Symbolbild: Junge Menschen mit Atemmasken auf der Straße. (Quelle: dpa/S. Kharchenko)
Bild: dpa/S. Kharchenko

Faktenckeck | Maßnahmen gegen Corona - Geldgier und Panikmache?

Mehr als eine Million Aufrufe für ein Video, das die Corona-Krise in Frage stellt: Der Arzt und frühere SPD-Politiker Wolfgang Wodarg behauptet, dass die von Wissenschaft und Politik getroffenen Maßnahmen völlig überzogen seien. Ein Faktencheck von Tamy Daum

Was Sie jetzt wissen müssen

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"Endlich sagt's mal einer", werden sich einige der knapp 1,5 Millionen Menschen gedacht haben, die das Video von Wolfgang Wodarg bereits gesehen haben. Seit einer Woche ist es online, zudem kursieren weitere kurze Clips und Interviews mit dem Arzt durchs Netz. Darin erklärt der Internist, dass es Coronaviren schon immer gegeben habe, dass auch das neue SARS-CoV-2 gar nicht so neu sei und dass sich die Bundesregierung "in einem Netz von Wissenschaftlern" befinde, die selbst nur auf finanzielle Vorteile und Bekanntheit aus seien. Das alles führe laut Wodarg zu unnötiger Panikmache in der Bevölkerung.

Deutliche Kritik, die der frühere Amtsarzt und Ex-Bundestagsabgeordnete da äußert. Doch: Warum sollte sich die politische Führung aus reiner Ahnungslosigkeit in einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ausnahmezustand begeben, wenn es für die Ernsthaftigkeit der Lage keine belastbaren Gründe gibt? Wir haben Wodargs zentralen Behauptungen geprüft.

SARS-CoV-2 ist nicht neu

Dass es jedes Jahr neue Viren gibt - und speziell Coronaviren bekannt sind - steht außer Frage. Viren mutieren immer wieder, um unser Immunsystem auszutricksen. Und auch die laut dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung seit den 1960er Jahren bekannten Coronaviren koönnen immer wieder im Menschen nachgewiesen werden.

SARS-CoV-2 allerdings ist, entgegen der Meinung von Wodarg, ein komplett neuer Typ dieser Virusfamilie. Er wurde 2019 zum ersten Mal in einem Menschen nachgewiesen. Als Beleg hierfür publizierten chinesische Wissenschaftler das Genom des neuartigen Virus [who.int].

Covid-19 ist nicht schlimmer als eine herkömmliche Grippe

Es ist wahr, dass in der besonders folgenreichen Influenzasaison 2017/2018 mehr als 25.000 Menschen in Deutschland an den Folgen der Grippe gestorben sind. Dieses Argument erscheint auf den ersten Blick als gut begründet, da die normale Grippe und das Coronavirus auf die gleiche Art verbreitet werden. In dieser Saison allerdings sind laut Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Deutschland nachweislich rund 200 Menschen an der Grippe gestorben. Nur ein Bruchteil also der 25.000 aus dem Jahr 2017/2018.

Außerdem ist das Coronavirus gefährlich, da sich im Gegensatz zur Grippe viel mehr Menschen damit infizieren können, weil es bislang keine Impfung dagegen gibt. Aktuelle Daten mehrerer Studien zu Covid-19 verzeichnen zum jetzigen Zeitpunkt mehr Todesfälle und häufiger schwere Krankheitsverlaäufe [worldindata.com]. Dazu zählt auch, dass SARS-CoV-2 die Lungen angreift und Patienten mit schweren Verläufen öfter auf Intensivstationen behandelt und beatmet werden müssen. Bei exponentiellem Wachstum der Infizierten, reichen die Kapazitäten in Deutschlands Krankenhäusern nicht aus: Es gibt laut Statistischem Bundesamt aktuell etwa 500.000 Krankenhaus-Betten. Davon sind durchschnittlich 110.000 nicht belegt. Auf deutschen Intensivstationen stehen 28.000 Betten, hiervon sind im Schnitt 5.890 frei. Deutlich zu wenige für die zu schätzende Anzahl Patienten, bei ungebremstem Wachstum der Infektionen.

Hinter den Maßnahmen stehen wirtschaftliche Interessen

Außerdem behauptet Wodarg, dass beratende Wissenschaftler mit Hilfe der weltweiten Aufmerksamkeit rund um das Coronavirus, in erster Linie Geld verdienen und bekannter werden wollen. Sie "wollen mitschwimmen, weil sie Geld brauchen für ihre Institute. Sie wollen wichtig werden", so Wodarg wörtlich.

