Kritik an der Politik - Stiko-Mitglied Terhardt mahnt zu Zurückhaltung bei Kinderimpfungen

Gestellte Szene: Ein Mädchen wird am 01. Mai 2021 geimpft. (Quelle: imago images/Laci Perenyi )
Audio: Inforadio | 02.07.2021 | Martin Terhardt im Interview | Bild: imago images/Laci Perenyi

Michael Müller, Ramona Pop, Jens Spahn - sie alle fordern, Kinder ab zwölf Jahren schon jetzt umfassend zu impfen, obwohl die Ständige Impfkommission das noch nicht empfehlen kann. Stiko-Mitglied Terhardt wehrt sich im rbb gegen diese Vorstöße.

Der Berliner Kinder- und Jugendmediziner Martin Terhardt hat die Politik dazu aufgerufen, beim Thema Kinderimpfungen gegen Corona zurückhaltender zu sein. "Mich entsetzt das immer wieder, wie die Politik vorprescht und wissenschaftliche Daten ignoriert", sagte Terhardt, der auch Mitglied der Ständigen Impfkommission ist, am Freitagmorgen im Inforadio des rbb.

"Die Stiko hat entschieden, Kinderimpfungen ab 12 nicht generell zu empfehlen, sondern nur Kindern mit besonderen gesundheitlichen Risiken, mit einer beruflichen Indikation aufgrund ihrer Ausbildung oder für Kinder und Jugendliche, die in Kontakt zu Personen stehen, die schlecht geschützt sind. Die Krankheitslast bei Kindern und Jugendlichen ist ganz gut bekannt, wir wissen, dass sie selten schwer erkranken", begründete Terhardt die Stiko-Entscheidung. Es sei daher noch tolerabel, dass man sie noch nicht umfassend impfe, denn man wisse zu wenig über die Risiken seltener Komplikationen.

Arzneibehörde EMA befürwortet Kinderimpfungen

"Seit einer Woche wissen wir mehr, denn in den USA sind in den zurückliegenden sieben Wochen sechs Millionen Jugendliche geimpft worden. Seltene Komplikationen wie Herzmuskelentzündungen gab es vor allem bei Jungen. Da wir das aber noch nicht abschließend bewerten können, werden wir unsere Empfehlung hier noch nicht ändern", betonte Terhardt.

Nach Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatten sich zuletzt Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD), Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) und Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) für Impfungen von Kindern ab 12 Jahren ausgesprochen - auch ohne allgemeine Stiko-Empfehlung. Sie warnen vor einer Zuspitzung des Infektionsgeschehens in den Schulen nach den Ferien. Dazu sagte Terhardt, für den Gesundheitschutz in Schulen brauche es andere Konzepte, auch weil Kinder unter zwölf Jahren grundsätzlich noch nicht geimpft werden könnten.

Nach einer entsprechenden Empfehlung der Arzneimittelbehörde EMA hatte die EU-Kommission im Juni offiziell die Zulassung für die Impfung von Kindern ab zwölf Jahren mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer empfohlen.

Höhere Wirksamkeit nach Kreuzimpfungen

Terhardt nahm im Inforadio-Interview auch Stellung zur jüngsten Entscheidung der Stiko, unabhängig vom Alter sogenannte Kreuzimpfungen zu empfehlen. Nach einer Erstimpfung mit dem Vektorimpfstoff von Astrazeneca sei eine Zweitimpfung mit einem mRNA-Impfstoff von Biontech oder Moderna besonders wirksam gegen die derzeit grassierende Delta-Variante, hatte die Stiko am Donnerstag mitgeteilt. Zwischen erster und zweiter Impfung solle ein Abstand von mindestens vier Wochen eingehalten werden.

"Wir wissen aus verschiedenen Laboruntersuchungen, dass dieses Schema eine bessere Immunantwort und einen besseren Immunschutz nachgewiesen hat als wenn man zwei Mal Astrazeneca impft", sagte Terhardt dazu im Inforadio.

