#Wiegehtesuns? | Intensivpflegerin auf Covid-Station - "Unter diesen Arbeitsbedingungen habe ich es nicht mehr ausgehalten"

Ein Selfie der Intensivpflegerin Marie K. (Bild: Privat)
Video: Abendschau | 19.04.2021 | A. Deutschmann | Bild: Privat

Intensivkrankenschwester war immer ihr Traumberuf. Aber nach zehn traumatischen Monaten auf einer Covid-Intensivstation in Berlin hat Marie K. ihren Job aufgegeben. Sie erzählt, wie es so weit kommen konnte.

Vor mehr als einem Jahr gab es die ersten Corona-Fälle in Berlin und Brandenburg. Seither stellt das Virus unser Leben auf den Kopf. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir?

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen aus der Region, wie sich ihr Alltag seither verändert hat.

Marie K. ist 26 Jahre alt und hat drei Jahre lang als Intensivpflegerin in einem Berliner Krankenhaus gearbeitet. Wer ihr Arbeitgeber war, darf sie nicht preisgeben. Die Intensivpflege war für sie immer ein Traumberuf. Aber nach ihrer Ausbildung erlebt sie im Berufsalltag eine herbe Enttäuschung. Zeitdruck, Stress, Überforderung – und ihr bleibt kaum Zeit für die Patienten. Vielen ihrer jungen Kollegen geht es ähnlich. Noch schlimmer wird die Situation, als die Pandemie in Berlin ausbricht und sich die Arbeitsbedingungen in der Pflege weiter verschärfen. Marie arbeitet auf einer Covid-Station am Rande ihrer Belastungsgrenze – bis sie nicht mehr kann. Nach langem Ringen kündigt sie. Hier erzählt sie, wie es ihr heute mit ihrer Entscheidung geht:

Ich dachte, ich hätte versagt. Ich hatte furchtbare Schuldgefühle. Mir ging immer wieder durch den Kopf: Marie, jetzt hast du gekündigt, jetzt müssen andere deine Arbeit machen. Du lässt deine Kolleginnen mitten in der Pandemie im Stich. Im Januar und Februar konnte ich kaum darüber sprechen und habe viel geweint. Ich war körperlich und psychisch am Ende.

Nach meinem letzten Arbeitstag am 17. Dezember 2020 habe ich meine Arbeitsschuhe und mein Stethoskop mit nach Hause genommen und in eine Schublade gesteckt. Ich habe sie monatelang nicht mehr aufgemacht. Ich brauchte Abstand zu allem, was mich an die Covid-Station erinnert hat. Wenn ich mein Stethoskop jetzt aus der Schublade heraushole und es mir um den Hals lege, fühlt es sich fremd an. Als dürfte ich es gar nicht mehr besitzen.

Dabei wollte ich immer Intensivpflegerin werden. Es war mein absoluter Traumberuf. Aber schon vor Corona habe ich mit dem Job gehadert. Denn all die Probleme in der Pflege, die 2020 umso sichtbarer wurden, die gab es ja schon vorher. Dass die Leute uns plötzlich wahrgenommen und für uns geklatscht haben, fanden wir heuchlerisch. Wir waren ja schon vor Corona da und unsere Probleme auch.

Als ich 2018 nach meiner Ausbildung 2018 in den Job gestartet bin, war ich motiviert und idealistisch. Ich habe aber schnell gemerkt, dass ich die Patienten nicht so pflegen konnte, wie ich es in der Ausbildung gelernt habe. Ich bin von A nach B gehetzt, konnte ihren Bedürfnissen nicht gerecht werden. Außerdem war ich mir bei Vielem unsicher und oft überfordert von den komplexen Aufgaben. All die hochkomplizierten Geräte und Abläufe. Jeder Handgriff muss sitzen, denn das Leben von schwerkranken Patienten hing davon ab.

Was mache ich, wenn es hier piept? Was mache ich, wenn es dort piept? Die Einarbeitung war oft zu oberflächlich, ich wusste vieles noch nicht. Das hat bei mir eine extreme Unsicherheit ausgelöst, die mich gelähmt hat. Ich hatte ständig Angst, etwas falsch zu machen. Ich wurde einfach so hineingeworfen in den Beruf. Und habe mich mit der Verantwortung für schwerkranke Patienten alleingelassen gefühlt. Ich wurde nicht ausreichend professionell begleitet.