Der Chef-Virologe der Berliner Charité, Christian Drosten, äußerte sich zu diesem Vorwurf in seinem täglichen Podcast beim NDR [ndr.de]. Er verdiene "keinen Cent" mit diesem Forschungsprojekt, es sei von der EU finanziert und alle Zahlungen für Transportkosten würden genau dorthin überwiesen. Drosten hatte bereits den weltweit ersten Standardtest für die 2012 präsente Krankheit MERS entwickelt, 2003 den SARS-Erreger mitentdeckt und auch hierfür einen Diagnostiktest zur Verfügung gestellt. Auch der jetzige Test für Covid-2019 stammt von ihm und seinem Team. Er sei präzise und würde nur auf den aktuellen Virustypen anschlagen. Möglich seien positive Testergebnisse sonst nur bei Coronaviren, die nicht im Menschen vorkommen. Beispielsweise solche, die allein bei Fledermäusen oder Kamelen nachgewiesen werden können.

Die Mortalitätsrate ist "falsch" erhoben und sagt wenig aus

Eine valide Mortalitätsrate von Covid-19 gibt es noch gar nicht. Es existieren einzig erste Hochrechnungen und die Zahl der registrierten Todesfälle in Folge der Erkrankung. Die jeweiligen Mortalitätsraten stammen aus unterschiedlichen Ländern [statista.com], es wurden viel zu wenige Leute bisher getestet, um eine allgemeingültige Rate zu bestimmen. Rechnet man die geschätzte Dunkelziffer mit ein, so vermutet Dr. Drosten eine aktuelle Sterblichkeitsrate von 0,3 - 0,7 Prozent. Dabei nahm er jedoch nicht in Anspruch, dass diese am Ende auch zutrifft. Dazu kommt, dass Mortalitätsraten nie die Lebensbedingungen der Bevölkerung oder der Erkrankten wiederspiegeln.

Fazit

Wolfgang Wodarg hat in der Vergangenheit bereits mehrfach staatliche Maßnahmen gegen eine Krankheit kritisiert. Als das sogenannte H1N1-Virus, umgangssprachlich als Schweinegrippe bekannt, von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu einer Pandemie erklärt wurde, hielt er dies für falsch. Das sei im Interesse der Pharmaindustrie geschehen, damit diese Profit mit den Impfungen machen könne. Bei der Schweinegrippe-Pandemie 2010 starben 18.000 Menschen.

Fakt ist: Covid-2019 ist hoch ansteckend und vor allem für Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen sehr gefährlich. Die Krankheit sollte deshalb auf keinen Fall unterschätzt werden.

FAQ zum Umgang mit dem Coronavirus

  • Ich fürchte, infiziert zu sein. Was tun?

  • Wie kann ich mich schützen?

  • Ist das Virus meldepflichtig?

  • Was ist das Coronavirus?

  • Woher kommt das Virus?

  • Wie geschieht die Krankheitsübertragung?

  • Wie ansteckend ist das Virus?

  • Wer ist besonders gefährdet?

  • Wie funktioniert der Test?

  • Was sind die Symptome?

  • Welche Behandlung gibt es für Infizierte?

  • Gibt es Immunität gegen das Virus?

Beitrag von Tamy Daum

Kommentar

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10 Kommentare

  1. 10.

    "... dass Wodarg im Fazit bezüglich der Schweinegrippe schlecht dargestellt wird!"_
    Wird er das? Da habe ich eine andere Wahrnehmung. Eher nicht. Er wird zur Corona scharf kritisiert nicht zur Schweinegrippe. IMO zu recht.

  2. 9.

    Das stimmt. Der "Klinische Infektiologie-Preis" wird aber vom Förderverein der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie e.V. (DGI), gefördert von Aventis, verliehen [1] und nicht von GSK(-Stiftung) selbst [2]. Firmen nutzen den für eine positive Außendarstellung. Ein Förderpreis ist jetzt noch keine Einflussnahme. Zumal das ja öffentlich ist.

    Problematisch sind eher industrielles Sponsoring bei Studien oder regelmäßiges Sponsoring von Instituten.

    Bei der Schweinegrippe sind aber Fehler gemacht worden u. Einflussnahme der Pharmaindustrie kann nicht 100%ig ausgeschlossen werden. Drosten erklärt das in seinem Podcast 42 ausführlicher. Das war komplexer.

    "Die Vorwürfe dass Drosten die Interessen der Pharmaindustrie zuspielt sind also nicht von der Hand zu weisen."
    Na ja, das ist doch sehr dünn.

    [1] https://www.aerzteblatt.de/archiv/43328/Verleihungen
    [2] https://www.gsk-stiftung.de/fruehere-preistraeger/

  3. 8.

