    Das "Informationsdefizit" ist wohl eines der tiefgreifendsten Probleme... und wäre wohl mit geringen Kosten zu beseitigen: Solarzelle und ein Smartphone könnten eine erste Abhilfe schaffen.
    "TinyHouses" sind einfach zu errichten, die späteren "Besitzer" könnten mit etwas handwerklichem Geschick selbst helfen und/oder auch ihre Vorstellungen einfließen lassen (was die Akzeptanz erhöhen sollte), brauchen wenig Platz und wenig Energie. Entsprechende Freiflächen dafür wären zuzuweisen: es braucht nur (wieder) ein entsprechendes Engagement und dann recht wenig Resourcen.

    Ohne entsprechende "Lobby" wird den Menschen nicht geholfen. Wenn sich daraus auch nur ein bissl Profit schlagen lassen würde, würden die "Kapitalisten" Schlange stehen. So hängt es an den Engagierten, denen häufig sogar die minimal nötigen Mittel fehlen.

  4. 2.

    Danke an alle bei Karuna ...
    und alles Gute für die Entgiftung.

  5. 1.

    Von der Kryptowährung Karuni las ich heute zum ersten Mal. Also mal das vermeindlich allwissende Google anschmeissen (Kryptowährung Karuni).
    Fünf Ergebnisse - allerdings nur einer mit Inhalt - das ist die Seite vom RBB. Drei Anzeigen, deren Inhalte ich auch nicht hier rein schreibe.
    Die Idee ist nicht schlecht, nur bekannt muss sie werden, etwa durch eine Rubrik "Projekte" auf der Webseite des Karuna e.V.

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