Ich hatte einen großen Wissensdurst, wollte mich verbessern und Fortbildungen machen. Aber oft konnten mir Kollegen nur kurz etwas bei Schichtwechsel erklären. Wegen des Personalmangels war keine Zeit für ausführliche Schulungen. Wenn ich einen Kurs mache, falle ich ja auf Station aus. Bei einem System, das sowieso schon auf Kante genäht ist, ist es extrem schwierig, Kollegen zu entbehren, weil sie natürlich am Patienten gebraucht werden. Nach Feierabend habe ich fieberhaft in Fachbüchern gelesen, um möglichst viel dazuzulernen.

Und dann kam der März 2020. Von heute auf morgen war meine Intensivstation eine Covid-Station. Unsere Aufgaben haben sich weiter verdichtet. Selbst erfahrene Pflegekräfte kamen an ihre Grenzen. Belastung, Überforderung, Dauerstress. Während der Schichten habe ich meine Grundbedürfnisse – Trinken, Essen, auf Toilette gehen – hinten angestellt. An angespannten Tagen habe ich erst bei Dienstende gemerkt, dass ich die letzten acht Stunden noch nicht auf Toilette war. Ich hatte es verdrängt.

Gleichzeitig war es eine Zeit, in der ich Hoffnung geschöpft habe. Die Augen der Welt waren auf die Intensivstationen und unsere Arbeit gerichtet. Ich habe gehofft, dass sich endlich etwas tut und die Politik handelt. Aber da wurde ich enttäuscht. Allein schon die mickrigen Corona-Boni, die an Pflegende gezahlt wurden. Im Vergleich zu unserer immensen Verantwortung waren sie lächerlich. Ich glaube, die Unterstützung aus der Gesellschaft war vorbei, als wir gestreikt haben. Als wir Forderungen nach mehr Gehalt gestellt haben. Vielleicht hätten wir mit dem Klatschen zufrieden sein sollen, vielleicht war das das höchste der Gefühle.

Im Sommer habe ich überlegt, alles hinzuschmeißen. Aber ich dachte mir: Komm, reiß dich zusammen und mach weiter. Du wirst gebraucht. Ich wollte ja mein Team nicht hängen lassen. Aber ich konnte einfach nicht mehr. Im Herbst habe ich all meinen Mut zusammengenommen und gekündigt. Am Ende war es die Summe aus allen Belastungen. Auch dass ich gemerkt habe, dass sich gesellschaftlich nichts ändert, dass Pflege so erscheint, als seien wir nur Hinternabwischer. Unsere Professionalität wurde nicht gesehen.

Am Anfang haben mich meine Schuldgefühle ziemlich fertig gemacht. Gleichzeitig wusste ich auf einer rationalen Ebene, dass ich nicht allein bin. Ich kenne viele andere junge Pflegekräfte, die auch aufgegeben haben. In meiner Ausbildungsklasse waren wir damals 30 Leute und nur noch vier bis fünf von ihnen arbeiten heute noch in der Pflege. Es macht mich traurig, denn eigentlich müssten wir die Zukunft des Berufs sein. Ich finde es makaber, dass die Pandemie so viele Pflegekräfte in die Kündigung getrieben hat. Aber die Bedingungen sind daran schuld, dass wir aufgegeben haben und nicht wir selbst. Ich studiere jetzt Gesundheitswissenschaften und will mich weiter für die Pflege und bessere Arbeitsbedingungen einsetzen.

Ich brauche noch etwas Zeit, um die traumatischen Momente auf der Covid-Station zu verarbeiten. Aber mittlerweile fühle ich mich nicht mehr schuldig. Schuld ist ein krankes System, das von Anfang an auf Überforderung angelegt ist.

Gesprächsprotokoll: Anna-Maria Deutschmann

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42 Kommentare

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  1. 42.

    "Mit Verlaub, aber das ist Blödsinn.
    (Viel!) mehr Gehalt = mehr Pflegende = mehr Entlastung"

    ich denke, da liegt ein grundsätzlicher Irrtum vor- es wird von Seiten der Krankenhäuser und Einrichtungen gespart. Und zwar so wie am Gehalt des Personals erst recht am Personalschlüssel an sich.
    Die Anzahl der in der Pflege Beschäftigten werden hauptsächlich durch die Personalpolitik der Einrichtungen limitiert und nicht durch zu wenige Bewerber (ich habe _hauptsächlich_ geschrieben und nicht ausschließlich).

    P.S.: Übrigens: auch wenn sie sich hier geirrt haben- als Blödsinn würde ich das nicht bezeichnen. Ich versuche sorgsam mit anderen Menschen umzugehen.

  2. 41.