    Hier mal ein paar Recherchen der Kollegen von der Süddeutschen Zeitung:
    https://www.sueddeutsche.de/thema/Schweinegrippe
    https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/tamiflu-das-fieber-der-gutglaeubigkeit-1.1331552
    https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/tamiflu-skandal-forscher-beklagen-kontrollversagen-1.1935372
    https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/grippeimpfung-wie-die-grippespritze-zur-schlafkrankheit-fuehrt-1.1847167
    https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/schlafkrankheit-nach-impfung-verdacht-gegen-schweinegrippe-impfstoff-1.1321186
    https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/schweinegrippe-neue-kritik-an-therapie-und-impfung-1.1285424
    und das Ärzteblatt dazu
    https://www.aerzteblatt.de/archiv/134207/Tamiflu-Eine-unendliche-Geschichte-um-Datentransparenz

  4. 7.

    Wer Dr. Wodarg ist, kann ich nachlesen, dessen Vita, seine Reputation einschätzen.
    Wer ist Tamy Daum?

  5. 6.

    Im Fazit wird vom Interesse der Pharma- Industrie wegen des Impfstoffes gesprochen. Zitat aus Wikipedia :
    Das Impfprogramm kostete in Großbritannien ungefähr 1,3 Milliarden Euro und in Frankreich 990 Millionen Euro. Eine durchschnittliche Grippesaison verursacht Kosten in Höhe von 87 Millionen Euro.[80] Da für die Impfung nicht wie anfangs angenommen zwei Dosen benötigt wurden, sondern nur eine und wegen der niedrigen Impfbereitschaft blieben in Deutschland ungefähr 29 Millionen Impfdosen ungenutzt. Die Krankenkassen übernahmen nur die Kosten für die tatsächlich verimpften Dosen, daher entstand den Bundesländern ein finanzieller Schaden von 245 Millionen Euro. Das Haltbarkeitsdatum des Impfstoffs lief Ende 2011 ab und er konnte nicht mehr verwendet werden. Aus diesem Grund vernichteten die Länder ungefähr 12,7 Millionen Impfdosen in Eigenregie. Weitere 16 Millionen Dosen, die zentral gelagert wurden, wurden verbrannt.
    Noch Fragen?

  6. 5.

    Auch ich schließe mich den Aussagen von Herrn Wodarg 100% ig an.
    Dass Herr Drosten mit der Pharma industrie kooperiert ist längst erwiesen.
    Warum lässt sich unsere Regierung und auch viele andere Regierungen auf die weltweite Panikmache ein ?
    Ein Fall für die Völkerpsychologie.

  7. 4.

    Schließe mich Herrn Wodargs Aussagen zu 100% an, auch wenn er noch so sehr verrissen wird um die Realität zu leugnen!

  8. 3.

    Lustig, dass Wodarg im Fazit bezüglich der Schweinegrippe schlecht dargestellt wird! Denn er hatte völlig Recht: 18.000 Tote WELTWEIT sind keine Pandemie!!! Dazu empfehle ich auch den Artikel auf "Der enorme Schaden der Pandemie, die keine war" auf WELT de.

  9. 2.

    Christian Drosten hat 2004 einen Förderpreis des Pharma-Riesen 'GlaxoSmithKline' erhalten. GlaxoSmithKline ist die Firma die mit Deutschland 2007 einen Exklusivvertrag zum Abkauf des Impfstoffs 'Pandemrix' geschlossen hatte, in Höhe von bald 1 Milliarde Euro (700 Mill €). Die "Epidemie" bei der der Verkauf realisiert wurde kam prompt, u zwar die sog. Schweinegrippe von 2009, bei der in D'land etwa 250 Menschen starben und die damit eine besonders milde Influenza-Saison darstellte. Drosten war damals einer der besonders lauten "Warner" und Trommler für den Erwerb des Impfstoffs. Der Impfstoff wurde später fast vollständig vernichtet, und damit 700 Mill€ nutzlos investierter Steuergelder von der öffentliche Hand zu dem Drosten-Förderer 'GlaxoSmithKline' transferiert.
    Reines Wikipedia-Wissen.
    Die Vorwürfe dass Drosten die Interessen der Pharmaindustrie zuspielt sind also nicht von der Hand zu weisen.

  10. 1.

    Ich würde mich freuen, wenn Herr Wodarg, sehr gern zusammen mit Herrn Drosten, zu einer Talkshow eingeladen würde, damit Menschen wie ich, denen es im Moment in der Fachwelt und in der Politik zu unisono zugeht, sich eine Meinung bilden können. - Wissenschaft, anders als Glaube - braucht den Zweifel, um Wissenschaft zu bleiben - und Demokratie braucht den Widerspruch. Astrid

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