Ob Menschen, die bereits zwei Mal Astrazeneca bekommen haben, mit einem mRNA-Impfstoff nachlegen sollten, könne man noch nicht sagen, betonte Terhardt. Dazu gebe es noch zu wenige Informationen über Nebenwirkungen. Vorstellbar sei dies grundsätzlich bei Auffrischungen von vulnerablen Gruppen, die bereits seit Februar oder März durchgeimpft sind. "Aber das können wir jetzt noch nicht abschließend empfehlen", erklärt das Stiko-Mitglied Terhardt.

Sendung: Inforadio, 2. Juli 2021, 7:05 Uhr

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57 Kommentare

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  1. 57.

    Stimmt. Und die letzte Verantwortung trägt man selbst. Aber damit sind sehr viele überfordert. Und dann wird gejammert und gemeckert.

  2. 56.

    Das ist Ihr Problem; die Haftung? Ernsthaft? Wer haftet denn, wenn infolge einer Nichtimpfung Langzeitschäden auftreten? Die EMA entscheidet über die Zulassung der Stoffe, wenn auch per Notfallzulassung. Die Stiko gibt Empfehlungen, wer womit geimpft werden sollte bzw. könnte. Die Politik redet einfach mal dazwischen und stützt sich wenn es richtig läuft auf die Wissenschaft. Aber, die Entscheidung, ob Sie sich impfen lassen. Ob Sie Ihr Kind impfen lassen, liegt bei Ihnen. Dafür können Sie sich mit Ärzten Ihres Vertrauens beraten. Ihre „Oberen“ schreiben nichts vor.

  3. 55.

    Genau, es geht um das Wohl unserer Kinder. Deswegen stehen diese Fragen im Raum. Leider werden sie nicht beachtet oder sind für so einigen nicht von Interesse. Traurig.

  4. 54.

    Und da ist es wieder!
    "die Oberen ... wer haftet ... rein rechtlich ..."

    Es geht um die Gesundheit der Kinder!

  5. 53.

    Ist sie auch, definitiv. Was die Politik macht, kann ein Mediziner nicht mittragen.

  6. 52.

    Die Impfstoffe gegen Covid 19 haben eine bedingte Zulassungen auch in Deutschland. Da es keinen Impfstoff mit regulärer Zulassung gibt ist rein rechtlich eine Impfung der Kinder bzw. Jugendlichen heikel. Die Oberen wollen das gerne den Hausärzten und Kinderärzten überlassen. Bei derben Impfschäden bin ich mal gespannt wer dann dafür haftet.

  7. 51.

    "... Es bleibt in jedem Fall eine individuelle Entscheidung. ..."
    Genau so!
    Daher ist auch m.E. die Stiko-Empfehlung zur Zurückhaltung eher positiv.

  8. 50.

    Wenn ich hier Kommentare lese, bezweifle ich das ;-) Ja, wenn man sich mit der Erstdiagnose und dem Behandlungsvorschlag nicht sicher ist, dann hilft eine Zweitmeinung. Schwierig ist, wenn Ärzte unterschiedliche Therapien empfehlen. Es bleibt in jedem Fall eine individuelle Entscheidung.

  9. 49.

    Die meisten holen sich doch sicherlich mind. zwei Meinungen bei Fachleuten ein, oder?
    Bei "größeren" gesundheitlichen Entscheidungen ist dies m.E. unerlässlich und hilfreich für das eigene sichere Gefühl.

  10. 47.

    Ach, jetzt kommen die Anfeindungen ggü. kinderlosen … Und beweisen Sie mal Ihre Behauptung, der Impfstoff müsse weg. Misstrauen kann auch eine Krankheit sein. Dagegen hilft übrigens keine Impfung, nur Therapie

  11. 46.