    Haben Sie den Artikel überhaupt gelesen? Da steht doch: "Ich glaube, die Unterstützung aus der Gesellschaft war vorbei, als wir gestreikt haben. Als wir Forderungen nach mehr Gehalt gestellt haben." Also HAT sie für mehr Gehalt/bessere Arbeitsbedingungen gestreikt. Und auch hier: "Ich studiere jetzt Gesundheitswissenschaften und will mich weiter für die Pflege und bessere Arbeitsbedingungen einsetzen." Wer lesen kann, ist klar im Vorteil ... -_-
    Zum Thema selbst: Es ist schlimm, dass selbst diejenigen, die mit Herzblut und Begeisterung den Pflegeberuf ergreifen, letztlich an den unsäglichen Rahmenbedingungen verzweifeln. Solche Pflegerinnen wie Marie braucht man dringend! Und wie schlecht es um die Pflege bestellt war und ist, weiß man auch schon seit Jahren; getan wurde und wird nichts. Statt dessen werden Milliarden für Lufthansa und TUI zur Verfügung gestellt. Und der Militärhaushalt erhöht. Das sind die Dinge, die in diesem Land wirklich zählen.

  3. 40.

    Booah, das mit der Ökonomie verstehen Sie nur aus der Kneipe, die übrigens irgendwie auch geschlossen ist.

  4. 39.

    Also Sie hat dieser Beitrag weder erreicht noch berührt? Das ist seltsam, ich kenne sonst niemanden, der nicht solidarische Verbundenheit mit jenen hat, die ungerecht behandelt werden.

  5. 38.

    Welches Heim ist das und welche Tätigkeit haben Sie dort ausgeübt?

  6. 37.

    Ich muss Sie enttäuschen - Sie liegen mit Ihren Vorurteilen komplett daneben. Als Selbständiger kann ich nur immer wieder den Kopf schütteln, mit welcher finanziellen Verachtung in unserem Land vielen *tatsächlich* systemrelevanten Berufsgruppen begegnet wird. Die Intensivpflegekräfte sind darunter ja nur eine zu trauriger Berühnmtheit gelangte Berufsgruppe. Falls Sie für ein tieferes Verständnis dieser Problematik eine klare Sicht benötigen: Schauen Sie mal auf das Gehaltsniveau von Intensivpflegekräften in der Schweiz. Na, klingelts?

  7. 36.

    Wenn die Sechs-Stunden-Pflegekräfte die vielen, vielen Überstunden dann auch leisten - irgendwo gehören immer zwei dazu. In dem Heim, wo ich sechs Jahre gearbeitet habe, waren Überstunden überhaupt nicht gern gesehen.

  8. 35.

    Wollen Sie den Pflegekräften nun auch noch ein schlechtes Gewissen einreden, weil sie es wagen, auch einmal an sich selbst zu denken? Nur wenn man sich selbst nicht vernachlässigt, kann man auch gut für andere sorgen.

  9. 34.

    Keine Facharbeiterausbildung beginnt mit frühestens 17 Jahren und wird mit einem Staatsexamen beendet.
    Als Inttensivkrankenschwester kommen noch ca 2 Jahre Fortbildung dazu.

  10. 33.

    jetzt muss ich mich hier noch mal zu Wort melden.
    Der letzte Absatz ist nicht nur unerhört, sondern zeugt auch davon das Sie scheinbar nicht wissen, das eine Demonstration von einer Gewerkschaft ausgeht, angemeldet und genehmigt werden muss und es können nur die Mitarbeiter daran teilnehmen, die in dieser Gewerkschaft sind, andernfalls bekommen sie keinen Lohnausgleich.
    Außerdem wäre das jetzt auch nicht der richtige Zeitpunkt und eine 26 jährige kann wohl kaum alleine eine Demonstration anberaumen.
    Diese junge Schwester hat doch beschrieben wie gerne sie diesen Beruf ausgeübt hat und schweren Herzens diesen aufgegeben hat.
    Genau das meinte ich, in meinen vorherigen Statements, dieses Unverständnis, das leider in der Bevölkerung so Manche haben und was da alles noch mit dranhängt an dieser Arbeit lauft leider auch nur im Verborgenen.

  11. 32.

    Sie sind ja lustig!
    Sollen sie jetzt streiken oder wie haben Sie sich gedacht "Setzt Verbesserungen jetzt durch."?
    Vielleicht sollten WIR ja mal überlegen, was WIR machen könnten!!!

  12. 31.

    Mario Barth deckt gar nichts auf, der verwertet nur schon lange von anderen Sendern oder Zeitungen berichtetes weiter.

  13. 30.