    "Es wäre schön, wenn das selbständige Denken wieder vermehrt in den Vordergrund rücken würde."
    Da müssen Sie aber aufpassen, dass Sie dann nicht als Querdenkerin abgestempelt werden;-)

  12. 45.

    So ist es. Die Frage ist, traut man seinem Hausarzt oder nicht? Wenn nicht, hat man ein grundsätzliches Problem. Aber wie
    so oft werden dann mit Google Infos eingeholt und selbst diagnostiziert. Jeder kennt das Phänomen. Man liest gerne die Infos, die einem in den Kram passen. In jedem Fall ist das eine Frage, die man mit seinem Arzt des Vertrauens besprechen sollte.

  13. 44.

    Irgendwie verstehe ich diesen ganzen Hype, um die Empfehlung - ja oder nein - der Stiko nicht ganz.
    Als Eltern sollte man doch wohl in der Lage und auch in der Pflicht sein, sich ausreichend "schlau" zu machen und eine Risiko-Nutzen-Abwägung (z.B. mit Hilfe Kinderarzt) zu treffen.
    Weder die Stiko, EMA, Politik usw. könnte mich in irgendeiner Weise "unter Druck" setzen.
    Auch "Zahlenspiele" mit nur 0,X % Hospitalisierung von Kinder sind m.E. auch etwas kurz gedacht, wenn es evtl. um mein Kind geht. Da wäre es dann für mich auch nicht hilfreich, ob da noch ein Kind im KH liegt oder noch 73 andere!

    Was heute richtig ist, kann morgen eh falsch sein!
    Dies ist m.E. das Hauptproblem und macht alles so schwierig bzw. undurchschaubar ;-(

  14. 43.


    Ich würde mich freuen, wenn die kinderlosen Minister und -innen die Kinder damit verschonen würden!

    Die Sachlage ist klar, aber der Impfstoff muss ja weg... Nachtigall, ick hör Dir trapsen...

  15. 42.

    So ist es. In Gesundheitsfragen können Gefälligkeitsgutachten etc. fatal sein.

  16. 41.

    Beschäftigen Sie sich mal mit wissenschaftlicher Arbeit. Erkenntnisse und Einschätzung neuer Risiken führen dazu, dass man Empfehlungen anpassen muss. Ohne Delta ist das Risiko geringen, mit höher. Da muss eben abgewogen werden, was nach wissenschaftlichen Maßstäben höher wiegt. Um es mal ganz einfach zu sagen. Wenn Sie sich teure Sachen kaufen, dann würden sie eine höhere Hausratversicherung abschließen. Bei Plunder vielleicht keine. Es ist die Entwicklung, die berücksichtigt werden muss. Und Wissenschafter machen dies rein nach Fakten.

  17. 40.

    Aha, die Stiko mal wieder. Hat die Stiko nicht schon bei Astra nur für Verwirrung gesorgt? Erst die jüngeren, danach die älteren und jetzt soll auf Astra ein anderer Impfstoff gespritzt werden! Das gleiche Theater macht die Stiko mit dem Impfen der Kinder, spätestens wenn die Schule wieder losgeht und die Klassen reihenweise Infiziert sind wird auch die Stiko endlich aufwachen! Das keiner Erfahrung mit dem Impfstoff hat ist natürlich richtig, aber hat man über Langzeitschäden nach einer Infektion bei Kindern schon Erfahrung? Nein! Jetzt kann sich jeder aussuchen was besser ist.

  18. 39.

    Kann es vielleicht sein, das Hr.Spahn jetzt inzwischen zu viel an Biontech hat?? Das muss er doch irgendwie los werden.

  19. 38.

    Ich glaube dieser Panikmache bei den Kindern nicht mehr.
    Die Zahlenlage ist doch eindeutig.
    Will man jetzt noch über den Kopf wehrloser Minderjähriger entscheiden???
    Das wäre dann schon ein starkes Stück.

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