    Haha, sie sind wahrscheinlich Harzer oder Rentner, da kann man natürlich einfach daher reden.
    Wenn dann aber 60 bis 70% an Steuern und Abgaben vom Gehalt abgehen, um das alles zu finanzieren, würde man das nämlich nicht mehr so leichtfertig fordern.
    Und ehrlich gesagt kann ich diese Pflegerin hier nicht verstehen, aber wahrscheinlich ist sie einfach noch zu jung, leider ist es ein typisches Zeichen für die Jugend heutzutage, schnell aufzugeben.
    Warum hat sie nicht z.b. für mehr Geld, mehr Personal und so weiter demonstriert oder gestreikt?

  14. 29.

    Alles richtig gemacht. Und die jetzt noch dort ausgebeutet werden, macht Euch stark. Setzt Verbesserungen jetzt durch.

  15. 28.

    Fortsetzung...
    Auch gab es in den 70/ 80 zigern in der Gesellschaft den netten Spitznamen für Krankenschwestern- Kabollmäusien - man wird Krankenschwester um sich einen Arzt zu angeln.
    Dabei hat man in diesen Bereichen immer ebenso einen großen Anteil über Leben und Tod.
    In den 80 zigern folgte dann eine große Abwanderung des Personals nach Norwegen oder in die Schweiz, da dort das Ansehen und die Bezahlung entsprechend war.
    Deshalb verstehe ich absolut das man dann irgendwann nicht mehr kann und den Job! aufgibt.
    Ich habe sogar im Umfeld schon gehört, das eine K. ja gar nicht so schlecht verdient.
    Da fällt mir nichts mehr zu ein.
    Wenn jetzt das Ansehen so ist, was muss passieren, das man diesem Personal endlich man die entsprechende Wertschätzung auch finanziell schenkt.
    Also Marie ich hätte es genau so gemacht.!

  16. 27.

    ..... da bin ich aber froh, das ich diesen Job als Op. - Schwester an den Nagel gehängt habe.
    In den 70 zigern habe ich die Ausbildung als Krankenschwester gemacht und anschließend auf einer Chirurgischen Intensivstation gearbeitet, dann jahrelang im Op mit Lebertransplantation die meistens in der Nacht stattfanden und zur damaligen Zeit noch 6-8 Stunden dauerten, genauso wie in diesem Haus Explantationen stattfanden, also Organentnahmen.
    Was das für eine Situation im Op ist wenn nach Entnahme des Herzens die Anästhesie den Saal verlies und wir in totenstille die weiteren Organe entnahmen.
    Genau wie heute hatte man überhaupt keinen Rückhalt in der Gesellschaft und auch im privaten war es höchsten eine Sensation darüber zu hören.
    Wir es uns dabei ging interessierte überhaupt nicht.
    Sogar die Supervisionen die im Haus abgeleistet wurden, hätten wir selbst bezahlen müssen wenn der Psychologe nicht unentgeltlich seinen Dienst zur Verfügung gestellt hätte. Fortsetzung....

  17. 26.

    Hauptsache die Kassenbeiträge steigen immer weiter und weiter. Und weiter...

  18. 25.

    " Lohndumping auf die feine Art. "

    da wäre der Finanzminister gefordert mit einer Reform der Lohnsteuerklasse exclusiv für Pflegekräfte

  19. 24.

    Marie ich möchte Dir danke sagen für Deine Arbeit und wünsche Dir alles gute für deinen weiteren Weg.
    Es kommt von ganzem Herzen.
    Du hast mehr als nur dein bestes gegeben.
    Auch für gestandene Mitarbeiter wie ich es bin(seit 1991) im Rettungsdienst tätig ist die Zeit gekommen einzusehen das man am Limit ist.
    Unser "Gluck" ist,das wir durch jahrelange Erfahrung eventuell besser mit die derzeitige Situation umgehen können.
    Ich kenne sowohl privat als auch beruflich Menschen die auf normal/intensiv Covid stationen arbeiten.
    Es ist auch kein Versagen ,die Konsequenzen zu ziehen.Zumal auch das Krankenhaussystem mit dem permanennten Personalmangel seinen Tribut fordert.

  20. 23.

    Die Rechnung mehr Geld mehr Pfleger geht nicht auf, zumindest nicht im Intensivbereich.

    Krankenhäuser sind Wirtschaftsunternehmen, mehr Kosten weniger Personal. Also werden die kostenintensiven Bereiche gekürzt oder falls möglich nicht mehr angeboten, wie es schon bei den Geburtenstationen passiert.

    Und selbst mit 8.000 € Monatslohn muss man immer noch die entsprechende Empathie und psychische Stärke mitbringen, da körperliche Konstitution und Fachwissen im Intensivbereich auf Dauer nicht ausreichen wird.

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